Darf man auf etwas stolz sein, was man nicht selbst geleistet hat?

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Beitrag von morjachka 25.05.11 - 23:38 Uhr

Hallo!

Angeregt von diesem Forum, frage ich euch, auf was man stolz sein kann und was nicht.

Mir ist aufgefallen, dass viele Stolz mit eigener Leistung verbinden.
Aber wenn man sich schämt, schämt man sich ja auch oft für Sachen, an denen man nicht Schuld ist.

Ist Fremdschämen eurer Meinung nach richtig?
Und auf etwas stolz sein, was man nicht selbst geleistet hat? Also auf sein eigenes Land, seine Stadt, sein Lieblingsfussbalteam, seine Oma usw?

Ist es richtig sich wegen einem Politiker zu schämen, den man nicht gewählt hat? Oder auf die eigene Mutter stolz zu sein, die man logischerweise nicht selbst erschaffen hat?

Für mich gehört Stolz für nicht erbrachte Leistungen genauso zum Leben, wie Fremdschämen. Wie seht ihr das?

Beitrag von gh1954 25.05.11 - 23:48 Uhr

Deine Frage ist interessant, aber schade, dass du das Thema "Stolz" und "Fremdschämen" vermischst.

Ich unterscheide für mich inneren und äußeren Stolz.

Beispiel:
Ich bin sehr stolz auf meine Töchter und was sie bisher erreicht haben. Das haben aber SIE erreicht und damit kann ich mich nicht schmücken oder brüsten. Das ist mein innerer Stolz.

Meinen äußeren Stolz würde ich zeigen, wenn ich selber etwas Tolles geleistet habe.

Stolz auf Deutschland bin ich nicht, das ist eher ein Gefühl von Frohsein, hier zu leben, oder wenn ich im Radio höre, dass aus Deutschland irgendeine neue Technologie in der Raumfahrt einzieht z.B.

Ds gleiche gälte für mich, wenn ich Fußball-Fan wäre und mein Verein Deutscher Meister würde. Viel Freude... aber Stolz eher nicht.

Vielleicht kommen noch Beiträge zum Fremdschämen... :-)

Beitrag von morjachka 25.05.11 - 23:56 Uhr

Hallo!

"Das haben aber SIE erreicht und damit kann ich mich nicht schmücken oder brüsten. Das ist mein innerer Stolz."

99% der Eltern äussern das aber, und ich finde es irgendwie ok!:-)

Ja, vielleicht ist es auch eher Freude als Stolz wenn das eigene Land irgendwo hervorragt.

Wenn ich jemandem allerdings meine Lieblingssehenswürdigkeiten zeige, müsste man manchmal denken, ich habe sie selbst erbaut!;-)

Beitrag von gh1954 26.05.11 - 00:00 Uhr

>>>Wenn ich jemandem allerdings meine Lieblingssehenswürdigkeiten zeige, müsste man manchmal denken, ich habe sie selbst erbaut!<<<

Das hat mich jetzt zum Schmunzeln gebracht.

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Ich glaube, mit dem Thema "Stolz" haben wir Deutschen immer noch ein Problem.

Beitrag von morjachka 26.05.11 - 00:12 Uhr

"Ich glaube, mit dem Thema "Stolz" haben wir Deutschen immer noch ein Problem."

Genau deshalb, habe ich Stolz und Fremdschämen auch in einen Beitrag gepackt!;-)

Wenn man sich (zu Recht) schämen kann, sollte man auch (zu Recht) stolz sein dürfen.

Beitrag von olle-deern 26.05.11 - 14:49 Uhr

"Ich bin sehr stolz auf meine Töchter und was sie bisher erreicht haben. Das haben aber SIE erreicht und damit kann ich mich nicht schmücken oder brüsten. Das ist mein innerer Stolz. "

Ach, ich denke schon, dass man als Mutter da ein bisschen mit "angeben" darf. ;-)
Immerhin hast du Ihnen ja alles mit auf den Weg gegeben, dass sie etwas erreichen konnten. Also darfst du dir deren Erfolg ruhig mit auf deine Fahne schreiben, wenn es nach mir geht jedenfalls. :-)

Beitrag von serdes 26.05.11 - 06:23 Uhr

Ich habe mich bis heute nicht an das Wort "fremdschämen" gewöhnen können und ich finde es wird auch meistens deplatziert verwendet.
Sich für andere Menschen zu schämen, mit denen man nichts zu tun hat, wirkt auf mich immer irgendwie überheblich, anmassend und auch ein bisschen beleidigend.
Manchmal bin ich "peinlich berührt" durch das Verhalten Fremder und ich empfinde diesen Ausdruck viel treffender als "Fremdscham". Sich für jemanden/etwas zu schämen, ist meiner Empfindung nach für Menschen/Situationen vorbehalten, auf die man einen Einfluss hat/hatte.

Auch beim Thema "Stolz" sehe ich das ganz ähnlich. Natürlich sage ich meinem Mann auch immer wieder mal, ich sei stolz auf ihn, wenn er eine Leistung erbracht hat. Und der Ausdruck Stolz ist m.M. nach dann auch gerechtfertigt, da ich einen Einfluss auf ihn ausübe. Vor Leistungen anderer z.Bsp. meiner Vorfahren, auf die ich keinen Einfluss hatte, habe ich Achtung.
Ich kann aber wiederum ohne Probleme sagen, ich sei stolz auf mein Land, weil ich da ja wiederum Einfluss habe.

Ich hoffe, das war jetzt nicht zu kompliziert;-)


Beitrag von morjachka 26.05.11 - 06:49 Uhr

""Manchmal bin ich "peinlich berührt" durch das Verhalten Fremder und ich empfinde diesen Ausdruck viel treffender als "Fremdscham". "

Hallo!

Interessant! Ich habe noch nie darüber nachgedacht, dass "peinlich berührt sein" und "Fremdscham" vielleicht überhaupt keine Synonime sind#kratz.

Beitrag von serdes 26.05.11 - 06:59 Uhr

Ich finde, "Scham" ist eine tiefergreifende Empfindung, die direkt mit einem selbst in Verbindung steht und aus einem selbst herrührt. Wohingegen eine "peinliche Berührung" (wie das Wort "Berührung" schon suggeriert) etwas ist, das von ausserhalb auf mich zu kommt.

Naja, das ist nur meine Definition, vermutlich sehen das viele anders.

Beitrag von morjachka 26.05.11 - 07:56 Uhr

So gesehen ja.
Und das Wort "Verantwortung" spielt auch noch eine Rolle. Manchmal ist es eben schwer zu sagen, in wie weit man in ein freudiges oder peinliches Ereignis selbst involviert ist

Beitrag von elofant 26.05.11 - 07:06 Uhr

Ich bin stolz auf meinen Sohn.
Das trage ich auch nach außen hin, da halte ich nicht hinterm Berg! Denn: Er hat nach langer Krankheit wieder sein Lachen zurück erobert und meistert seinen (Schul-)alltag super, soweit er eben kann.

Ich bin aber auch stolz auf meinen Mann. Was er täglich auf Arbeit macht... Gut, das trage ich nicht nach außen. Ist dann wohl der angesprochenen innere Stolz.

Ich bin auch stolz auf mich selbst. Wie ich das schaffe. Kind mit Pflegestufe 3 (wer sich auskennt, weiß was das heißt) und arbeiten gehen. Nebenbei noch Haushalt etc. Das trage ich aber widerrum auch nicht nach außen.

Allerdings schäme ich mich auch fremd. Auch innerhalb der eigenen Familie. Aber das zeige ich nach außen...

Beitrag von morjachka 26.05.11 - 07:53 Uhr

"Allerdings schäme ich mich auch fremd. Auch innerhalb der eigenen Familie. Aber das zeige ich nach außen..."

Hallo!

Ich finde, in deinem Fall, kann man beides nach außen tragen! Natürlich in Maßen.
Ständige Äußerungen wie "Mein Super-Mann, mein Super-Sohn ich Super-Frau" wären natürlich nervig und angeberisch, aber ab und zu ein "Ach, das hat er toll gemacht!" ist doch schön!

Beitrag von elofant 26.05.11 - 10:44 Uhr

Da hast Du wohl Recht! Ganz sicher sogar.

Stärkt das Kreuz und das Selbstbewusstsein. Danke für den A***tritt. #winke

Beitrag von h-m 26.05.11 - 08:39 Uhr

Also meiner Ansicht nach sind Stolz und auch Scham eher Gefühle, die man als solche nicht unbedingt rational begründen muss. Dazu kommt, dass man Gefühle nur begrenzt steuern kann.

Beitrag von morjachka 26.05.11 - 12:47 Uhr

"Dazu kommt, dass man Gefühle nur begrenzt steuern kann."

Wie wahr!

Beitrag von jabberwock 26.05.11 - 09:17 Uhr

Ziemlich genauso sehe ich das.
Ich denke, dass der Begriff Stolz meist zu eng gefasst wird. Für mich ist die eigene Leistung dabei nicht unbedingt maßgeblich, d.h. ich bin auch stolz auf Dinge mit denen ich gar nichts zu tun habe, bspw. wenn ich (wie du weiter oben auch geschrieben hast) jemandem Sehenswürdigkeiten zeige in der Gegend wo ich wohne. Dann bin ich stolz, sowas "zu haben".
Und genauso kann ich echte Scham empfinden, für Dinge die ich nicht verschuldet habe. Als Deutsche im Ausland ist mir das mehrfach so gegangen.
Ich hab mich sogar mal geschämt, einfach nur weiß zu sein: Da fuhr ich in Harlem U-Bahn, mir gegenüber eine hübsche Afroamerikanerin, die ein Buch las "Days of the Bullwhip" oder so ähnlich. Als sie hochgeschaut und mich freundlich angelächelt hat, ist mir richtig das Herz in die Hose gerutscht und ich hätte ihr am liebsten irgendwas entschuldigendes gesagt #kratz

Beitrag von morjachka 26.05.11 - 12:52 Uhr

"Days of the Bullwhip"

Hallo!

Musste ich erst mal nach Googeln.

Ich finde es immer schön, wenn Leute von sich aus keine Hassgefühle haben, also automatisch Spreu und Weizen trennen.

Beitrag von zeitblom 26.05.11 - 09:22 Uhr

Beide Ausdruecke sind ja Zeichen eines "erweiterten" Ichs oder der Solidaritaet mit anderen. Manche Menschen beziehen dies eben nur auf sich selber und die eigene (Fehl)Leistung, andere schliessen die Familie, einen Sportverein, eine politische Partei und andere eine Nation ein oder gar die ganze Menschheit.
Die andere Seite der Medaille ist, dass diejenigen, die nicht zum Kreis dieses "erweiterten" Ichs gehoeren, ausgeschlossen sind und ihnen gegenueber Scham durch Vorwurf oder gar Hass, Stolz durch Neid ersetzt wird.
Die Aussage "ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" ist daher verletzender gegenueber Nicht-Deutsche als "ich freue mich, Deutscher zu sein".

Beitrag von morjachka 26.05.11 - 13:30 Uhr

Hallo!

Unter dieser Sicht habe ich das Thema noch nie betrachtet.#kratz

Nationalstolz läuft bei mir unter der Kategorie "Jeder ist automatisch stolz auf sein eigenes Land". Also würde ich mit der Aussage "Ich bin stolz auf mein Land" Statenlose diskriminieren.
Hätte den von dir genannten Satz nicht als Diskrimination aufgefasst, obwohl ich eigentlich keine Leute kenne, die durch die Stadt rennen und bekunden, dass sie stolz auf ihr Land sind. Ich würde mir dabei irgendwie bescheuert vorkommen...

Beitrag von thea21 26.05.11 - 09:28 Uhr

Irgendwie ist mir der Sprung zwischen Fremdschämen und Stolz zu groß um eine Verknüpfung hinzubekommen.

Ich meine, man kann nicht stolz auf etwas sein, zu dem man nichts beigetragen hat, da ist das Wort Stolz einfach falsch und müsste durch ein anderes ersetzt werden.

ABER, man kann nicht ausschliesslich auf sich selbst stolz sein. Besteht ein naher Angehöriger eine Prüfung, kann man stolz auf ihn sein, welch gute Leistungen er erbracht hat.

Zum Thema Fremdschämen beziehe ich ganz klar Stellung. Man selbst hat eigene Wertvorstellungen, eine eigene und viele andere anerzogene Dinge, die einen in bestimmten Situationen dazu veranlassen sich für andere Menschen zu schämen, einfach weil deren Verhalten/Aussagen ect. nicht mit dem eigenen Verhalten konform gehen.

Beitrag von thea21 26.05.11 - 09:30 Uhr

*eine eigene Erziehung/Dinge die die Eltern einen angedeihen liessen.

Beitrag von morjachka 26.05.11 - 15:21 Uhr

Hallo!

Dein letzter Satz ist wirklich interessant. Kommt wirklich darauf an, wie man selber denkt oder erzogen wurde.

Beitrag von sakirafer 26.05.11 - 09:37 Uhr

Hallo,

ich denke, sobald man sich mit irgendjemand/irgendetwas identifiziert, kann man das Gefühl des Stolzseins entwickeln. Daher kann ich auf meine Kinder, meine Familie, meinen Lieblingsverein etc stolz sein, auch wenn die erbrachten Leistungen nicht meine eigenen sind.
Daher verletzen mich ja auch deren Niederlagen und deren Umglück berührt mich tief, auch wenn das Leid mir nicht selbst zugefügt wurde.

Wenn ich mich mit meinem Land identifiziere, ist es auch möglich, sich für einen Politiker, der dieses Land repräsentiert, zu schämen, auch wenn ich ihn selbst nicht gewählt habe.

Zum Thema Fremdschämen: ich fühle mich auch eher durch Fremde peinlich berührt. Etwas peinlich zu finden bedeutet nicht automatisch sich zu schämen.

GLG
Sara


Beitrag von morjachka 26.05.11 - 13:32 Uhr

Hallo!

"Zum Thema Fremdschämen: ich fühle mich auch eher durch Fremde peinlich berührt. Etwas peinlich zu finden bedeutet nicht automatisch sich zu schämen."

Ja, den Unterschied hatte ich nicht registriert.

Beitrag von sarahg0709 26.05.11 - 11:10 Uhr

Hallo,

ich persönlich mache beides nicht. Ich bin nicht stolz auf etwas, was ein anderer leistet (ausgenommen vielleicht, wenn meine Kinder irgendetwas schaffen) und ich schäme mich auch nicht fremd.


LG

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