Ich möchte so gerne trauern können

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Forum: Trauer & Trost

Fehlgeburt, Tod eines geliebten Menschen, Angst, nicht enden wollende Trauer um ein Sternenkind: Leider stehen wir nicht immer auf der sonnigen Seite des Lebens, diese Erfahrung muß jeder von uns machen. Oft hilft es, mit anderen darüber zu sprechen...

Beitrag von falkine 31.05.11 - 17:06 Uhr

Hallo,

lese schon eine Weile hier und habe auch mal auf einen Beitrag geantwortet, aber mir fällt es schwer nun wirklich einen eigenen Beitrag zu leisten.

Mein Papa ist Anfang April gestorben. Ich hatte nicht den klassischen vorzeige Papa aus dem Bilderbuch. Er war ein 68'er, lange Haare, Beatles Fan...keinen Sinn für ein klassisches Familienleben. Er war aber auch ein sehr sensibler Mensch, ein Mensch, der für Gerechtigkeit eingestanden hat und vor allem für Menschlichkeit und Ehrlichkeit. Das hat er mir mit auf den Weg gegeben. Wir haben nicht Punkt 12 Uhr beim Mittagstisch gesessen, aber wir hatten unendlich lange Nächte, wo wir uns unterhalten haben, geweint haben, gelacht haben...
Mein Vater war nicht gesellschaftkonform, aber er hat sein Bestes gegeben und ich habe so viel Gutes von ihm bekommen. Er war wie eine dicke Eiche für mich, die immer hinter mir stand...und jetzt gefallen ist.

Nun ist er nicht mehr da...und das schmerzt so unendlich.
Leider lässt mir unser Staat, unser System unsere Gesellschaft noch nicht einen Moment Ruhe, um das alles zu verarbeiten. Er war in zweiter Ehe verheiratet und Madam interessiert das alles nicht. Der "Weihnachtsmann" bringt ja jetzt kein Geld mehr. Sein Bruder tangiert es nicht mal, dass er tot ist. Mein kleiner minderjähriger Bruder wird jetzt sich selbst überlassen, da er für einen Toten ja kein Druckmittel mehr
darstellt. Seine 2. Frau will mich anzeigen, weil sie von uns kein Geld bekommt, wo sie doch so arm ist...? Und alle Behörden kommen zu mir, mit dem Argument...sie sind eben erreichbar.
So wollte ich z.B. eine Antrag auf Übernahme der Bestattungskosten stellen. Da wird man dann als erstes vom "Beamten" gefragt...soll ich das jetzt aus meiner Hosentasche bezahlen...?!

Seit fast 8 Wochen bekomme ich nun von kaum jemanden eine vernünftige Antwort, geschweige denn eine vernünftige Auskunft. Jeder seiner Angehörigen könnte die Beerdigung bezahlen, keiner kümmert sich darum. Jedes Amt kommt aber zu mir und will irgendwas bezahlt haben, mit dem ich nichts zu tun habe. Nach einigen Anrufen klärt sich das auch immer wieder.

Allerdings ich frage mich langsam, was ich mir noch alles anhören muss, schreiben muss und erläutern muss, bis Ruhe einkehrt.
Es ist zum Teil die Art und Weise, wie über meinen Vater gesprochen wir...auch von Behördenseite. Mich macht das verrückt. Er war doch kein ETWAS.

Wo bleibt denn die Menschenwürde? Wann darf ich denn endlich anfangen ihn zu verabschieden. Das war mein Vater...der erste Mann, den ich in meinem Leben geliebt habe und mein bester Freund.
Wieso funktioniert das in Deutschland, wenn sich jeder Angehörige verhält, als wäre er taub und blind. Die Einzige, die sich immer um alles gekümmert hat bin ich und nur aus Bequemlichkeit, rückt mir nun jeder auf den Pelz. Seine Frau hat genug geerbt, ist Alleinerbin, stellt sich aber total blöd und der Staat akzeptiert das...wie auch bei allen anderen Angehörigen.

Sorry, musste da mal loswerden. Mir bleibt keine Ruhe, um zu trauern. Fühle mich völlig erschöpft.
Glücklicherweise habe ich eine sehr verständnivolle Familie. Ich hatte einen tollen Vater, der mir genug Kraft und Liebe mit auf den Weg gegeben hat, das durchzustehen. Manchmal wünsche ich mir, andere Menschen, hätten ihn genauso gut gekannt, wie ich...obwohl ich so viel nicht von ihm wusste. Mein Mann sagt immer, Du warst eben seine Prinzessin.

Rein menschlich hat mir mein Vater alles mit auf den Weg gegeben, was ich brauche, um mein Leben auch weiter ohne ihn zu leben. Dazu gehört viel Größe und Charakter. Aber er hat leider nicht gewusst, was er für emotionslose Menschen um sich hatte und wieviel Ärger nach seinem Tod auf mich zukommt. Das hätte er niemals gewollt..und ich niemals gedacht.

Sorry, für den langen, verärgerten und wahrscheinlich auch verwirrten Text. Mir hat es jetzt aber gut getan, das einfach mal los zu werden. Ich bin einfach nur enttäuscht.

Papa...Ich liebe Dich und vermisse Dich sehr, #kerze

Beitrag von ss120875 31.05.11 - 20:31 Uhr

Hallo,

ich möchte dir zuerst mein herziches Beileid aussprechen.

Wieso bist du eigentlich die erste Ansprechstelle für Fragen, Kosten etc. Wenn dein Vater verheiratet war, dann ist doch an allererster Stelle seine Frau für sämtliche Dinge zuständig.

Bürd dir nicht zu viel auf. Das hab ich vor einem Jahr auch gemacht, als meine Mutter starb. Um alles, wirklich alles hab ich mich gekümmert. Als dann endlich Licht am Ende des Tunnels war und das Gröbste geregelt war ging es unter die Schmerzgrenze und da hab ich mich zurückgezogen.

Letztendlich habe ich den Kontakt zu meiner ganzen schäbigen Familie abgebrochen und bis heute nicht bereut. Was du auch gibst, es wird niemals genug sein für die Anderen.

Ich wünsch dir ganz viel Kraft für die bevorstehende Zeit.

LG
Silke

Beitrag von falkine 01.06.11 - 16:11 Uhr

Hallo Silke,

vielen Dank für die netten Worte. Tut gerade wirklich gut.

Die Frau meines Vaters lebt im Ausland. Sie hatten auch vor sich zu trennen.
Und die deutschen Behörden gehen leider lieber den einfachen und direkten Weg...und der führt zu mir. Auch wenn ich bei den meisten Dingen nicht der erste Ansprechpartner bin. Das haben die mir auch schon so gesagt.

Und wie gesagt, man muss sich anscheinend nur taub und blind stellen, dann scheint das zu funktionieren.
Ich komme nur einfach nicht zur Ruhe und das zehrt zusätzlich.

Nachdem auch der Rest seiner Familie glaubt es ginge sie alles nichts an, habe ich auch schon beschlossen Abstand zu nehmen. Finde sowas unmöglich.

Dennoch muss ich mich wohl noch etwas der Bürokratie stellen, bis die sich mal endlich mit Briefen, Anträge, etc. ans Ausland oder an den Rest der Familie wenden....


Ich wünsche allen die einen lieben Menschen verloren haben und trauern,
dass sie schnell Ruhe finden und Abschied nehmen zu können. Das ist die schwierigste Aufgabe überhaupt und sollte wirklich auch von aussenstehenden Menschen etwas mehr respektiert werden.

Beitrag von ss120875 02.06.11 - 16:17 Uhr

Hallo,

ja, man lernt erst in so einer Zeit, wieviel man auf seine eigene Familie zählen kann. Ich konnte leider auf keinen zählen, nachdem klar war, dass von der Abfindung meiner Mutter nichts mehr übrig war. Den Satz den ich dann am meisten zu hören bekommen habe war... Silke, hast du deinen Geldbeutel dabei?! Ja, Silke hatte Gott sei Dank ihren Geldbeutel dabei, sonst hätte ich in manchen Situationen wirklich blöd dagestanden... Und als es mir dann zu dumm wurde, war ich die egoistische, arrogante Tochter die am Tod ihrer Mutter schuld sein sollte. Tja, so ist es gelaufen.

Ich kann dir nur raten nichts zu unterschreiben, was dir im nachhinein das Genick brechen könnte.

Es ist wirklich ein Skandal, was alles in Familien vorfällt, obwohl man gerade in so einer Situation wirklich zusammenhalten sollte.

Alles Gute
Silke