Total überzogene Arbeitszeiten: Welche Möglichkeiten haben wir?

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Beitrag von moeriee 17.03.11 - 07:12 Uhr

Hallo ihr Lieben! #winke

Ich will die Situation nur ganz kurz anreißen, denn sonst schreibe ich hier wieder Romane. Falls es Verständnisschwierigkeiten oder Lücken gibt, die zur Beantwortung wichtig wären, dann fragt bitte nach!

Und zwar geht es darum, dass mein Mann (Dipl.-Ing. Elektrotechnik) vor 3 Jahren den Job gewechselt hat, weil er zu viel arbeiten musste. Er hatte teilweise bis zu 170 Überstunden im Monat, was echt richtig heftig war, und war körperlich irgendwann einfach nur noch fertig. In der neuen Firma war es zunächst super. Aber dann fing es auch dort an. Mittlerweile sind wir so weit, dass mein Mann 14 bis 16 Stunden außer Haus ist (Fahrtzeit 20 Minuten die einfache Strecke). Und das Montag bis Freitag. Auch samstags geht es munter weiter. Da ist er auch meist noch mal 8 bis 10 Stunden unterwegs. An den letzten Samstagen sogar jeweils 14 Stunden. :-( Zunächst hieß es, man hätte sich bei einem Auftrag verkalkuliert und man müsse das jetzt eben ausbaden, bis dieser Auftrag abgeschlossen sei. Doch dann nahm der Chef immer mehr Aufträge an, bei denen im Voraus schon klar war, dass es zeitlich absolut nicht hinhaut. Mein Mann hat als Projektleiter auch sein Veto eingelegt, aber der Chef hat sich über alle Warnungen hinweggesetzt. Nun ist das Kind bei einigen Aufträgen wieder in den Brunnen gefallen und mein Mann und seine Kollegen müssen es ausbaden. Das geht nun schon seit 1,5 Jahren so und wir haben alle die Schnauze gestrichen voll. Sorry für die Ausdrucksweise, aber es ist echt so! Ständig werden neue Leute zum Vorstellungsgespräch eingeladen, aber niemand neues wird eingestellt. Im Gegenteil: Ein Kollege meines Mannes ist vor zwei Wochen an einem Herzkasper gestorben. #kerze Allerdings wird dafür kein neuer Mann eingestellt. Es bestünde die Möglichkeit, Leiharbeiter hinzuzuziehen, aber auch das will der Chef nicht (Kostengründe). Bei uns kriselt es immer mehr, denn ich bin auch total überlastet. Unser Kind war ein Frühchen und wir sind ständig bei Ärzten und im Krankenhaus (die letzten 5 Monate fast durchgehend). Ich würde mir einfach ein wenig Unterstützung wünschen, denn ich schaffe das kräftemäßig auch kaum noch. Unsere Beziehung leidet einfach unter diesen extremen Bedingungen und es ist kein Ende in Sicht. Und leider ist es nicht nur bei uns so, sondern auch bei zwei seiner Kollegen. Das weiß ich daher, dass ein Kollege neulich bei uns zu Besuch war und erzählt hat, dass seine Freundin sich trennen will, wegen der derzeitigen Arbeitssituation. Ein anderes Paar ist mit meinen Eltern befreundet und er hat meine Mutter neulich beim Einkaufen angesprochen und sie gefragt, wie es denn bei uns so läuft. Denn bei ihnen sei es auch eher schlecht als recht. Diverse Gespräche mit dem Chef halfen nichts. Er schaltet dann die Ohren auf Durchzug, behauptet, er hätte gerade Wichtigeres zu tun oder tut die Versuche, ein klärendes Gespräch zu beginnen, als Gejammere ab. Mein Mann hat bloß 26 Tage Urlaub im Jahr. Davon sind immer noch 10 Tage über. Aber das auch nur, weil er Ende des letzten Jahres 10 Tage Urlaub genommen hat, weil unser Sohn da zur Welt gekommen ist. Da hat sein Chef ihm mit Hängen und Würgen die zwei Wochen zugestanden. Allerdings hat mein Mann nicht mal im Urlaub Ruhe: Ständig bimmelt das Firmenhandy und ein Kollege oder der Chef sind dran. Als er dann sein Handy ausgeschaltet hat, hat sein Chef sogar mehrfach täglich bei uns auf dem Festnetztelefon angerufen.

Was können wir denn nur tun? Haben wir irgendwelche Möglichkeiten, außer den Job zu wechseln? Selbst da frage ich mich, wie das funktionieren soll. Denn Zeit für Vorstellungsgespräche hat mein Mann eigentlich nicht. Welche Optionen bleiben uns?

Ich #danke euch im Voraus für eure Antworten!

Liebe Grüße #herzlich

Marie

Beitrag von demy 17.03.11 - 07:31 Uhr

Hallo,
ich antworte dir mal als Mann und sage dir was ich in genau dem Fall getan habe.

Als erstes mal vorweg.
Dein Mann hat eine Ausbildung, die auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt ist.

Ich hatte das auch schon, der Chef nimmt an Projekten mehr an als die Mitarbeiter stemmen können.
Ich habe den Chef 2 mal vorgewarnt dass ich das ich seine geplanten Fehlkalkulationen nicht mit mehr mit Mehrarbeit auffangen werde.

Das habe ich dann durchgezogen, soll heißen, ich habe mich strikt an das Arbeitszeitgesetz gehalten, davon die Maximalarbeit gemacht und dann die Arbeit schlicht und ergreifend liegen gelassen.
Habe Termine abgesagt, Fertigstellungstermine bestimmter Projektteile nicht eingehalten usw.
Konsequenzen?
Keine für den Mitarbeiter.

Ab einer gewissen Qualifikation die man hat, ist der Arbeitsmarkt umgekehrt, da kommen nur viele AGs noch nicht klar mit.
Soll heißen, die Firma sucht sich nicht die Mitarbeiter aus, sondern der Mitarbeiter die Firma.

So ein Fall mit dem Urlaub kenne ich auch, nur war es für die Firma dann im Ergebnis dramatischer.
Ein Arbeitskollege meiner Frau, Berechnungsingenieur, wollte für die Geburt seines Sohnes Urlaub.
Da meinte der Chef, gibts nicht, Projekt ist wichtiger und hat den Urlaub abgelehnt.
Nächsten Tag kam er wieder und hat dem Chef die fristgerechte Kündigung zum 15. überreicht.
Das Projekt ist dann den Bach runtergegangen, da der Chef nicht in der Lage war diese Fachkraft zu ersetzen.

Also, abschließend.
Ein bissl mehr "Balls" bei deinem Mann und er kommt dann auch pünktlich nach Hause.

Gruß
Demy

Beitrag von ayshe 17.03.11 - 07:42 Uhr

Das hast du wirklich wunderbar gesagt!

Beitrag von nele27 17.03.11 - 11:53 Uhr

So ist es.

Der Mann der TE verkauft sich offenbar unter Wert.

LG, Nele

Beitrag von raena 17.03.11 - 12:15 Uhr

Kann dem auch nur zustimmen!

Als Projektleiter sollte er eigendlich genug "Arsch in der Hose haben" um seinen Chef klar zu machen das es so nicht geht, weil er sonst geht. Ansonsten hat er seinen Job verfehlt!!!!

Aber vielleicht will ja der Mann gar nix ändern, sondern genießt den Status des Unersetzbaren??????
Wäre nicht der erste Mann der von einer Situation zuhause in ein Projekt flüchtet! Oft machen Männer kleine Babys mehr Angst, als die härtesten Situationen im Geschäft!

VG
Tanja

Beitrag von moeriee 17.03.11 - 15:36 Uhr

Hi Demy!

Vielen Dank für deine Antwort! Das Arbeitszeitgesetz hatte ich heute Morgen schon rausgesucht und meinem Mann mal ausgedruckt. Damit er sieht, dass es da auch eine rechtliche Grundlage gibt, die er seinem Chef auf Verlangen auch vorzeigen kann. Aber dieser wird das Dokument sicher kennen.

Mein Mann hat einfach Angst, seinen Job deshalb zu verlieren. Er ist sich nicht darüber im Klaren, dass seine Ausgangsposition eigentlich sehr günstig ist. Ich sage ihm das zwar auch immer wieder, aber es ist gut, das auch mal von anderen Personen zu hören.

Ich habe ihm nun 9 Stellenangebote herausgesucht. Vielleicht sollte er sich dort mal bewerben. Bewerbungen sind ja schnell getippt. Ich denke, es wird ihm leichter fallen, so eine Diskussion anzuzetteln, wenn er weiß, dass er noch andere Eisen im Feuer hat. Das Gute ist, dass es seinen Kollegen ja im Prinzip genauso geht. Ich verstehe eben nur nicht, warum sich alle bei ihren Frauen beschweren, anstatt mal geschlossen zum Chef zu gehen. #kratz Aber soweit ich ihn verstanden habe, haben seine anderen zwei Kollegen auch schon gesagt, dass sie bei diesem Projekt noch dabei sind, aber danach ist Sense. Dann gibt es Dienst nach Vorschrift und keinen Trupp mehr, der immer voran geht und sich erst einmal von den Firmen den Kopf waschen lässt, weil es hinten und vorne nicht passt. Mein Mann hat mir gestern erzählt, dass der Jahresumsatz für seine Abteilung schon Ende Februar erreicht war. Derjenige, der die Projekte an Land zieht, wird aber immer weiter angehalten, dies auch zu tun. Aus meiner Sicht ist das nicht mehr normal!

Er wollte seinen Chef heute oder morgen, wann er ihn eben zu sehen bekommt, auch noch ein letztes Mal vorwarnen. Wenn es dann weiterhin so bescheiden läuft, dann wird er auch nur noch das Pflichtprogramm fahren.

Ich danke dir auf jeden Fall noch einmal recht herzlich für deine Antwort! Es ist gut zu lesen, dass andere das auch schon durchgezogen haben! #pro

Liebe Grüße #herzlich

Marie

Beitrag von ayshe 17.03.11 - 17:28 Uhr

Ja, er soll sich einfach mal bewerben. In der Branche gibt es doch zur Zeit gute Chancen.
vllt baut es ihn auf, wenn er positive Resonanz bekommt und sein selbstwertgefühl steigt und damit wird er auch nicht mehr so angreifbar sein, sondern auch auf seine Rechte pochen.
Wenn es auch den anderen so geht, zeigt das ja wirklich, wie krass die Firma ist.
Es sollte wirklich nicht so sein, daß daduch die Beziehungen kapuut gehen und dann sind das ja scheinbar dort nichtmal Einzelfälle.

Viel Glück dann!

Beitrag von kati543 17.03.11 - 08:36 Uhr

Bekommt er denn die Überstunden ausbezahlt?

Ansonsten. Handy im Urlaub ausschalten und einen netten Spruch auf den Anrufbeantworter.
Und ansonsten wie mein Vorschreiber gesagt hat. Dienst nach Vorschrift. Und möglichst die anderen Mitarbeiter mit ins Boot holen.

Beitrag von nele27 17.03.11 - 11:57 Uhr

Hi,

ich gebe Demy völlig Recht.

Eigentlich müsste Dein Mann doch wissen, dass er gute Chancen hat, anderswo unterzukommen?? Was hat die Firma, was andere nicht auch haben?

Oder ists in seiner Persönlichkeit begründet?
Ist er vll. konfliktscheu? Oder gefällt sich in der Rolle des Unersetzlichen?

Ich will ihn nicht angreifen, aber es muss ja n Grund geben, dass er da mitmacht... und sich nicht einfach weiterbewirbt, wenn der Chef so gar nicht mit sich reden lässt.

In leitender Position kann er zwar nicht erwarten, täglich um Punkt 16 Uhr den Rechner runterzufahren. ABer solche Zustände muss er sich noch lange nicht bieten lassen.
Frage mal nach den Gründen, warum er es trotzdem tut...

LG, Nele

Beitrag von moeriee 17.03.11 - 14:53 Uhr

Ich kenne die Gründe. Das hört sich wahrscheinlich hoch psychologisch an, soll es aber nicht. Mein Mann hatte keine leichte Kindheit. Er ist der Jüngste von acht Geschwistern. Sein Vater hat sich das Leben genommen, als er zwei Jahre alt war und seine Mutter stand da und war finanziell überhaupt nicht abgesichert. Die Zeit war für ihn absolut hart. Er ist nie mit auf Klassenfahrten gefahren, weil seine Mutter zu stolz war, Unterstützung anzunehmen. Wenn andere Kinder ein Fahrrad bekommen haben, guckte er in die Röhre. Ihm sitzt ständig die Angst im Nacken, uns könnte es finanziell irgendwann mal genauso schlecht gehen. Das ist natürlich Quatsch, aber er bekommt den Gedanken einfach nicht los. Er hat immer im Hinterkopf, dass er uns drei irgendwie versorgen muss und geht daher immer den Weg des geringsten Widerstandes, um ja nicht unangenehm aufzufallen. Dass er schon einen gewissen Marktwert hat, das vergisst er dabei offensichtlich.

Mein Mann ist fleißig, intelligent und er arbeitet hart. Sein Studium hat er mit einem Schnitt von 1,2 als Zweitbester seines Jahrgangs abgeschlossen. Als er sich vor drei Jahren anderweitig beworben hat, hat er drei Bewerbungen abgeschickt. Von einer Firma hat er nie mehr was gehört. Von den anderen beiden Firmen hat er jeweils einen Arbeitsvertrag angeboten bekommen und hat sich für das (vermeintlich) bessere Angebot entschieden. Ich dachte, das würde sein Selbstbewusstsein mal ein wenig stärken. Aber dem war nicht so. Leider...

Beitrag von demy 17.03.11 - 15:57 Uhr

Hallo,
weißt du, ich gehe immer recht "aggressiv" bei meinen Bewerbungen vor.

Ich sage sogar schon in einem Bewerbungsgespräch was läuft und was absolut nicht läuft.
Betone aber auch, dass wenn ein AG es Wert ist, er von mir absolute Loyalität und eine exzellente Arbeitsleistung zu erwarten hat.

Ich denke zu einem sehr großen Teil, dass es an mangelnden Selbstbewusstsein liegt, dass dein Mann sich das gefallen lässt.

Als Dipl. Ing. Elektrotechnik mit 1,2 kann er sich hier in Deutschland die Firmen aussuchen bei denen er arbeiten möchte.
Überspitzt gesagt, müssen sich die Firmen bei deinem Mann bewerben ;-)
So sieht die tatsächliche Arbeitsmarktlage aus.

Glaub mir, der Chef macht mit ihm nur soviel weil er es sich gefallen lässt und immer schön alles macht.

Gruß
Demy

Beitrag von ayshe 17.03.11 - 17:32 Uhr

Da stimme ich dir auch absolut zu.

Und meiner Meinung nach ist das, was du jetzt als "aggressives" Vorgehen bei Bewerbungen in einer gewissen Ebene auch sehr positiv.
Es zeigt eben genau die klare und selbstbewußte Linie, die man auch im Job erwartet.
Beunruhigend würde ich es dann eher finden, wenn sich solche Bewerber klein geben und auch bei der Gehaltsverhandlung sofort aufgeben.
Das braucht man in der Führungsebene einfach nicht.

Beitrag von ayshe 17.03.11 - 17:40 Uhr

Also ich kann ja diesen Ursprung seiner Haltung nachvollziehen.
Er würde wahrscheinlich irre werden, wenn er aus irgendeinem Grund für ganz kurze Zeit arbeitslos wäre oder?

Hat er nicht vllt mit der Zeit auch mitbekommen, wie es so in anderen Firmen läuft?
Oft schafft man doch auch verschiedene Kontakte und tauscht sich aus, es kommt einem dies und jenes zu Ohren.
Hätte er dann nicht den Ehrgeiz, sich etwas anderes zu suchen?

Es ist so schade, wenn jemand zu wenig Selbstbewußtsein hat und seine Fähigkeiten selber zu gering einschätzt.

Vllt ist es eben die einzige Möglichkeit, daran etwas zu ändern, wenn er sich bewirbt. Mit Reden wird es sich wohl nicht ändern.


##
geht daher immer den Weg des geringsten Widerstandes, um ja nicht unangenehm aufzufallen.
##
Er muß begreifen, daß er das nicht nötig hat.
Ja, er scheint seinen Marktwert zu unterschätzen.


Was machen denn die anderen?
Bewerben sie sich?
Reden die Kollegen auch darüber und sind sich einig?
Ich meine, es nützt ja nichts, wenn sie nur zusammen jammern, sie müssen etwas tun.