Meine depressive Mutter

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Forum: Familienleben

Die Oma füttert die Kinder übermäßig mit Süßigkeiten, Probleme mit der Schwiegermutter, Tipps zum Feiern der Taufe: Hier ist Platz für alle Themen rund um die Familie.

Beitrag von broe 13.03.11 - 14:27 Uhr

Hallo,

hab das noch nie gemacht, aber ich kann bald nicht mehr. Vielleicht hilft es, es niederzuschreiben. Aber es wird mit Sicherheit lang.

Ich bin fast 29, bekomme mein 2. Kind und habe gerade mal wieder mit meiner Mutter gestritten. 5x hat sie mir den Hörer aufgeknallt. Ich will nicht mehr zurückrufen.

Als ich 13 war hat mein Vater sie wegen einer anderen verlassen. Zuvor hatte ich sie immer für eine starke Frau gehalten. Ich hätte auch nie gedacht, dass eine Trennung für SIE so traumatisch sein würde. Denn sie nörgelte damals eher herum, so dass man eher hätte denken können, SIE würde eines Tages gehen.

Dem war aber nicht so. Nach der Trennung hatte sie nichts mehr im Griff. Sie begann zu trinken, mal kaum, mal weniger, mal mehr.

Psychopharmaka waren Thema, sie wurde schwer depressiv. Als junges Mädchen rechnete ich ständig damit sie im Haus tot aufzufinden, sie drohte indirekt damit sich umzubringen, ich habe regelrechte Kontrollgänge zuhause durchgeführt.
Es ist im Grunde ein Wunder, dass meine Schwester und ich nicht auch voll unter die Räder gekommen sind. Aber irgendwie gab's wohl doch noch einen Rahmen. Unseren Vater sahen wir 14-tägig, und es gab ja auch stabilere Phasen.
In meiner Kindheit und Jugend habe ich wohl einiges verdrängt, ich habe mich nie richtig unglücklich gefühlt.
Mit dem Erwachsenwerden kam aber irgendwie auch der Schock, solch eine Mutter zu haben.
Seitdem sie verlassen wurde habe ich 10 Jahre lang immer wieder Aufbauarbeit geleistet, Tränen getrocknet, versucht sie vom Schlimmsten (was immer das dann auch ist) abzuhalten. Ich dachte, ich müsse sie retten. Und immer wieder der Alkohol. Oder Alkohol in Verbindung mit Medikamenten. Ich habe sie erlebt, in Momenten, wo sie lallte, schwankte und keine Kontrolle mehr zu haben schien. Dann wieder die Versprechungen, sie würde etwas ändern. Ich habe mir immer wieder Hoffnung gemacht. Und bin enttäuscht worden.

Mit 21 Jahren bin ich ausgezogen. Einige Jahre später habe ich angefangen den Kontakt auf Nötigste zu begrenzen. Das hat mir gut getan. Ich habe mich therapeutisch unterstützen lassen und erkannt, dass ich sie nicht retten kann. Und ich will auch nicht mehr! Ich habe dafür keine Kraft mehr, keine Energie und auch keine Lust.

Seit der Geburt meines Sohnes, ihres ersten Enkels, ist zwangsläufig wieder etwas mehr Kontakt da. In den wenigen Gesprächen, die uns wirklich weitergebracht haben, habe ich schon verstanden, dass sie mich/uns liebt, dass sie im Grunde weiß, was falsch gelaufen ist und dass sie auch um eine positive gemeinsame Zukunft bemüht wäre. Es schwingt aber auch immer ein Druck mit: "Du bist mein Ein und Alles, aber das bin ich für Dich ja nicht"... Ich bemühe mich, nicht mehr auf solche Manipulation und Provokation einzusteigen, aber es ist schwierig.

Eben hat sie mir dann zum x-ten Mal etwas vorgeheult (keiner liebt mich, ich habe niemanden, etc.. dabei hat sie einen Freund und noch eine weitere Tochter, plus zwei Schwiegersöhne, plus einen Enkel), von Suizid gesprochen (indirekt) und eben Druck gemacht (Nie kommst Du vorbei, Du brauchst mich ja garnicht).

Ich weiß, sie ist krank. Es ist eine Depression und keine "Anstellerei."

Aber mein Verständnis und meine Geduld sind aufgebraucht.
Ich gebe jetzt hier zu: Ich hasse sie, ich würde am liebsten nie mehr mit ihr reden und bloß in Ruhe gelassen werden. Dieses Gejammere kotzt mich sowas von an und ich Lust ihr mal zu sagen, dass sie meine Kindheit zerstört hat und sich jetzt aus dem Leben meiner Familie raushalten soll.

Ich will einfach nicht mehr ihr Seelenmülleimer sein. Und es bringt auch keinem etwas - Egal, was wir getan haben: Sie unterstützt oder nicht, uns häufig oder selten gemeldet. Ihr Wohlbefinden konnten wir nie positiv beeinflussen. Ich glaube inzwischen, dass nur sie das in der Hand hat.

Klingt kalt, oder? Ich fühle mich auch damit nicht besonders, aber die Verantwortung für ihr Leben kann und will ich nicht (mehr) tragen.

In therapeutischer Begleitung ist sie übrigens meistens, sie hat sich auch kürzlich um ehrenamtliche Tätigkeiten bemüht, da sie nicht erwerbstätig ist (Invalidität-Bandscheibenvorfall).

So. Das musste einfach mal raus. Schriftlich. Gesprochen habe ich schon oft drüber, meine Familie und Freudeskreis wissen Bescheid und stehen voll hinter mir.

Danke für's ZuLESEN.

LG, broe

Beitrag von sumalie72 13.03.11 - 16:45 Uhr

Hallo Broe

Wow, du hast ja echt schon viel mitgemacht.

Ich weiss nicht ob ich das so lange ausgehalten haette.

Mein Vater ist Alkoholiker, und er hat auch staendig versprechungen gemacht, und irgendwann hat es mir gereicht. Ich habe 3 Jahre lang den Kontakt abgebrochen. Ich habe ihn ueberhaupt nicht vermisst. Jetzt habe ich wieder Kontakt zu ihn, aber es ist ziemlich begrenzt.

Vielleicht solltest du deine Ma einfach gar nicht mehr anrufen. Wenn sie dich dann anruft, und dir vor jammert dass du dich nicht um sie kuemmerst, sagt ihr klipp und klar dass sie sich wieder melden kann wenn sie aufhoert zu noergeln. Sag ihr dass du dieses Gesabbel nicht mehr hoeren moechtest, und leg einfach auf.

Ich denke fuer dich ist das Beste dass du den Kontakt total einschraenkst. Besonders wenn du das Gefuehlt hast sie zu hassen.

Lieben Gruss
Heike

Beitrag von luka22 13.03.11 - 21:12 Uhr

Ich denke du hast deine Situation selber schon komplett analysiert. Hinter jedem Absatz kann man nur schreiben: Ja, stimmt! Und trotz dem, dass du alles weißt: dass du sie nicht retten kannst, dass es keine Aussicht auf Heilung und Besserung ihrer Situation gibt, ist es eben schwer loszulassen. Es ist deine Mutter und auch wenn sie dir eine schreckliche Kindheit bereitet hat, so hofft man doch insgeheim, dass man das bekommt, wonach man sich schon immer gesehnt, vielleicht verzehrt hat: mütterliche Liebe, Zuneigung, das Gefühl des Angenommenseins ohne Wenn und Aber, Geborgenheit. Ich denke das ist eine zutiefst menschliche Sehnsucht. Und auch, wenn du weißt, dass alles Hoffen vergebens ist und du diese Hoffnung quasi begraben kannst, fällt es einem doch unendlich schwer wirklich loszulassen. Noch schwieriger ist es, weil deine Mutter eigentlich krank ist und für ihren Zustand nur bedingt etwas kann. Da fällt es einem als Tochter auch nicht gerade einfach sie ihrem Schicksal zu überlassen. Das Wichtigste hast du schon geschrieben: Du kannst ihr Wohlbefinden durch Nichts zum Positiven verändern. Es ist alles versucht. Ja, damit muss man wirklich abschließen. Ich würde als Tochter vielleicht versuchen, sie irgendwo unterzubringen, wo sie zumindest "sicher" vor sich selber ist.
Deine negativen GEfühle gegenüber ihr, kann ich mehr als nachvollziehen. Auch mir geht es so, dass man als Erwachsenene GEschehnisse in der Kindheit plötzlich ganz neu bewertet. Als Kind akzeptiert man einfach alles. Das, was zu Hause läuft ist "normal". Als ERwachsene ist man erst in der Lage bestimmte Situationen einzuordnen und zu bewerten.
Für dein Seelenleben wäre es wichtig, deine Kindheit therapeutisch aufzuarbeiten, das hast du schon getan, bzw. bist dabei. Irgendwann schaffst du es vielleicht auch deiner Mutter zu verzeihen? Vielleicht kannst du dann das Gefühl "Hass" durch "Mitleid" ersetzen. Ich denke damit könntest du leichter leben.
Ich habe großen Respekt vor dir, dass du trotz aller Widrigkeiten eine positive Wendung in deinem Leben herbeiführen konntest. Das hat sicher sehr viel Kraft gekostet und ist eine unglaubliche Leistung. Du kannst sehr stolz auf dich sein!

Ganz liebe Grüße
Luka