Der Traum vom "Alleinesein"

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Forum: Partnerschaft

Eine dauerhafte Partnerschaft ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Lust und Frust liegen da oft nah beieinander. Hier könnt ihr offen ausdrücken, was euch innerlich bewegt.

Beitrag von traeumerin83 21.02.11 - 14:04 Uhr

Hallo,

ich weiß gar nicht genau, warum ich hier jetzt schreibe. Ich glaube, ich möchte einfach mal meine Gedanken loswerden und mir fehlt derzeit jemand, bei dem ich das so unverblümt kann, wie im Internet.

Es geht um mich, meinen Mann, mein Leben mit ihm und mit unserem Sohn. Mein Mann ist Borderliner. Die Diagnose wurde im Rahmen einer Therapie gestellt. Das Leben mit ihm ist noch nie so richtig einfach gewesen, aber es gab durchaus lange schöne Phasen und ich habe auch das GEfühl, dass wir schon eine ganze Menge gemeinsam gemeistert haben. Der psychische Druck, den diese Krankheit auf uns ausübt, war aber schon immer zu spüren. Ich glaube, ich war etwas naiv, denn ich dachte immer: Das schaffen wir schon. Irgendwann wird er so sein, wie er ist, wenn er nicht gerade einen seiner Wutanfälle hat.
Diese Vorstellung von dem Mann, in den ich mich verliebt habe, hat mir immer wieder Kraft gegeben, durchzuhalten. Nun ist es so, dass es seit einigen Monaten eigentlich nur noch bergab geht. Der Alltag mit ihm ist so anstrengend geworden. Die ganze Zeit bin ich auf der Hut, damit ja nichts passiert, was ihn aus dem Takt bringt, denn dann ist er unsicher und Unsicherheit führt zu unkontrollierten Impulsdurchbrüchen, in denen er wild rumschreit, mich beschimpft, mich runtermacht und emotional massiv unter Druck setzt. Neulich habe ich den Begriff verbale Misshandlung gelesen, ich denke, das trifft es ganz gut.
Eigentlich ist er nur noch dabei, sich zu beschweren. Wenn nicht über mich, dann über Menschen, die uns eigentlich nahe stehen. Unser Sohn bekommt all diese Dinge natürlich mit. Er ist noch recht klein (1,5 Jahre) und diese heftigen Wutattacken sind für ihn natürlich sehr bedrohlich. Er ist ein absolutes Mama-Kind. Er spielt und lacht zwar mit seinem Papa, aber wenn er die Wahl hat, ist er immer bei mir. Schutz und Trost sucht er ausschließlich bei mir (das kann natürlich auch bei Kindern so sein, die zwei gesunde Elternteile haben). Unserem Sohn gegenüber verhält er sich meistens absolut einwandfrei. Ich gewinne nur den Eindruck, dass es für ihn anstrengender wird, je trotziger Sohnemann wird.

Alles dreht sich nur noch um die Krankheit. Manchmal habe ich den Eindruck, er nimmt sie als Entschuldigung dafür, dass er sich anderen gegenüber wie ein Idiot benimmt. Und versteht mich nicht falsch, ich glaube sogar, dass die Krankheit der Grund ist, aber er kann sich doch darauf nicht ausruhen. Soll das jetzt immer so weitergehen? Am Abend sagt er, dass er weiß, dass er dringend nochmal eine Therapie machen muss, am nächsten Morgen sieht er das überhaupt nicht mehr und ich bin dann die, die Therapie braucht (was mittlerweile wahrscheinlich sogar stimmt). Ich kann mich überhaupt nicht mehr auf seine Stimmung verlassen. Immer wenn ich denke: Schön, er ist gut drauf, dann rastet er wegen einer Nichtigkeit aus und stellt wieder alles in Frage (die Beziehung, unser Leben, meine Qualitäten als Mutter etc.).

Nun merke ich immer wieder, dass ich in Tagträume versinke. Ich stelle mir dann vor, wie ich mit meinem Sohn in einer süßen kleinen Wohnung wohne...alleine. Ich male mir richtig aus, wie die Wohnung aussieht, wie unser Alltag sich gestaltet usw. Und auch wenn es mir gleichzeitig einen Stich versetzt, so entspanne ich auch bei dem Gedanken, dem psychischen Druck nicht mehr ausgesetzt zu sein.

Nun frage ich mich, warum bin ich noch mit ihm zusammen?
Aus Liebe? Oder ist es doch vielmehr ein Gefühl von Verwantwortung, weil man einen kranken Menschen nicht alleine lässt? Ist es die Angst davor, was dann aus ihm wird, wenn er uns nicht mehr hat? Oder die Angst davor, wie er reagiert, wenn ich mit unserem Kind gehe?

Es herrscht eine Menge Verwirrung in meinem Kopf, aber es tat gut, es einfach mal niederzuschreiben.

Liebe Grüße
Die Träumerin

Beitrag von Alleinesein 21.02.11 - 14:24 Uhr

Nun merke ich immer wieder, dass ich in Tagträume versinke. Ich stelle mir dann vor, wie ich mit meinem Sohn in einer süßen kleinen Wohnung wohne...alleine. Ich male mir richtig aus, wie die Wohnung aussieht, wie unser Alltag sich gestaltet usw. Und auch wenn es mir gleichzeitig einen Stich versetzt, so entspanne ich auch bei dem Gedanken, dem psychischen Druck nicht mehr ausgesetzt zu sein.


Davon habe ich auch jahrelang geträumt. Aus der Traum dann wahr wurde, war es im ersten Moment der Horror, da mein Mann sich von mir getrennt hat.

Nachdem der Schock darüber überwunden war, habe ich jedoch diesen Traum gelebt. Es war wunderschön. Ist es noch immer. Habe zwar wieder einen Mann an meiner Seite, aber jeder behält seine eigene Wohnung.

....

Bei Dir ist es aber wohl komplizierter. Durch die Krankheit Deines Mannes. Werde Dir klar darüber, ob Du ihn noch liebst. Wenn es noch Liebe ist, dann bleib. Versuche aber etwas zu ändern. Hol Dir evtl. Hilfe von Außen, die Krankheit betreffend. Evtl. Selbsthilfegruppe?

Wenn es keine Liebe mehr ist, dann geh! Bleib nicht aus Gewohnheit oder aus Pflichtgefühl bei ihm. Du hast nur das EINE Leben.

Beitrag von traeumerin83 21.02.11 - 14:30 Uhr

Vielen Dank für deine Antwort :-)!

Ja, Hilfe von außen suche ich mir bereits. Einfach auch, um mir über meine Gefühle klar zu werden.

Du hast nur das EINE Leben......dieser Satz kommt mir oft in den Kopf und dann frage ich mich auch jedesmal: Möchtest du so alt werden??!!

Irgendwie ist alles ganz schön kompliziert!

Beitrag von blackcelebration 21.02.11 - 14:33 Uhr

schade finde ich es zwar das "Alleinesein" in schwarz gepostet hat, aber ich finde das was sie gesagt hat total toll.

Schliesse mich in daher einfach mal zu 100% an!!! Und ich gebe mal noch einen schönen Spruch dazu:

Vergiß Deine Träume nicht und opfere deine Wünsche nicht immer wieder dem Alltag.


Wünsch Dir viel Kraft!!!

Beitrag von traeumerin83 21.02.11 - 14:38 Uhr

Dank dir #blume Den Spruch merke ich mir auf jeden Fall :-)

Beitrag von blackcelebration 21.02.11 - 14:36 Uhr

...hast Du schön geschrieben....

Genauso ist es !!!

Beitrag von mareliru 21.02.11 - 22:21 Uhr

Wenn er keine Lust auf Therapie hat, d.h. einem Gesundwerden, warum hast Du dann Lust auf eine Beziehung, die Dich zerstört?
Eine Beziehung, auch die von zwei gesunden Menschen, ist harte Arbeit beiderseits. Ich denke er tut seinen Teil nicht.

Beitrag von alltagsphilosoph 21.02.11 - 16:04 Uhr

Liebe Träumerin,


was Du beschreibst sind alle wesentlichen Merkmale einer typischen Gewaltbeziehung. Das Leben ist in Ordnung, wenn er sich nicht aufregt. Du versuchst alles von ihm fern zu halten, sofern das möglich ist. Du kannst kein Leben mehr führen, ohne die beständige Angst einen seiner Anfälle auszulösen.

Eine Therapie ist in meinen Augen zwingend nötig, wenn diese Beziehung noch irgendwie eine Liebesbeziehung bleiben soll. Denn je weiter die psychische Gewalt in Eurer Leben dringt, desto weniger Platz bleibt darin für Euer Leben.
Wenn Ihr eine Chance haben wollt, lasst Euch helfen - am Besten er allein und ihr als Familie, damit Ihr alle aus diesem Kreislauf ausbrechen könnt.

Falls das nicht geht - trenne Dich.
Klingt hart - es wird auch hart - aber wenn ihr ewig in dieser Abwärtsspirale gefangen seid, schlagt ihr irgendwann auf dem sprichwörtlichen Boden auf.
Und eins ist klar: Je größer Euer Sohn wird, desto schwieriger wird das Ganze.

Alles Liebe,
Christian

Beitrag von traeumerin83 23.02.11 - 17:49 Uhr

Hallo Christian,

ich wollte dir längst geantwortet haben, vielleicht liest du es ja noch!

Es ist schwer sich einzugestehen, dass die eigene Beziehung Merkmale einer Gewaltbeziehung aufweist, aber es ist wohl so. Ich habe gestern allen Mut zusammen genommen und ihm meine Ängste und Gefühle geschildert. Er ist nicht wie erwartet ausgerastet, vielmehr war er traurig darüber, dass es mir so schlecht geht. Wir haben lange geredet und heute hat er als erstes einen Termin bei einem Therapeuten gemacht. Ich schaue mir das jetzt an, habe selber auch einen Termin bei einer Therapeutin und dann werden wir gemeinsam sehen, ob das Aufrechthalten der Beziehung noch Sinn macht.

Ich danke dir auf jeden Fall für deine Antwort, die hat mir deutlich gemacht, dass es so auf jeden Fall nicht weitergehen kann.

Ganz liebe Grüße
träumerin