Gymnasium oder Gesamtschule?

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Forum: Kids & Schule

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Beitrag von silke1171 20.01.11 - 21:07 Uhr

Hallo,

bei uns steht im Sommer der Schulwechsel an und ich tue mich mit der Auswahl der weiterführenden Schule mehr als schwer.

Es ist so, dass unser Sohn in allen Fächern 2 steht, nur in Religion hat er eine 3. Empfehlung der Grundschule: Gymnasium. Gibt es auch direkt hier am Ort, was ich als sehr vorteilhaft ansehe. ABER: diese Schule mausert sich zur Eliteschule. Nur wer funktioniert, kommt problemlos weiter. Gibt es Komplikationen mit den Kindern, bekommt man gesagt "dann ist ihr Kind eben an der falschen Schule". Bitten die Eltern um Hilfe, haben Gesprächsbedarf, folgt der Hinweis "ich bin dafür da, Schulwissen zu vermitteln und nichts anderes". Es gibt jedoch auch Leute, die zufrieden sind mit der Schule. Trotzdem hört man in der letzten Zeit immer mehr Negativmeinungen, es gibt verhältnismäßig viele Abmeldungen. Auch in der Oberstufe verlassen viele Schüler die Schule, da andere Gymnasien bessere Kurse anbieten.
Fatalerweise werden alle Freunde meines Sohnes zu dieser Schule kommen. Das Ende vom Lied: er will natürlich auch dorthin. Allerdings will er auch weiter Fußball spielen, Tae Kwon Do machen, Schlagzeugunterricht nehmen. Abgesehen von diversen anderen Verabredungen nachmittags.

Im Nachbarort befindet sich eine Gesamtschule, die einen sehr guten Ruf genießt. Nachteil: nur mit dem Bus zu erreichen. Ich sehe ganz klar den Vorteil, dass dort Probleme kommuniziert und Eltern ernst genommen werden. Und das Abi in 9 Jahren zu machen ist ja sicher auch nicht das Schlechteste. Leider wird keiner der Freunde meines Sohnes dort angemeldet werden.

Ich persönlich kenne mich mit dem Konzept der Gesamtschule nicht wirklich aus, habe auch die Befürchtung, dass er dort nicht genug herausgefordert wird und letztendlich nur Minimalleistung abliefert, die zwar gut sein wird, aber besser sein könnte. Vielleicht gibt es hier Eltern von Gesamtschülern mit Gymnasialempfehlung, die mir ihre Erfahrungen schildern können.

Übrigens: dass es auf dem Gymnasium die Erprobungsstufe gibt, ist ein schwacher Trost. Die hiesige Realschule genießt auch nicht gerade den besten Ruf... :-( Abgesehen davon habe ich gehört, dass die Realschule die Gymnasiasten nichtmal aufnehmen muss, falls es auf dem Gymnasium schiefläuft, sondern nur die Hauptschule.

LG
Silke

Beitrag von kleinerlevin 20.01.11 - 21:18 Uhr

Hi

Ich kann nicht wirklich mitreden, mein Kleiner kommt ja erst zur Schule.
Aber nach deinen Erzählungen, würde ich ihn aufs Gymnasium schicken.
1. hat er gute Noten
2. sind seine Freunde da
3. Schule im Ort
4. #kratz kann er ja gar nicht auf der Hauptschule landen, höchsten auf der Gesamtschule
5. Versuch macht klug ;-)

Gruß Annette

Beitrag von puscheline 22.01.11 - 23:31 Uhr

Huhu!

Ich bin aus NRW. In unserem Ort gibt es 2 Gym´s, 1 Realschule und 2 Hauptschulen. Eine Gesamtschule gibt es nur in einer anderen Stadt die einen sowieso nicht nehmen müßen.
Wenn man es auf dem Gym nicht schafft muß die Realschule dieses Kind nicht aufnehmen, nur die Hauptschulen müßen. Hier in unserem Ort ist es allerdings noch nie passiert, die Realschule nimmt sie auf. Allerdings auch weil sie eh kaum Schüler haben weil der Ruf so schlecht ist.
In unserer Nachbarstadt ist es definitiv nicht so, da sind die Realschulen voll und nehmen keinen mehr zwischendurch auf. Da muß das Kind dann auf die Hauptschule, ob es will oder nicht. :-(

Viele Grüße,
Claudia #blume

Beitrag von docmartin 20.01.11 - 22:31 Uhr

Mein "Hauptproblem" mit der Gesamtschule ist das Benotungssystem. Hier ist es so, dass es in den Hauptfächern zwei Kurse gibt. A-Kurse für die Schüler mit guter bis sehr guter Leistung udn B-Kurse für alle anderen.
Es heißt, die Kurse seien in beide Richtungen durchlässig, erfahren habe ich allerdings bislang fast nur von Schülern die nach unten gewandert sind und nicht nach oben.
Das Problem ist, dass ein Schüler in den "schlechteren" Kurs geschickt wird, wenn er in dem jeweiligen Fach auf frei minus oder schlechter steht. Mit einer Drei minus oder sogar einer Vier würdest du aber auf einem Gymnasium verbleiben können. Es heißt dann, die Schüler sollten sich ersteinmal in Ruhe die Lücken die sie haben vornehmen und aufarbeiten udn könnten später wieder (bei entsprechender LEistung) in den besseren Kurs wechseln. Ich kenne leider kaum ein Kind im Bekannten- und Verwandtenkreis das das geschaftt hat weil dann natürlich der Anschluss an den schnelleren Kurs verpasst ist.
Im gegenteil ich kenne eher Eltern, die entsetzt waren weil am Ende ihr Kind "nur" einen Hauptschulabschluss bekam weil es in allen Kursen in die schlechteren Gruppen gerutscht war und dann nciht die entsprechenden Noten hatte, wieder aufzusteigen ud für einen Realschulabschluss brauchten sie eine bestimmte Menge an "guten" Kursen, für das Abitur natürlich noch mehr.
Auf einem Gymnasium kannst du im Prinzip mit einem vierer-Durchschnitt dein Abi machen ohne dass du zurück gestuft wirst.
Aber ich weiß ja nun nicht ob das Prinzip bei euch auch so läuft, aber wie gesagt das ist mein "Bauschmerzenthema" wenn es um Gesamtschulen geht.
Franziska

Beitrag von pimpf1 20.01.11 - 23:57 Uhr

Hallo Silke,

>>Ich persönlich kenne mich mit dem Konzept der Gesamtschule nicht wirklich aus,...<<

Es gibt unterschiedliche Formen von Gesamtschulen, die integrierte und die kooperative (additive) Gesamtschule. Der gymnasiale Zweig in einer kooperativen Gesamtschule unterscheidet sich nicht von einem reinen Gymnasium, mit dem einzigen Unterschied, dass kooperative Gesamtschulen (zumindest in Hessen) die Wahl zwischen dem 9jährigen und 8jährigen Gymnasium haben. Am Ende schreiben übrigens alle das gleiche (zentrale) Abitur.
Die Organisation der integrierten Gesamtschulen (Kurssystem) unterscheidet sich schon recht deutlich. Um welche Form der Gesamtschule handelt es sich? Ich würde mich da an deiner Stelle genau informieren.

Falls es sich um eine kooperative Gesamtschule handelt ist meiner Meinung nach die Angst um ein möglicherweise "flacheres" Niveau unbegründet... wie gesagt, kooperative Gesamtschulen funktionieren in ihren Zweigen wie die reinen Gymnasien, Real-, Hauptschulen. Es ist zwar sicher häufig so, dass die Zusammensetzung der Schüler im gymnasialen Zweig einer kooperativen Gesamtschule (bei einem reinen Gymnasium in erreichbarer Nähe) heterogener ist, das heißt, hier findet man auch deutlich mehr leistungsschwächere Schüler. Ziel und damit verknüpfte Anforderungen in diesem Zweig sind trotzdem klar: Das Abitur. Hier wird also nicht weniger gelernt. Vielleicht aber (wenn man Glück hat) mit mehr Ideen und Engagement von Seiten der Lehrerschaft, die eben Erfahrung mit dieser heterogenen Zusammensetzung von Schülern hat?

Ich bin kein Elternteil eines Gesamtschülers, meine Tochter ist noch weit von der Grundschule entfernt... ;-)... aber ich bin Lehrerin an einer Gesamtschule (kooperativ) und durchaus überzeugt von diesem Konzept. Ich werde meine Tochter später nicht zwingend an einer Schule dieser Form anmelden, aber ich finde sie gleichberechtigt gut und hätte kein Problem damit.

Meine Meinung: Ich lese aus Deinem Post heraus, dass Du vielleicht eher zur Gesamtschule tendierst. Ich kann Dir zwar nicht raten, welche Entscheidung Du treffen sollst, aber ich kann zumindest sagen: Keine Angst vor einer Gesamtschule ;-)... Wenn die Schule Dich überzeugt, dann melde Deinen Sohn dort an, er wird (bei entsprechender Befähigung) dort ebenso sicher sein Abitur machen können, wie auf einem reinen Gymnasium.

LG,
pimpf

Beitrag von leiahenny 21.01.11 - 08:17 Uhr

Schaut euch die Gesamtschule gemeinsam an.
Und die meisten Gesamtschulen die ich kenne sind heiß begehrt - einfach erst Gymnasium und dann Gesamtschule, das geht oft nicht.
Wäre eher für die Gesamtschule, da gerade in der Klasse 6 bis 8 - der Kontakt mit den Lehrern enorm wichtig ist.

Beitrag von meringue 21.01.11 - 10:47 Uhr

Von mehreren Eltern von Gesamtschülern kann ich berichten, dass sie enttäuscht waren und im Nachhinein ein Gymnasium vorgezogen hätten. Wenn dein Kind nämlich nicht zu 100% aus sich heraus leistungsbezogen handelt (ich denke, so sind die meisten Kinder), dann ist die Versuchung, sich in das Rettungsnetz B-Kurs fallen zu lassen, ziemlich hoch. Am Gymnasium werden diese Kinder mitgezogen, ihr Ehrgeiz geweckt. Wenn du also in der Grundschule das Gefühl hast, dein Kind kommt ohne große Unterstützung deinerseits mit, dann würde ich ihm den Wunsch Gymnasium nicht verwehren.

Beitrag von erstes-huhn 21.01.11 - 11:02 Uhr

Du hast schon sämtliche für´s und wieder aufgezählt. Und es liest sich für mich so, dass du eher zum Gymnasium tendierst. Das würde ich auch in deiner Situation.

Da ich mit Jugendlichen arbeite, die nach der Schule keine Ausbildung bekommen haben, kann ich dir nur sagen: Bei den Personalschefs werden Beweber mit Zeugnissen von einer Gesamtschule immer wieder gerne nach unten gelegt. Die meisten können mit Gesamtschule nicht viel anfangen und die Leistungsanforderungen an solchen Schulen werden allgemeinhin als schwach beurteilt. (Ganz egal wie es wirklich ist.)

Das erfährt man nur "intern", ist aber ganz oft so.

Beitrag von carana 21.01.11 - 12:00 Uhr

Hi,
ganz ehrlich, lauter Zweier, eine Drei und dann auf eine "Eliteschule"? Bloß nicht. Zudem ist G8 die Hölle für Kinder mit vielen Hobbies.
Warum überlegst du nicht einen dritten Weg? Realschule und dann das Abi auf einem Berufskolleg. Da hast du G9, aber nicht das Problem, dass das Gesamtschulabi deinem Sohn evtl im Weg stehen könnte...
Lg, carana

Beitrag von kraxy 21.01.11 - 12:53 Uhr

Willkommen im Club ;-)

Hallo Silke,

auch ich habe einen Sohn und die Schulentscheidung steht jetzt bald an.
Wir haben hier vor Ort (NRW) mehrere Gymnasien und Gesamtschulen.
Hinzufügen möchte ich noch Folgendes: Meine Tochter ist auf der Gesamtschule und wir haben beste (!) Erfahrungen gemacht. Ihre damaligen Klassenkameradinnen sind z.T. aufs Gymnasium gegangen und da wir immer noch Kontakt haben, sind wir ganz gut informiert über die unterschiedlichen Schul- und Umgangsformen.
Mein Sohn hat eine Gymnasial-Empfehlung und dennoch tendiere ich sehr zur Gesamtschule aus mehreren Gründen:

Deine Bedenken wegen einer Eliteschule kann ich gut nachvollziehen. Es ist hier schon so, dass auf den Gymnasien doch eher die wohlsituierten Kids sind. D.h., wenn die Leistungen fallen, werden schnell NachhilfelehrerInnen etc. organisiert. Auch der Sozialstatus (Welche Kleidung? Welche Reisen? Welche Computerausstattung?) liegt mM nach auf den Gymnasien wesentlich höher. Dadurch, dass an der Gesamtschule die Kids zusammenlernen und das Grundniveau der Schule ein gutes Realschulniveau ist, kommen alle ganz gut mit. Für SchülerInnen mit Schwierigkeiten gibt es exta Förderstunden, die SchülerInnen, die gut sind, bekommen kniffelige Extra-Aufgaben - ich finde, das Förder/Forder-Konzept wird an der Gesamtschule besser umgesetzt als an den Gymnasien.

Die Unterteilung in E(rweiterungs-) und G(rund)kurse läuft an der Gesamtschule auch sehr gut. Da wir vierteljährliche Beratungen zu Leistungsstand bekommen, sind wir auch immer sehr gut informiert in welche Richtung der Zug geht. Wo läuft es gut - wo sollten wir dran ziehen? Es ist also nicht so, dass man vom Hauptschulabschluss "überrascht" wird - es sei denn, man hat sich die ganze Zeit nicht gekümmert... (behaupte ich jetzt mal frech ;-))

Vorteilhaft finde ich auch, dass das Fach Arbeitslehre angeboten wird - das gibt es auf den Gymnasien nicht und es ist sehr gut, um praktische Fähigkeiten zu erproben und vielleicht neue Talente zu entdecken. Für meine Tochter zum Beispiel ist jetzt ein technischer Beruf vorstellbar geworden...

Die Fahrstrecke finde ich nicht problematisch, weil es auf der weiterführenden Schule ja immer zu neuen Freundschaften kommt. Außerdem wird dein Sohn u.U. ja auch Kontakte durch die Sportangebote halten können - das wäre für mich kein K.O. Kriterium. (Ist bei uns übrigens auch so: Gymnasium 5 min Fußweg, Gesamtschule 15 min Busfahrzeit)

Die Durchlässigkeit, die du ansprichst hingegen, finde ich sehr wichtig. Natürlich ist es in der Theorie gegeben, dass die Kinder nach der sechsten Klasse auf andere Schulformen wechseln können. Nur sind die Klassen meistens voll und nur die Hauptschulen müssen aufnehmen - daher landen dann so einige auf der Hauptschule, die im Gymnasium nicht so richtig weitergekommen sind, weil es weder auf der Realschule noch auf der Gesamtschule noch freie Plätze in den Klassen gibt.

Und man sollte auch nicht G8/G9 außer Acht lassen - es herrscht ein ganz schön harter Wind an den Gymnasien, weil da der Stoff kurz und knackig durchgezogen wird - noch haben wir keine Ergebnisse, wie da die Abiturprüfungen im Vergleich zu den Abiturprüfungen an Gesamtschulen ausfallen werden. Durch das Zentralabitur ist jedoch eine bessere Vergleichbarkeit der Noten gegeben und ich glaube, es ist nicht mehr so, dass so geurteilt wird, wie es früher war: oh, das xy-Gymnasium mit ner 3 ist besser als die zz-Gesamtschule mit ner 3 - sie haben ja jetzt die gleiche Prüfung gemacht - sind nur anders darauf vorbereitet worden.

Welchen großen Pluspunkt ich an der Gesamtschule sehe, ist, dass alle Möglichkeiten offen bleiben - vielleicht kommt es in der Achten zu einer Krise - das Kind will eine Ausbildung machen und dann durch die Welt reisen - dann bekommt es einen Abschluss und legt los. Oder aber es entscheidet sich nach der Zehn, dann doch auf ein anderes Gymnasium/Berufskolleg etc. zu gehen und in ein Studium einzumünden.

Letztendlich bleibt es aber so, dass viel von den LehrerInnen und MitschülerInnen abhängt - und dies ist leider nicht vorhersehbar.

Alles Gute für eure Entscheidung!

grüße
kraxy