Hand aufs Herz - viel viel arbeiten die Schüler wirklich?

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Kleine Kinder, kleine Sorgen - große Kinder, große Sorgen? Schulschwierigkeiten oder anstrengender Streit ums Aufräumen: Lest und diskutiert mit. Und da die Vorbereitung der Einschulung ansteht: Hier begleitet urbia-TV Vater und Tochter beim Schulranzenkauf.

Beitrag von flying-phoenix 31.05.11 - 10:58 Uhr

Ausgehend vom Artikel in der Zeit, in der die Schulzeitverkürzung thematisiert wurde, möchte ich einmal eure Erfahrungen hören.

http://www.zeit.de/2011/22/DOS-G8

Meine Nachhilfeschüler jammern immer über zu viel Schulaufwand, aber wenn man mal guckt, was sie wirklich machen (sprich: etwas wird behandelt und ob es eine Woche später dann angewendet werden kann), dann machen sie fast nichts.

Ich gebe in Fremdsprachen Nachhilfe und für viele Schüler grenzen 25 Vokabeln in 4 Wochen von der Schule aus an Überforderung. Eine Schülerin habe ich seit 2 Jahren, die Themen begreift sie recht gut (mit einer Stunde pro Woche), aber alles was wirklich einmal lernen bedeutet, da hakt es. Seit 2 Jahren gibt es Vokabeln, die ich ihr jede (!) Woche aufgebe, aber noch immer nicht verstanden werden.

Gegenwärtig betreue ich 5 Schüler, und nur ein Schüler hält sich halbwegs an die Lernvorgaben von mir. Er ist der Einzige, der nicht jammert, wie viel er doch machen müsste - er macht aber ebenso viel (oder wenig) wie meine anderen Schüler.

Wenn mir dann die Eltern sagen, dass die Schüler von der Schule so überfordert sind, denke ich oft, was spielen die Schüler den Eltern vor?

Da ist jeder neue Kinofilm bekannt, wird mindestens einmal die Woche mit Freunden durch die Stadt gezogen, 3 Sportarten sind auch kein Problem und und und. Aber wenn es um die Schule geht, sind eine Stunde Hausaufgaben zu viel und die Schule und das System nahezu untragbar.

Ich möchte nicht sagen, dass es den Kindern nicht zusteht, ich war selbst das, was man eine "faule Socke" nennt. Hausaufgaben habe ich nahezu nie gemacht und doch ein recht gutes Abi gemacht.

Aber ich habe auch nie gejammert, wenn es um die Schule ging. Ich verstünde es ja, wenn die Schüler sich tatsächlich einmal hinsetzten und was machten, aber wenn ich Anrufe bekomme: "Das Wetter ist so schön, ich gehe mit meinen Freundinnen schwimmen, können wir die Nachhilfe weglassen?" (oder andere Gründe) und die nächste Arbeit wieder in die Hose geht, weil die Hälfte der Nachhilfestunden abgesagt werden und alles auf die Lehrer geschoben wird, dann geht das nicht.

Fast alle meiner Schüler beschäftigen sich mit den Themen genau einmal pro Woche außerhalb der Schule: in der Nachhilfe. Wenn man fragt, wann hast du dir denn das und das mal angesehen, dann kommt betretenes Schweigen.

Meine Fähigkeiten als Nachhilfelehrerin werden von den Eltern gern in den Himmel gelobt, weil die Schule ja versagt. Aber als ich noch in die Mittelstufe ging, da haben wir uns mit Klassenkameraden zusammengesetzt, wenn einer etwas nicht verstanden hat (ich habe einer Freundin eine Stunde am Tag, 5 Tage die Woche in Englisch geholfen, dass sie besteht). Heute heißt es, wir treffen uns zum Lernen und wenn ich dann frage, habt ihr wirklich gelernt, dann heißt es: "Hm... Naja... Also, die ersten zehn Minuten haben wir wirklich gelernt." Und danach? "Da haben wir halt Musik gehört und und und." (Fazit:Die Arbeit ging in die Hose.)

Natürlich haben wir auch nicht nur gelernt, aber wie oft hing ich mit Freunden am Telefon und hab Themen besprochen? Mir flog es - zum Glück - immer zu, aber die weniger Guten haben halt mit Freunden gelernt. Keiner von uns hatte Nachhilfe, das konnten sich bei uns die wenigsten Eltern leisten. Da wurden Freunde in oberen Klassen gefragt, für meine 10. Klasseprüfung hatte ich Nachhilfe von einem guten Freund, der 2 Jahrgänge über mir war.

Heute empfinden die Schüler die Schule nur als Last, hocken im Unterricht mit ihren Smartphones und sind im Internet (ohne Witz, ich habe schon Mails meiner Schüler aus dem Unterricht bekommen mit dem Wortlaut: "Wir machen grad das und das, find das hier alles doof, können wir das nachher besprechen?").

Auch das Gejammer über Ganztagsschulen nervt mich echt.

Das Pflegekind meiner Schwiegermutter war in einer Ganztagsschule (Förderschule), da wurde nachmittags gebastelt und gespielt. Aber das hat die Kinder furchtbar überfordert.

Meine eine Schülerin (3. Klasse) geht auf eine Ganztagsschule und sagt allen Ernstes: "Ich bin ja so gestresst von der Schule." Ihre Aktivitäten nachmittags sind: in den Wald gehen, basteln, töpfern etc. Das war für uns Hortkinder damals ganz normal, aber hier nennt es sich Schule und schon erwarten Eltern, dass die Kinder überfordert werden. Ich halte diese Aussage (wie manche andere der Schüler) für eingeredet.

Auch kann ich nicht verstehen, wenn Eltern die Kinder mit vergleichsweise schlechten Noten aufs Gymnasium lassen. Diese kämpfen jedes Jahr ums Bestehen, um am Ende oft das Abitur doch nicht zu schaffen.

Dann ist doch die Realschule viel besser, von dort aus kann man nach der mittleren Reife doch auch aufs Gymnasium wechseln und das Kind hat es doch viel einfacher!

Lange Rede, kurzer Sinn: Sehe ich es nur so oder jammern unsere Schüler heute einfach zu viel über Dinge, die alle vor ihnen auch Schultern mussten? Klar, wir waren alle genervt von der Schule, das ist unser gutes Schülerrecht. Aber niemand hat bei uns die Schuld auf das System oder die Schule geschoben. Dann gingen eben Schüler vom Gymnasium und brachten in der Gesamtschule auf einmal Topnoten heim.

Beitrag von anarchie 31.05.11 - 11:12 Uhr

Gehts dir besser?;-)


Als ich vor 300 Jahren morgens und mittags jeweils 7 Stunden bei Eisregen und Orkan zur Schule und wieder heim musste, war ich dankbar für die Chance zu lerenn und habe auf dem Fussweg mit steifengfrorenen Händen Vokabeln gelernt um dann zuhause weiter zu büffeln...ja, ja...die Jugend von heute! #rofl#rofl#rofl#rofl

Mal ehrlich:
ich bin noch jung genug, mich erinnern zu können, wie ätzend ich jede ausserschulische Beschäftigung mit Schulstoff fand.. die Zeit kann man echt schöner nutzen#schein
Schulzeit reicht völlig aus, um Schulstoff zu vermitteln - für Arbeiten lernen halte ich eh für Unsinn: wenn man es bis dahin nicht kann, ist eh was falsch gelaufen.
Gelegentliche, sinnvolle Hausaufgaben wie eben bestimmte Vokabeln etc...das sollte reichen.
Es sind Kinder ...
Und jammern..ja nu...Begeisterung kann man wohl eher nicht erwarten, oder?;-)

lg

melanie mit 4 Kindern

Beitrag von tattel 31.05.11 - 11:13 Uhr

Hi,

also:

mein 3.Klässler macht an Schultagen höchstens 30 Minuten Hausaufgaben. Lernen tut er gar nicht. Meine Große hat in der Grundschule auch nicht gelernt. Und die Noten waren immer 2 oder besser.

Meine Große ist nun in der 5. Klasse Gymnasium. Die Umstellung auf die weiterführende Schule ist "uns"sehr schwer gefallen. Denn hier mußte sie das erstemal was tun. Zudem haben wir gleich in der 5. Englisch und Französisch, d. h. 2 Fächer Vokabeln lernen. Inzwischen haben "wir" das aber im Griff. Sie macht täglich, also auch am Wochenende, mind. eine Stunde Hausaufgaben und lernen, meistens sind es 2 Stunden. Aber nicht mehr. Die Noten sind so zwischen 2 und 3, also auch ok.


LG

Tattel 10,9,6,3

Beitrag von anarchie 31.05.11 - 11:21 Uhr

Achso:

Meine Tochter ist erst 1. Klasse und macht NICHTS!
Dafür spielt sie geige, tanzt hip-hop, reitet und läuft Kindermarathon:-)
Ihre tests sind meisst fehlerfrei oder haben 1-3 Fehler.

Mein Sohn ist 2. Klasse und macht im Schnitt 5-15 Minuten am Tag..dann macht er breakdance, spielt schlagzeug und fährt skateboard und bmx...
Seine leistungen sind nicht berauschend, aber ok, uns reicht das - er ist glüklich dabei und geniesst freie Nachmittage.

beide lesen..max vielleicht 15 Minten am tag, leonie Unmengen...

Wir werden immer nur das Nötigste machen..wenn die kids können und wollen reicht das auch aus.
Nur: was das Nötigste ist, das variiert sehr stark.
Ein Kind meister G8 mühelos, ein Anderes reibt sich fast daran auf...

Du bist doch erst 23..kannst du dich wirklich nicht hineinversetzen, das jedes lernen am nahcmittag im Grunge zu viel ist?;-)

Beitrag von flying-phoenix 31.05.11 - 13:09 Uhr

Oh, ich kann mir das wirklich gut vorstellen.

Es geht nicht darum, dass es auch nicht getan wird. Wenn die Eltern (und um die geht es mir primär) aber aufbauschen, was ihre Kinder leisten würde, um eine 4 zu ergattern (und das meist einfach nicht stimmt) und Schule und Lehrer schlecht reden, finde ich das einfach bedenklich.

Und ich setze mich seit Jahren jede Woche mit den Eltern auseinander, die ihre Kinder in unzählige Vereine stecken und dann über die Leistungen der Schüler jammern. Aber nicht sehen, dass die Kinder mit etwas Übung besser wären, sondern eben die Schuld ausschließlich bei Schule und System sehen.

Wie ich sagte, ich habe für die Schule - zum Glück - nichts tun müssen. Aber mit Freunden habe ich mich oft hingesetzt, um ihnen zu helfen.

Beitrag von marion2 31.05.11 - 11:36 Uhr

Hallo,

du hast ohne büffeln Abitur gemacht.

Es gibt Kinder, die müssen jahrelang schwer arbeiten um zu lernen, wie man den eigenen Namen schreibt - andere lernen es nie.

Dazwischen gibt es so viele Varianten.

Fakt ist, wenn es schwer fällt, macht es keinen Spaß. Wenn es Spaß macht, lernt es sich leichter.

Gruß Marion

Beitrag von nochmal 31.05.11 - 11:38 Uhr

Hallo,

mal ganz ehrlich, du bis noch jung und kannst dich nicht reinversetzen?

ICh habe auch gejammert als ich in der Schule war (wer hat das nicht) und nun stehe ich mit meinem Beinen im Berufsleben und habe zwei Kinder.

Der Große fühlte sich in der ersten Klasse auch ab und an gestresst und das sagte er auch - ich hab das verstanden - der Wechsel von Kita zur Schule ist nun mal ein Riesenschritt.

Als ich in der Schule war hab ich nach dem Unterricht nie mit jemanden zusammen gesessen und gelernt und ich kann mich auch nicht erinnern, das dies überhaupt jemand gemacht hat.

Mein Großer muss nach der Schule nichts mehr machen, was die Schule betriftt, ausser am Abend die Mappe packen. Er liest gerne Bücher (ohne Befehl) und war eh schon immer wissbegierig.

ICh lass ihn lieber austoben, damit er den nächsten stressigen Schultag bewältigen kann :-)

Gruß

Beitrag von dornpunzel 31.05.11 - 11:46 Uhr

Ich denke schon, dass die Kinder heute mehr leisten müssen, als früher. Zumindest empfinde ich es so. Während meiner Schulzeit habe ich ne halbe Stunde Hausaufgaben gemacht und war jeden Tag spätestens um 13.30 Uhr daheim. An seeehr guten Tagen hab ich was gelernt und dann bin ich ab. Raus bis es dunkel wurde und keinen Gedanken mehr an die Schule verschwendet.

Mein älterer Sohn hat jeden Tag bis 15.30 Uhr Schule (ausgenommen Freitag), ist um etwa 16.30 Uhr zu Hause. Da ist noch Zeit um zu essen und zweimal die Woche fürs Fußballspielen. Freunde trifft er unter der Woche nicht, keine Chance weil keine Zeit. Meist lernt er abends noch eine Stunde.

Meine große Tochter hat zweimal die Woche bist 15.30 Uhr Schule, kommt um 16.00 Uhr nach Hause. An diesen Tagen kann sie nicht mehr weg, weil sie noch lernen muss. Sie ist aber auch verflucht ehrgeizig, eine Zwei in einer Ex wäre für sie ein Weltuntergang und muss unter allen Umständen vermieden werden. An den anderen Tagen geht sie (nach den Hausaufgaben, für die sie trotz zügigen Arbeitstempos mindestens eine Stunde braucht) zum Reiten oder trifft sich mit Freundinnen.

Gerade im Sommer jammern auch meine Kinder und das zurecht.

Beitrag von flying-phoenix 31.05.11 - 13:14 Uhr

Diese Schulzeiten hatte ich auch. Natürlich fand ich das lang und anstrengend. Aber man muss da eben durch, auch wenn ich in der Oberstufe 3x bis halb 6 abends in der Schule hockte.

Nur habe ich Schüler, die haben um 1 Uhr spätestens Schluss und sind 15 Minuten später daheim.

Eine Schülerin sagt: "Ich bin faul, ich bin ja teilweise selbst Schuld." Das ist ehrlich und wird nicht nur auf "Der Lehrer kann mich nicht leiden, da kann ich machen, was ich will." geschoben.

Und die Eltern bestärken das Kind, und wenn es dann mit etwas Übung ne 2 bekommt, dann war es eben Glück.

Da wird den Kindern einfach sehr früh beigebracht, dass man selbst wenig Verantwortung haben muss.

Beitrag von urmel.1978 31.05.11 - 11:54 Uhr

Hallo,

also wir haben auch durch die Bank nicht gejammert, uns aber auch nicht freiwillig nachmittags mit Schulstoff beschäftigt (ich habe den Eidruck, das kam zu meinen Schulzeiten im Freundeskreis nicht vor). Finde ich auch normal! Ich glaube der wesentliche Unterschied ist (und das merkt man auch in dem Artikel aus deinem Link): heute sind die Eltern wie wild dahinter her, das der Schulstoff bewältigt wird - daran kann ich mich aus meiner Schulzeit gar nicht erinnern. Und Nachhilfe gab es frühestens ab der 7./8. Klasse, und auch nur dann, wenn die Versetzung akut gefährdet war.

ich hatte auch an den Nachmittagen frei - ich hatte immer 6, manchmal aber auch 7 Stunden, aber ich hatte auch jeden Samstag 4 Stunden. Wenn ich die auf die Wochentage umlege, haben die Kinder heute nicht so viel mehr Stunden...

LG

urmel

Beitrag von woodgo 31.05.11 - 12:30 Uhr

Jede außerschulische Arbeit nach einem sehr langen Schultag ist bereits zuviel, meine ich. Die meisten Kinder haben kaum noch Freizeit, das Wochenende muß nach der Schule gestaltet werden, also wo sollen Kinder da noch Zeit zum Ausspannen haben, in der sie mal Sachen machen können, bei denen sie mal ein paar Stunden nicht an die Schule denken müssen?

LG

Beitrag von manavgat 31.05.11 - 12:47 Uhr

Ich sehe das differenzierter als Du.

Ich bin seit mehr als 25 Jahren in der Nachhilfe und habe seit 8 Jahren ein eigenes Institut mit mehreren Standorten.

Imho ist das Kernproblem das fragmentierte Lernen ohne wirklichen Nutzen, fokussiert auf "die nächste Klassenarbeit". Den Schülern kann man keinen Vorwurf machen, wohl aber dem System Schule welches den Kindern keine Methodenkompetenz vermittelt. Damit meine ich nicht, dass man mal ein Karteikartensystem in die Höhe hält und es dabei belässt.

Meine Schüler wissen oft nicht, wie ein Buch funktioniert. Inhaltsangabe? Index? Kapitelüberschrift (wozu braucht man das?). Auch die Benutzung von Hilfsmitteln ist nicht geläufig: Wörterbuch, Grammatiktabelle, Lexikon usw.

Es gehört eine Menge pädagogisches Geschick dazu, sich dem Anspruch: "schneide mir den Stoff in Häppchen und verfüttere ihn mir bis zur nächsten Klassenarbeit" zu verweigern und stattdessen die Freude an der Entdeckung zu wecken.

Ich habe oft Schüler, die so nette Nachhilfelehrer hatten wie Dich, die sie über Jahre in dieser Haltung gepflegt haben. Im Ergebnis sind die Schüler dümmer als vorher, weil sie nicht gelernt haben, Eigenverantwortung zu tragen.

Das Vokabellernen funktioniert nicht, weil Du predigst. Da bekommst Du nur Fransen an den Mund. Ich habe in meinem Institut Schulregeln. Schüler, die nicht bereit sind Hausaufgaben (im Sinne von Vokabeln, Grammatikregeln lernen, Autoren recherchieren, Texte schreiben) zu erledigen, nehmen wir nicht auf. Ich erwarte von den Schülern, dass sie - wenn sie nichts verstehen - wenigstens einen Tafelabschrieb mitbringen. Stoff er nicht verstanden wird, wird unter meiner, bzw. unter der Anleitung meiner Lehrkräfte erarbeitet.

Die Kunst ist, anfangs eng zu führen und sobald sich der erste Erfolg einstellt, Stück für Stück loszulassen.

Wir kriegen nicht jeden, aber die meisten.

Traurig finde ich, wie viel Zeit die Schüler verplempert haben, mit unsinnigem Auswendiglernen "für die Arbeit". Das heißt nämlich nicht, dass sie anschließend was können.

Die Schüler heute sind nicht blöder als früher. Aber die Schulen sind schlecht. Schlechter als in den 70ern und 80ern und ich sehe keine Besserung. Es fehlt der politische Wille.

Den Eltern mache ich nur bedingt einen Vorwurf. Oft verstehen sie gar nicht, warum wir die Schüler fordern, warum Einzelnachhilfe oft eher schadet. Woher sollen sie es denn wissen? Weder kennen sie die Studien (gibt eine ganz große zum Thema Nachhilfe und mehrere zum Thema Lernen in Gruppen/Einzeln), noch haben die meisten eine pädagogische Vor-/Ausbildung. Sie wollen halt das Beste für ihre Kinder.

Deine Aussage:

Dann ist doch die Realschule viel besser, von dort aus kann man nach der mittleren Reife doch auch aufs Gymnasium wechseln und das Kind hat es doch viel einfacher!


zeigt, dass Du nicht wirklich Bescheid weißt.

Die Realschüler müssen Zugangsvoraussetzung erfüllen, die knackig sind. Hinzu kommt: ihnen stehen oft nur die beruflichen Oberstufen zur Verfügung, was die Auswahl einengt und einer humanistischen, d. h. zweckfreien Bildung entgegensteht.

Dass G8 unsinnige Quälerei ist, darüber streitet sich in der Fachwelt kaum jemand. Ob Realschule und dann Oberstufe nun eine wirkliche Alternative ist oder schlichte Optionslogik, das kann man diskutieren. Ich vermute, es ist letzteres.

Gruß

Manavgat


Beitrag von flying-phoenix 31.05.11 - 13:28 Uhr

Ich denke, unsere Erfahrungen decken sich keineswegs.

Bezüglich der Realschulen:

Ich habe einige Freunde, die bis zur 10. Klasse auf der Realschule waren und dann auf ein Gymnasium gewechselt sind. Andere haben von einer Gesamtschule aufs Gymnasium gewechselt. In den beiden Bundesländern, in denen ich zur Schule ging, gab es keinerlei Hürden für sie, wenn sie die entsprechenden Noten hatten.

Eine Freundin von mir war gar auf dem Gymnasium, ist dort in der Orientierungsstufe gescheitert, musste dann auf die Hauptschule, weil die Realschule sie nicht gleich nahm. Dann konnte sie nach einem Jahr auf die Realschule wechseln und ging nach dem Realschulabschluss wieder aufs Gymnasium gegangen, hat ihr Abitur gemacht und studiert ab nächstem Semester in London.


Und bezüglich der Frage, Institute und Gruppennachhilfe. Ich war in 3 Lerninstituten, und was mir von den Betreibern entgegen schlug, möchte ich nicht wiederholen. Dinge wie: "Was er in den letzten beiden Jahren nicht gelernt hat, das wird er auch hier nicht in einem halben Jahr lernen, dafür sind wir gar nicht da."

Nahezu jeder meiner Schüler war in einem Institut, bevor er zu mir kam. Dort wurden die Kinder in einen Raum gesetzt und machten ihre Hausaufgaben (selbst erlebt, ich betreute 2 Stunden lang eine solche Gruppe und kam mit der Arbeitsweise nicht klar) und mussten warten, bis der Nachhilfelehrer Zeit hatte.

Meine beste Freundin war 4 Jahre in einem solchen Institut und es brachte ihr nichts. Maximal 4 Aufgaben konnte sie dort lösen, weil die anderen in der Zeit die Lehrer zu oft beschlagnahmten.


Aber eins interessiert mich wirklich:
Wie kannst du über meine Arbeitsweise urteilen? Wie oft warst du bei mir, wie oft hast du erlebt, was ich fordere, wie ich erkläre und wie nachhaltig meine Erläuterungen sind?

Ich mache die Nachhilfe größtenteils, weil ich Spaß habe. An einer 3/4 Stunde habe ich meist 1,5 Stunden Arbeit, manches Mal mehr.

Natürlich gebe ich den Schülern Vokabeln auf. Sie sind das Rüstzeug einer Sprache, und wenn die Schüler unfähig sind, einen Text zu verstehen, weil GRUNDLAGEN fehlen, dann ist das für mich sehr ärgerlich.

Und ob du es glaubst oder nicht, die meisten meiner Schüler konnten sich dauerhaft verbessern, mitunter, weil ich nicht nur aktuellen Stoff behandle, sondern eben Methoden vermittle und eine langfristige Nachbearbeitung mit regelmäßiger Wiederholung anpeile.

Beitrag von manavgat 31.05.11 - 14:14 Uhr

erkläre und wie nachhaltig meine Erläuterungen sind?


erkären heißt nicht vermitteln.


Du erzählst mir was von Gruppenhausaufgabenbetreuung. Kann nicht funktionieren.

Ich sprach von Unterricht.


Ich kenne jemanden, der jemanden kennt und meine Oma hat die und die Erfahrungen sagt leider über einen Trend nichts aus.


Und die Schüler, die Du unterrichtest gehören schon wieder einer anderen Kohorte an, als Du und Deine Freunde. Es hat also, was den Übergang anbelangt keinen Aussagewert.

Ich weiß auch ehrlich gesagt gar nicht, was Du willst?

Du hast Dich doch hier über Deine Schüler beklagt!

oder hab ich da was mißverstanden?

Gruß

Manavgat

Beitrag von flying-phoenix 31.05.11 - 14:27 Uhr

Es ging mir im Grunde nicht über meine Schüler, sondern das um sich schlagende Gerücht, die Schule verliere immer mehr an Qualität (was sicherlich richtig sein mag) und an schlechten Leistungen seien nur die schlechte Struktur und die starken Leistungsforderungen Schuld.

Grundsätzlich habe ich gefragt, ob nur ich es so sehe, dass über das Pensum gejammert wird und ob die Schüler wirklich so viel arbeiten, wie die Eltern das immer berichten.

In einigen Fällen weiß ich, dass wirlich viel gelernt wird, aber das waren meist nicht die Schüler, die wirklich gejammert haben oder deren Eltern.

Viel mehr ärgert mich, dass immer nur im System in den Krümeln gesucht wird und die Schuld einfach abgetreten wird. Natürlich ist das System nicht perfekt, ich denke, dass der Anspruch im Laufe der Zeit wohl sogar gesunken ist, auf alle Fälle aber von Schule zu Schule wechseln kann (ich war an 3 Gymnasien in 2 Bundesländern und kann sagen - in keinem, nicht einmal sogenannten "Elitegymnasien", haben die Schüler so viel gemacht, wie von vielen Eltern behauptet wird).

Ich kann wunderbar damit leben, wenn ein Schüler sagt, er habe keine Lust zum Lernen gehabt daher die Leistungen nicht gebracht, das ist ehrlich. Aber die Schüler finden (natürlich schon lange, das war auch bei Freunden so - ich gehe einfach zu sehr von mir aus) immer Gründe, warum sie eigentlich gut sind, aber es mit den Leistungen nicht klappt.

Und was das Unterrichten in der Nachhilfe anbelangt, das ist in meinen Augen Vorraussetzung. Im Laufe der Zeit sammelt sich bei meinen Schülern beinahe ein Lehrbuch an, mit von mir erstelltem Material.

Und grundsätzlich handhabe ich es mit folgendem Satz: "Repetitio est mater studiorum."
Nur durch regelmäßiges Arbeiten kann sich Wissen entwickeln. Dabei halte ich nichts von sturem Auswendiglernen (etwas, das mir im Studium nicht gerade half), sondern verstehen. Nur so können sie wirklich Erfolg haben über lange Zeit - sofern sie ihr Rüstzeug beherrschen.

Beitrag von manavgat 31.05.11 - 14:34 Uhr

Du solltest Sachen lesen, von Leuten die etwas davon verstehen. Zum Beispiel diese Studie:

http://www.bmbf.de/pub/sachstand_nachhilfe.pdf

Auch die Pisa-Studie zu lesen kann hilfreich sein, leider lesen die meisten - auch die meisten Politiker - nur die ersten Seiten.


Als Einsteigerbuch ist:

Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart


sehr zu empfehlen.

und ja, es stimmt:

unsere Schulen sind grottenschlecht, zumindest für eine westliche Zivilisation in einem reichen Land. Das bekommen wir jedes Jahr erneut von der OECD schriftlich.

Du bist gerade mal halb so alt wie ich und hast daher keinen wirklichen Vergleich, was die Qualität der Schulen früher und heute bzw. in Deutschland und anderen europäischen Ländern (z. B. Finnland) anbelangt.

Selbst die Schulen in der ehemaligen DDR waren besser, ohne die transportierte Ideologie jetzt bewerten zu wollen.

Gruß

Manavgat

Beitrag von flying-phoenix 31.05.11 - 14:57 Uhr

Ich denke, ich kann die Schulen der ehemaligen DDR insoweit verstehen, dass ich in der ehemaligen DDR aufgewachsen bin und noch viele Lehrer des alten Schlags hatte.

Im Umzug in die westlichen Gefilde der Republik habe ich eine deutlich weichere Schule erlebt, und ein ganz anderes Pensum.

Und insofern orientiere ich mich an den Aufgaben, wie wir sie hatten.

Mich in Schulgeschichte einarbeiten wird mich momentan nicht weiterbringen, da ich mich bewusst gegen ein Lehramtsstudium entschieden habe (mit welchem ich immer wieder liebäugelte).

Dass unsere Lehrer schlecht sind, hat in meinen Augen vieles mit dem Universitätssystem zu tun, aber das steht auf einem anderen Blatt. Dort ist verstehen nicht erwünscht, nur das korrekte Auswendiglernen. (Am eigenen Leib erlebt.)

Ob ich den Abfall der Schulqualität beurteilen kann, lasse ich dahingestellt. Im Übrigen sind mir die Studien der OECD durchaus bekannt. Nur können wir hier nur Löcher stopfen, nicht das System umkrempeln.

Meine Kritik reicht einfach soweit, dass Schüler von ihren Eltern eingetrichtert bekommen, dass an schlechten Situationen nur andere Schuld haben. Was macht es, wenn Grundlagen wie Personalpronomen nicht verstanden werden (nicht inhaltlich, sondern wörtlich! sprich "we" usw. nicht übersetzt werden können!) und die Schuld nur im System gesucht wird? Liegt es an den zu hohen Anforderungen der Schulen?

Man darf ein System kritisch betrachten. Ich betrachte derweil das System der Universitäten in Folge von Bologna sehr skeptisch, weil mich die Organisation aus der Universität trieb. (Aber auch das steht auf einem anderen Blatt.) Aber jede Eigenverantwortung abtreten, das kann nicht Sinn sein! Denn die reine Zuschiebung des schwarzen Peters erzeugt ebenfalls eine Ohnmachtshaltung, die keine Veränderungen bringt. Und statt sich nur über Lehrer zu beschwerden, sollten Eltern ihre Kinder motivieren und nicht aus Angst in die falsche Schulform stecken.

Beitrag von sarahg0709 31.05.11 - 13:54 Uhr

Hallo,

mein Sohn besucht das G8, 11. Klasse. Ich hatte eigentlich nie den Eindruck, dass er sich überarbeitet bzw. überfordert wäre. Er hat es deutlich leichter, als ich in der Schule und hat auch mehr Freizeit als ich.


LG

Beitrag von stringersmum 31.05.11 - 13:54 Uhr

Ich antworte unter dem Vorbehalt, dass mein Abitur 25 Jahre alt ist und meine Kinder noch nicht schulpflichtig.

Diese Jammerei und Schwarzseherei kenne ich schon von meiner Schulzeit. In der Grundschule war es diese komische Mengenlehre, die die Kinder je nach Mondphase entweder überfordert hat oder verdummen hat lassen. Das zog sich bis zur Kollegstufe durch, die dann wahlweise viel zu anspruchsvoll und wissenschaftlich war oder wegen der Wahmöglichkeiten kein Niveau mehr hatte. #augen

Und nu?

Jede Generation stellt aus neue fest, dass die Jugend nix taugt weil die eigene besser war. Und die eigene Schulezeit war eh immer die beste.

Selbstverständlich habe ich als Schülerin auch gehörig gejammert, man will schließlich die Erwartungen nicht enttäuschen Außerdem könnte sonst jemand auf die abseitige Idee kommen, man könnte auch noch mehr... - nene, bloß nicht, so schön ist Schule dann doch nicht.

Zu meiner großen Erleichterung hatten meine Eltern weder die intellektuellen noch finanziellen Möglichkeiten, sich da sooo reinzuhängen, so dass ich recht unbelastet durch die Schule gehen konnte. Ich hoffe, dass ich meinen Kindern auch ein wenig von dieser Leichtigkeit gönnen kann. Sollte allerdings deren Nachhilfe nach 2(!) Jahren nix besseres einfallen, als nochmal und immer wieder die selben Vokabeln aufzugeben, die dann immer noch nicht hängen geblieben sind, würde ich den Geldhahn abdrehen.
Die Nachhilfe ist halt auch nicht mehr das, was sie mal war. *jammer*

LG Helga

Beitrag von flying-phoenix 31.05.11 - 14:11 Uhr

Helga,

es freut mich, dass das Jammern wohl schon damals üblich war. Aber über zu wenig Freizeit können sich eigentlich die Schüler von damals genausowenig beklagen wie die von heute.

Und ob es an der Nachhilfe liegt, dass Worte wie "yesterday" oder Präpositionen jeder Art nicht gelernt und verstanden werden, weiß ich nicht. Wenn diese jedes Mal in zu bearbeitenden Texten vorkommen, sollte man davon ausgehen, dass es irgendwann beherrscht wird.

Im Grunde ist es auch nur ein Fall, der derart beratungsresistent ist - und doch auf gute Noten kommt, ohne irgendetwas zu behalten. Da ist jede Methodik und alles andere wenig nützlich.

Warum ich bestimmten Fall noch betreue, es liegt wohl daran, dass ich noch immer an das Gute glaube. (Im Übrigen handelt es sich um den Fall, der regelmäßig absagt.) Und sehe, dass sich Schülerin x auch halten kann, denn auch mit vorheriger Nachhilfe stand die Versetzung immer in Gefahr.

Aber da ist das Kind einfach auf Wunsch der Eltern auf dem Gymnasium, wie sinnvoll oder nicht, lasse ich dahingestellt.

Beitrag von jazzbassist 31.05.11 - 23:04 Uhr

Meiner ist 12, 6. Klasse Gymnasium. Also abgesehen davon, dass er täglich zur Schule geht (+ Wegstrecke mit Bus und Zug), kommen da etwa noch 45 bis 60 Minuten Hausaufgaben drauf. Zusätzlich lernen tut er da m.W.n. eigentlich nicht. Seine Grundstimmung - also - ich würde es nicht »jammern« nennen, aber, ab und an hört man ihn schon mal motzen. Wird jetzt im Sommer sicherlich wieder etwas mehr werden; ist bei uns also eher jahreszeitenabhängig. Ich denke aber, dass ist das gleiche Motzen, dass ich in meinem Alter auch von mir gegeben habe #schein. Man begreift wohl erst als Erwachsener, wie schön das Leben mit 12 Jahren eigentlich ist; auch wenn man noch nicht Autofahren darf und wenig Taschengeld bekommt.

Kritik an Schule und System sind m.E. im Zeitalter, wo wir Leistungen von Schülern international vergleichen können, erlaubt. Wäre ja blöd, die Tatsache, dass es Länder gibt, wo die Kinder zeitlich nicht mehr Zeit für die Schule investieren, aber leistungstechnisch trotzdem besser sind, unkommentiert zu lassen. Es scheint dort also wirklich noch Potential zu geben, dass nicht ausgeschöpft ist. Fände ich toll, wenn man das dann auch noch ausschöpfen würde.

Wie sinnvoll Ganztagsschulen sind … naja … in der Grundschule geht es da eher um Kinderbetreuung für berufstätige Eltern; auf einer Gesamtschule z.B. machen die Nachmittags ziemlich normalen Unterricht oder legen dort die Fächer hin, wo man halt nicht mehr so mit dem Kopf arbeiten muss. Das ein Kind z.B. über ersteres motzt, kann ich total gut nachvollziehen. Weil es einfach sinnlose Zeitverschwendung ist, die Kinder m.E. viel Lieber mit Eltern oder anderen Kindern draußen (jenseits von Erwachsenen) verbringen wollen. Zumindest fällt es mir persönlich schwer, mir vorzustellen, dass viele Kinder diese Ganztagsschule z.B. einer Mutter, die dann ab Nachmittag zu Hause ist, vorziehen würden. Und, wenn man die Zeit eines Kindes bis 15-16 Uhr beansprucht (unabhängig davon, ob die Nachmittags noch lernen oder nicht lernen), kann ich das schon sehr gut nachvollziehen, wenn ein Kind dann Nachmittags protestiert, weil es z.B. nicht mehr zusätzlich lernen möchte. Ich wäre auch nicht glücklich damit, meine Mittagspause zu verdoppelt; unabhängig davon, dass ich dann nicht mehr arbeiten muss, fehlt mir dann trotzdem mehr Freizeit.

Darüber kann man aber sicherlich sehr gut streiten :-p

Beitrag von juliane1978 01.06.11 - 20:47 Uhr

Hallo,

ich finde, du kannst dein Posting genauso gut auf das Berufsleben ausweiten. Mit ähnlichem Inhalt.

Ich finde in der heutigen Zeit sind Wörter wie "Streß", "Überforderung" usw. absolut in. Jemand der nicht jammert, taugt nichts. Hat man keinen Streß, ist irgendwas falsch. Gehört man nicht zu den Überforderten, ist man unnormal.

Also, nicht auffregen, nur wundern ;-)

LG,
Juliane