Minderwertigkeitsgefühl gegenüber dem eigenen Partner

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Forum: Partnerschaft

Eine dauerhafte Partnerschaft ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Lust und Frust liegen da oft nah beieinander. Hier könnt ihr offen ausdrücken, was euch innerlich bewegt.

Beitrag von MindererWert 11.02.11 - 20:51 Uhr

Hallo Ihr Lieben,

ich habe meinem Partner gegenüber Minderwertigkeitsgefühle.
Ich fühle mich in seiner Gegenwart klein und unbedeutend. Er spielt in einer ganz anderen Liga als ich, ist wahnsinnig intelligent, weiss sich gut auszudrücken und ist auch im sozialen Bereich sehr kompetent.

Dabei muss ich erwähnen, dass ich mich nicht per se minderwertig fühle, sondern fast ausschließlich, wenn ich in seiner Gegenwart bin.

Ich bin mir auch nicht sicher, welche Signale er mir funkt, aber letztendlich gehen diese Gefühle von mir und nicht von ihm aus. Er kennt meine Gefühle, kann sie nicht nachvollziehen und bestätigt mir, dass ich eine ganz tolle Frau wäre. Doch wenn ich nicht selber daran glaube bzw. ich ein anderes Gefühl empfinde, helfen seine Worte wenig.

Er ist mir in allen Bereichen mehrere Schritte voraus, was auch an dem Altersunterschied von 11 Jahren liegen mag.
Inzwischen geht es sogar so weit, dass ich mit ihm keine neuen Erfahrungen machen möchte, um nicht als diejenige dazustehen, die keine Ahnung hat und für die alles neu ist.
Ich kann mich mit ihm auf einem Konzert auch nicht amüsieren, weil ich gehemmt bin.

Mich nervt es, dass er nichts von mir lernen kann und ich wie ein kleines, dummes Mädchen dastehe, dem er die Welt erklären könnte.

Ich habe auch schon ernsthaft eine Psychotherapie in Betracht gezogen. Warum auch nicht?

Wer hat ähnliche Erfahrungen gemacht und kann sich mit mir austauschen?

Liebe Grüße

Beitrag von gemeinhardt 11.02.11 - 21:36 Uhr

Also erstmal Hallo,

ich finde das eine Therapie IMMER ein guter Weg ist, sich mit sich selbst zu befassen und "altlasten" zu ver und bearbeiten.
Das ist mit Sicherheit ne gute Idee.

Solche Selbstwertgeschichten sind häufig Frühkindliche Geschichten.
Ich würde bei dem Thema sofort nach Deinem Vater, Eurem Verhältnis und Eurer Beziehung fragen.

Das andere ist:
guck doch mal ob Du mit nem anderen Blick auf Dich und Eure Beziehung gucken kannst. Für Deinen Freund ist es sicher wunderbar, das er Dir soviel zeigen kann. Männer haben das in der Regel ganz gern und Frauen suchen sich in der Regel Männer die "aweng gscheider sind".
Das ist relativ normal.

Ich frag mich, ob Du glücklich bist, trotzallem...

Es gibt ganz sicher auch sehr sehr gute Literatur zu dem Thema.

Alles Liebe,
Cora

Beitrag von MindererWert 11.02.11 - 21:48 Uhr

Liebe Cora,

vielen Dank für deine Antwort.

Hm, die Vater-Kind-Beziehung...dazu kann ich gar nicht viel sagen, habe mir aber in diese Richtung auch schon Gedanken gemacht, da mein Partner auch meinte, dass diese Gefühle daher rühren könnten. Ich hatte keine richtige Vater-Kind-Beziehung, obwohl mein Vater immer da war im Sinne von anwesend. Vielmehr war es so, dass wir in späteren Jahren nicht viel miteinander anfangen konnten. Das ist übrigens noch immer so. Ich hatte aber nie Angst vor meinem Vater, das war alles sehr entspannt.

Natürlich könnte ich es genießen, mir durch meinen Partner neue Bereiche zu erschließen. Bisweilen verfalle ich mit meinen 28 Jahren in eine post-pupertäre Trotzhaltung und will dann einfach nichts Neues wissen oder dann will ich mich nicht amüsieren. Also teilweise sehr albern, aber ich komme dann nur schwer aus dieser Stimmung wieder raus.

Bin ich trotzalledem glücklich? Hm, auch eine schwierige Frage...doch bei mir ruht die Hoffnung mittlerweile wirklich auf einer Therapie, denn es wäre utopisch anzunehmen, dass eine Beziehung zu einem anderen Mann besser verlaufen würde. Das ist meine Angelegenheit und hat im engeren Sinne weniger mit der Person Partner zu tun.

Hast du denn einen Literaturtipp?

Herzliche Grüße!!!

Beitrag von verstehe ich nicht 11.02.11 - 21:57 Uhr

Warum willst du eine Therapie machen, wenn dein Mann dir nicht guttut?
Der Mann ist dein Problem, weil ihr nicht auf Augenhöhe seid.

Beitrag von MindererWert 11.02.11 - 22:05 Uhr

Ich tue mir selber nicht gut und stehe mir selber im Weg. Das ist das Problem. Beim Minderwertigkeitsgefühl geht es um ein verzerrtes Selbstbild. Damit hat mein Partner doch nichts zu tun. Naja, das stimmt natürlich auch nicht ganz, denn schließlich fühle ich mich gerade in seiner Gegenwart minderwertig. Doch wahrscheinlich sind es meine Ansprüche an mich und auch an die Beziehung, die mir das Gefühl geben, ihm nicht würdig zu sein, weil ich keinen, zumindest in meinen Augen, Beitrag leisten kann. Das wäre mit jedem anderen Mann wohl auch so (oder so ähnlich).

Beitrag von gemeinhardt 12.02.11 - 08:06 Uhr

Das sehe ich auch so.
Das "Problem" liegt nicht im Mann sondern in Ihr/Dir.
Um Dich wieder anzusprechen.

War Dein Vater auch so klug? Hast Du das Gefühl gehabt, auch wenn ihr nie richtig in Kontakt standet, ihm was beweisen zu müssen. Hast du Anerkennung über Leistung und Wissen erhalten?
Es ist ja schon so, das Euer Altersunterschied groß ist (ohne das zu werten), und da kannst Du schon schnell in eine Vaterübertragung kommen.
Oder hattest Du einen anderen Mann im Leben der die Vaterrollen hatte?

Beitrag von gemeinhardt 12.02.11 - 09:09 Uhr

Ach, also Buchtipp...

also ein Buch, das ich ganz perösnlich für meine Entwicklung und für das Verständnis meiner kindlichen Vergangenheit total gut fand war der Litlith Komplex, allerdings ist das Buch echt harter Tobak und nur in kleinen Dosen verträglich, da muss man vorsichtig sein, das geht richtig an die Substanz.
Literatur über Selbstwert und/oder Selbstbewusstsein (was aber 2 paar Schuhe sind) gibt es au masse. Da suchst Du am besten nach Gefühl aus, da kommt es der genau drauf an, was Du willst.

"Fuck it" ist auch gut :-)
Loslassen und glücklich sein. Mit viel Humor. ;-)

Beitrag von MindererWert 12.02.11 - 13:20 Uhr

Hallo,

danke für deine Antwort und die Literaturtipps.
Nein, mit meinem Vater hatte bzw. habe ich keine Probleme. Zumindest nicht bewusst. Aber wer weiss schon genau, was tief in einem drin schlummert. Mein Vater hat mir auch nie das Gefühl gegeben, dass ich eine besondere Leistung erbringen müsste. Er selbst ist gelernter LKW-Fahrer und seit 1994 arbeitslos. Also eher erfolglos, ohne das werten zu wollen.
Könnte die Partnerschaft/Ehe meiner Eltern eventuell eine Rolle spielen? Meine Mutter ist zwar sehr häuslich und unterwürfig, aber diejenige, die seit dem Zeitpunkt der beginnenden Arbeitslosigkeit meines Vaters das Geld ranschafft. Und zwar ohne Unterbrechung. Trotzdem (obwohl: muss das ein Widerspruch sein) hat sie so gut wie kein Selbstbewusstsein und bekommt ihren Mund nicht auf.
Alles recht kompliziert...

Herzliche Grüße

Beitrag von milka700 11.02.11 - 21:45 Uhr

Du musst ihm doch keine "intelligenten Leistungen" bieten, sondern evtl. steht dein Partner eher auf emotionale.
Du bist du und gut so wie du bist. Stell dein Licht nicht unter den Scheffel...

Beitrag von MindererWert 11.02.11 - 21:54 Uhr

Hm, einerseits bin ich mir darüber im Klaren, dass wir uns emotional sehr gut unterstützen können, aber dieser Beitrag reicht mir nicht. Ich will mich mit meinem Partner austauschen und weiterentwickeln können. Nur leider habe ich bei ihm das Gefühl, dass nur ich durch ihn profitiere und er durch mich keinerlei Mehrwert hat, also dass er mehr gibt als er nimmt und ich sozusagen ein Verlustgeschäft darstelle - wie metaphorisch! Ich frage mich ernsthaft, was er von mir lernen kann.
Komme einfach nicht weiter, drehe mich im Kreis und möchte gern lernen, mich (für den Anfang) erstmal so zu nehmen, wie ich bin, mit allen Stärken (die sicherlich vorhanden sind) und Schwächen. Aber das ist leichter gesagt als getan.
Danke für deine Antwort.

Beitrag von asimbonanga 11.02.11 - 21:59 Uhr

Hallo,
hattest du diese Minderwertigkeitsgefühle auch schon mal in einer früheren Partnerschaft ?


L.G.

Beitrag von MindererWert 11.02.11 - 22:06 Uhr

Ja, diese Gefühle gab es auch schon in der vorherigen Partnerschaft, aber nicht sooo extrem. Da konnte ich dem Mann wohl eher das Wasser reichen.

Beitrag von asimbonanga 11.02.11 - 22:56 Uhr

Warum glaubst du einem Mann das Wasser reichen zu müssen ?Ich glaube da liegt dein Problem.Schließlich muss es in einer Partnerschaft keine Gleichheit der Erfahrungen, des Könnens, der Titel oder des IQ geben---kann es sein das du diesem Irrtum erlegen bist?

Jeder Mensch hat bekanntlich Stärken und Schwächen auf den unterschiedlichsten Gebieten.

Ich würde mir therapeutische Hilfe suchen, auch um sicher zu gehen, ob dieser Mann oder du selbst diese Gefühle produzieren.

Beitrag von joulins 11.02.11 - 22:26 Uhr

Hallo!

Als erstes stellt sich mir die Frage, wie lange ihr schon zusammen seid. Vielleicht befindet ihr euch ja noch in der Findungsphase?

Hat er dir dieses Gefühl von Anfang an "vermittelt", oder hat sich das eingeschlichen über die Zeit? Falls letzteres der Fall ist, du also anfangs das Gefühl hattest, auf einem etwa gleichen Level zu sein, vermute ich, dass diffuse Verlustängste dich haben "verstummen" lassen, im Sinne von "lieber gar nichts sagen als das Falsche".

Falls es von Anfang an so war, solltest du dich fragen, warum ihr beide eine solche Konstellation gesucht habt - vielleicht braucht er eine gewisse intellektuelle Dominanz, also, für sein eigenes Selbstbewußtsein? Wie war das denn in seinen früheren Beziehungen?

Allein am Altersunterschied liegt sowas jedenfalls nicht. Wobei ich auch das Gefühl kenne, mich mit älteren Partnern sehr befangen zu fühlen (und ich weiß eigentlich ziemlich genau, dass ich keinen Grund habe, mich unterlegen zu fühlen). Ich bilde mir auch immer ein, etwas "bieten" zu müssen, weil ich gar nicht glauben kann, dass man mich einfach so mag, wie ich bin. #gruebel

Vermutlich ist es auch nicht nur eine Frage des Selbstbewußtseins, sondern es hat was mit Kontrolle und auch mit Macht zu tun. Ich denke, dass es dir schwer fällt, Kontrolle abzugeben - er dich aber durch seine Art unbewußt (und sicher auch ungewollt) ständig dazu bringt, außerhalb deines gewohnten, sicheren Terrains zu spielen. Das verunsichert dich. Und du hast außerdem Angst, du könntest ihn verlieren, weil er ja jederzeit eine Frau treffen könnte, die "in seiner Liga spielt". Verhält es sich so?

Was macht das mit dir? Hast du dein "eigenes" Leben noch? Eigene Freunde, eigene Aktivitäten? Bestätigung, die dir was bedeutet, obwohl sie nicht von ihm kommt? Raubt es dir Kraft?

Keine Ahnung, wie dem beizukommen ist. Therapie ist vielleicht nicht verkehrt, aber im Prinzip besteht das Problem ja nur bei ihm, und nicht generell - das entnehme ich zumindest deiner Beschreibung.

Nach meiner simplen Logik besteht das Problem darin, dass er dir nicht die (emotionale) Sicherheit geben kann (trotz all seiner Beteuerungen, wie toll er dich findet), die du brauchst, um dich zu entspannen. Auch wenn er dir täglich sagt, wie sehr er dich liebt - bei deinem Unterbewußtsein kommen andere Signale an, so dass du dich nur unter bestimmten Bedingungen von ihm so geliebt fühlst, wie du es brauchst. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass diese Gefühle fast nie falsch sind, leider.

Okay, das war mein Interpretationsversuch. :-)
Ich hoffe, das lässt dich jetzt nicht noch mehr zweifeln.

#klee
Joulins

Beitrag von MindererWert 12.02.11 - 13:29 Uhr

Hallo Joulins,

vielen Dank für deinen ausführlichen Interpretationsversuch.

Um auf ein paar Gedanken einzugehen: Hm, mein eigenes Leben. Habe ich wohl nie so richtig gehabt. Bin mit gerade mal 22 Jahren Mutter geworden, zwar alles geplant, ist aber dennoch ein ziemlicher Einschnitt in das Leben. Mit dem Vater des Kindes war ich bis Mitte letzten Jahres zusammen und auch verheiratet. Bin jetzt 28, wir waren 7 Jahre ein Paar.
Meinen jetzigen Partner habe ich fast parallel zur Trennung kennengelernt, jetzt wohnen wir zusammen, in seiner Wohnung (was auch ab und an ein Streitpunkt bzw. Diskussionsthema ist --> schließlich ist das hier der Ort, wo er sich u.a. mit anderen Frauen getroffen und auch mit ihnen geschlafen hat --> dieser Gedanke macht mich wahnsinnig...)

Nein, ich habe keine besonderen Aktivitäten, denen ich nachgehe. Ich scheine mich auch selbst nicht sehr gut zu kennen, ich habe keine Ahnung, was mir gut tun würde (irgendeine Sportart, ein anderes Hobby, da gibt es NICHTS). Mein jetziger Partner hingegen ist sehr, sehr aktiv und gestaltet seine Freizeit abwechslungsreich. Noch ein Punkt, bei welchem ich gegen ihn ,,verliere''.

Ich möchte auch keine neuen Erfahrungen mit ihm zusammen machen, weil ich nicht möchte, dass ich ihm dafür dankbar sein muss. Ich scheine fast gegen ihn kämpfen zu wollen, so kommt es mir gerade vor, während ich hier meine Gedanken aufschreibe. Aber aus welchem Grund?

Aber wie gesagt, es gibt nichts, was ich besser kann als er. Er meint zwar, er würde jede Menge von mir lernen (meine Konsequenz, meine Strukturiertheit, Geduld, analytischen Kompetenzen), aber dennoch reicht mir das nicht, um mich mit ihm auf gleicher Augenhöhe zu fühlen.

Hast du noch einen Tipp?

Beitrag von sonntagsmalerin 12.02.11 - 13:40 Uhr

<< in seiner Wohnung (was auch ab und an ein Streitpunkt bzw. Diskussionsthema ist --> schließlich ist das hier der Ort, wo er sich u.a. mit anderen Frauen getroffen und auch mit ihnen geschlafen hat --> dieser Gedanke macht mich wahnsinnig...)>>

Für mich hört sich das danach an, als ob er dir nicht genügend emotionale Sicherheit bietet. Du scheinst dich nicht fallen lassen zu können, weil du denkst, er akzeptiert dich vielleicht nicht mit allen Schwächen und Macken, sondern nur, wenn du etwas "leistest" und mit ihm Schritt halten kannst.
Ob das von dir aus kommt oder von ihm, kann ich nicht beurteilen, ohne euch zu kennen.

Ich denke aber, dass du lernen musst, dich selbst zu akzeptieren und ein positiveres Selbstbild zu bekommen. Dann wird es dir letztendlich auch egal sein, ob er nun aktiv ist und gebildet oder was auch immer, und du ihm in irgendeinem Punkt in etwas nachstehst.
Du musst bei dir selbst bleiben und so leben, wie es dir gut tut... vergleiche mit anderen sind immer schlecht...

Und außerdem: Wer sagt denn, dass andere - und auch er - das genauso beurteilen und bewerten wie du? Jeder Mensch hat eine andere Sicht der Dinge, und so kann sich die Situation für dich ganz anders darstellen als für ihn.

Was mich noch interessieren würde: Bist du mit deinem Leben, so wie es ist, zufrieden? Oder erhoffst du dir noch mehr, in Sachen Beruf, Hobbies u.ä.? Das könnte nämlich auch mit der Grund sein, dass du vielleicht unzufrieden bist und das unbewusst auf ihn projizierst. Er macht so vieles, und du fühlst dich klein...
Wie viel machst du denn für dich? Weißt du, was du im Leben willst und wo du hin willst? Wie sieht deine Zukunft für dich aus?


Beitrag von sonntagsmalerin 12.02.11 - 13:44 Uhr

Ergänzend noch... was ist so schlimm für dich daran, dass du ihm in etwas nachstehst?

Manchmal hilft es, den Gedanken mal weiterzuspinnen um die dahinter liegenden Ängste aufzudecken. Was passiert schlimmstenfalls? Hast du Angst, dass er dich verlässt, eine "bessere" findet? Versuche mal die Gedanken und Gefühle zu Ende zu spinnen und zu überlegen, was im worst case passiert. Meist ist das gar nicht so schlimm, wenn man genau überlegt - und die Wahrscheinlichkeit ist in der Regel auch ganz gering :-)

By the way: Er hat sich für dich entschieden, unabhängig davon was du bist und was du leistest. Sollte er dich verlassen wollen, weil du ihm nicht gut genug wärst - würdest du dann wirklich noch mit ihm zusammen sein wollen?

Beitrag von MindererWert 12.02.11 - 13:56 Uhr

Ich will meinem Partner in nichts nachstehen. Ich will nicht, dass er mich und die Beziehung dominiert. Ich habe nämlich shcon das Gefühl, dass er mich aufgrund seines Erfahrungs- und Wissensvorsprungs dominiert und ich mich u.a. deswegen so unbedeutend und dumm fühle. Woher kommt dieses Bedürfnis nach einem Kampf?

Beitrag von sonntagsmalerin 12.02.11 - 15:56 Uhr

Hm, das hört sich schon danach an, als würde die Problematik größtenteils auch von ihm ausgehen... in einer guten Beziehung sollte natürlich niemand jemanden dominieren wollen - ebenso wenig wie sich ein anderer unterwerfen sollte. Ihr solltet euch auf Augenhöhe und gegenseitig mit Respekt begegnen.
Allerdings: Er kann dich nur dominieren, wenn du dich dominieren lässt. Wenn du dagegen "stark" genug bist, um das an dir abprallen zu lassen, hat er auch keine Chance mehr dazu.
Es gilt also aus meiner Sicht, dass du selbst eben deinen Wert erkennst und dich entsprechend nicht mehr "dumm" fühlst neben ihm. Wie kommst du überhaupt auf so etwas? Du bist doch nicht dumm - du hast sogar studiert, du kannst dich sehrwohl ausdrücken, du machst einen sympathischen Eindruck, du erziehst ein Kind - du hast also auch schon viel erreicht in deinem Leben! Woher schließt du darauf, dass du ihm da in etwas nachstehst? Klar ist er älter und hat mehr Lebenserfahrung oder im Job schon etwas erreicht, aber das hat ja nicht unbedingt etwas mit größeren Fähigkeiten oder mehr Intelligenz zu tun.

Es ist schön,wenn du zu deinem Partner aufschauen kannst, das ist ja auch etwas Angenehmes - aber nicht, wenn es auf deine eigenen Kosten geht und auf dein Selbstwertgefühl!

Hast du mal beobachtet, wann genau du dir minderwertig vorkommst? Welche Situationen in eurem Zusammenleben sind das genau?
Vielleicht kommst du so der Sache auf die Spur und kannst genau an betimmten Situationen ansetzen?

Beitrag von MindererWert 12.02.11 - 13:52 Uhr

Hm, bin ich zufrieden mit meinem Leben?
Ich habe nicht das Gefühl, schon irgendetwas erreicht zu haben, stehe vielmehr noch am Anfang. Natürlich hat er einen riesigen Vorsprung, den ich wohl nie einholen werde. Es stellt sich die Frage, ob ich ihn überhaupt einholen muss, womit wir wieder bei dem Thema Kampf wären.
Meine berufliche Situation sieht folgendermaßen aus: Ich befinde mich am Ende meines Studiums (Sonderpädagogik, Englisch), unterrichte aber bereits seit mehreren Wochen als Vertretungslehrerin an einem Förderzentrum (ziemlich schwierige Schülerschaft, aber es lohnt sich).

Was meine Hobbys betrifft, sind diese noch ausbaufähig, da noch nicht vorhanden. Aber ich habe, wie bereits geschrieben, keine genaue Vorstellung von dem, was mir gefallen könnte. Es wurmt mich, dass ich meine Zeit nicht effizient nutzen kann, da ich mich selbst nicht richtig zu kennen scheine.

Der Tipp mit dem ,,bei sich und seinem Leben bleiben'' ist sehr gut, aber wie bewerkstellige ich das, bitte schön?
Wie kann ich eine Aktivität aufnehmen, da ich am Nachmittag und am Abend meinen Sohn bei mir habe? Was natürlich sehr schön ist, mich aber auch etwas behindert. Mein Partner meint zwar, er kann gern bei ihm bleiben, schließlich wohnen wir zusammen, aber ich möchte nicht von ihm abhängig sein und ihm die Verantwortung, die eigentlich ich trege, ihm überlassen. Wie gesagt, ich will ihm nicht dankbar sein müssen, wenn ich dank seiner Betreuung einer Aktivität nachgehen kann. Lieber verzichte ich.

Woher kommt dieses Streben nach Unabhängigkeit vom Partner? Warum kann ich seine Unterstützung nicht annehmen?

Hast du eine Erklärung dafür?

Beitrag von sonntagsmalerin 12.02.11 - 16:04 Uhr

`<<Der Tipp mit dem ,,bei sich und seinem Leben bleiben'' ist sehr gut, aber wie bewerkstellige ich das, bitte schön?
Wie kann ich eine Aktivität aufnehmen, da ich am Nachmittag und am Abend meinen Sohn bei mir habe? Was natürlich sehr schön ist, mich aber auch etwas behindert. Mein Partner meint zwar, er kann gern bei ihm bleiben, schließlich wohnen wir zusammen, aber ich möchte nicht von ihm abhängig sein und ihm die Verantwortung, die eigentlich ich trege, ihm überlassen. Wie gesagt, ich will ihm nicht dankbar sein müssen, wenn ich dank seiner Betreuung einer Aktivität nachgehen kann. Lieber verzichte ich.

Woher kommt dieses Streben nach Unabhängigkeit vom Partner? Warum kann ich seine Unterstützung nicht annehmen? >>

Ich kann gut verstehen, dass du nicht abhängig sein willst. Du schreibst, du willst ihm nicht dankbar sein müssen - wäre es denn so? Fordert er Dankbarkeit von dir, wenn du ihm bspw. mal deinen Sohn überlässt?
Eine Partnerschaft ist ja eigentlich immer ein Geben und Nehmen, da ist es doch legitim, dass er dir auch mal etwas abnimmt. Du tust ja sicher auch hin und wieder ihm einen Gefallen.
Die Frage, die sich mir hier stellt, ist vielmehr, ob das nicht auch etwas mit seiner (zumindest aus deiner Sicht) dominanten Stellung zu tun hat. Sprich, du musst ihn um etwas bitten und ihm dankbar sein, wenn er einwilligt - wie ein Kind ,das seine Eltern um Erlaubnis fragen muss.. Ich denke da ist wieder das, was ich in meiner anderen Antwort schon geschrieben habe - ihr müsst euch auf Augenhöhe begegnen, und du musst ihm selbstbewusster entgegen treten.

Überlege dir mal , was passiert, wenn du eben doch einmal etwas tust, wobei du das Gefühl hast, "abhängig" zu sein.. überlass ihm doch mal deinen Sohn für nur eine Stunde oder zwei, und schau, was sich da gefühlsmäßig bei dir tut. Manchmal ist es nur halb so schlimm, wenn man es tut, als wenn man darüber nachdenkt. Und letztendlich: Ist es wirklich "Abhängigkeit"? Du gönnst dir doch nur etwas Zeit für dich - es ist ja keine Kinderbetreuung für deine Arbeit o.ä., das wäre Abhängigkeit! Letztendlich spielt sich das ja mehr in deinem Kopf ab, ich denke da musst du ansetzen.

Hast du abgesehen davon noch jemanden, der dir deinen Sohn mal abnehmen kann? Babysitter, Großeltern, Freunde? So klein ist er ja nicht mehr, da dürfte das doch zu bewerkstelligen sein. Und dann schaff dir persönliche Freiräume, in denen du einfach mal was ausprobierst an Hobbies... mach nen VHS-Kurs, schau in einem Sportverein rein, tausch dich mit anderen aus, was die so machen... Gibt es Dinge, die du früher gerne gemacht hast? Wünsche, die du auf Eis gelegt hast? Welche Erlebnisse von früher hast du in besonders guter Erinnerung? Wie schätzen dich andere ein, für was hast du Talent?
Du musst ja nicht gleich etwas für die Ewigkeit finden. Probier dich aus, erlebe etwas Neues! Wichtig ist aus meiner Sicht ,dass du etwas für DICH tust, und zwar nur für dich... das steigert auch dein Selbstwertgefühl und macht dich sicherer.

Hast du Freunde, mit denen du etwas unternimmst?

Beitrag von MindererWert 12.02.11 - 16:22 Uhr

Erneut vielen Dank für deine ausführliche Antwort.

Nein, mein Partner erwartet keine Dankbarkeit, wenn ich ihm mal meinen Sohn überlasse. Er bringt ihn auch regelmäßig zur Schule, wenn ich unterrichte.

Es ist wirklich mein eigener Trotz, der mich daran hindert, eine Aktivität aufzunehmen.

Seit drei Wochen mache ich eine VHS-Kurs. In dieser Zeit passt er auch auf meinen Sohnemann auf, doch da der Kurs mehr oder weniger berufsbezogen ist, komme ich ganz gut damit klar.

Ab nächster Woche belege ich einen weiteren VHS-Kurs, nämlich Polnisch. Dreimal darfst du raten, warum. Wir wollen in den Sommerferien nach Polen und mein Partner spricht polnisch. Da ich nicht von ihm abhängig sein möchte, lerne ich diese Sprache. Den Kurs habe ich mir passenderweise am Vormittag gesucht, sodass er sich nicht um mein Kind kümmern muss.

Ich weiss genau, dass ich mich dominieren lasse und ich ihm selbstbewusster gegenüber treten muss. Es ist ja auch nicht so, dass ich ihm keinen Gefallen tue, schließlich hat er auch ein Kind, um welches ich mich ab und an (und sehr, sehr gern) kümmere.

Es kommt mir vor wie ein Fass ohne Boden.

Aber komme ich dem Ursprung meines Gefühls langsam näher?

Herzliche Grüße

Beitrag von sonntagsmalerin 12.02.11 - 16:50 Uhr

Ich denke, du bist absolut auf dem richtigen Weg! Du hast ja das "Problem" schon erkannt, und damit ist der erste Schritt ja schon getan. Wenn du es schaffst, ihm deinen Sohn für einen VHS-Kurs zu überlassen, ist das doch schon mal ein guter Anfang. Bau das aus! Erinnere ich immer wieder daran, dass es da ja gut klappt und du das gefühlsmäßig ja auch gut aushalten kannst, wie du schreibst. In die Richtung musst du weitergehen.

Lernst du polnisch, um es ihm zu beweisen? Oder weil es dich interessiert? Ich denke, du musst aufpassen, dich bei solchen Sachen nicht selbst zu betrügen ;-)
Wenn es dir Spaß macht, dann nur zu! Ansonsten such dir lieber etwas, was du für dich machst und nicht für andere. Er kann polnisch? Super, dann profitieren doch alle in den Ferien davon... nimm das an, es bringt ja allen Vorteile, wenn er etwas besser beherrscht also du... und glaub mir, er profitiert ebenso von dir, das ist dir wahrscheinlich nur nicht bewusst - bzw. er lässt es vielleicht auch nicht so durchscheinen.

Es ist sicher ein längerer Weg, bist du es schaffst, dich ihm selbstbewusster entgegen zu stellen und zu erkennen, dass du gar keinen Grund hast, dich mit ihm zu vergleichen oder gegen ihn anzukämpfen. Besinne dich auf deine eigenen Stärken und erkenne seine einfach an, ohne damit gleich dich abzuwerten. Jeder Mensch ist anders - und was der eine kann, kann der andere eben nicht zwangsläufig auch. So what? Das bedeutet trotzdem ja nicht, dass einer deshalb "mehr wert" ist als der andere.

Ich denke, wenn du achtsamer mit dir selbst umgehst und erkennst, wo du so im Leben hinwillst, was dir wichtig ist -und vor allem auch, was du alles kannst und dass du genau richtig bist, so wie du bist - dann werden die Probleme auch verschwinden... wenn er dann nicht damit umgehen kann, dass du ihm auf Augenhöhe begegnest - dann ist er vermutlich auch nicht der richtige... Aber vielleicht genießt er es ja auch, wenn du selbstbewusster wirst und dich nicht mehr nur als die "kleine graue Maus" fühlst.

Geh nicht zu hart mit dir ins Gericht! Veränderungen brauchen ja immer ihre Zeit, und von heute auf morgen erkennt man noch nicht so viel.. aber nach und nach wirst du kleine Erfolge erzielen und die werden dich bestärken!

Liebe Grüße

Beitrag von MindererWert 16.02.11 - 21:31 Uhr

Hallo,

nach ein paar Tagen Bedenkzeit melde ich mich mal wieder.
Veränderungen brauch tatsächlich Zeit und um zu sich selbst zu finden, wohl auch.
Hier mein Begehr: Kannst du dich daran erinnern, dass ich bald einen Polnischkurs beginnen werde? Doch dabei will ich es nicht belassen. Ich würde im Sommer gern 2 Wochen in Krakau eine Sprachschule besuchen. Sohnemann wäre in dieser Zeit bei seinem Vater, sodass ich ,,freie Bahn'' hätte. Die Tickets sind so gut wie gebucht, habe aber meinem Partner noch nichts davon erzählt. Traue mich nicht so recht.
Was meinst du?

Liebe Grüße

Beitrag von gluecksbaerchen80 12.02.11 - 12:42 Uhr

Hallo!

Kann dir nachfühlen.

Auch mir geht es so.

Mein Partner und ich sind 1 1/2 Jahre zusammen.

Er ist studiert und arbeitet als Projektleiter.

Er hinterfragt alles, scheint "alles" vieles zu wissen.

Ich habe "nur" 2 normal abgeschlossene Ausbildungen und arbeite famlilienbedingt z.Zt. in Teilzeit.

In seiner Gegenwart und auch Gegenwart seiner natürlich auch studierten Freunde...naja weißt ja.

Zu einer Psychotherapie gehe ich seit 3/4 Jahr. Auch wegen anderer Sachen.

Gerne Austausch über VK wenn du magst.

LG gluecksbaerchen