Dem Gefühl trauen? Freund "distanziert"

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Forum: Partnerschaft

Eine dauerhafte Partnerschaft ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Lust und Frust liegen da oft nah beieinander. Hier könnt ihr offen ausdrücken, was euch innerlich bewegt.

Beitrag von Argus 08.03.11 - 13:18 Uhr

Hi,

ich weiß, daß man mir bei meiner Frage bzw zu meinen Überlegungen wohl eher kaum einen Rat geben kann, trotzdem wollte ich hier mal etwas "erzählen":

Mein Freund und ich sind seit fast 10 Monaten zusammen. Wir sind sehr glücklich, alles passt scheinbar quasi perfekt. Er ist selbständig, bis zum Beginn des Jahres war er das mit einem Freund zusammen, dann haben sich die beiden aus verschiedenen Gründen getrennt. Mein Freund macht nun dasselbe weiter wie zuvor, es läuft auch gut. Trotzdem ist das natürlich eine nervlich aufreibende Zeit. Er arbeitet viel, ist allgemein genervter laut eigener Aussage - läßt das allerdings nicht an mir aus.

Allerdings bemerke ich seit einigen Wochen eine Veränderung bei ihm. Ich bin recht empathisch, ich merke, wenn etwas nicht stimmt, auch bei quasi Fremden, wenn zwischenmenschlich irgendetwas im Argen liegt o.ä. So um die Zeit, als die Geschäftspartner sich getrennt haben, habe ich das erste Mal dieses Gefühl gehabt, das war im Januar/Februar. Letzte Woche habe ich es dann angesprochen, ich kann schlecht hinter dem Berg halten, wenn ich mich unwohl fühle.

Ich kann nicht so recht den Finger drauf legen, aber im Moment geht fast alles mehr emotionale in der Beziehung irgendwie von mir aus. Wann/Ob wir einander treffen..aber auch Küsse, Umarmungen.. von ihm aus passiert da fast gar nichts mehr. Unser Sexleben ist weiterhin wild und aufregend, das geht auch sehr von ihm aus. Wir gehen zusammen aus, zu Einladungen, letztens waren wir in der Oper.. er hat mir von einem Geschenk für mich erzählt, das er schon lang "besitzt" und das für ein besonderes Mädchen ist.. und das ich dieses Mädchen bin usw. Er setzt sich abends zu meinem Sohn ans Bett, bis dieser schläft.. ohne darum gebeten zu werden.

Also.. eigentlich kann ich "nichts sagen"! Er war auch sehr erstaunt und meinte, er merkt davon nichts.. er macht es nicht absichtlich, er ist glücklich, er möchte, daß ich auch glücklich bin. Trotzdem habe ich weiterhin ein so unwohles Gefühl, es ist so stark, daß ich mich echt frage, woher das kommt?! Ich habe heute mit meiner Mutter geredet die meinte, vielleicht sei er genervt oder alles werde ihm zu eng.. auch mit dem Kind (wir wohnen natürlich nicht zusammen, mein Freund und ich!). Dann habe ich gesagt, daß ich das nicht weiß, daß ich ihn ja angesprochen habe und ihn einleitend gefragt habe, ob er irgendetwas hat, ob er glücklich ist mit unserer Beziehung? Und das das ja nun der Zeitpunkt gewesen wäre, was zu sagen, wenn er es von sich aus nicht macht.. hat er aber nicht.

Ich bin inzwischen echt so weit, mich zu distanzieren.. von selbst keine Treffen vorzuschlagen, ihn bei Treffen auch nicht mehr von mir aus zu küssen usw. ER sieht ja kein Problem, vielleicht fällt es ihm dann auf? Ich will keinesfalls Spielchen mit ihm spielen. Ich liebe ihn, er ist mir sehr wichtig, vermutlich mache ich mir auch deswegen diese vielen Gedanken darum. Andererseits habe ich keine Lust auf eine Beziehung in der ich denke, er ist mir wichtiger als ich ihm - das sollte bitte ausgewogen sein.

Ich weiß es einfach nicht!

Hinzu kommt, dass wir beide nicht das Herz auf der Zunge tragen, was unsere Gefühle angeht.. wir sagen einander seltenst, was wir füreinander empfinden. Das vermisse ich, das habe ich auch angesprochen.. natürlich hat er recht wenn er sagt, daß ich auch nichts in der Richtung sage. Aber seit Wochen denke ich eben, was empfindet er eigentlich für mich? Er sagt, daß es doch viel wichtiger sei, daß er mir zeigt, was er empfindet, als etwas zu sagen, was in seinen Augen eh meist nur Floskeln sind. Das stimmt natürlich auch - aber das vermisse ich ja auch, daß er zB Nähe sucht. Das war bis vor wenigen Wochen GANZ anders! Da hat er mich umarmt, mal an sich gezogen, spontan geküsst..

Ich nerve mich selbst mit meinen Empfindungen, aber bisher konnte ich immer auf sie vertrauen! Dann führe ich mir vor Augen, daß er sich aber eigentlich untadelig verhält usw.. ich bin echt neben mir, was das angeht. Wir sind übrigens beide 31, also erwachsen, gehen arbeiten, haben getrennte Freundeskreise, usw usw, sind keine Klammeraffen und eigentlich sehr entspannt. Deswegen nervt es mich noch viel mehr, daß ich so .. bin momentan.

Hat irgendjemand die Zeit-den Nerv für eine "Einschätzung", ohne uns zu kennen und nur aufgrund meiner Aussagen?

Beitrag von badguy 08.03.11 - 13:30 Uhr

Weißt du, wenn meine Frau morgens um halb fünf aufsteht und abends um fünf heimkommt, dann fällt sie mir auch nicht um den Hals. Dann freut sie sich, wenn die Waschmaschine schon läuft, ich schon angefangen habe, was zu Essen zu machen und ich sie ein klein wenig in Ruhe lasse.

Ich halte dich nicht für empathisch, sondern für ein bockiges kleines Kind, dass gerne im Mittelpunkt stehen würde und es nicht tut.

Beitrag von schnee-weisschen 08.03.11 - 13:56 Uhr

Hallo,

das stimmt, meiner Meinung nach, nicht (letzter Satz).
Sie macht an diesem Verhalten (Nähe > Umarmungen etc.) die Qualität der Beziehung fest.
Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass sie im Vordergrund stehen will.

Zudem ist es wohl ein kleiner Unterschied, ob man 10 Monate zusammen, oder schon längst verheiratet ist.
Sie ist praktisch noch in der Kennenlern-Phase und versucht die Situation zu analysieren, um sich "richtig" verhalten zu können, weil ihr der Mann wichtig ist.

Gruß

sw

Beitrag von badguy 08.03.11 - 14:19 Uhr

Richtiges Verhalten wäre m. E. aufeinander zugehen, integrativ den anderen unterstützen.

Sie geht hin und will sich distanzieren weil sie nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die sie gerne hätte. Will aufhören, den ersten Schritt zu tun, weil er es nicht macht. Will keine Zärtlichkeiten geben, wenn sie den Anfang machen muss.

Wenn sie das macht, geht die Beziehung eventuell recht schnell den Bach runter.

Beitrag von schnee-weisschen 08.03.11 - 14:33 Uhr

Das sehe ich anders.
Wenn er sich nähetechnisch zurückzieht, dann hat das einen Grund. Bei meinem Mann würde es heissen, dass er keine Nähe möchte, weil er gestresst ist, oder müde, oder krank.
Es heisst "Lass mich bitte in Ruhe, bis ich wieder auf dich zukomme."

Würde die TE ihrem Freund jetzt besonders körperlich kommen, wäre Rückzug die Folge, da bin ich mir ziemlich sicher.

In ner guten Beziehung kann man auch mal abwarten und dem anderen Zeit geben, bis er sich event. selbst offenbart, ohne hysterisch "herumzunähen".
Klug wäre, sich unverändert freundlich zu verhalten, ohne irgendetwas einzufordern (auch nicht durch eigenen Aktionismus).

Beitrag von badguy 08.03.11 - 14:49 Uhr

Es heisst "Lass mich bitte in Ruhe, bis ich wieder auf dich zukomme."

Dafür ist ja jeder Mensch anders. Es ist immer gut, wenn man seinen Partner/in versteht, keine Frage.

Nur schreibt die TE ja, dass der Sex passt, wenn sie den ersten Schritt macht. Bei uns ist das ähnlich. In Stressphasen können meine Frau und ich fast körperlos zusammen leben. Wenn man dann aber Sex hat, weil einer feststellt, dass Sex noch mal angesagt ist, kommen wir immer zu dem Schluss, dass gerade diese Zeit dann gut tut und entspannt.

Klug wäre, sich unverändert freundlich zu verhalten, ohne irgendetwas einzufordern (auch nicht durch eigenen Aktionismus).

Dann sind wir uns ja grundlegend einig, ich sprach ja auch von integrativem Verhalten.

Beitrag von Argus 08.03.11 - 20:45 Uhr

Hi,

autsch.. das war nun unerwartet.

Ich habe über das, was Du gesagt hast, nachgedacht, und muß es verneinen - den letzten Absatz.

Was Du oben beschreibst, kann ich und mache ich auch. Ich hänge meinem Freund nicht auf der Pelle und bin völlig imstande, ihn in Ruhe zu lassen. Und undramatisch zu sein.
Trotzdem hat sich seine Verhaltensweise in manchen Punkten geändert. Das habe ich drei bis vier Wochen unkommentiert gelassen, es dann aber angesprochen - ganz normal, wie ich finde.

Ich stehe für ihn durchaus im Mittelpunkt, das merke ich ja. Aber etwas fehlt, das vorher da war.. oder ist weniger geworden, so stimmt es wohl. Vielleicht bin ich im Moment auch unpassend sensibel. Aber bockig sicher nicht. Ich warte nun einfach mal ab und bin weiter herzlich zu ihm, wie stets.

Danke für Deine Antwort.

Beitrag von schnee-weisschen 08.03.11 - 14:10 Uhr

Hey,

wenn ich das so lese, denke ich nicht, dass es direkt mit Dir zusammenhängt.
Vielleicht hat er Probleme mit dem Laden (?). Hat er Leute, die ihn diesbezüglich unterstützen?
Probleme innerhalb seiner Familie (Mutter, Vater, Geschwister...)?

Wenn mein Mann vom Laden gestresst ist, bekomme ich auch weniger Nähe. Einfach, weil er den Kopf nicht frei hat.
Bei Frauen ist es anders herum... gerade Nähe, wenn... ;-)

Ich würde nicht mehr weiter fragen, was los ist. Ich würde einfach sagen, dass Du ihn für ihn da bist, auch, wenn es schwierig werden sollte, und ihn dann in Ruhe lassen.
Auch nicht auf Körperlichkeit drängen, das könnte event. zu nem Rückzug führen, weil er sich in der jetzigen Situation bedrängt fühlt.

Dass er ne andere hat, glaube ich nicht. Das, was Du geschrieben hast, hört sich sehr danach an, als wäre es ihm ernst mit Dir.

Am besten, Du schiebst die Angst, ihn verlieren zu können einfach beiseite. Wäre zwischen Euch etwas nicht i.O. würde er vielleicht Liebesschwüre von sich geben, aber sich nicht dazu passend verhalten. Das tut er nicht ;-)


LG

sw

Beitrag von Argus 08.03.11 - 20:51 Uhr

Hi,

danke für Deine entspannende Antwort.

Ich denke nicht entfernt, daß er eine andere hat ;-), diese Sorge habe ich gar nicht.

In der Firma ist es sehr stressig, das stimmt. Ich weiß auch sehr zu schätzen, was er alles macht, wie er ist, wie aufmerksam und liebevoll. Deswegen vermisse ich es, wenn ich das Gefühl habe, ich bekomme zu wenig von der Nähe, die er spontan zu mir sucht, wie ich eben seine suche.

Ich nehme mir Deinen Rat zu Herzen und werde es erstmal nicht wieder ansprechen. Ich werde da sein, aber ich werde nicht mehr "so sehr" seine Nähe suchen (was ich nie übertrieben mache, aber ich werde mich trotzdem etwas zurückhalten und schauen, ob er mehr "zu mir" kommen kann wieder).

In seiner Familie gibt es keine Probleme, seine Eltern unterstützen ihn (auch wenn ihm das in gewisser Weise nicht passt), die Firma läuft, auch mit seinen Partnern. Er war auch eine Ewigkeit nicht mehr im Urlaub oder hat mal zwei Tage am Stück frei gemacht.

Ich denke.. das bekommen wir hin #verliebt

Danke nochmal! #klee

Beitrag von joulins 08.03.11 - 22:58 Uhr

Hallo Argus,

ich kann sehr gut verstehen, dass dich das beunruhigt, und auch irgendwie verletzt.

Prinzipiell würde ich sagen, sind "Bauchgefühle" in dieser Hinsicht NIE falsch. Aus irgendwelchen Gründen zieht er sich gerade etwas zurück. Das tut weh, weil du noch nicht soweit bist, jetzt schon (etwas) loszulassen. Du willst dich weiterhin absolut gewollt fühlen, um sicher und entspannt zu sein, aber diese Signale kommen gerade nicht von ihm. Das von dir empfundene Ungleichgewicht zieht dir momentan den Boden weg für ein entspanntes Miteinander; jedes Thema, das sich um Pläne rankt, wird eine emotionale Schlitterpartie.

Mit seinem minimalen Rückzug in sich selbst zwingt er dich, außerhalb deines "sicheren" Territoriums zu spielen, und das bedeutet, dass du mehr investieren musst, als du bekommst. Das verletzt deinen Stolz.

Ich weiß ja nicht, wie das in deinen anderen Beziehungen war, aber ich kann aus Erfahrung sagen, dass es ungleich schwerer ist, eine solche Situation zu ertragen, wenn man normalerweise immer der emotional "Stärkere" war, und die Gelassenheit hatte, den anderen "kommen" zu lassen, nach dem Motto: ist doch egal, ob wir uns am Montag sehen, oder erst am Donnerstag wieder.

Lösung?
Keine Ahnung. Darüber gesprochen habt ihr ja schon.
Ich tendiere dazu, Schneewittchen hier recht zu geben. Freundlich bleiben, abwarten, keine Dramenthemen aufmachen. Aber das verlangt dir gerade verdammt viel Selbstbeherrschung ab.

Ich selbst würde das vermutlich nicht allzu lange aushalten können, weil es auf Dauer etwas mit mir machen würde, das ich an mir nicht mögen würde: ich würde mich klein, abhängig und bittstellerisch fühlen. So will ich mich selbst nicht wahrnehmen.

Vielleicht ist es gut, wenn du dir (ohne es zu thematisieren) ein inneres Ultimatum setzt, in etwa: bis Ende Mai halte ich das noch durch, und schau, wie es sich entwickelt. Dann sollte ein weiteres Gespräch stattfinden, bei dem du ihm und dir selbst gegenüber sehr ehrlich sein solltest.

Vielleicht haben sich in euch ja auch unterschiedliche emotionale Temperamente getroffen, die sich nun, nach der ersten Verliebtheit, offenbaren. Dann musst du dich fragen, ob du dir vorstellen kannst, diese Situation die nächsten Jahre so mitzutragen.

Das ist sicher alles nicht einfach für dich, und zieht gerade eine Menge Kraft ab.
Ich wünsch dir auf jeden Fall einen klaren Geist, und dass du weiterhin ehrlich zu dir selbst sein kannst.

Alles Gute!
Joulins