Wort "Hochbegabung" ist gefallen und nun?

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Forum: Leben mit Handicaps

Stolpersteine im Leben sind manchmal überwindbar, manchmal muss man sich mit ihnen arrangieren. Hier ist der Ort, um darüber zu sprechen: Entwicklungsverzögerung beim Kind, ADHS, das Down-Syndrom, Spina Bifida, Leben im Rollstuhl ...

Beitrag von jimmytheguitar 11.01.11 - 13:09 Uhr

Hallo!

Mein großer Sohn (knapp 6 1/2 J.) hat leider in der Kita eine Außenseiterposition was sich aber erst seit einiger Zeit für uns Eltern hinauskristallisiert. Bisher hatten wir schon diverse Elterngespräche da unser Sohn eine zeitlang häufig andere Kinder gebissen hat. Wir haben dann auch auf Anraten der Erzieher eine Erziehungsberatungsstelle aufgesucht von der wir zur Zeit noch betreut werden. Aktuell beißt er zwar nicht mehr aber er reagiert sehr schnell heftig und emotional, er hat auch schon mutwillig Kitamobiliar umgeschmissen und zerstört wenn er einen seiner Wutausbrüche hatte.
So langsam haben wir jetzt durch die Erzieherinnen erfahren daß er schon Probleme hat im Umgang mit anderen Kindern. Er wird häufig ausgegrenzt und reagiert mit Wut etc. grade in solchen Fällen.

Das ist ein Bereich an dem wir grade arbeiten und wo wir hoffen ihm helfen zu können und verstehen wo her das alles kommt.

Dann hatte ich heute mit der Kita-Leitung ein Gespräch (über zu spät-kommen- was leider häufiger vorkommt). Dieses Gespräch verlief plötzlich in viele Richtungen und die Kita-Leitung nahm dann eben das Wort "hochbegabt" in den Mund. Gleichzeitig versicherte sie mir daß sie sich selbst damit kaum auskenne. Aber wir sollten es im Hinterkopf behalten. Auffällig sei in ihren Augen das Kaspar schon seit sie ihn kennt (er kam mit 1 3/4Jahren in die Kita) einen enormen Wortschatz hat und wahnsinnige Erzählungen liefern würde. Ach, keine Ahung, ich finde ihn so völlig normal. Er ist klug, ja, aber hochbegabt? Es gibt viele Kinder in der Kita die schon viel mehr können als er: schreiben, lesen etc.

Das einzige an ihm was ich manchmal schon merkwürdig fand war: er hat wie jedes Kind Spielzeug aber sehr sehr oft beschäftigt ihn nur ein Teil, z.B. hat er eine große Glasmurmel die schon sehr oft zum Lieblingsspielzeugtag dabei war. Er hat eben kleine Schätze (auch mal einen Nagel etc.) die er hütet wie seinen Augapfel. Er ist ein eher tiefgründiges Kind und nimmt sich vieles zu Herzen spricht es aber nicht immer direkt aus. Ansonsten finde ich ihn wie einen normalen 6 jährigen. Da ist doch nun wirklich nichts an Hochbegabung zu erkennen?

Trotzdem will ich von euch wissen: Wann wird so etwas getestet? Sollte man in seinem Fall überhaupt testen? Und was für Konsequenzen können sich ergeben? Eigentlich soll er dieses Jahr in eine normale Grundschule eingeschult werden, wenn alles klappt in den Montessorizweig. Wäre doch dann gut, oder?

LG

Beitrag von basket 11.01.11 - 20:23 Uhr

Bei uns ist das Wort schon bei den letzten 3 U`s gefallen. Bei der U8 ist es ganz deutlich thematisiert worden. Im Kindergarten bekamen wir im letzten Jahr nach 14 Tagen die Rückmeldung, dass sie noch nie so ein Kind wie unseren Großen hatten. Ob es denn wirklich so ist, ich bin mir da nicht so sicher! Aber, das Verhalten deines Sohnes (Wortschatz, Sensibilität...) Bei uns sind die Probleme hier daheim. Er hat viele Wutanfälle. Daher sind wir auch in der Erziehungsberatung. Ab nächste Woche macht unser Großer Ergotherapie.
Vielleicht holst du dir mal Rat bei deiner Kinderärztin oder in einer Beratungsstelle. Ansonsten gibt es im WWW viele Seite zu diesem Thema. Unsere Kiä rät von einem Test ab (der Große ist aber auch gerade erst 4 geworden). Hier gibt es auch einen guten Club Hochbegabung Fluch oder Segen, vielleicht ist es für dich auch eine Hilfe!
Lg Basket

Beitrag von kaffetante 12.01.11 - 06:21 Uhr

Das erste, was ich mich fragte war - 6 1/2? Was macht Dein Sohn noch im KIGA?

Ja, das mit der Hochbegabung ist so eine Sache. Mein Sohn hatte ähnlich impulsive Verhaltensweisen - zwischen 3 und vier, wobei das keine Wutanfälle waren sondern sich im Nachhinein als "Überforderung" herausstellten.

Ich war mit ihm beim Psychologen in einem SPZ und es wurde nach einem Test ebenfalls von HB gesprochen. Das aber bezweifle ich, wie Du und es reichte mir vor allem nicht um sein Verhalten zu "rechtfertigen".

Da er zu Hause das liebste und vernünftigste Kind ist brachte mich das fast in den Wahnsinn, denn ich kann ihn nicht ständig für Dinge rügen, die ich nicht sehe.

Wegen eines Augenproblems bin ich zufällig bei einer Kinesiologin gelandet und die stiess bei mir eine Tür auf, die auch schon wieder verschlossen hatte. Sie sagte, ihr Kind hast kein ADS oder ADHS oder ist sonst irgendwie "krank" - er ist einfach "Hochsensibel". Ich habe dann alte Literatur wieder hervorgekramt und gelesen und siehe da - nach ein paar Wochen hatten wir das Thema im "Griff". Er ist sehr lärmempfindelich und nach einem langen KIGA Tag mit vielen Eindrücken übermannen ihn die Gefühle und er dreht auf. Dann ist er so überdreht, dass keine Erzieherin mehr Zugang zu ihm findet. Aber auch das lässt sich lösen, wenn man Bescheid weiß.

Vielleicht geht es bei Deinem auch in diese Richtung? Dad spielen auch noch viele viele andere Faktoren eine Rolle.

LG

Beitrag von barbarelle 12.01.11 - 12:42 Uhr

Du kannst ihn testen lassen, das geht in dem Alter schon - dann hast du Gewissheit und zumindest eine Tendenz.

Allerdings lässt sich Hochbegabung erst im Alter von 10 Jahren sicher Diagnostizieren. Aber vorsicht: Eltern "verbeissen" sich zu gerne in ein Testergebnis, dass schon Jahre zurück liegt.

Vieles was du so an deinem Sohn beschreibst, trifft z.B. auch auf ADHS zu.

Kann sein - muss nicht.

Wenn du Gewissheit haben möchtest, hilft dir nur ein Test oder eben abwarten wie er sich in der Schule entwickeln wird und erst ab einem bestimmten Alter einen aussagefähigen Test machen lassen.

LG
Barbarelle

Beitrag von manavgat 12.01.11 - 13:11 Uhr

Ich würde mich mit dem Kind an jemanden wenden, der sein Handwerk versteht. An eine Kinder- und Jugendpsychiaterin oder an ein SPZ.

Das, was Du beschreibst, könnte Asperger sein, aber ich will mich nicht aus dem Fenster lehnen.

Gruß

Manavgat

Beitrag von sandra1610 12.01.11 - 16:27 Uhr

Hallo!
Ich bin Erzieherin, aber keine Expertin - deshalb ist alles was ich jetzt schreibe nur eine Vermutung, ein Gedanke von mir, der mir beim Lesen kam...

Ich vermute, dass dein Sohn (so wie du ihn beschrieben hast, Näheres weiß ich ja nicht über ihn) autistische Züge haben könnte. Ich hatte in meinem Beruf schon öfter mit autistischen Kindern zu tun, habe auch Seminare dazu besucht (das macht mich aber natürlich trotzdem nicht zu einer Expertin!) und das Verhalten deines Sohnes geht ein bisschen in diese Richtung.
Ich würde dir raten, ihn psychologisch untersuchen zulassen!
Mit Hochbegabung hat das in meinen Augen nichts zu tun...

Lg und viel Glück,

Sandra

Beitrag von jimmytheguitar 12.01.11 - 21:55 Uhr

Vielen Dank erstmal für eure Antworten! Vielleicht kommen ja auch noch welche dazu, z.B. von selbst Betroffenen!?

Wir haben uns jetzt dazu entschieden zunächst den Kinderarzt zu befragen und je nachdem was er uns rät einen Kinderpsychologen zu Rate zu ziehen. Wir werden einfach abwarten was dabei rum kommt. Wir wollen nur nicht etwas "unentdeckt" lassen damit wir im Fall der Fälle wissen wie wir ihn (besser) fördern können.

Ehrlich gesagt bin ich aber dennoch eigentlich der Ansicht das es heutzutage schon der Wahnsinn ist, wie Kinder, die sich in irgendeiner Weise der Norm abweichend entwickeln, in diverse Schubladen gesteckt werden bezüglich ADS/ADHS, Autismus oder eben auch Hochbegabung.

Ich glaube übrigens genauso wenig wie an eine Hochbegabung an eine Form von Autismus oder AD(H)S bei meinem Sohn. Vielleicht kann ich meinen Sohn mit den paar Sätzen hier auch eher schlecht beschreiben. Seine Wutausbrüche und seine zerstörerische Energie halten sich eigetlich noch ziemlich in Grenzen, zuhause haben wir kaum diese Probleme. Und anders als ich jetzt gelesen habe kann er sich eher (zu) gut in andere Menschen hineinversetzen.

Ich war gestern nur völlig überrumpelt daß wir so etwas zu hören bekommen. Aber ich glaube nach wie vor er ist ein ganz normales Kind.

Vielen Dank nochmal! Wir warten jetzt erstmal ab.

LG


Beitrag von nelladel 12.01.11 - 22:17 Uhr

Nebenbei: Hochbegabung heißt normalerweise nicht, dass er alles besser kann als andere, sondern, dass er in vielen/allen oder einigen Bereichen größere Möglichkeiten hat Dinge zu lernen.

Oder eine emotionale Hochbegabung, sprich extreme feinfühligkeit und eben ,,tiefgründig und nimmt sich vieles zu Herzen".

(Ja, das machen andere u.U. auch, ich weiß)

Ich will damit auch nicht sagen: ,,Ist er wohl!", nur, dass Hochbegabung, welcher Art auch immer, oft schwieriger zu erkennen ist, als man vermuten würde, da man meisten den totalen Überflieger in der Schule erwartet, hochbegabte Kinder aber oft das genaue Gegenteil sind.

Was ich sagen will: Man muss sehen was die Zeit bringt, aber eine Hochbebung auzuschließen mit der Grundlage, dass es z.B. andere Kinder in dem Alter besser lesen oder schreiben können muss auch nicht zwingend richtig sein.



Beitrag von elohym1 13.01.11 - 13:29 Uhr

Hallo erstmal,

ich habe im Bekanntenkreis einen Jungen der für mich und generell für Aussenstehende "total normal" ist (wenn es sowas gibt).
Er war allderings nie in der Lage in den Kindergarten zu gehen, er war einfach total überfordert. Irgendwann kam man darauf das er das Asperger-Syndrom hat (eine Art Authismus).
Er hat Schwiereigkeiten in Situationen wo er mit vielen Menschen (ob klein oder gross) zu tun hat.
Er ist mittlerweile in einer "normalen" Grundschule, hat aber eine Betreuerin dabei, die ihm beruhigend zur Seite steht.

Wie gesagt, er ist in meinen Augen total normal, und wird auch so behandelt.
Mit der Betreuerin ist es in der Schule auch alles kein Problem.

Gruss
Elo

Beitrag von myimmortal1977 13.01.11 - 23:48 Uhr

Ein großer Wortschatz ist kein Beweis für eine Hochbegabung. Ebenso wenig, wie unkontrollierte Wutausbrüche oder Probleme soziale Kontakte zu pflegen.

Hochbegabte Kinder KÖNNEN auffallend sein. Müssen aber nicht.

Meine Cousine ist hochbegabt. Das Ergebnis kann aber nur ein Test auf Hochbegabung liefern.

Wieso ist Dein Kind mit 6,5 Jahren eigentlich noch im KiGa? Ist er ein Kann-Kind?

Ich würde mit einem Kinderpsychologen sprechen und ihn testen lassen. Damit könntest Du Deinem Kind ggf. ein Martyrium ersparen, wie es bei meiner Cousine der Fall war.

Ihre Hochbegabung wurde erst mit ca. 12 Jahren diagnostiziert. Sie galt als Schulversagerin. Es gab auch für Außenstehende keine großartigen Zeichen, die auf eine Hochbegabung hätten schließen lassen können.

Solche Kinder bedürfen einer anderen Betreuung und Förderung. Sonst enden sie nicht gut. Gehen in der Gesellschaft irgendwann unter.

LG Janette

Beitrag von starwarslady 14.01.11 - 10:46 Uhr

Hallo

gerade dein Bericht gelesen

ich würde an deiner Stelle mal dein Kind bei einer Autismusambulanz vorstellen( lange wartezeiten), was du so schreibst hört sich nach verdammt
Aspergerautismus mit Hochgegabung an, bevor die dein Kind mit ADS/ADHS
abstempel läst gehe unbedingt bitte erst den anderen weg.

Viele ADS/ADHS kinder sind unerkannte Asperger

Alles gute

Edith

Beitrag von barbarella1971 16.01.11 - 00:53 Uhr

Hallo,
meine grosse Tochter ist gerade gleich alt und wir wurden auch im Kindergarten angesprochen, man mache sich Gedanken in Bezug auf die Einschulung. Unsere Tochter hat heftige sog. "Erregungsstürme", hat Angst vor allem Neuen, manchmal Panikattacken, gleichzeitig ist sie kognitiv sehr weit für ihr Alter (liest, schreibt, rechnet in Multiplikationen, kann die Uhr lesen, alles hat sie sich selbst beigebracht), aber im Gegensatz zu deinem Bub ist sie sehr sozial.
Wir waren daraufhin beim Kinderarzt, der uns verschiedene Vorschläge gemacht hat: Ergotherapie (Verhaltensebene), Entwicklungsabklärung in der Kinderklinik oder Abklärung beim Kinderpsychiater, wobei er letzteres empfahl, weil es das Kind am wenigsten stresst und ihm nicht das Gefühl gibt, es stimme etwas nicht mit ihm. Diese Woche waren wir Eltern zum Erstgespräch bei dem Kinderpsychiater, ohne Kind. Ab nächste Woche geht sie 5-6 Mal hin. Mit Malen, Sandspiel und Tests wird er sie einschätzen.
Uns ist wichtig, dass sie einen guten Schulstart hat (sie hat Panik davor). Und wenn bei der Abklärung war rauskommt, kann man mit der Schule einiges vorbereiten. Aufgrund des Elterngesprächs meinte der Kinderpsychiater bereits, dass sie ein Kind mit besonderen Bedürfnissen sei. Ob nun ADS, hochsensibel und/oder hochbegabt, das wissen wir hoffentlich in 5 Wochen genauer, aber das waren so die Schubladen, die er im Elterngespräch angesprochen hat. Und dann können wir rechtzeitig vor Schulbeginn unterstützend vorbereiten, was sinnvoll ist. Aber Privatschule oder so machen wir nicht, sie soll trotz ihrer unübersehbaren Besonderheiten möglichst normal aufwachsen.

Ich hoffe, mein Bericht hilft dir etwas weiter, wie es vom Vorgehen her ablaufen könnte. Die div. Ferndiagnosen meiner Vorschreiberinnen finde ich sehr seltsam, das kann man per Forum wirklich nicht sagen!

Für mich klingen eure Probleme eher Kita-gemacht, vielleicht gibt es da spezifische Schwierigkeiten. Hat er denn im Wohnumfeld mit Nachbars- und befreundeten Kindern auch die beschriebenen Kontaktschwierigkeiten?

Falls ihr testen lassen wollt, können wir gerne in Kontakt bleiben, dann kann ich dir schreiben, wie es bei uns weitergeht.

LG, Barbara

Beitrag von josefieni 19.01.11 - 10:26 Uhr

Hallo Barbara,

mich interessiert , wie es bei Euch weitergeht. Ich habe auch eine Tochter, die sich vor Neuem fürchtet, Panikattacken hat und wahnsinnig sensibel ist. Ich scheue mich noch davor, sie untersuchen zu lassen. Da sie aber im Sommer in die Schule kommt und dort nicht mehr so gut aufgefangen werden kann, wie im Kindergarten, überlege ich, doch etwas zu tun. Vielleicht hast Du Lust mir zu schreiben.
Gruss Cornelia

Beitrag von barbarella1971 21.01.11 - 00:01 Uhr

Liebe Cornelia,
wir waren gestern zum ersten Termin beim Kinderpsychiater. Die Abklärung soll 5-6 Termine beanspruchen, danach wissen wir mehr. Es sieht wohl so aus, dass der Psychiater gegebenenfalls eine Empfehlung für die Schule schreibt, was unsere Tochter eventuell speziell braucht. Er sagt zwar noch nicht viel, aber das Wort ADS ist als Verdacht auch schon gefallen. Ich kann Dir gerne Mitte Februar mehr berichten.
Ich würde mich gerne mit Dir austauschen, das klingt ja recht ähnlich. Kontakt per Visitenkarte?

Liebe Grüsse, Barbara