Ich hasse mich manchmal sooo sehr :-(

Archiv des urbia-Forums Leben mit Handicaps.

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Forum: Leben mit Handicaps

Stolpersteine im Leben sind manchmal überwindbar, manchmal muss man sich mit ihnen arrangieren. Hier ist der Ort, um darüber zu sprechen: Entwicklungsverzögerung beim Kind, ADHS, das Down-Syndrom, Spina Bifida, Leben im Rollstuhl ...

Beitrag von missed80 22.03.11 - 20:52 Uhr

Hallo!

Mein Sohn ist 7, hat eine auditive Wahrnehmungsstörung, und sprachlich ist er auch sehr sehr verzögert.
Ich liebe ihn über alles, er ist mein Leben - mein Sonnenschein - mein Ein und Alles. Tue alles für ihn

Ich bin alleinerziehend, seit Anfang an.

Ich ertappe mich momentan sehr oft dabei, wie ich ihn zurechtweise, oder ihn nicht ausreden lasse, falls es hapert.
Manchmal werde ich auch wütend, und verlasse einfach den Raum

Boah ich hasse mich, warum tue ich das. Er kann da doch nix für #heul
Vorhin war auch wieder eine Situation, als er Übungszettel hatte und geübt hat. Ich hab ihm was vorgeschrieben, also einzelne Buchstaben, und er sollte einen bestimmten Buchstaben markieren
Er markierte die falschen und da wurde ich wieder sehr genervt und laut #heul

Ich bin nicht überfordert, ganz im Gegenteil - deswegen verstehe ich mein Verhalten nicht.
Ich rede auch sehr viel mit ihm, und mache Atemübungen - das er langsam redet.
Ich arbeite momentan nicht, bin auf der Suche. Und da mein Engel bis 15 Uhr in der Schule ist , habe ich die "Auszeit"
Freue mich immer wenn ich ihn abhole, aber dann merke ich doch wieder das mich das nervt wenn er stottert oder etwas nicht versteht ...ich fühl mich wie eine Rabenmama :-(
Er ist so ein lieber Junge, hilft mir freiwillig im Haushalt mit, is für vieles zu begeistern, wir kuscheln stundenlang und sagen uns wie sehr wir uns lieben aber anderseits reagier ich sehr genervt und lass ihn das auch spüren.
Letztens hab ich ihm am Arm gepackt, nur weil er was nich aussprechen konnte. Danach hab ich mich entschuldigt und gesagt, das es nie wieder vorkommt.

Er schaute mich an und sagte mit Tränen in den Augen " Ist ok mama" :-(
Jeder sagt mir, ich meistere alles so toll, ich könnte stolz auf mich sein, bin ne super Mutter die nur für ihr Kind lebt, er hat ein schönes Zuhause, wir kochen sehr viel gemeinsam und und und

Aber wie ich mich dann manchmal verhalte, das weiss keiner. Ich entschuldige mich mittlerweile ständig bei ihm, wenn ich mal wieder genervt war. Und jedesmal kommt von ihm eine Umarmung das tut mir dann noch viel mehr weh. Er liebt mich abgöttisch, so wie ich ihn

Wie kann ich nur "gelassener" werden? Und ruhiger?

Traurige Grüsse

Beitrag von kati543 22.03.11 - 21:08 Uhr

Ehrlich gesagt hatte ich nur eine Idee, als ich das gelesen habe: Mach eine Mu-Ki-Kur oder eine Familienkur. Letzteres dient dazu die Familie wiederherzustellen und besser mit der Erkrankung des Kindes umgehen zu können.
Kopf hoch...ich glaube, das geht allen so. Mein Großer hat auch eine auditive Wahrnehmungsstörung und entsprechende Sprachprobleme. Ich kenne das Gefühl leider nur zu gut.

Beitrag von froehlich 22.03.11 - 21:13 Uhr

Nun lass Dich erstmal GANZ fest drücken! Hör mal: Du bist keine Rabenmama, im Gegenteil! Du machst Dir tausend Gedanken um Deinen Sohn - aber manchmal gehen Dir eben die Nerven durch und glaub mir: das ist völlig normal! Streckenweise könnte Dein Text von mir sein - und mein Sohn hat kein Handycap! Wir Mütter sind auch nur Menschen. Das IST so, auch wenn wir uns in der Situation manchmal für unsere Reaktionen hassen. Ich bin aber fest überzeugt davon, daß die Kinder unsere Liebe spüren - auch wenn wir uns manchmal "daneben benehmen". Ich erkläre das meinem Sohn dann auch so: hör mal, es tut mir wirklich furchtbar leid, aber mir sind eben einfach ein paar Sicherungen durchgebrannt, ich war gestresst...etc. Das versteht er dann auch. Und irgendwie ist es für Kinder ja vielleicht auch tröstlich zu sehen, daß Mama AUCH Fehler macht. Du bist kein Roboter! Viel wichtiger ist es, daß Du für Deinen Sohn so da bist wie Du es bist und daß er spürt und weiß wie wichtig er Dir ist!
Sei nicht so hart mit Dir. Du bist allein erziehend, was schwierig genug ist - und Dir in Eurer besonderen Situation natürlich noch mehr abfordert. Vielleicht kannst Du Dir mal ne kleine Auszeit nehmen? Hast Du Freunde/Freundinnen oder sonst irgend jemanden (Babysitter, Mutter?) die Dir Dein Kind mal abnehmen können? Möglicherweise sogar über's Wochenende? Ich könnte mir vorstellen, daß Du es gut gebrauchen könntest, mal ein bisschen länger Kraft zu tanken. Du schreibst zwar, daß Du Dich nicht unter akutem Stress fühlst momentan, aber so eine Arbeitssuche ist ja schließlich auch kein Schleck und manchmal merkt man selbst gar nicht, wie angespannt man doch ist. Mir hilft es auch oft, aus dem Zimmer zu gehen, wenn ich merke daß ich hochkoche (was Du ja auch tust, finde ich sinnvoll!!) oder - wenn ich's schaffe! - langsam bis 10 zu zählen. Tief durchatmen ist immer gut. Aber wie gesagt: immer schaffe ich's bestimmt nicht! Tröste Dich damit, daß es vielen Mamas so geht wie Dir! Viel Glück und Alles Gute!

Beitrag von missed80 22.03.11 - 21:28 Uhr

Vielen Dank für deine liebe Mail #herzlich

Ja, ab und zu (alle 2 oder 3 Monate) schläft er bei meiner Mutter für eine Nacht. Dann geh ich raus, entweder ins Kino - oder auch in eine Tanzbar.
Danach kann ich auch ausschlafen und hole ihn am frühen Nachmittag wieder ab
Es kommt selten vor, aber mir reicht das.

Und ein ganzes WE ohne ihn - schreckliche Vorstellung. Ich möchte ihn nicht loswerden..Ich hänge mich zu sehr an ihm, aber anderseits nervt er mich, das ich wütend werde!
DIESES Verhalten von mir, ich verstehe es einfach nicht.
Ich weiss, das es ihn sehr verletzt wenn ich total genervt reagiere oder wütend den Raum verlasse. Er setzt sich dann leise in eine Ecke, verschränkt die Arme und weint #heul

Mir tut das immer so schrecklich leid, aber falle immer wieder in dieses Muster.

Ich kenne leider keine Mutter, deren Kind eine Sprachverzögerung und Wahnehmungsstörung hat. Vielleicht liegt das auch daran, das ich mich einfach nie ausquatschen kann.

Ich behandel ihn in einen Moment sowas von mies und ungerecht und dann tuts mir wieder leid - und ich kaufe ihm was damit es mir besser geht. Das ist auch nicht richtig, das weiss ich.

Beitrag von gluecksschnecke 22.03.11 - 23:33 Uhr

Hallo,

laß dich mal #liebdrueck. Ich denke, jede von uns behandelt ihr Kind (ob krank oder gesund) manchmal situativ ungerecht, daher bewerte es nicht über.
Vielleicht hillft dir ja Autogenes Training oder Yoga, damit du ruhiger wirst.

Wie wäre es denn, wenn du mal zum Arzt deines Vertrauens gehst, und dir anhörst, was der dazu sagt. Vielleicht schlägt er dir eine Kur vor, vielleicht mal ein Gespräch mit einem Psychologen, oder er nimmt dir deine Sorgen, denn - wie gesagt-, keine von uns macht immer alles richtig.

Alles Liebe
Elvira

Beitrag von elofant 23.03.11 - 07:40 Uhr

Als ich das hier grad gelesen hab, kamen mir die Tränen. Denn ich handle meinem Sohn gegenüber auch oft ungerecht.
Er kann nicht sprechen, er äußert sich nur durch Laute. Ich höre dann an der Frequenz, ob er Schmerzen hat, traurig ist, einfach keinen Bock etc.

Er geht bis halb 1 in die Schule. Genügend Auszeit hab ich auch, da ich momentan noch freigestellt bin. Allerdings sind unsere Nächte alles andere als erholsam. Die letzte war um 2 vorbei.
Wenn er heimkommt, freu ich mich auch riesig. Aber oft schon nach kurzer Zeit bin ich auch nur noch genervt von seinen Lauten. Hab ihn auch schon angeschrieen, was mit hinterher super leid tut. Wenn ich mich bei ihm entschuldige dafür, schaut er mich immer mit so einem "Hundeblick" an. Das tut dann auch wieder weh.



Also, wie Du siehst bist Du nicht allein und auch keine Rabenmutter. Ich tu auch alles für mein Kind...
Hab in 2 Wochen einen Termin beim Psychologen. Vielleicht hilft Dir das auch? Hab auch schon an einen Mu-Ki-Kur gedacht. Aber unser Sohn war über ein Jahr nicht daheim (nur Klinik + Reha). Da will ich ihn jetzt nicht noch mal draußen rum schleppen...

Lass Dich drücken! Gruß, Elo.

Beitrag von 3wichtel 23.03.11 - 08:21 Uhr

Klingt, als hättest Du ein Burn Out.

Was ja bei der Doppelbelastung "alleinerziehend und besonderes Kind" auch kein Wunder wäre.

Rede doch mal mit Deinem Hausarzt, ob er Dir eine Überweisung zum Psychiater geben kann. Nicht, weil Du irgendwie "spinnst", sondern weil ein Burn Out in Fachhände gehört und auch gut therapiert werden kann (vielleicht auch für eine Zeit lang eine Medikation für Dich/Deine Nerven).

Das alles ist nichts, wofür Du Dich schämen müsstest. Das ist so legitim wie eine Grippe oder ein gebrochener Knochen. Aber wenn die Seele gebrochen ist braucht sie eben auch fachliche Hilfe!

Beitrag von hopsi2005 25.04.11 - 00:21 Uhr

Ja, genau das wollte ich auch schreiben. Allein erziehend und krankes Kind - da kann man schon mal die Geduld verlieren. Kein Grund, sich zu schämen. Es ist zwar leider immer noch ein Tabu, darüber zu sprechen, aber ich denke doch, dass es absolut normal ist.

Ich bin nicht allein erziehend und mir geht es auch schon bei ganz normalen Alltags-Problemen manchmal so, auch welche, die gar nichts mit der "Störung" (=hochintelligent, aber feinmotorische Defizite) zu tun haben. Ich werde auch manchmal ungerecht, denn meine kleine Tochter ist motorisch dagegen sehr fit. Und ich kanns dann manchmal nicht lassen, die Kinder zu vergleichen. Die Kleine ist fast zwei und zieht sich ihre Schuhe in einer Minute an, die Große ist 5 und braucht bestimmt 5 Minuten pro Schuh. Das ist schwer zu ertragen, vor allem wenn man es eilig hat.

Beitrag von engelsmami 23.03.11 - 08:28 Uhr

Hallo

Als ich deinen Text gelesen hab, hab ich mich sehr stark wieder erkannt.
Auch bei uns ist es so, dass wir zweitweise so auf unseren Großen reagieren.
Er kam mit einem Hirntumor zur Welt, wir kämpfen nun auch schon 6 Jahre. Man weis, dass Kind kann nichts für seine Erkrankung oder die Handicaps. Dennoch sind wir nur Menschen und irgendwann auch am Ende unserer Kraft. Man kämpft jeden Tag und sieht oft erst nach Monaten einen Fortschritt, dass kann in solchen Alltäglichen Situationen schon mal unterbewusst durchkommen.
Uns hat es immer sehr geholfen, einmal im Jahr eine Familienreha zu machen. 4 Wochen weg von zu Hause, dem Alltag, den Sorgen, aber trotzdem immer ein Arzt in der Nähe, der Austausch mit anderen, zu sehn, dass man nicht alleine solche Probleme hat und sich nicht als schlechte Eltern fühlen muss, wenn man auch mal ausflippt.

Leider geht das dieses Jahr nicht, ich bin Schwanger, mein Mann wollte mit mir nicht die 900km nach Sylt fahren. Aber wir merken beide sehr, dass uns die 4 Wochen fehlen und wir ziemlich genervt sind.
Wir versuchen uns den Ausgleich nun wo anderst zu holen.

Bei uns ist es auch so, dass die Leute in unserem Umfeld nur das sehn, was wir nach aussen darstellen. Eine starke Familie, die trotz allem zusammen hält und stark ist. Keiner sieht, dass wir teils am Ende sind, keiner sieht, dass unsere Ehe beinahe vorm Richter gelandet wäre, keiner sieht, dass wir Nächte lang weinen, keiner weis, wie schwer manche Entscheidungen, manche Kämpfe mit KK, Ämter, Schule usw. sind.
Sie sehn uns lächelnd und meinen alles ist gut. Pustekuschen.
Nur wer wirklich in unser allen Schuhen steckt, weis was wir leisten.

Ich kann dir aus meiner Erfahrung nur sagen, dass es völlig normal ist, auch mal ausser Kontrolle zu geraten, dass eine Reha sehr sehr gut tut.

Ich wünsche dir weiterhin sehr viel Kraft und gute Nerven #liebdrueck

Liebe Grüße
Christine

Beitrag von leiahenny 23.03.11 - 08:45 Uhr

Du hast ja schon den Hinweis Reha etc. bekommen. Aber vielleicht ist es einfach auch an der Zeit nicht nur mehr Vollzeit-Mama zu sein.

Du bist ja schon auf der Suche. Oft schöpft man aus einem "anderen Leben", z.B. dem Job auch die Kraft für Gelassenheit. Starte aber nicht gleich voll durch, auch wenige Stunden in der Woche zu arbeiten verändern vieles.

Alles Gute und sei nicht so hart gegen Dich.

Beitrag von krokolady 23.03.11 - 09:29 Uhr

glaub man......grad mit besonderen Kindern ist es manchmal schwerer - und man wird ungerecht.
Ich hab das so oft das ich meine Tochter anmecker oder laut werde.......grad bei Dingen die tabu sind, aber die sie immer und immer wieder tut.
Meine Tochter wird bald 6, ist aber geistig behindert.
Und wenn man Tag für Tag das gleiche sagen bzw. ermahnen muss platzt einem manchmal echt die Hutschnur.

Beitrag von froehlich 24.03.11 - 21:04 Uhr

Also ich muß sagen: ich ziehe wirklich den Hut vor Euch allen hier in diesem Thread!!!! Da fühle ich mich ganz klein. Was IHR alles schafft! Toll. Ich habe zwei gesunde Söhne (7 und knapp 2), aber selbst mir brennen öfter mal die Sicherungen durch (siehe oben) - natürlich liebe ich meine Kinder auch abgöttisch, aber ich schaff's nun wirklich auch nicht immer, ruhig und gelassen zu bleiben. Was ihr alle leistet kann ich für mich in keinster Weise in Anspruch nehmen!!!!!! Nochmal an missed80: ich verstehe total, daß Du mal jemanden zum Quatschen bräuchtest. Leider kenne ich persönlich mich mit Foren für besondere Kinder nicht so gut aus, aber vielleicht kann ja jemand anderer hier Rat geben oder Du wendest Dich mal an Euren Arzt. Es tut immer gut, sich mit Menschen auszutauschen, die in derselben Situation sind. Das gilt nicht nur für besondere Kinder, sondern auch für andere Dinge im Leben. Wir haben jahrelang im Ausland in Kriegsgebieten gelebt, das war für andere hier auch sehr schwer nachzuvollziehen. Ich habe mir auch Leute gesucht, die Ähnliches erfahren haben, um mit mir und der Welt wieder klarzukommen. Das ist enorm wichtig, das braucht man einfach um sich nicht mutterseelenalleine zu fühlen. Ich wünsche Dir ganz viel Glück und nochmal: CHAPEAU!!!!!!