Probleme daheim (behinderte Schwester, gesunder Bruder) bitte Tipps

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Forum: Leben mit Handicaps

Stolpersteine im Leben sind manchmal überwindbar, manchmal muss man sich mit ihnen arrangieren. Hier ist der Ort, um darüber zu sprechen: Entwicklungsverzögerung beim Kind, ADHS, das Down-Syndrom, Spina Bifida, Leben im Rollstuhl ...

Beitrag von goldschatzfrau 21.02.11 - 09:42 Uhr

Hallo Ihr Lieben,

ich brauche unbedingt Tpps oder Hilfe, wie ich mit meinem Jüngsten (7 Jahre) umgehen soll, weil es nur noch Probleme daheim und in der Schule gibt.

Ich habe 2 Kinder (bin mit dem 3. schwanger) meine Tochter ist 10 Jahre und hat eine geistige Behinderung, mein Sohn ist 7 Jahre und gesund.

Seit ca. 2 Jahren hat mein Sohn bemerkt, dass er in fast allen Bereichen besser oder schneller als seine Schwester ist. Anfangs war das noch nicht so schlimm, aber seit ca. Ende letzten Jahres ist das Verhältnis absolut eskaliert zwischen den beiden und natürlich auch die Harmonie in der Familie.

Es vergeht kein Tag, an dem die beiden nicht streiten, schlagen, sich beschimpfen. Meine Tochter ist natürlich auch nicht ohne, sie provoziert ihn oft, und mein Sohn wird dann sofort aggressiv und schlägt oder schimpft.

Heute in der Früh war es wieder ganz schlimm, mein Sohn war bei meiner Tochter im Zimmer, sie hatte ihm erlaubt, bei ihm zu spielen, nach ca. 5 Minuten aber wollte sie wieder ihre Ruhe und schrie ihn an, er solle sofort das Zimmer verlassen. Mein Sohn wurde daraufhin wieder sehr zornig, trat und beschimpfte sie.

Ich bin dann dazwischen, wusste aber nicht, was passiert war und fragte meinen Sohn, ob er denn ins Zimmer der Schwester durfte, er sagte ja, sie sage nein, also bestrafte ich meinen Sohn, indem ich ihm verbot, am Nachmittag was zu unternehmen. Mein Sohn fing daraufhin an zu weinen, schrie mich an, ich wäre ja so gemein und würde nur der Schwester glauben und nicht ihm.

Als ich ihn dann zur Schule fuhr, sagte er zu mir:"Wolltest du mich eigentlich haben? Du hast mich bestimmt nicht lieb". Mir tat das so leid, was er sagte, er weinte auch immer noch, stieg aus dem Auto aus und ging zur Schule.

Später fragte ich meine Tochter nochmal, wie das heute gelaufen sei, und sie sagte, sie hätte ihm erlaubt ins Zimmer zu gehen und zu spielen.

Es tut mir so Leid, dass ich meinem Sohn nicht geglaubt habe, aber ich dachte, er lügt mich an, derweil war es genau umgedreht, meine Tochter hatte gelogen.

So und so ähnliche Situationen spielen sich immer wieder bei uns ab und ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Ich habe einen Termin beim Kinderpsychologen, das wurde mir vom Kinderarzt geraten, weil er so unter der Behinderung seiner Schwester leidet.

In der Schule gibt es auch immer wieder Probleme in der Pause, er "kämpft" gerne mit Älteren, will immer der Beste und Stärkste sein.

Habt Ihr noch einen Tipp oder Erfahrungen, was ich machen könnte, dass es weniger Probleme gibt?

Vielen Dank fürs Lesen
goldschatzfrau
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Beitrag von stin79 21.02.11 - 12:53 Uhr

Oh weia,

ich habs gelesen und lass dich mal #liebdrueck

Hab keinen generellen Tipp für Dich, aber für heute Morgen - entschuldige dich doch bei deinem Sohn! Auch Kinder freuen sich über so was! Nachmittagsprogramm, wird natürlich auch nicht verboten - oder?

Rede mit ihm, gib ihm das Gefühl dass du ihn soooo lieb hast, wie du nur ihn lieb hast und seine Schwester hast du nur soooo lieb wie du eben sie lieb hast. Beide sind für dich einzigartig, genauso wie sie sind und die Liebe kann man nicht messen mit mehr oder weniger, weil es eben unterschiedliche Liebe ist.

Hast du Sachen von Ihm, als er noch ganz klein war? So nach dem Motto "schau mal was ich von dir aufgehoben habe, ich konnte sie nicht weggeben, weil du mir so wichtig bist".

Goldschatzfrau ich wünsche dir viel Kraft und dass ihr das in den Griff bekommt, ihr seid ja schon auf dem richtigen Weg!

LG
Stin

Beitrag von goldschatzfrau 21.02.11 - 14:42 Uhr

Hallo Stin,

vielen lieben Dank für Deine Antwort und Aufmunterung.

Ich habe mich natürlich gleich nachdem er von der Schule daheim war, bei ihm entschuldigt und habe ihm gesagt, daß ich ihn soooo lieb habe und ihn natürlich haben wollte.

Wir haben dann beide geweint und ich versuche jetzt, beide "gleichwertig" zu sehen.

Schönen Tag noch

goldschatzfrau#sonne

Beitrag von kati543 21.02.11 - 16:00 Uhr

Hallo,
weiß denn dein Jüngster warum seine Schwester anders ist? Habt ihr denn auch Zeit, die ihr allein mit dem Kleinen verbringt - ohne Schwester? Geschwisterkinder von behinderten Kindern haben es sehr schwer. Sie hatten nie die Wahl. Wir Eltern entscheiden uns bewußt für das Kind - wir könnten auch den "einfachen" Weg wählen und das Kind in ein Heim/Internat,... geben. Aber Geschwisterkinder haben diese Möglichkeit nicht und müssen einfach immer zurückstecken. Vorrang hat immer das kranke Kind. Das kranke Kind wird immer bemitleidet und der Gesunde Bruder - obwohl er erst 7 ist - soll schon möglichst wie ein vernünftiger Erwachsener reagieren.
Bei rehakids.de gibt es ein Forum für die gesunden Geschwisterkinder. Vielleicht kannst du dort nochmal fragen, was man genau machen kann. Ich kenne Familien, die eben ihr behindertes Kind einen Tag pro Woche vom FED/Pflegedienst betreuen lassen und diesen Tag mit ihren gesunden Kindern verbringen. Bei uns stellt sich dieses Problem nicht, da unsere beiden Söhne behindert sind und der Jüngste derjenige ist, den es wesentlich schwerer erwischt hat. Mein Großer wächst richtig damit auf, dass der Kleine eben ein "Baby" ist. Trotz seiner 4,5 Jahre sieht er den Unterschied.

Beitrag von goldschatzfrau 21.02.11 - 16:42 Uhr

Hallo,

mein Jüngster weiß schon lange, dass seine Schwester so ist, wie sie ist. Auch haben wir eigentlich jeden Tag Zeit, etwas allein zu unternehmen, da meine Tochter erst um 16.30 Uhr nach Hause kommt, nur mein Sohn macht viel Sport oder besucht Freunde, so dass uns dann nur das Wochenende bleibt und da ist dann natürlich meine Tochter auch daheim. Aber auch da wird er nicht eingeschränkt, ja, sie ist halt da, aber wir unternehmen halt auch mal was als Familie.

Ich kann die Kinder ja nicht ständig trennen. Ich weiß, daß es schwer ist für ihn, obwohl die Therapeuten meiner Tochter immer sagen, er müsse es lernen, oder er müsse auch auf sie Rücksicht nehmen. Noch nie hat ein Therapeut meiner Tochter mir gesagt, daß er unter seiner Schwester leiden könnte. Von daher habe ich mir auch nie große Gedanken darüber gemacht.

Aber seit mir seine Lehrerin gesagt hat, daß es ihn nerve, ständig auf die Schwester Rücksicht nehmen zu müssen, habe ich die Sache auch anders gesehen.

Ich versuche wirklich mein Bestes, aber mein Sohn hat von Haus aus die Meinung, alles dreht sich um die Schwester, immer gebe ich ihr Recht, usw.

Viele Grüße
goldschatzfrau#sonne

Beitrag von nuklearpussi 21.02.11 - 18:59 Uhr

Hallo!

Bei uns gibt es auch solche Situationen! Ich hätte mich auch entschuldigt und dass ihr miteinander geweint habt, war sicher auch für beide Seiten gut.

Mein Sohn ist auch 7 Jahre und neulich habe ich ihn mal gefragt, ob er sich noch ein Geschwisterchen wünscht. Prompt kam: "Aber nur, wenn es gesund ist!" Und dann habe ich gesagt, dass ich mir das auch wünsche und dass ich deshalb so froh bin, dass er gesund ist. Aber wenn es anders kommt, muss man es so nehmen und das Beste daraus machen. Er liebt es auch immer, abends beim Kuscheln zu hören, wie ich mich auf ihn während der Schwangerschaft gefreut habe und wie glücklich die Babyzeit mit ihm war. Dann ist er immer ganz stolz, denn bei seinem Bruder war das eben nicht so. Da standen andere Dinge im Vordergrund.

Mein Sohn benimmt sich oft daneben und geht mit seinem behinderten Bruder oft rücksichtslos um und das hat sogar schon zu 2 Knochenbrüchen geführt. Aber ich denke immer an den Spruch bei unserer Ergotherapeutin: Liebe mich am meisten, wenn ich es am wenigsten verdient habe.
Also versuche ich ihm immer wieder mitzuteilen, wie sehr ich ihn liebe und ihm aber auch klarzumachen, dass er Rücksicht auf seinen Bruder nehmen muss. Es geht nun mal nicht anders. Außerdem sage ich ihm immer wieder, dass er mit seinem Kummer zu mir kommen soll.

VG E.

Beitrag von 3wichtel 22.02.11 - 07:55 Uhr

Huhu!
#winke

Zu erst einmal: Alle Geschwister streiten! Das ist deren Job! ;-)
Auch wenn es höllisch nervt (habe 3 Söhne, kann also "mitreden"): Nerven behalten. Auch wenns schwer fällt.

Unser mittlerer Sohn ist unser "besonderes Kind". Er hat neurologische Auffälligkeiten die dazu führen, dass ihm viele soziale Dinge (soziales Miteinander, Höflichkeit, Einfinden in neue Situationen, abends Einschlafen, etc.) viel schwerer fallen als seinen gesunden Brüdern.
Im Rahmen eines Belohnungssystems bekommt er (auf Anraten einer Sozialpädagogin) jeden Morgen z.B. eine Sammelkarte (Pokemon, Match Attax), wenn er abends ohne Theater eingeschlafen ist (war hier lange das vorrangige Problem).

Jetzt stellt sich für seinen großen Bruder natürlich die Frage, warum der Mittlere für etwas belohnt wird, was der Große ganz selbstverständlich seit Jahren macht...

Da hilft es wirklich nur, an die "Vernunft" des Großen zu plädieren und zu erklären, dass wir unglaublich stolz und froh sind, dass er gesund ist und ihm so viele Dinge so leicht fallen. Dass es seinem jüngeren Bruder aber leider nicht so leicht fällt und wir ihn mit dem Belohnungssystem unterstützen.
Wir sagen dem Großen aber immer wieder, wie toll er ist, wie stolz wir auf ihn sind und auch, dass er eigentlich viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, die wir ihm aber leider nicht immer geben können.

Natürlich ist das auch traurig für den Großen. Aber so lernt er auch Einfühlungsvermögen, er lernt, dass nicht allen Menschen alles gleich leicht fällt. Das hat in der Schule schon zu viel Lob geführt, weil er sich gut in schlechtere Schüler (er selber ist ein super guter Schüler) einfühlen kann und ihnen eher hilft als zu "lästern".
Ein Leben mit "besonderem" Bruder hat eben nicht nur Nachteile ;-)

Wichtig ist, dass Du Deinem Sohn immer wieder sagst, dass Du ihn wahrnimmst, auch wenn Du es im Alltag nicht immer zeigen kannst.

Alles Gute für Euch!!!
Gruß, 3wichtel

Beitrag von tabea33 22.02.11 - 10:49 Uhr

Hallo,

diese Situation mit dem Zimmer kann genauso gut auch zwischen gesunden Geschwistern passieren. Es ist für Eltern immer schwer zu entscheiden, wer denn recht hatte. Und höchstwahrscheinlich bekommt man es auch gar nicht raus. Man sollte es daher auch nicht versuchen.

Ich hätte hier eher darauf reagiert, dass dein Sohn die Schwester getreten hat. Egal was war, einen tätlichen Angriff sollte man unterbinden. Den Rest müssen die Kinder unter sich ausmachen, so schwer es auch fällt. Den Schiedsrichter in Bezug auf die Ausgangssituation sollte man nicht spielen, also auch nicht nachfragen, wer was und warum.

Streiten dürfen sie, müssen sie vielleicht sogar. Aber alles in vernünftigen Bahnen, keine Handgreiflichkeiten, keine Beleidigungen. Notfalls trennen, aber unparteiisch bleiben.

Grüße Tabea


Beitrag von hopsi2005 25.04.11 - 01:34 Uhr

Ich bin schon über 30, aber ich habe selber eine behinderte Schwester, die 2 1/2 Jahre älter ist als ich. Ich habe sie irgendwann nach der Einschulung in der Entwicklung überholt, was für uns beide ganz schwierig war. Ich habe dann in der Schule neue Freunde gefunden, sie aber nicht. Sie kam dann auf die Sonderschule und hat mir immer und bis heute übel genommen, dass ich ein normales Leben führen kann.

Natürlich ist es wichtig, dass du als Mutter mit beiden Kindern über diese Gefühle sprichst, aber verhindern kannst du sie nicht. Es geht ja gar nicht darum, wer Recht hat oder wen die Mutter lieber mag. Es geht darum, dass jedes Kind sich unabhängig vom Geschwisterkind wahrgenommen fühlen möchte. Das heißt auch, dass es lernen muss, dass sich der Wert eines Kindes nicht danach bemisst, ob es behindert oder nicht behindert ist.

Ich kann mich auch noch daran erinnern, wie meine Mutter Stunden um Stunden mit meiner Schwester Hausaufgaben gemacht hat. Es hat sie so viel Kraft gekostet, dass ich meiner Mutter gesagt habe, dass sie bei mir nicht mehr daneben sitzen braucht. Ich habe dann relativ bald nur noch meine Hausaufgaben vorgezeigt. Meine Mutter hat das dankbar angenommen und ich habe es ja auch alleine geschafft. Aber was mich dann sehr, sehr gekränkt hat, war dann dieser eine Satz auf meiner Abi-Entlassung:"Sie war ja immer gut in der Schule, da war es ja eigentlich auch nur folgerichtig, dass sie das Abi schafft - also da habe ich mir überhaupt keine Sorgen gemacht." Danach habe ich Rotz und Wasser geheult. Sie wollte wohl damit zu Ausdruck bringen, dass sie stolz auf mich war. Aber was ich vermisst habe, war die Würdigung, dass ich seit der Grundschule meine Hausaufgaben alleine gemacht habe, auch wenn ich keine Lust hatte oder müde war. Ich habe dafür die Verantwortung übernommen, obwohl ich selber noch ein kleines Kind war.

Ich habe ständig über mich gehört, dass man meinetwegen keine Sorgen haben musste, weil bei mir ja alles glatt lief. Aber was ich für innere Kämpfe auszutragen hatte und wie einsam ich dadurch auch manchmal wurde, das hat keiner gesehen. Ich wollte nie hören, dass ich intelligenter war als meine Schwester, aber sie hätte ja wenigstens mal erwähnen können, dass ich mich bemüht und angestrengt habe. Ungefähr so sehr wie meine Schwester, nur dass sie beim besten Willen keine Chance hatte, auf der Regelschule zu bestehen.

Ich hätte mir gewünscht, dass meine Mutter mir einfach mal zum Zeichen ein kleines Geschenk gemacht hätte: ein Glitzerkugelschreiber oder ein paar Aufkleber, irgendein Schnickschick. Aber sie hat immer gesagt: Dafür habt ihr doch euer Taschengeld!

Ich wusste nicht, wie sehr mir das fehlte, bis ich meinen Mann kennengelernt habe. Manchmal hat mich spontan mit Kleinigkeiten überrascht und ich musste spontan heulen. Es hat mich einfach zu Tränen gerührt, soviel Aufmerksamtkeit.

Er hat auch die Fähigkeit, wenn beide Kinder an seinen Armen zerren zu sagen:"Jetzt möchte ich erstmal eure Mutter umarmen, die habe ich nämlich auch sehr vermisst."

Wie gesagt, ich habe auch zwei Kinder und kenne solche Konflikte, aber unter der Oberfläche schwelt noch eine ganz andere Frage:"Wie sieht meine Mutter mich?"

Da du objektiv keine Gerechtigkeit herstellen kannst, musst du Kompromisse finden. Was das Hausrecht deiner Tochter angeht, so hat sie immer das letzte Wort. Und sie hat auch das Recht, ihre Meinung zu ändern. Und dein Sohn hat genauso das Recht, sich darüber zu ärgern. Das einzige, was du tun kannst, ist deinen Sohn zu trösten und deinen beiden Kinder beizubringen, wie sie das Ganze sprachlich lösen können.

Ich verstehe überhaupt nicht, warum du ihm die Unternehmung verboten hast. Was wolltest du ihm damit sagen? Und wenn ich das nicht verstehe, hat dein Sohn das vielleicht auch nicht verstanden...

Ich weiß nur, wie ich das bei meinen Kindern machen würde, aber deine Kinder kenne ich dafür zu wenig, um dir konkrete Tipps zu nennen.