Meine Mutti, das unbekannte Wesen ...

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Forum: Familienleben

Die Oma füttert die Kinder übermäßig mit Süßigkeiten, Probleme mit der Schwiegermutter, Tipps zum Feiern der Taufe: Hier ist Platz für alle Themen rund um die Familie.

Beitrag von fearless 17.05.11 - 14:38 Uhr

Hi,

ich bin im Moment leicht mit den Nerven fertig!

Meine Mutti ist 60 Jahre alt und ich dachte immer das wir uns wirklich gut kennen und trotz vieler Höhen und Tiefen, die glaube ich in jeder Familie normal sind, eine richtig gute Beziehung zueinander haben.

Wir wohnen 400 Kilometer auseinander und telefonieren beinahe täglich miteinander.

Nun rief sie mich gestern an und teile mir mit das sie sich in eine psychiatrische Klinik hat einweisen lassen.

???#schock???

Ich kenne meine Mutti als eine lebenslustige, resolute Frau. Ein Urgestein.

Wir kommen aus der ehemaligen DDR und meine Mutter hat 1979 als alleinstehende, geschiedene Frau meiner totkranken Tante versprochen meinen Cousin aufzunehmen (ich bezeichne ihn als meinen Bruder), welcher dann 1980 zu uns kam. Von heute auf morgen war sie alleinerziehende Mutter, zweier nicht ganz einfacher Kinder und das zu Ostzeiten.

Sie hatte damals einen sehr großen Freundeskreis, war extrem lebenslustig und stets für jeden Mist zu haben.

Unser Leben plätscherte so vor sich hin. Sie war stets bemüht uns alles bestmögliche zu bieten. Fast immer im Schichtdienst tätig.

Sie hatte einen Freund (für ihn war sie eine Affaire, er war verheiratet).

Unterstützung hatte sie finanziell und erzieherisch von meinen Opa, ihrem Vater. Zu ihm hatten wir alle drei ein sehr inniges Verhältnis. Meine Mutter pflegte ihn bis zur letzten Minute während ihre 5 Geschwister nur hin fuhren, wenn sie Geld brauchten.

Nach dem Tod meines Opa´s kam vieles auf den Tisch und Resultat war die unüberbrückbare Zerrüttung mit allen Geschwistern. Bis heute gab es keinerlei weiteren Kontakt.

Kurz zuvor hatte meine Mutter jemanden kennen gelernt, den sie auch sehr schnell heiratete. Auch mein Stiefvater kümmerte sich ohne Kompromisse um meinen Opa und eigentlich ist er ein sehr warmherziger und toleranter Mensch.

Mit einem Fehler: Er war zu DDR-Zeiten für die Stasi tätig und mit der Wende zeigten sich bei ihm leider gravierende Macken, die deutlich machten das er dieser ehemaligen Tätigkeit und dem Leben danach nicht gewachsen war. Sprich, er hat ein "Ding" weg.

Ich spreche von Strahlen absondernden Kopfkissen bis hin zum Sender im Backenzahn, extremen Verfolgungswahn, Spionage und Angriffe aus dem Weltall. Er hat sich nie in irgendwelche Behandlung begeben und so meiner Mutter das Leben psychisch wirklich schwer gemacht.

Meine Mutti war immer für meinen Bruder und mich da. Leider bereitete mein Bruder ihr öfter mal Sorgen, von Schulden mit Gefängnisaufenthalten im "Schulderknast", fahren unter Alkohol und fahren ohne Führerschein, Wohnungsverlust.

Wir haben immer recht nahe bei einander gewohnt und uns häufig gesehen. Vor einigen Jahren sind beide (Mutti und Stiefvater) aus beruflichen Gründen weiter weg gezogen und ich glaube, ab da ging es bergab.

Sie fühlte sich dort nicht wohl, mochte ihre neuen Arbeitskollegen nicht. Später kamen böse gesundheitliche Probleme hinzu, denen eine verfuschte Operation folgte, welche nun noch ärgere gesundheitliche Probleme mit sich bringt. Dadurch ging es arbeitstechnisch und auch finanziell deutlich bergab.

Das sie mittlerweile unter Depressionen litt wusste ich aus den Telefonaten. Doch niemand wusste wie schlimm diese wirklich waren.

Da sie selbst sich auch noch lustig drüber machen konnte, blieb uns verborgen wie sehr sie leidet. Unter meinem Stiefvater, ihrer Lebenssituation, ihrer Arbeitssituation, ihrer finanziellen Sitation. Wir sind genetisch vorbelastet, schon meine Uroma und meine Oma litten unter heftigen Depressionen mit stationären Aufenthalten. Ganz besonders meine Oma, die Mutter meiner Mutter. Mein Opa hat im Prinzip die 7 Kinder groß gezogen. 5 eigene und zwei aus erster Ehe meiner Oma.

Meine Mutti ist keine einfacher Mensch. Nach dem Tod meines Opas zog sie sich sehr zurück. Sie hatte keine Freunde mehr und litt unter extremen Stimmungsschwankungen.

Diese nahmen in den letzten 3 Jahren extrem zu und für alle Beteiligten war es oft alles andere als einfach. Einen Moment war alles in Ordnung, sie war lustig und zu Späßen aufgelegt und im nächsten Moment war sie zornig und wütend. Wir haben es so hingenommen, sie war halt so.

Gestern wie gesagt der Super-Gau. Sie wird in die Psychiatrie gehen, sie müsse auf einen Platz warten. Heute war es nun schon so weit, sie hatte um 14 Uhr Termin im Krankenhaus.

Irgendwie kommt das alles doch sehr überraschend! Nie hätte ich gedacht das es ihr so schlecht geht. Körperlich ja, das war klar .. aber seelisch?

Zur Zeit bricht alles über sie herein. Aufgrund ihrer langen Krankheit hat sie erhebliche finanzielle Probleme und niemand fühlt sich zustänig. Niemand möchte zahlen. Den letzten Bescheid hat sie heute vormittag erhalten und steht nun ohnen einen Cent da. Kann sich aber auch um nichts kümmern, da sie nun im Krankenhaus ist.

Ich selbst kann hier nicht weg. Kinder und berufliche Verpflichtungen. Ich bin selbstständig und kann mir nicht einfach so selbst Urlaub nehmen. Arbeite ich nicht, verdiene ich nicht. Die Kinder müssen in die Schule.

Nun habe ich mit meinem Bruder telefoniert, er kann sich sofort Urlaub nehmen und wird hinfahren, um mit einer Vollmacht alles nötige zu klären.

Uns ist klar, das die beste Therapie nichts bringen wird, wenn sie danach wieder zu meinem Stiefvater nach Hause muss. Es sei denn, er begibt sich ebenfalls in Therapie. Nun sagte sie mir, das sie sich von ihm nicht trennen möchte, da sie allein aus gesundheitlichen Gründen fast hilfslos ist und er "ja aber macht und tut".

Ich möchte sie gerne zu uns holen, aber erfahrungsgemäß wissen wir das ein Zusammenleben mit ihr auf Dauer recht schwierig ist. Einerseits möchte ich ihr irgendwie helfen, weiß aber nicht recht wie und habe auch Angst davor.

Wir wissen nicht einmal, was ihre eigens veranlaßte Einweisung in die Psychiatrie bedeutet. Was geschiet nun mit ihr? Wie lange muss sie drin bleiben?

Ganz ehrlich, ich weiß nicht einmal ob sie dort angekommen ist. Sie hatte am Telefon bitterlich geweint und merkwürdige Dinge gesagt, so das ich mir Sorgen mache. Ich würde am liebsten anrufen und fragen ob sie auch tatsächlich dort angekommen ist.

Mein Stiefvater weiß noch nicht einmal, was ihn erwartet, wenn er heute von der Arbeit nach Hause kommt.

Sie hat ihm nichts gesagt und kann ihn tagsüber auf der Arbeit nicht telefonisch erreichen.

Meine Mutter hat es nie leicht gehabt im Leben, sie wirkte trotzdem immer stark und siegessicher. Nie hätte ich gedacht das so viel Leid in ihr schlummert.

Ich weiß nicht ob ich die Zeit gern zurück drehen würde, um einiges vieleicht ändern zu können oder ob ich sie vorwärts drehen möchte, um zu sehen was passieren wird .. wie es mit ihr weiter geht.

Ich hab sie so schrecklich lieb und möchte nicht das sie leidet!



Beitrag von locke1910 17.05.11 - 14:52 Uhr

Dein Text berührt mich, weil wir ähnliches mit meiner Mutter erlebt haben (mein Stiefvater ist gsd ein phantastischer Mann und ihr eine große Hilfe), aber es ist erschütternd, wenn ein Mensch, der immer "der Fels in der Brandung" war, auf einmal soviel Hilfe braucht, stimmts?
Aber Du kannst stolz auf sie sein - denn sie geht den richtigen Weg! Sie braucht Hilfe und holt sie sich, besser jetzt als nie...#liebdrueck
Am besten schreibst Du ihr einen Brief, in dem Du reinpackst, wie sehr Du sie liebst und machst ihr Mut, daß sie von Dir jede Hilfe bekommt und Du an ihrer Seite stehst, denn irgendwann können wir Kinder unseren Eltern etwas zurückgeben! Und sei es "nur" unsere Liebe und Unterstützung.

Ich wünsche Deine Mutter und Dir alles Gute und viel Kraft, es ist kein leichter Weg, aber der erste Schritt ist getan!#herzlich

Beitrag von bastet123 17.05.11 - 15:20 Uhr

hallo !
ich kann dir nichts raten oder dir helfen.
ich wünsche euch nur alle kraft der welt. ihr habt sovieles geschafft ich hoffe ihr übersteht diese schwere zeit auch.
#liebdrueck#liebdrueck#liebdrueck

lg bastet

Beitrag von alpenbaby711 17.05.11 - 19:50 Uhr

Deine Mutter scheint wirklich ein hartes Leben gehabt zu haben das auch nie einfach gewesen ist wie es scheint. Das sie jetzt diesen Schritt geht zeigt aber auch ihren Mut sich helfen zu lassen wenn es nicht mehr anders geht. Da sie deinen Stiefvater nichts sagte ist sie sich möglicherweise auch bewußt das er durchaus auch seinen Teil zu dieser Entscheidung beigetragen hatte. Sicherlich hast du auch recht, wenn sie danach zu ihm zurückginge wäre das von Regen in die Traufe. Aber gerade wenn sie eine THerapie richtig macht wird ihr auch bewußt wegen wo welche Fehler liegen. wenn sie dadurch klarer sieht wird sie vielleicht ganz andere Entscheidungen treffen.
Ela

Beitrag von diamant 18.05.11 - 05:18 Uhr

deine mutter hat das einzig richtige gemacht. sie hat sich hilfe geholt.

wünsche ihr alles gute. das wird schon wieder.

Beitrag von mama0102 18.05.11 - 08:20 Uhr

Halli-Hallo!!

Lass Dich erstmal drücken, auch wenn sich das jetzt doof für Dich anhört, jetzt musst Du nichtmehr traurig sein, denn ihr wird geholfen. Gelitten hat sie bisher, nun ist sie einen sehr großen Schritt gegangen und es wird ihr sicher auch bald schon sehr viel besser gehen.
Meine Mama ist nach außen auch ein unheimlich starker Mensch, sie scheint scheinbar "unkaputtbar" und denoch war auch sie schon in einer Klinik. Grund war damals meines Erachtens nach auch mein Vater, der Alkoholiker war und ihr das Leben schwer machte, wo er nur konnte. Zudem leidet sie immer wieder unter Depressionen und da kommt sie alleine schlecht raus.
Du schreibst, sie müsse sich trennen, da sich nichts ändert, wenn sie zu ihrem Mann zurück muss. Noch sagt sie, dass sie das nicht tut, aber wenn es in dieser Klinik gute Therapeuten gibt, werden diese auch erkennen, dass da was nicht stimmt und mit ihr auch an dieser Thamatik arbeiten. Meine Mama wollte sich auch nie trennen, aber ihr Doc machte ihr klar, dass sich ihr Leben dann nie ändern wird, ganz behutsam, aber sie hat es damals dann wirklich eingesehen.
Du wirst sehen, jetzt, da Deine Mama den Schritt gemacht und sich Hilfe geholt hat, wird sich vieles für sie wieder zum Positiven wenden und bestimmt wird es ihr bald besser gehen. Ünterstütze sie einfach, indem Du ihr sagst, wie lieb Du sie hast und dass Du stolz auf sie bist, denn ich glaube viele Menschen schämen sich auch irgendwie, wenn sie sowas machen..... Lass sie wissen, dass Du immer für sie da bist, soweit Dir das möglich ist und dass Du Dir sicher bist, dass alles gut wird.
Alles Liebe
Sandra