Was ist der Unterschied zwischen geteiltes Sorgerecht und keins?

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Forum: Erziehung

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Beitrag von engel83w 16.03.11 - 10:31 Uhr

Hi mädels,

mein mann hat aus erster ehe zwei kinder. Er u seine Exfrau haben das geteilte Sorgerecht. Nun will sie unbedingt das alleinige Sorgerecht. Sie sagt da würde sich für ihn nicht viel ändern ausser das sie nicht ständig für alles eine Unterschrift von ihm braucht. Aber das kann doch nicht stimmen oder? Er wird ihr auf alle Fälle nicht das alleinige Sorgerecht geben und Chancen hat sie eh nicht. Aber mich würde mal interessieren was da die Unterschiede sind?

Lg Patricia

Beitrag von tauchmaus01 16.03.11 - 10:45 Uhr

Er soll sich beim Jugendamt beraten lassen. Ich würde es NICHT machen!

Mona

Beitrag von engel83w 16.03.11 - 11:24 Uhr

Das macht er auch nicht. ich wollte nur wissen was es dabei für unterschiede gibt.

Beitrag von jazzbassist 16.03.11 - 11:14 Uhr

Beim geteilten Sorgerecht üben beide Elternteile die elterliche Sorge (§ 1626 BGB) gemeinsam aus. Also sie haben das Recht, für ein Kind zu sorgen, und auch die Pflicht, dies zu tun. Das Recht dazu ermöglicht ihnen überhaupt erst diese Sorge, da es die Vermögenssorge (die Verwaltung des kindlichen Vermögens; interessant, wenn das Kind plötzlich ein Haus erbt) sowie die Personensorge (§ 1631 BGB) umfasst. Letzteres ermöglicht Ihnen z.B. zu bestimmen, wo sich ein Kind aufhält, also auch, wo es wohnt oder temporär unterkommt. Enthält man ihnen ihr Kind wiederrechtlich vor (z.B. der Elternteil, der KEIN Sorgerecht hat), haben sie auf Grund dieser Sorge gem. § 1632 I BGB einen Herausgabeanspruch auf das Kind, den sie jederzeit durchsetzen können.

Zu diesen Rechten gehören aber auch eine Menge Pflichten, da sie dieser Sorge auch nachgehen müssen. Was häufig passieren wird, ist, dass Sie für Schaden, den ein Kind anrichtet, aufkommen müssen. Weil das Schadensersatzrecht so gestückelt ist, dass das Kind den Schaden nur selbst begleichen muss, wenn es die erforderliche Einsicht hatte und hätte wissen müssen, dass dabei ein Schaden entsteht. Da Kinder das oft noch nicht können, schaut man halt nach, wer die Aufsichtspflicht hatte (im Regelfall wird das die Person mit der Personensorge sein); und hat diese seine Aufsichtspflicht verletzt, müsste diese den Schaden gem. § 832 I BGB begleichen. Das ist aber absolut nichts tragisches, da dass die Haftpflichtversicherung abdeckelt. Auch können Sie strafrechtlich verflogt werden, wenn sie diese Sorgepflicht aufs gröblichste verletzen.

Solange Sie das gemeinsame Sorgerecht haben, treffen diese Rechte und Pflichten immer beide Elternteile. Das Zivilrecht hält sie dazu an, dass beide Elternteile eine gemeinsame einvernehmliche Entscheidung treffen müssen. Hat jemand das alleinige Sorgerecht, verfügt er ganz alleine über diese Rechte und Pflichte. Der Elternteil, der KEIN Sorgerecht hat, ist von den rechten und pflichten her nahezu wie ein fremder für das Kind, da der Elternteil MIT dem Sorgerecht alle Entscheidungen trifft und treffen darf. Entscheidet die Mutter (mit alleinigem Sorgerecht) also, dass Kind darf am Wochenende mal beim Papa übernachten, ist das in Ordnung. Entscheidet sie hingegen … nein, da hab’ ich jetzt keine Lust zu … dann bleibt das Kind zu Hause. Was der Elternteil OHNE Sorgerecht dabei möchte, ist da zunächst einmal absolut irrelevant. Und das streckt sich auf alle Fragen des Lebens, die die kindliche Entwicklung oder Erziehung betreffen. Von der Schulausbildung bis hin zu (solange im gesetzlichen Rahmen) Erziehungsmethoden, medizinischen Fragen, rechtlichen Fragen usw.

Stellen Sie sich im Park einfach Mama, Papa, Kind und einem wildfremden vor. Mama und Papa haben das gemeinsame Sorgerecht, der Wildfremde hat keines. Der Wildfremde kann rechtlich aber auch der Papa sein, wenn er KEIN Sorgerecht hat. Er hätte dann genau so viele Rechte und Pflichten wie halt der Wildfremde im Park. Es gibt Familien, wo das mit dem alleinigen Sorgerecht trotzdem ganz ganz prickelnd funktioniert und wirklich zum kindlichen Wohl geschieht - aber ich denke - es gibt auch ganz ganz viele Familien, wo das so rein gar nicht funktioniert und im Endeffekt Kind und Elternteil ohne Sorgerecht darunter leiden. Darum sind die Familiengerichte auch immer so voll - es geht da ziemlich häufig um Sorgerechtsstreitigkeiten. Was man mit dem Sorgerecht macht, ist zwar eine Frage, die eine Familie ganz alleine für sich beantworten muss; aber - dass ist keine Entscheidung, die man leichtfertig, unüberlegt oder - ohne sich noch einmal ausführlichste über die Folgen und Konsequenzen zu informieren - trifft. Denn, die elterliche Sorge ist kein Kleidungsstück, dass man sich mal nach Gutdünken an und ausziehen kann, wenn es einem geradeso passt.

Beitrag von engel83w 16.03.11 - 11:28 Uhr

aber hat der vater ohne sorgerecht nicht noch sein umgangsrecht?

Beitrag von marion2 16.03.11 - 11:30 Uhr

Die Kinder haben das Umgangsrecht und können das sogar einklagen.

Beitrag von jazzbassist 16.03.11 - 12:18 Uhr

Also die Sache ist ziemlich kompliziert. Wie meine Vorrednerin schon geantwortet hat, hat selbst das Kind gem. § 1684 I BGB das Recht auf Umgang mit beiden Elternteilen. Auch Großeltern oder andere wichtige Bezugspersonen haben ein solches Recht, sofern es zum kindlichen Wohle dient. Dies kann es im Streitfalle sogar gerichtlich geltend machen, dann regelt das Familiengericht dieses Umgangsrecht: »Kind darf jedes zweites Wochenende bei Papa übernachten, weil die Eltern sich nicht zum Wohle des Kindes einigen konnten«. Da sie sicher gut vorstellen können, dass ein 5-Jähriger alleine sein Recht hier nur sehr sehr schwer geltend machen kann, wenn die Mami das nicht will; muss das dann entsprechend der andere Elternteil machen. Auch steht im selbigen (§) 1684 II 1 BGB, dass die Eltern alles zu unterlassen haben, was das Verhältnis des Kindes zum jeweils anderen Elternteil beeinträchtigt oder die Erziehung erschwert. Wie gut das dann in der Praxis funktioniert …

Wie geschrieben … es gibt Familien, wo das ganz wunderbar klappt, auch wenn ein Elternteil das alleinige Sorgerecht hat. Man trifft trotzdem weiterhin alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam und führt ein Verhältnis zum Wohl des Kindes. Und es gibt Familien, wo das in keinster Weise funktioniert, und, solche essentialia dann gerichtlich entschieden werden müssten (Aufenthalt, Umgangsrecht etc.). In wiefern das dann noch zum Wohle des Kindes geschieht, ich denke, dass geht dort in einem Familiengericht manchmal ziemlich widerlich zu. Würde aber im Streitfall auch bei Eltern geschehen, die das gemeinsame Sorgerecht ausüben und sich nicht einigen können. Gerichtlich geht es dann primär ums Wohl des Kindes; je jünger das Kind ist, des so gewichtiger ist dort Stabilität (und die fällt nun mal dorthin, wo auch die elterliche Sorge ist respektive, dass Kind bereits wohnt); je älter und reifer das Kind ist, des so gewichtiger ist der Wille des Kindes. Mit dem 14. Lebensjahr darf ein Kind bei getrennt lebenden Eltern auch selbst entscheiden, wo es wohnen möchte (argumentum e contrario vom § 1671 II Nr. 1 BGB). Ist das Kind jünger, und, ist seine Entscheidung nicht primär davon geprägt, dass es beim Papa bis 21 Uhr aufbleiben darf und ein neues Fahrrad bekommen hat, darf es ebenfalls diese Entscheidung treffen und könnte es dann gerichtlich durchsetzen. Macht auch Sinn, denn, wenn mein eigener Sohn (12) nicht bei mir leben möchte, kann der mir das Leben durchaus schwer machen; ich kann ihn nur erziehen, wenn er sich überhaupt noch erziehen lassen möchte. Würde er hier gegen seinen Willen leben müssen, kann das bei einem 12-Jährigen bereits durchaus überhaupt nicht mehr klappen. Im Gegensatz zu einem 4-Jährigen klappt das Sandmann-Verbot da nicht mehr :-p

Beitrag von lisasimpson 16.03.11 - 13:17 Uhr

was aber unabhängig ist vom Sorgerecht ist die Pflicht für den Unterhalt des Kindes zu sorgen


lisasimpson

Beitrag von jazzbassist 16.03.11 - 14:00 Uhr

Sogar noch weitaus mehr, nur, es ging ja gerade um die Unterschiede zwischen geteiltes Sorgerecht und keinem Sorgerecht. Verwandte ersten Grades sind aber grundsätzlich Unterhaltsverpflichtete. Also selbst mein Sohn ist gegen mich unterhaltsverpflichtet und wird es immer bleiben. Wenn ich in 50 Jahren also in einem Altersheim vor mich hinvegetiere und die Kosten dafür nicht alleine tragen kann, wird das Sozialamt zunächst meinen Sohn anschreiben und gucken, was man da holen kann. Selbst - obwohl ich seit heute morgen wieder der gemeinste Papa der Welt bin #huepf.

Beitrag von lisasimpson 16.03.11 - 14:07 Uhr

"Selbst - obwohl ich seit heute morgen wieder der gemeinste Papa der Welt bin ."

das ist nichts im vergleich zu dem, wie er fluchen wird, wenn er für papas altenheim zahlen muß:)

lisasimpson

P.s. ja- weil Sie schreiben- der fremnde auf dem spielplatz habe genauso viele rechte und pflichten wie einer ohne sorgerecht- daher mein einwand

Beitrag von jazzbassist 16.03.11 - 14:50 Uhr

Ich find, der braucht sich später gar nicht aufzuregen. Immerhin zahle ich ihm ja jetzt auch Taschengeld. Ist ja nicht mein Problem, wenn er das lieber für Xbox Spiele ausgibt, anstatt das die nächsten 50 Jahre gewinnbringend anzulegen. :-p

Darum werde ich mein Lebensende auch absolut ruhigen Gewissens auf einer Jacht im Hafen von Monaco verbringen können und mein Geld abends in den Casinos bei Craps, Black Jack und Single Malt Whiskey verbrennen #huepf.

Ich weiß nicht, wie lange das mein Herz mitmacht, aber, ich denke, ein Altenheim werde ich dann nicht mehr sehen ;-) - möchte ich aber auch zugegebenerweise gar nicht hin.

PS: Dann hatte ich mich da wohl etwas sehr Unglücklich ausgedrückt; dass mit den Rechten und Pflichten bezog sich über die Ausübung der elterlichen Sorge.

Beitrag von marion2 16.03.11 - 11:21 Uhr

Hallo,

die Exfrau deines Mannes hat Recht. Das Sorgerecht umfasst im Wesentlichen die Pflicht alles gemeinsam zu unterschreiben.

Zum Wohle des Kindes kann man sogar diese Unterschriftenregelung umgehen - aber das weiß sie wohl noch nicht. Das alleinige Sorgerecht wird selten dokumentiert. Denk mal drüber nach.

Gruß Marion

Beitrag von widowwadman 17.03.11 - 08:57 Uhr

Die Entrechtung des Vaters mit Kindeswohl zu begruenden ist doch albern. Auch bei verheirateten Eltern muessen nicht immer beide unterschreiben

Beitrag von marion2 17.03.11 - 11:34 Uhr

Bei verheirateten Eltern wird davon ausgegangen, dass sie sich einig sind.

"Die Entrechtung des Vaters" kommt zum Beispiel zum Zuge, wenn sich die Eltern nicht auf eine Schule einigen können, das Kind aber eingeschult werden muss.

Beitrag von widowwadman 17.03.11 - 17:34 Uhr

Achso, und da sollte der Vater dann einfach nichts zu sagen haben, damit die Mutter ihren Kopf durchsetzen kann?

Beitrag von ichclaudia 19.03.11 - 20:11 Uhr

Falsch, aber einer muss ja das letzte Wort haben, wenn die Eltern sich uneinig sind. Ansonsten würden schulpflichtige Kinder in dem Fall GAR NICHT eingeschult werden können, wenn beispielsweise die Mutter eine Grundschule wünscht, dass nach Montessouri-Pädagogik arbeitet und der Vater eine Waldorfschule wünscht...

Beitrag von thea21 16.03.11 - 11:48 Uhr

Ich würde Sie mal fragen, für was sie IMMER und STÄNDIG eine Unterschrift braucht.

Papa und ich haben ebenso geteilte Sorge und ich brauchte bisher (sie ist 5 Jahre alt) viell. 4 Mal seine Unterschrift.

Beitrag von engel83w 16.03.11 - 16:06 Uhr

Sie brauchte bis jetzt eine unterschrift wg einem konto für das mädchen (8). und sonst nie.

Beitrag von parzifal 16.03.11 - 12:42 Uhr

Das mit dem "ständig für alles (?) seine Unterschrift benötigen" ist ein vorgeschobenes Argument.

Die handvoll Unterschriften kann schwerlich mit "für alles" in Einklang gebracht werden.

Wenn man aber Einfluß haben will auf wichtige Entscheidungen (z.B. welche Schule mal besucht werden soll) gibt es keinen Grund auf das Sorgerecht zu verzichten.

Schon gar nicht um der Mutter die Einholung einer Handvoll Unterschriften im Leben zu ersparen.

Beitrag von maxundich 16.03.11 - 13:58 Uhr

Hallo Patricia,

mein Ex und ich haben auch gemeinsames Sorgerecht (seit mittlerweile 8 Jahren!). Bisher habe ich nur 3x seine Unterschrift gebraucht (1x für Sparbucheröffnung, 1x Antrag Kinderausweis, 1x Antrag Reisepass). Das ist also nicht das Problem.

Ich würde das Sorgerecht an Stelle deines Mannes nicht abgeben. Er hätte dann keinerlei Mitspracherecht mehr, weder was Schule noch den Wohnsitz angeht.

Viele Grüße
maxundich

Beitrag von ungeheuerlich 16.03.11 - 14:28 Uhr

Hallo,

also als krasses Beispiel:

Wenn die Ex das alleinige Sorgerecht hat, kann sie sich das Kind schnappen und z.B. ins Ausland auswandern ohne dafür ein Einverständis zu brauchen.
Ich würde das nie und nimmer machen.

LG

Kerstin

Beitrag von engel83w 16.03.11 - 16:07 Uhr

Genau das denken wir auch das sie das vor hat.

Beitrag von ungeheuerlich 16.03.11 - 20:20 Uhr

Dann denke ich, hat sich Deine Frage erledigt, oder ? ;-)

Beitrag von marion2 17.03.11 - 11:35 Uhr

Hallo,

wenn sie das Aufenthaltsbestimmungsrecht hat, kann sie das auch mit gemeinsamem Sorgerecht.

Gruß Marion

Beitrag von ungeheuerlich 17.03.11 - 13:04 Uhr

Das ist richtig.

Aber auch das haben die wenigsten Mütter. In dem Fall gehe ich davon nicht aus.

LG

Kerstin

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