Terrorismus vs. Staatterrorismus

Archiv des urbia-Forums Politik & Philosophie.

Hier geht es in die aktuelle Version dieser Seite. Nimm dort aktiv am Diskussionsgeschehen teil.

Forum: Politik & Philosophie

Hier ist der Platz, mit anderen Politik- und Philosophieinteressierten über Parteien, aktuelles politisches Geschehen, Sinnfragen etc. zu diskutieren. Wir bitten insbesondere in diesem Forum um einen sachlichen und konstruktiven Diskussionsstil!

Beitrag von blueeyed 03.05.11 - 10:05 Uhr

Ein Gebilde mit Namen Al Qaida hat in den USA ein paar Hundert Menschen bei einem Terroranschlag getötet. Ich bin mir sicher: Die Täter fühlten sich im Recht, hielten ihr Wertesystem dem des Gegner für überlegen, sahen sich moralisch auf der richtigen Seite.

Infolgedessen jagen die USA den Drahtzieher, schießen ihn (angeblich) wie einen räudigen Köter über den Haufen und feiern das als großen Sieg gegen "den Terrorismus".

Dieselben USA töten seit Jahren und Jahrzehnten in aller Welt Menschen - weil sie sich im Recht fühlen, ihr Wertesystem dem des Gegners für überlegen halten, sich moralisch auf der richtigen Seite sehen.

Wenn jetzt irgendeiner im Namen der sich unter unterdrückt fühlenden Völker und Religionen (und genau das gab Bin Laden und gibt vielen anderen diesen enormen Rückhalt) alles daransetzt, dem Drahtzieher im Weißen Haus ein Kugel in den Kopf zu jagen und analog zu den gestrigen Feiern in Amerika dann in Bagdad, Teheran, Kabul und Islamabad in die Luft geschossen wird: Wo genau liegt dann da der Unterschied?

Beitrag von ayshe 03.05.11 - 10:16 Uhr

##
Die Täter fühlten sich im Recht, hielten ihr Wertesystem dem des Gegner für überlegen, sahen sich moralisch auf der richtigen Seite.
##
Jeder sieht sich eben im Recht, das ist das Problem.
Und deshalb wird es auch so nie friedlich enden, sondern gerade jetzt ist das Feuer wieder richtig geschürt.

Beitrag von zeitblom 03.05.11 - 10:34 Uhr

"ein paar Hundert Menschen "

Du hast eine Null vergessen!

"Dieselben USA töten seit Jahren und Jahrzehnten in aller Welt Menschen "

Welche Toetungen meinst Du konkret?

"alles daransetzt, dem Drahtzieher im Weißen Haus ein Kugel in den Kopf zu jagen"

Gerade dies machen heutige Terroristen ja nicht. Kennzeichen des Terrorismus ist ja gerade wahlloses Toeten. Fuer den Terrorismus ist es voellig unerheblich, wer getoetet wird. Es trifft fuer ihn eh die Richtigen, da es aus ihrer Sicht keine Unschuldigen gibt.

Beitrag von blueeyed 03.05.11 - 10:44 Uhr

Vietnamkrieg. Kriege gegen Afghanistan und den Irak. Die unzähligen Opfer von Konflikten, in denen die USA durch Waffenlieferungen mitmischt.

Tausend sind übrigens auch mehrere Hundert.

Übrigens ist gerade der letzte Satz so wunderbar umkehrbar: Den USA ist es (Stichwort: Guantánomo) auch reichlich egal, ob die eingesperrten, misshandelten Muslime schuldig sind oder nicht, die sind mindestens schuldig, einen Vollbar zu tragen und Arabisch zu sprechen.

Aber all das ist ja egal. Jetzt, wo der Anführer des Terrors tot ist, sehen wir ja alle rosigen Zeiten entgegen. Danke Amerika, danke Obama. Danke auch Frau Merkel für die unerschütterliche und bedingungslose Solidarität. Nibelungentreue wäre der passendere Begriff, Kadavergehorsam trifft es aber auch.

Beitrag von zeitblom 03.05.11 - 10:53 Uhr

"Tausend sind übrigens auch mehrere Hundert. "

Achso, na dann koennen wir ja auch nur von einigen Dutzend reden....

Du siehst also diese Kriege gleichrangig mit den Selbstmordattentaten in Diskotheken und in anderen oeffentlichen Plaetzen? Und Waffenlieferungen entsprechen wohl den Flugzeuglieferungen frei (Hoch)haus?

"reichlich egal, ob die eingesperrten, misshandelten Muslime schuldig sind oder nicht, die sind mindestens schuldig, einen Vollbar zu tragen und Arabisch zu sprechen. "

Ich will Guantánomo nicht verteidigen, aber Du moechtest doch nicht ernsthaft behaupten, dass die Amerikaner nicht daran interessiert waren, Informationen von ihren Gefangenen zu erhalten. Dass sie dabei auch viele Unschuldige einsperrten, werden sie als Misserfolg buchen und dieser Misserfolg waren ihnen sicher nicht gleichgueltig. Den Terrosten aber galt die Toetung bereits als Erfolg.



Beitrag von blueeyed 03.05.11 - 10:57 Uhr

"Dass sie dabei auch viele Unschuldige einsperrten, werden sie als Misserfolg buchen und dieser Misserfolg waren ihnen sicher nicht gleichgueltig."

Klar, die hochrangigen Politiker und Militärs sitzen heute noch den ganzen Tag in den Büros und weinen, weil sie so vielen Menschen Unrecht getan haben. Du relativierst dort übelste Menschenrechtsverletzungen, weil man ja "Informationen" von den Gefangenen bekommen wollte. Was ist der nächste Schritt: eine Atombombe auf den Iran, weil man ja dadurch auch ein paar Verbrecher erwischt?

Und "Tötung als Erfolg" ist seit gestern keine rein terroristische Kategorie mehr, sondern auch im deutschen Bundestag angekommen.

Beitrag von nijinsky 03.05.11 - 11:03 Uhr

>Du relativierst dort übelste Menschenrechtsverletzungen, ... <

Und du "ein paar hundert Tote", so what?

Beitrag von zeitblom 03.05.11 - 11:06 Uhr

"weinen, weil sie so vielen Menschen Unrecht getan haben"

Nein, aber moeglicherweise, weil sie ineffizient waren. Ich relativiere gar nichts, aber offenbar gelingt es Dir nicht, zu differenzieren.

Bist Du der Meinung, die Aktion muesse als Misserfolg gewertet werden? Waere es erstrebenswert gewesen, Osama einen Prozess zu machen (wo?) und die damit verbundenen Risiken einzugehen? Wie scheinheilig waere das aber, wenn von einer Unschuldsvermutung kaum noch die Rede sein kann?

Beitrag von blueeyed 03.05.11 - 11:15 Uhr

Ein Misserfolg, und eine Absage an exakt jene Werte, die man zu verteidigen vorgibt.

Als die Flugzeuge in den Türmen einschlugen, war das ein schändliches Verbrechen ohne Parallelen in der Weltgeschichte. Wenn demnächst wieder Flugzeuge in Türmen einschlagen, dann ist das nur ein weiterer Schlag in einem Krieg der Weltanschauungen, in dem beide Seiten mit derselben Vorbohrtheit und derselben Menschenverachtung agieren.

Vordergründig haben sie "nur" Osama Bin Laden getötet. Hintergründig haben sie unser Wertesystem getötet. Ich bin mir sicher: Der Getötete selbst würde begeistert sein zu sehen, dass er seine Gegner auf sein Niveau heruntergezogen hat. Die Errungenschaft der bürgerlichen Freiheit wurde im Zuge der Terrorabwehr schon zurückgefahren, Werte wie "ordentliche Gerichtsverhandlungen", "Verzeihen" oder schlicht und ergreifend Achtung vor dem menschlichen Leben wurden es gestern.

Wie will man unser Wertesystem verteidigen gegen Angriff durch Islamisten, wenn man selbst unser Wertesystem gerade so auslegt, wie es einem gefällt?

Beitrag von zeitblom 03.05.11 - 11:29 Uhr

Wie haettest DU verantwortungsvoll entschieden?

Beitrag von blueeyed 03.05.11 - 11:37 Uhr

Bin Laden festnehmen, Bin Laden und seine wirren Thesen bloßstellen, Bin Laden die ihm zur Last gelegten Taten beweisen, Bin Laden zu lebenslanger Haft verurteilen.

Wenn bei der Festnahme etwas schiefgegangen wäre, dann hätte ich öffentlich mein Bedauern darüber ausgedrückt, dass man ihm ein rechtsstaatliches Verfahren nicht mehr gewährleisten konnte. Kein lautes Jubelgeschrei, keine Entgegennahme von Gratulationen.

Jeder einzelne, der da gestern in den USA mit Flagge auf den Straßen gefeiert hat, hat sich selbst und seinem Land ein Armutstzeugnis ausgestellt.

Der Tötung eines Menschen, sei sie jetzt beabsichtigt (was ich denke) oder unabsichtlich erfolgt, gebietet immer respektvolles Schweigen. Das respektieren selbst die Amerikaner, wenn sie - ganz das aufgeklärte Volk mit Weltführeranspruch - ein paar Schwarze vergiften, die sich keinen besseren Anwalt leisten konnten.

Beitrag von zeitblom 03.05.11 - 11:49 Uhr

Was, wenn seine Taten nicht haetten bewiesen werden koennen? Was, wenn versucht worden waere, ihn freizupressen? Was, wenn das, was Du "seine wirren Thesen bloßstellen" nennst, fuer zahlreiche Anhaenger eine weitere Motivation waere?

Die Kritik an den oeffentlichen Kommentare von Politikern, die von Freude (statt z.B. von Erleichterung) sprechen, teile ich. Auch wenn ich es verstaendlich finde, wenn nach einer gewonnenen Schlacht sich gefreut wird. Politisch korrekt ist es nicht, und paedagogisch wertvoll erst recht nicht. Dass aber "das Volk" sich freut, wirst Du kaum verbieten koennen (und wollen!)

Beitrag von blueeyed 03.05.11 - 11:55 Uhr

Wenn seine Taten nicht hätten bewiesen werden können? Dann hätte man ihn freilassen müssen, so bitter es gewesen wäre. Es kann doch nicht sein, dass man das als Grund für eine schnelle Liquidierung anführt!

Und sein Tod, sein Märtyrertod? Ist der keine Motivation für seine Anhänger?

Haben wir wirkliche Werte, an denen wir uns orientieren oder doch nur eine kleine Gebrauchsethik, aus der wir uns immer die Passagen raussuchen, die uns gefallen? Können wir unsere Abläufe (Festnahme, Verfahren, Verurteilung, Strafe) ändern, nur weil diese im Einzelfall unliebsame Folgen haben könnten.

Ich denke, wir kommen da auf keinen gemeinsamen Nenner. Müssen wir aber auch nicht, Diskussionen und Dispute gehören dazu. Dieser hier läuft ja erfreulich sachlich und ruhig ab. Danke :-)

Beitrag von schullek 05.05.11 - 19:40 Uhr

"Wenn seine Taten nicht hätten bewiesen werden können? Dann hätte man ihn freilassen müssen, so bitter es gewesen wäre. Es kann doch nicht sein, dass man das als Grund für eine schnelle Liquidierung anführt!"

eben. gerade ein land wie die usa, in dem freiheit in allen lebensbereichen ganz groß ist, wo ein unabhängigkeitskrieg geführt wurde, um diese freiheit zu erhalten, ist es eigentlich ein unding, dass eine tötung erfolgt, wo festnahme möglich gewesen wäre.

"Haben wir wirkliche Werte, an denen wir uns orientieren oder doch nur eine kleine Gebrauchsethik, aus der wir uns immer die Passagen raussuchen, die uns gefallen? Können wir unsere Abläufe (Festnahme, Verfahren, Verurteilung, Strafe) ändern, nur weil diese im Einzelfall unliebsame Folgen haben könnten. "

in dieem fall scheint es in den usa wohl so zu sein. die eigenen verluste werden als höher udn schwerwiegender eingeschätzt als die der anderen. und die ethik wird angepasst. oder es wird ein neues gesetz erlassen, dass alles rechtens macht. da hat moral keinen platz.

Beitrag von selmi22 03.05.11 - 11:49 Uhr

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,760259,00.html


Die sind doch krank!

Beitrag von zeitblom 03.05.11 - 12:19 Uhr

wo ist das Problem? Dass eine militaerische Operation auch per Video festgehalten und dokumentiert wird?

Beitrag von selmi22 03.05.11 - 12:25 Uhr

Dann sollen die uns doch mal zeigen, was sie da "gesehen" haben!

Beitrag von zeitblom 03.05.11 - 12:26 Uhr

ich denke, das wird auch noch gemacht.... moechtest Du Dich auch an den Toetungen aufgeilen?

Beitrag von blueeyed 03.05.11 - 12:27 Uhr

Schade, dass du jetzt unsachlich wirst. Ich hatte im Verlauf der Diskussion bisher einen anderen Eindruck von dir.

Beitrag von zeitblom 03.05.11 - 12:29 Uhr

"Die sind doch krank! "

Haelst Du diese Behauptung fuer sachlich?

Beitrag von blueeyed 03.05.11 - 12:31 Uhr

Nein, aber ich bin nicht dafür, Gleiches mit Gleichem zu beantworten.

Das gilt für Unsachlichkeit wie für Terror.

Beitrag von zeitblom 03.05.11 - 12:32 Uhr

da bin ich anderer Meinung: gelegentlich verdeutlicht dies den Kantischen Imperativ

Beitrag von selmi22 03.05.11 - 12:32 Uhr

Das ist nicht nur sachlich, das ist sogar WAHR!!!

Beitrag von zeitblom 03.05.11 - 12:37 Uhr

Ich glaube keiner Nachricht der grossen Medien, sondern nur was die allwissende selmi22 verbreitet.... :-)

Beitrag von selmi22 03.05.11 - 12:31 Uhr

Ich denke so ein Video existiert gar nicht, außerdem würde ich echt gerne wissen wo denn nun angeblich die 23 Frauen/Kinder sind, die sollten doch echt mal befragt werden, was da genau stattgefunden hat.

  • 1
  • 2