Auf einmal bin ich "Mama" eines Teenagers

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Forum: Jugendliche

Viele Eltern sehen der Pubertät ihrer Kinder mit Schrecken entgegen. Welche Probleme tauchen wirklich im Zusammenleben mit einem Teenager auf? Was, wenn AlkoholDrogen und Verhütung zum Thema werden? Tauscht hier eure Erfahrungen mit anderen Teenie-Eltern aus.

Beitrag von valada 15.05.11 - 00:46 Uhr

Hallo ihr,

seit ca 1 Monat wohnt mein (Pflege-)Bruder bei uns und wird auch in Zukunft bei uns bleiben, bis er soweit ist, irgendwann auf eigenen Beinen zu stehen.

Zu der Vorgeschichte: Wir haben ihn als Neugeborenes Baby bekommen und 7 Jahre lebte er in unserer Familie. Dann kam er in ein Heim. Ich als Schwester durfte jahrelang keinen Kontakt zu ihm haben, seit 3-4 Jahren haben wir unregelmäßig immer wieder Kontakt. Er selber wohnte jetzt ca 2 Jahre in einer eigenen Wohnung mit regelmäßiger Betreuung der AWO.

Er ist 19 Jahre alt, aber von seiner sozialen und emotionalen Entwicklung eher auf dem Stand eines ca 15-jährigen. Seit er bei uns ist, hat er (wie es den Eindruck macht) jede Verantwortung abgegeben und man merkt deutlich, dass er auch einfach noch nicht soweit ist.

Sooo, unsere Probleme sind jetzt: Er redet fast garnicht!!! (Er hat zur Zeit auch noch Liebeskummer). Es gibt Tage, an denen er vielleicht 5 Worte sagt. Miteinander schreiben übers Internet geht da schon eher etwas...

Was ich aber noch um einiges gravierender finde: ihm fehlt jegliche Erziehung im zwischenmenschlichem Bereich. Irgendwie hat da das Kinderheim den Punkt total vernachlässigt. Er ist jetzt nicht antisozial, er kennt halt absolut KEIN Miteinander leben.

Gebe ich ihm Anweisungen und Aufgaben führt er sie aus ohne zu was zu sagen, aber das fühlt sich nicht nach Familie an, sondern nach Angestelltenverhältnis. Er verzieht sich den ganzen Tag in sein Zimmer, liest da oder sitzt am Computer, kommt raus, wenn wir ihn zum Essen rufen, bleibt stumm nach dem Essen noch etwas sitzen, räumt sein Teller ab und geht wieder in sein Zimmer... Abends macht er sich alleine was zu Essen wenn er Hunger hat und nimmt das auch mit ins Zimmer...

Erschwerend kommt wahrscheinlich noch dazu, dass er letztes Jahr nach Beendung seiner Schule keine Ausbildungstelle gefunden hat, am 8.8. dieses Jahres beginnt er hier bei uns in der Nähe erst eine schulische Ausbildung. Somit hat er halt wenig bis garnichts zu tun am Tag.

Versuche ihn zu irgendwas zu motivieren, z.B. einen Sport auszuprobieren sind bis jetzt immer gescheitert. Wir haben noch nichts gefunden ihn aus seinem Zimmer zu locken... Freunde hat er eigentlich gar keine. (er hat das ganze letzte Jahr sehr einsam gelebt).

Er wirkt/ist auch irgendwie sehr egoistisch. Wobei ich es nicht als Charaktereigenschaft von ihm sehe, sondern eher als Resultat vom Mangel der Sozial-Erziehung. Er WEIß es eben nicht anders, aber es erschwert das Zusammenleben schon. Wir haben ihm in den letzen Monat schon viel gekauft/bezahlt (z.B. Eintritte und Essen bei gemeinsamen Ausflügen, usw. halt was man normal als Familie macht) und von ihm kam bisher noch NIE ein "Danke". Irgendwie ist für ihn alles selbstverständlich.

Die Position, die er in unserer Familie hat / eingenommen hat ist eigentlich, dass er ein weiteres Kind für meinen Mann und mich ist und nicht wie mein Bruder.

Nur irgendwie fehlt mir total der Ansatz, wie ich ihm am besten helfen kann, wie ich ihn am besten erziehen kann. Meine eigenen Kinder sind 8 Jahre und 2 Jahre, die Teenager-Erfahrung kommt da erst noch...Vor allem ist die soziale Entwicklung ja etwas, was sich über Jahre entwickelt.

Jugendhilfe bekommt er seit April keine mehr. Seine Betreuerin meinte, es wäre nicht mehr nötig, sie sieht nur die finanzielle Seite. Ich sehe das eigentlich anders, weil er eben von seiner Entwicklung noch lange nicht erwachsen ist. Von wem können wir denn Unterstützung bekommen?

Viele Grüße

Valada

Beitrag von ajl138 15.05.11 - 14:53 Uhr

>>Von wem können wir denn Unterstützung bekommen? <<


Von einem Kinder- und Jungendpsychologen.

Beitrag von valada 16.05.11 - 08:08 Uhr

Lehnt er strikt ab, schon seit ein paar Jahren.

Beitrag von bambolina 15.05.11 - 15:28 Uhr

Darf ich fragen, warum er mit 7 Jahren wieder ins Heim kam?

Ich meine ich kenne nicht die ganze Geschichte von deinem Bruder, aber Heimkinder sind oftmals kaputt in der Seele.
Ich habe selbst Pflegekinder und hab das selbst erleben müssen. Sie wuchsen aber teilweise bei mir auf und haben innerhalb der Familie einiges gelernt, wozu dein Bruder nie die Chance hatte.

Gehe zu seiner Betreuerin oder schreibe ans JA einen Brief. Schildere deine Probleme und erkläre ihnen dass ein Kind mit 18 zwar vom Gesetz her volljährig ist, aber er es in Wirklichkeit noch lange nicht ist. Erkläre ihnen, dass es nicht sein kann, dass sie mit 18 jegliche Verantwortung abgegeben und jegliche Hilfeleistungen (nicht die finazielle) unterlassen.
Erkläre dass du nicht verpflichtet warst, ihn aufzunhemen, dass er es alleine aber nicht schafft und dass du ihm helfen willst. Schreibe, dass es alleine nicht Möglich ist, dass DU auch Hilfe brauchst.

Weiterhin wäre sicher nicht schlecht, ein Psychologe zu Hilfe zu ziehen, vorausgesetzt dein Bruder macht da mit.

lg bambolina

Beitrag von valada 16.05.11 - 08:19 Uhr

Die Gründe warum er doch wieder aus unserer Familie genommen wurde, würde den Rahmen hier sprengen. Aber ich kann soviel sagen, dass das Jugendamt bevor mein Bruder in unsere Familie kam, sich unsere Familie mal genauer hätte anschauen sollen....

Aber die kaputte Seele passt absolut. Er wurde auf jeden Fall viel zu oft von wichtigen Personen immer wieder im Stich gelassen. Und ich will ihn auf keinen Fall im Stich lassen. Außer uns (mein Mann und mich) hat er nicht wirklich jemanden in seinem Leben. (gut so ganz langsam bessert sich das Verhältnis zu unserer Mutter wieder ein bisschen, aber das ist noch lange nicht so, dass es begangene Fehler wieder gut machen könnte)

Einen Psychologen lehnt er massiv ab. Er war ca von 12-16 in Therapie, hatte da aber nicht die Richtige für sich und diese Therapeutin hat auch alles, was er erzählt hat, seinen Betreuerinnen im Heim erzählt.

In manchen Momenten denke ich, die Zeit wird es vielleicht einfach richten, aber dann kommt wieder der nächste Moment in dem es ihm nicht gut geht und dann weiß ich wieder nicht, wie weiter...

LG
Valada

Beitrag von bambolina 16.05.11 - 11:43 Uhr

Hallo

das mit dem Psychologen hab ich mir gedacht, aus Erfahrung sind das für Heimkinder oft Quacksalber, die nur reden und doch nicht wirklich helfen können. Die Situation (Heim) bleibt unverändert. Wenn dein Bruder nicht mitarbeiten möchte, bringt der beste Psychologe auch nichts. Er muss schon dazu bereit sein.
Da das mit seiner damaligen Therapeutin auch noch schief lief, macht die Sache nicht einfacher.

Was macht er z.Zt beruflich bzw. schultechnisch?
Wenn er nichts tut, bzw. noch zur Schule geht, kann er neben dem Kindergeld auch Harz4 beantragen. Wäre euch finanziell bestimmt eine Hilfe.

Ich denke dein Bruder glaubt nicht daran, dass du ihm wirklich helfen willst. Er wurde schon zuoft enttäuscht. Vielleicht verkriecht er sich deshalb in sein Schneckenhaus um nicht allzuviel Nähe zuzulassen um dann wieder enttäuscht zu werden.
Er muss erst Vertrauen zu euch haben, das erlernen.

Lass dich von Rückschlägen nicht entmutigen. Beziehe in weiter in euer Familienleben mit ein. Versuch auch langsam ihm wieder Verantwortung zu übertragen. Bitte ihn weiterhin dir zu helfen. z.B die Getränkekisten aus dem Auto rein zu tragen. Bedanke dich bei ihm für seine tolle Hilfe. So lernt auch er wieder Danke sagen.

Ich finds übrigens echt toll, dass du deinem Bruder helfen möchtest.

Noch was, wenn der Weg übers Internet der einzigste ist Weg ist, an ihn ran zu kommen, nutze diesen. Beziehe ihn aber auch bei familiären Zusammenkünften (z.B beim Abendessen) in die Gepräche mit ein.

Er ist erst seit einem Monat bei euch. Es braucht einfach seine Zeit. Meine Pflegekinder haben sich am Anfang auch immer im Zimmer verkrochen. Erst viel später erfuhr ich, dass sie mir damals nicht zur Last fallen wollten und sie Angst hatten ich würde sie abschieben und haben sich deshalb so unaufällig wie möglich verhalten.
Psychologen haben sie übrigens auch abgelehnt. Uns hat wirklich nur die Zeit geholfen.
Gib deinem Bruder diese auch.

Was jahrelang kaputt gemacht wurde bekommst du nicht in einem Monat gerichtet.

liebe Grüße
bambolina

Beitrag von enni12 16.05.11 - 08:51 Uhr

Hallo Valada,

als erstes mal möchte ich dir sagen, dass ich es klasse finde, dass du deinen Bruder bei dir aufgenommen hast, ist immerhin eine ganz schöne Aufgabe!

Leider klingt das was du schreibst gar nicht gut muss ich sagen...
Er scheint wirklich in den letzten Jahren arg Schaden genommen zu haben.

Du schreibst, über Internet usw. geht die Kommunikation deutlich besser. Dann würde ich versuchen, diesen Kommunikationsweg weiter auszubauen. Klingt vielleicht blöd aber besser, als kein Kontakt. Schreibt euch doch über's Internet, oder Zettel oder wie auch immer. Ich bin selbst ein Typ, der bei echten Problemen so deutlich besser kommunzieren kann als im Gespräch #schein
So kann man seine Gedanken in Ruhe ordnen.

Schade, dass er Hilfe durch einen Psychologen ablehnt. Vielleicht kannst du dir aber trotzdem einen Termin bei einer Famlienberatungsstelle machen. Selbst wenn er nicht mit da hingeht ist es für dich bestimmt gut, mal über alles zu reden und dir vielleicht den einen oder anderen Tipp zu holen!

Ich wünsche dir auf jedem Fall viel Kraft und gib nicht auf

Dani

Beitrag von juju0980 16.05.11 - 10:28 Uhr

Hm, ein Monat ist auch noch nicht sehr lange. Auch wenn er nicht redet - vielleicht hört er ja zu? Sag ihm, dass man Danke sagt, wenn man was bekommt - vielleicht hat ihm das noch nie jemand gesagt? Und ich denke, er braucht Zeit, bis er merkt, dass da wirklich jemand ist, dem was an ihm liegt - bis jetzt war er ja wohl eher "Nr. xy" und einer unter vielen, die halt satt zu machen waren. Vielleicht hilft ihm auch, wenn einer von Euch vielleicht einmal die Woche nur was mit ihm unternimmt? Sport zB? Ist ja was anderes, ob man da alleine irgendwohin gehen soll, wenn man ja eh keine Ahnung hat, wie das mit dem zwischenmenschlichen funktioniert, oder ob einen jemand "an die Hand" nimmt.

Und ich denke auch, ihr solltet Euch professionelle Hilfe holen.

Ich wünsch Euch viel KRaft und Erfolg!

Beitrag von starshine 25.05.11 - 13:43 Uhr

Du willst ihn erziehen???? Der Zug ist doch längst abgefahren!!!

Hast Du Dir mal ein Heim genauer angesehen? Glaubst Du wirklich da hat man Zeit auf die einzelnen sozialen Bedürfnisse jedes Kindes einzugehen? Er ist mit 7 Jahren ins Heim gekommen!!!! Was denkst Du wird aus Deinen Kindern, wenn sie jetzt ins Heim kommen und aus ihrer Familie gerissen werden?

Du solltest Deine Erwartungen gewaltig herunterschrauben.

Da kann nur eine Therapie helfen.

Und hör auf ihn zu irgendetwas "bewegen" wollen. Akzeptiere ihn so wie er ist, damit hilfst Du ihm am meisten, denn das ist das was er seit seinem 7. Lebensjahr wahrscheinlich nicht kennt. Aber klar: Gehorsam lernt man im Heim auf jeden Fall. Deshalb wird er jede Arbeit ausführen, die Du ihm aufträgst.