Die dauernde Diskussion um Ritalin oder wie es auch anders geht

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Forum: Leben mit Handicaps

Stolpersteine im Leben sind manchmal überwindbar, manchmal muss man sich mit ihnen arrangieren. Hier ist der Ort, um darüber zu sprechen: Entwicklungsverzögerung beim Kind, ADHS, das Down-Syndrom, Spina Bifida, Leben im Rollstuhl ...

Beitrag von pattegiftzahn 23.03.11 - 10:32 Uhr

Ein sehr sensibles Thema.

Mein Sohn hat das Aspergersyndrom mit Konzentrationsstörungen. Bevor er die Diagnose bekam, gestaltete sich der Alltag mit ihm sehr schwierig. Täglich bekam er "Ausraster", wenn er sich falsch behandelt oder bedroht fühlte. Er wurde in der Schule gemobbt und verweigerte die Mitarbeit. Draussen fielen wir immer auf durch sein Verhalten. Es gab keinen Tag an dem er sowie auch wir, nicht mit den Nerven am Ende waren. Mir wurde des Öfteren nahegelgt, ich solle es mal mit Ritalin versuchen. Aber ich konnte mich persönlich nicht von der Wirkung dieses Medikaments überzeugen. Zum einen gehört es in die Kategorie Amphetamine, welche zu weltweit auf Platz 8 der gefährlichsten Drogen zählt. Das alleine hält mich schon davon ab, es überhaupt in Erwägung zu ziehen, dieses Medikament einem Kind zu geben. Es gibt Todesfälle, die in Zusammenhang mit Ritalin stehen, zum Beispiel plötzlicher Herztod, auch hier ist mir das Risiko zu hoch. Keiner kann mir eine Garantie geben, dass das Medikament dem Kind tatsächlich hilft. Viele Kinder haben nach wie vor ihr Auffälligkeiten und ziehen sich durch die Nebenwirkungen noch weitere organische Krankheiten hinzu. Die Probleme werden überdeckelt. Die Kinder bleiben trotzdem Aussenseiter, weil man die Persönlichkeit eines Kindes nicht mit einem Medikament verändern kann. Dieses sind nur wenige von vielen Überlegungen, mir fallen noch zahlreiche mehr ein, weshalb ich sie meinem Kind nicht geben würde. Natürlich ist das eine ganz individuelle Entscheidung und niemand hat das Recht andere Eltern zu verurteilen, die sich nach diesen schwierigen Zeiten mit ihrem Kind für das Medikament entscheiden.

Was bei uns, und ich sage damit nicht, dass das bei allen Kindern funktioniert, wunderbar geholfen hat, ist zum einen die Sozial- und Verhaltenstherapie. Unser Sohn geht mittlerweile seit mehr als zwei Jahren dahin und die Mühe hat sich gelohnt. Er hat seine Wutanfälle gut unter Kontrolle, kann sich sehr gut selbst steuern und hat eine gute Emphatie entwickelt. Außerdem hat er eine Schulbegleiterin. Diese kann immer sofort im Konflikfall eingreifen, kann ihm helfen, sich selbst zu strukturieren und sorgt dafür, dass er notwendige Ruhezeiten erhält. Natürlich ist dazu unbedingt notwendig, dass die Schule da mitzieht. Unser Sohn ist jetzt 9 Jahre alt, besucht die 5. Klasse des Gymnasiums. Hier wurden viele sinnvolle Maßnahmen ergriffen, um unseren Sohn den Alltag zu meistern. Wie z.B. einen extra Ruheraum für ihn, er darf ein Netbook benutzen, weil er Probleme mit dem Mitschreiben hat, weniger Lehrerwechsel, mehr Stunden bei einzelnen Lehrern, strukturierter Unterrichtsablauf usw. Unser Sohn ist inzwischen zu fast 100% integriert, denn durch die Aufklärung, der Lehrer, Mitschüler und dessen Eltern sind die Kinder durchweg in der Lage, ihn so anzunehmen, wie er ist, mit all seinen Facetten. Die Mitschüler haben gutes Sozialverhalten gelernt.

Hier zu Hause funktioniert der Alltag auch nur mit ganz festen Regeln und immer gleichmäßigen Tagesabläufen. Sodass wir heute ein sehr ruhiges, harmonisches Familienleben führen, dass nicht mehr durch die Wutanfälle und mangelnde Emphatie unseres Sohnes geprägt ist.

Natürlich hat diese große Veränderung viel Geduld, liebevolle Konsequenze, Verständnis usw. benötigt. Die Verhaltensweisen haben sich nicht von heute auf morgen verändert. Zwei Jahre waren eine lange und harte Zeit, die sich aber gelohnt hat. Wir leben glücklich ohne Medikamente und ohne schlechtem Gewissen. Auch unser Sohn ist inzwischen ein fröhliches nicht mehr depressives Kind.

Liebe Grüsse
Patte

Beitrag von manavgat 23.03.11 - 12:19 Uhr

Was bitte soll ein Asperger mit Ritalin?


Das erschließt sich mir nicht.

Gruß

Manavgat

Beitrag von krokolady 23.03.11 - 12:24 Uhr

Dito - das war auch meine erste Überlegung.

Aspi und ADHS sind ja 2 komplett verschiedene Welten.

Beitrag von kati543 23.03.11 - 14:00 Uhr

So einfach ist das nicht. Viele Medis wirken in völlig verschiedenen Erkrankungen. Und es ist tatsächlich so, dass Ritalin mittlerweile in den USA tatsächlich dagegen genommen wird. Und die Eltern beschreiben eine positive Veränderung im Verhalten. Natürlich löst Ritalin nicht die Hauptprobleme eines Autisten, aber auf den Nebenschauplätzen KANN es hilfreich sein.

http://life-with-aspergers.blogspot.com/2007/12/aspergers-and-ritalin.html
http://life-with-aspergers.blogspot.com/2008/05/what-does-ritalin-really-feel-like.html

Die nächste Sache ist natürlich, dass Asperger Autismus nicht selten mit ADHS einhergeht.

Beitrag von krokolady 23.03.11 - 14:07 Uhr

das ist mir echt neu das Ritalin bei Asperger eingesetzt wird.....wieder was dazu gelernt.

Wobei ich sagen muss, das was die TE da beschreibt....also Therapien, Schulbegleiter, fester Rythmus etc. ist ja eh das A und O bei Asperger und hat ja nichts mit dem Verzicht auf irgendwelche Medikamente zu tun.

Beitrag von kati543 23.03.11 - 14:19 Uhr

Das ist eine Art globaler Selbsttest in USA gewesen. In Deutschland ist es verboten. Da darf Ritalin nur als Medikament gegen ADHS verordnet werden darf - wurde September 2010 beschlossen. Und auch nur dann bezahlt es die Kasse. Ich weiß nicht, wie ein Arzt bei Autismus in Deutschland Ritalin verordnet - wahrscheinlich ein grünes Rezept. Aber ob das nicht auf die Dauer zu teuer wird,...

Definitiv bin ich jedoch eurer Meinung. Bei Asperger kann man eigentlich nicht wirklich von einem Verzicht sprechen. Das Medikament hätte ich auch abgelehnt - wie die TE - wegen Asperger. Da gibt es bessere Methoden.

Und Ritalin hier zu verteufeln...wäre ich auch vorsichtig. Da gibt es schlimmere Sachen, die Kinder nehmen müssen teilweise.

Beitrag von manavgat 23.03.11 - 14:32 Uhr

Asperger sind nicht krank. Sie sind nur anders.

Ritalin wegen Asperger ist ungefähr wie Herzmedikamente gegen LRS....

Gruß

Manavgat

Beitrag von kati543 23.03.11 - 15:00 Uhr

Manavgat, du brauchst mir nicht zu erklären, was Autismus ist. Ich habe 2 Söhne mit autistischen Zügen - bei einem besteht der Verdacht auf Asperger. Aber getestet werden kann er noch nicht - bzw. der letzte Test war ziemlich genau grenzwertig wegen zu geringen Alters. Und ich würde ihnen bestimmt kein Ritalin geben ;-)
Asperger Autismus ist sehr wohl eine Krankheit und Behinderung.
Ich stimme dir natürlich zu, dass Ritalin nicht Asperger "beseitigt". Aber das habe ich auch nie behauptet. Ich habe nur gesagt, dass es sehr wohl positive Erfahrungen damit gibt aus anderen Ländern. Die entsprechenden Links habe ich mit gepostet.
Es gibt übrigens nicht wenige Medikamente, die gegen mehrere völlig verschiedene Arten von Erkrankungen helfen. Du solltest also vorsichtig sein mit deinen Aussagen. Um mal ein ganz blödes Beispiel zu nennen: Man kann Paracetamol gegen Kopfschmerzen nehmen, man kann aber sich aber auch ein Narkosemittel geben lassen oder man läßt solange jemanden auf sich einschlagen, bis man ohnmächtig wird. In allen 3 Fällen ist die Wirkung vorübergehend und identisch - den Kopfschmerz spürt man nicht mehr, aber vorhanden ist er natürlich immernoch. Und genauso wirkt Ritalin gegen Autismus. Eigentlich wirkt es gar nicht, aber vorübergehend bremst es das Kind etwas und so kommt das Kind eben weniger häufig in Schwierigkeiten, weil es öfter ruhig bleibt, anstatt seinem extremen Gerechtigkeitssinn sofort auszuleben (nur ein Beispiel).

Beitrag von pattegiftzahn 23.03.11 - 16:31 Uhr

Also in der Selbsthilfegruppe, die wir besuchen, Eltern mit Aspergerkindern, geben ca. 80 % ihren Kindern Ritalin, weil alle auch in die Kategorie ADHS eingestuft werden, bzw. die Verhaltensweisen sind teilweise kaum voneinander zu unterscheiden. Uns wurde der Vorschlag von der Schulbegleitung, die wir inzwischen gefeuert haben, von den Lehrern, weil die zu dem Zeitpunkt davon ausgegangen sind, dass die damalige Schulbegleitung weiß, wovon sie spricht, und dann die Vorschläge von denselben aufgegriffen, von der Therapeutin. Alle hatten das selbe Ziel, nämlich unseren Sohn ruhigzustellen. Sie nannten es, damit er es einfacher hat in der Schule und konzentrierter arbeiten kann. Wie gesagt, ich hätte dieses Medikament ohne Probleme verordnet bekommen, habe mich aber vehement dagegen gewehrt, weil mich die Argumente nicht überzeugt haben.

Therapeutisch werden beide Gruppen gleich behandelt, nämlich Sozial und Verhaltenstherapie. Ich wollte durch unsere positiven Erfahrungen einfach mal anderen Eltern Mut machen und aufzeigen, dass nicht immer Medikamente angesagt sind.

LG
Patte

Beitrag von krokolady 23.03.11 - 16:40 Uhr

mein Sohnemann hatte als diagnose vor ein paar Jahren: schwere hyperkinetische Störungen des Sozialverhaltens.
Also kein ADHS oder so!

Trotzdem bekam er nen ADS-Medikament........und siehe da......der prügelnde, unaufmerksame, störende Schüler voller Unlust wurde plötzlich nen richtig guter Schüler der 2er und 3er schrieb anstatt 5er und 6er.

Die Hausaufgaben dauerten nur noch höchstens 1 Stunde am Tag, anstatt wie vorher 4 - 6 Stunden......

Er war mit den Medis absolut nicht ruhig gestellt, sondern schaffte es endlich mal sich auf eine Sache zu konzentrieren.......die "Ameisen" im Kof waren weg.........

Beitrag von pattegiftzahn 23.03.11 - 16:47 Uhr

Das ist nur eine andere Bezeichnung für ADHS....

Beitrag von manavgat 23.03.11 - 16:59 Uhr

Asperger sind nicht behindert, sie werden behindert....

Darüber könnte man mal nachdenken.

Und ich bin der festen Überzeugung, dass man Aspergern mit einer Verhaltenstherapie am besten hilft, nicht immer anzuecken. Den Rest kann man gut abdecken, indem sich die "Normalos" mal mit Toleranz ausrüsten.

Dazu gehört auch, dass ein Asperger lernen kann, das Matra: ich sage jetzt nichts.... aufzusagen.

Es ist eine grundsätzliche, philosophische Frage:

gestalten wir die Gesellschaft so, dass die größtmögliche Menge an Menschen sich daran wohl und geborgen fühlt

oder machen wir die Menschen so - notfalls mit harten Medikamenten - damit sie verdammt noch mal in diese Welt passen?

Gruß

Manavgat

Beitrag von pattegiftzahn 23.03.11 - 18:11 Uhr

Im großen und ganzen gebe ich dir Recht. Aber die Aussage Asperger sind nicht behindert, ist nicht korrekt. Asperger ist eine Behinderung. Mir fiel es auch schwer, zu akzeptieren, dass mein Kind nicht so ist wie andere. Alleine die damals noch fehlende Emphatie hat ihn tagtäglich "behindert" am Sozialleben teilzuhaben. Viele Verhaltensweisen, die für andere selbstverständlich sind, mußte unser Sohn mühevoll lernen. Auch die motoroische Ungeschicklichkeit behindert ihn immer wieder aufs Neue. Die Liste könnte noch viel länger werden, aber das würde hier zu weit führen.

Natürlich gebe ich dir 100 % Recht, wenn du sagst, die "Normalos" sollten mehr Toleranz üben. Allerdings kann man Toleranz nur üben, wenn Unsicherheiten beseitigt werden, Unsicherheiten können durch Aufklärung behoben werden. Wie in unserem Fall. Wir hatten auch Eltern, die zur Schule gegangen sind und wollten, dass unser Sohn die Schule verläßt, weil er in angeblich eine "Gefahr" für deren Kinder darstellt. Inzwischen ist es nur noch ein Elternpaar, die quer schießen, alle anderen und auch deren Kinder und die Lehrer stehen hinter unserem Sohn. Jeden Tag auf Neue wird Toleranz geübt, schon auf Grund vieler Dinge, die er anders machen darf als seine Mitschüler. (Netbook, Ruhezeiten, längere Zeiten für Klassenarbeiten usw.) Es ist für alle in Ordnung. Und wenn er seine "5 Minuten" hat, sehen alle großzügig drüber hinweg.

Wir haben auch sehr schwere Zeiten hinter uns. Gerade weil in unserer Gesellschaft immer noch Menschen, die nicht der Norm entsprechen, ausgegrenzt werden aus dem geseallschaftlichem Leben, und das fängt schon im Kindergarten an. Doch wir haben nie aufgehört für die Rechte unseres Kindes zu kämpfen, mit Erfolg wie man sieht.

Man kann Asperger nicht heilen, man kann wohl auch die anderen Krankheiten wie ADHS usw. nicht heilen, aber man kann viel am Verhalten des Kindes und der Mitmenschen bewirken.

Patte

Beitrag von kati543 24.03.11 - 13:33 Uhr

Also dass Asperger Autismus nicht zu den Behinderungen gehört, halte ich für ein Gerücht. Was ist denn deiner Meinung nach eine Behinderung? Nur alle geistigen Behinderungen. Man muß nicht "dumm" sein, um eine Behinderung zu haben - man muß auch nicht im Rolli dazu sitzen. Ich für meinen Teil bin schwerbehindert seit ich 5 jahre jung war - und ich sitze nicht im Rolli und ich habe auch eine ganz normale Schulbildung ohne irgendwelche Hilfen bis hin zum Studium genossen.

"gestalten wir die Gesellschaft so, dass die größtmögliche Menge an Menschen sich daran wohl und geborgen fühlt
oder machen wir die Menschen so - notfalls mit harten Medikamenten - damit sie verdammt noch mal in diese Welt passen? "
Das kommt immer auf den Gesichtspunkt an. Meine Generation und auch die vorangegangenen wurden von behinderten Menschen, denen man ihre Behinderung angesehen hat immer fern gehalten. Diese Menschen gehen in Sonderkindergärten, Sonderschulen und später betreutes Wohnen/Heim und WfB. Erst vor ein paar Jahren hat ein Umdenken stattgefunden und man versucht behinderte Menschen zu integrieren. Aber es gibt weiß Gott genügend Menschen die sagen, dass sie nicht wollen, dass ihr Kind mit einem behinderten Kind im Kiga/Schule ist. Das sind Vorurteile, klar - aber diese Menschen fühlen sich nun mal unwohl im Beisein mit Behinderten. Das wird noch ein Prozeß über viele lange Jahre sein. Man kann so festgefahrene Menschen nicht über Nacht ändern. In einem stimme ich dir natürlich zu: Egal, wie andere Menschen reagieren. Nur wegen Anderen würde ich selber oder meine Kinder NIEMALS Medis nehmen.

Beitrag von ungeheuerlich 24.03.11 - 13:55 Uhr

Klar ist asperger Autismus eine Behinderung.
Mein Sohn hat übrigend SBA 80% und alle Merkezeichen, ebenso PS 1.

Beitrag von kati543 24.03.11 - 15:27 Uhr

"Mein Sohn hat übrigend SBA 80% und alle Merkezeichen, ebenso PS 1. "
Wenn dein Sohn das wirklich alles hat, hat er nicht nur Asperger Autismus. Was sind denn bei dir ALLE Merkzeichen?

Beitrag von twins 25.03.11 - 09:25 Uhr

HI Patte,

ich finde es super, das Ihr für Euch den richtigen Weg gefunden habt, ohne das Kind mit Medikamenten vollzustopfen.
Ich denke, da habt ihr sicherlich auch einen guten Arzt gefunden und toll, das die Schule das so gut unterstützt!!!

#winke
Lisa

Beitrag von pattegiftzahn 25.03.11 - 14:21 Uhr

Hi Lisa,

ja, wir haben eine sehr gute Therapeutin. Bis wir die gefunden haben, mussten wir einen sehr steinigen Weg gehen. Und dass die Schule und vorher auch die Grundschule, nachdem wir ihn von einer konservativen in eine GU-Grundschule umgeschult haben, ihn, die Schulbegleitung und uns in allen Belangen unterstützen, hat im Wesentlichen dazu beigetragen, dass wir heute so weit sind. Wir sind voller Zuversicht, dass unser Sohn später ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben leben kann. Mit guten sozialen Kontakten. Dies ist leider auch heute noch vielen Autisten nicht möglich.

Viele Grüße

Patte