Krebserkrankung & Psyche

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Forum: Gesundheit & Medizin

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Beitrag von sonnenstern-115 01.03.11 - 17:29 Uhr

Hallo zusammen,

mein Schwiegervater ist letztes Jahr an Krebs erkrankt und leider weitet der sich immer weiter aus. Von den Ärzten haben wir nun erfahren, dass aus medizinischer Sicht bisher noch nicht klar erkennbar ist, ob er den Kampf gewinnen oder verlieren wird. Eines der größten Probleme neben der eigentlichen Erkrankung ist, dass er psychisch so labil ist zur Zeit. Er sieht keinen Fortschritt bei der Heilung, er erinnert sich daran, wie elendig seine Frau an Krebs gestorben ist und er entwickelt kaum psychische Kräfte, um gegen den Krebs zu kämpfen. Er hat inzwischen Depressionen, verweigert aber Antidepressiva, möchte bzw. kann aber auch nicht großartig über die ganzen Dinge reden. Die Ärzte meinten, wir sollten unbedingt darauf hinwirken, dass er wieder etwas positiver nach vorne schauen kann, denn wenn er aufgeben sollte, gibt es keine Rettung mehr für ihn.

Aber wie macht man das? Ich gehe regelmäßig mit seinem Enkel hin, an dem er Freude hat. Wir besuchen ihn alle regelmäßig, damit er merkt, dass wir zu ihm halten und für ihn da sind. Wir bringen ihm Obst und was zum Lesen mit, aber irgendwie bringt das alles nix.

Was kann ich / können wir noch tun? Er hat keine Hobbies oder besondere Vorlieben, er liest nicht, essen geht ganz schlecht (unser Obst müssen wir größtenteils unangetastet wieder mitnehmen), da er entweder Schmerzen oder keinen Appetit hat. Alles doof!

Kann jemand Tipps geben, wie man einen so kranken Menschen psychisch etwas auf die Beine helfen kann? Wir wissen nicht weiter.

Danke und liebe Grüße,

Sonnenstern

Beitrag von schwilis1 01.03.11 - 18:41 Uhr

meiner Mama hatte es immer geholfen ihren enkel zu sehen, da ist sie aufgeblüht. obwohl sie voller Hoffnung war und gekämpft hat wie ein Löwe hat sie den Kampf verloren (aber nach 20 jahren Krebs darf man das auch! )

ich fürchte baer, wenn er schon aufgegeben hat, dass es schwer wird ihn wieder zurück zuholen

Beitrag von sonnenstern-115 01.03.11 - 18:55 Uhr

Er realisiert halt immer mehr, dass er sein bisheriges Leben nicht mehr leben werden kann. Er ist Rentner, hat seit dem Tod seiner ersten Frau immer ein halbes Jahr auf Mauritius in Saus und Braus gelebt und das zweite halbe Jahr in Ungarn. Dazwischen war er für wenige Wochen in Deutschland.

Ich glaube, er hat noch nicht völlig resigniert, aber er weiß auch nicht, wie es mit Krebs weitergehen könnte...

Und ich denke, er hat eine saumäßige Angst so zu leiden wie seine Frau leiden musste.

Aber die Angst blockiert ihn eben noch mehr.... Echt totaler Mist!

Beitrag von schwilis1 01.03.11 - 19:03 Uhr

das ist es. Ist er einigermaßen stabil? kann man mit ihm Ausflüge machen?
Dann würd ich ihn mir schnappen und ihm zeigen was so lebenswert ist.


Nicht jeder leidet bei Krebs. meinê mutter hat^te nên hiRNTumOR uND hat nicht eine schmerztablette gebraucht

Beitrag von sonnenstern-115 01.03.11 - 21:15 Uhr

Das ist ja krass!

Er hat leider ziemliche Schmerzen momentan. Letztes Jahr hatte er einen Tumor, der das Rippenfell, die Lunge und das Zwerchfell befallen hatte. Den hat man gut in den Griff bekommen. Aber das Mistding hat metastasiert und jetzt sitzt das Bauchfell voller kleiner Tumore, die auch von außen tastbar sind. Das Blöde daran ist, dass die Tumore ziemlich viel Wasser bilden und es in den Bauchraum abgeben. Er sieht momentan aus, als ob er im 9. Monat schwanger wäre. Die Organe werden zusammengedrückt bzw. nach oben gedrückt und so hat er ständig Spannungsschmerzen im Bauch. Echt nervig.

Wenn die Ärzte das Wasser in den Griff bekommen, kann er Ausflüge machen. Momentan geht das leider nicht.

Liebe Grüße dir,

Sonnenstern

Beitrag von golm1512 02.03.11 - 06:15 Uhr

Guten Morgen!

Ich habe das Gefühl, dass dein Schwiegervater viel mehr realisiert hat, was mit ihm los ist als ihr. Das meine ich jetzt weder wertend noch böse.

Bei seiner Diagnose ist sehr unwahrscheinlich, dass seine Lebensqualität sich noch wesentlich verbessert. Da liegt jetzt ein reiselustiger und eigentlich lebensfroher Mensch mit einer schlimmen Prognose im KH. Ich finde, er hat allen Grund depressiv zu sein.
So was kann man nicht mit Antidepressiva wieder weg kriegen.

Seid einfach da und tragt seine Entscheidungen mit. Und wenn er traurig ist, dann ist er es und müsst versuchen, das auszuhalten. Und hinhören, was er zu sagen hat! Und zu ihm stehen, egal, für was er sich entscheidet. Wenn er sich jetzt entscheidet, nicht mehr dagegen anzukämpfen, dann wird das seine Gründe haben.

Durchhalteparolen finde ich völlig fehl am Platz. Wenn er nach draußen will, geht ihr raus. Wenn er sich an seinem Enkel erfreut, dann nehmt ihr den mit ins KH. Wenn er seine Ruhe haben will, dann lasst ihr ihn in Ruhe.
Ich würde ihn so oft besuchen wie es geht und einfach nur da sein wollen. Den Rest wird er mitteilen. Da bin ich sicher.

Habt ihr schon mal über eine Palliativstation oder ein Hospiz nachgedacht? Die würden ihn begleiten und nicht versuchen, die begründete Traurigkeit mit Antidepressiva zu behandeln. Ihr hättet ebenfalls Begleitung und würdet nicht mit der Aufgabe, den Vater gefälligst positiv zu beeinflussen, allein gelassen. Die Aufgabe gäbe es überhaupt nicht....


Viele Grüße
Susanne


Beitrag von sonnenstern-115 03.03.11 - 22:17 Uhr

Hallo Susanne,

du hast so ausführlich geantwortet, dafür schon einmal ein großes Danke. Auch möchte ich gerne auf ein paar Bemerkungen von dir eingehen.

Leider hat sich die Situation meines Schwiegervaters auch weiter verschlechtert, sodass sich manches heute ganz anders darstellt als noch am Anfang dieser Woche.

Hm, ich weiß nicht, ob er wirklich mehr realisiert hat, was los ist als wir es als Angehörige getan haben. Die Ärzte haben uns inzwischen mitgeteilt, dass er nicht zu retten ist und wir in Kürze mit seinem Tod rechnen müssen. Ihm hat man das nicht gesagt. Er bekommt starke Medikamente und die Ärzte tun alles, damit er nicht leiden muss. Wahrscheinlich spürt er, was bevorsteht, vielleicht ahnt er es, aber ob er es wirklich weiß? Keine Ahnung.

Ich denke auch, dass es völlig normal und auch in Ordnung ist, dass er auch mit der ursprünglichen Diagnose depressiv ist. Meine Hoffnung - bevor wir die letzte Botschaft gehört haben - war, dass man ihn mit Hilfe der im Klinikum angewandten Psychoonkologie helfen kann, aber auch dazu ist es jetzt zu spät. Sein Körper hat bereits aufgegeben, das Nierenversagen steht bevor. Die Antidepressiva sind von vornherein ausgeschieden, da er generell gegen Psychopharmaka steht. Wahrscheinlich ist das in meinen vorherigen Beiträgen falsch angeklungen - ganz so, als ob wir ihn quasi damit vollstopfen wollten.

Bin selber vor einigen Jahren psychisch erkrankt und habe Psychopharmaka absolut abgelehnt. Insofern werde ich gewiss niemanden dazu drängen, diese zu nehmen. :-)

Zurück zum eigentlichen Thema:

Wir haben das jetzt so gehandhabt, dass wir ihn besuchen, wenn er es mag, seinen Enkel darf er immer sehen, wenn er es mag, wenn er nichts von uns sehen / hören möchte, ist das auch in Ordnung. Denke, dass wir ihn so am besten begleiten können.

Ein Punkt aus deinem Beitrag liegt mir aber dennoch am Herzen: du sprichst von Durchhalteparolen. Daran haben wir nie gedacht und auch die Ärztin hat das nie so drastisch formuliert. Anfang der Woche sah es medizinisch eben noch so aus, als ob das nun Unausweichliche vermieden werden kann, wenn man einerseits die Erkrankung wieder in ruhigere Bahnen lenken und andererseits auch die Psyche unterstützt, indem wir versuchen, ihm den familiären Halt zu geben, den er braucht.

Für ein Hospiz ist es ebenfalls zu spät. Er bleibt im Krankenhaus bis zum Schluss. Er wird gut umsorgt und sowohl das dortige Personal als auch wir als Angehörige erfüllen ihm die Wünsche, die er noch hat. Mehr können wir gerade nicht tun. Wir gehen mit ihm seinen letzten Weg!

Danke dir nochmal für die ausführliche Antwort.

Liebe Grüße,


Sonnenstern

Beitrag von golm1512 04.03.11 - 08:49 Uhr

Hallo Sonnenstern!

Kam das, was ich dir geschrieben habe, so an, dass ich euch kritisieren wollte? Das wollte ich aber nicht.

Ich habe ewig im Krankenhaus gearbeitet und mein großer Ärger war der Umgang mit Sterbenden und Schwerstkranken. Ärzte haben die Neigung, sich mit doofen Sprüchen aus der Affaire zu ziehen. Deshalb bin ich am Ende auf der Palliativstation gelandet.

Die Ärztin hat zu euch gesagt, dein Schwiegervater müsse eine positivere Einstellung bekommen, damit er eine Chance gegen den Krebs hat. Das ist Quark! Wenn jemand durchmetastasiert ist und sogar welche am Bauchfell hat, dann ist das eine todbringende Erkrankung. Und zwar keine, mit der man noch lange leben kann. Er hatte keine Chance mehr.

Dein Schwiegervater weiß das, weil er es merkt. Er merkt die rasch zunehmende Schwäche, er hat Schmerzen und durch den Ascites wahrscheinlich auch Luftnot. Vielleicht kann er all das nicht in Worte fassen, aber er weiß es 100%ig. Wärst du in diesem Zustand guter Dinge und "positiv"? Ich finde einfach, es wären andere Dinge als ihn aufzumuntern wichtiger gewesen. Man hätte euch als Familie auch anders auf alles vorbereiten können.

Ich bin weder für noch gegen Psychopharmaka. Bei vielen Erkrankungen haben sie (begleitend zu anderen Therapien) ihren Sinn. Dein Schwiegervater hat aber allen Grund traurig und depressiv zu sein. Es ist schwer das auszuhalten, aber was sollen denn Antidepressiva bringen?
Sie einem Sterbenden zu geben, finde ich zynisch. Ich bin auch manchmal traurig und unglücklich und will auch das Recht haben, es hin und wieder zu sein. Dagegen gibt es keine Tablette. Wenn ich sterbenskrank bin, wünsche ich mir, dass ich irgendwann bereit bin zum Sterben, aber bis dahin muss man doch irgendwie mit all den Nachrichten umgehen. Da muss man doch auch mal traurig und verzweifelt sein dürfen. Ich wünsche mir dann Menschen, die das aushalten und nicht versuchen, dass mit Medikamenten zuzukleistern, damit sie es selber einfacher haben.
Verstehst du, was ich meine? Ich ärgere mich, dass man euch, statt euch zu begleiten und Traurigkeit zuzulassen, damit belämmert, den Vater auf positivere Gedanken zu bringen. Die Aufgabe ist nicht lösbar. Das ist ein Abwälzen der eigenen Ängste. Ich meine die Ängste der Ärzte.

Wichtiger hätte ich gefunden, ehrlich zu sein und IMMER gesprächsbereit zu sein. Damit meine nicht euch, sondern die behandelnden Ärzte. Wichtiger hätte ich gefunden, ihn gescheit mit Schmerzmitteln abzudecken und aufzuhören ihn zu drängen. Wichtiger hätte ich gefunden, wenn euch jemand eher auf den Gedanken an Hospiz oder Palliativstation gebracht hätte.

Wenn meine erste Antwort etwas patzig geklungen hat, dann nicht deinetwegen oder wegen dem, was du geschrieben hast. Mir liegen Sterbende und Schwerstkranke sehr am Herzen (steht auch in meinem Arbeitszeugnis) und es macht mich wütend, dass sich anscheinend so wenig geändert hat und dass so wenig in den Köpfen angekommen ist.

Ich wünsche euch alles Gute für den letzten Weg. Macht einfach das, wonach euch ist. Seid da (aber ihr dürft auch gehen, wenn ihr eine Auszeit benötigt), lacht oder weint, nehmt das Kind mit.

Viele Grüße
Susanne