Mittelschicht

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Beitrag von serdes - 01.09.11 - 09:28 Uhr

Hi!

Aufgrund der ausufernden gestrigen Diskussion einige Threads weiter unten, habe ich mir mal überlegt, wie definiert sich die Mittelschicht. Wer gehört dazu, wer ist bereits zur Oberschicht zuzurechnen, wann ist man armutsgefährdet und nennt man die Schicht unter der Mittelschicht tatsächlich Unterschicht?

Ich habe mich mal auf dieser Seite informiert (Deutschland):

http://www.bundesfinanzministerium.de/DE/Buergerinnen__und__Buerger/Gesellschaft__und__Zukunft/120__Definition__Mitte.htm

Und über dieses pdf des Büros für arbeits- und sozialpolitische Studien (Schweiz):

http://www.employes.ch/pdf/news/Studie_Mittelstand.pdf

Und:

http://www.beobachter.ch/dossiers/familienmonitor/artikel/serie-teil-1_der-bedrohte-mittelstand/

Auszug daraus:
Wer gehört zum Mittelstand?

Der Mittelstand ist die mit Abstand grösste Gesellschaftsschicht. Ihm
gehören rund 60 Prozent der Bevölkerung an. Dazu zählt, wer zwischen
70 und 150 Prozent des durchschnittlichen verfügbaren Äquivalenzeinkommens (siehe unten) verdient: Das sind mindestens 2450, maximal 5250 Franken netto pro Kopf.

Eine vierköpfige Familie mit einem 10-jährigen und einem 16-jährigen Kind rechnet man nach dieser Definition zum Mittelstand, wenn sie zwischen 7050 und 15'100 Franken netto Monatseinkommen hat; eine dreiköpfige ­Familie mit einem sechsjährigen Kind bei einem Einkommen zwischen 5500 und 11'800 Franken.

Das Äquivalenzeinkommen berechnet sich so:

Haushaltsnettoeinkommen
– 20 Prozent feste Abgaben
= Äquivalenzeinkommen
: Personengewicht*
= Äquivalenzeinkommen/Kopf

*Das sogenannte Personengewicht wird wie folgt berechnet:
erste Person = 1 Person,
jede weitere ab 15 Jahren = 0,5 Personen,
jede unter 15 Jahren = 0,3 Personen.


Auszug Ende;-)


Zusammenfassend kann man also sagen, dass in beiden Ländern zum Mittelstand zählt, wer zwischen 70 und 150 Prozent des Medianeinkommens verdient:

In der Schweiz sind das mindestens 2450, maximal 5250 Franken netto pro Kopf monatlich.

In Deutschland sind es monatlich zwischen 2.600 Euro und 5.000 Euro

Zu der Berechnung noch eine Frage: Ist mit Haushaltsnettoeinkommen das verfügbare Einkommen gemeint, also Einkommen abzüglich Steuern, Sozialversicherungsbeiträge, Krankenkassenprämien (Grundversicherung) und Alimente oder werden diese Abgaben bei "20% feste Abgaben" einberechnet?


Weitere Fragen:

Die Grenzen des Mittelstandes sind ja eher unklar und eine Festlegung aufgrund der Berechnung des Durchschnittseinkommen. Ist jemand, der z.Bsp. 5300 Euro Äquivalenzeinkommen vorweist, bereits zur Oberschicht zu rechnen? Oder bewegt man sich da trotz "Überschreitung" der Mittelschichtsgrenze immer noch im Mittelschichtsbereich?

Dieselbe Frage stellt sich natürlich auch bei einem Äquivalenzeinkommen von 2400 Euro. Noch Mittelschicht oder schon nicht mehr?

Wo seht ihr persönlich die Mittelschicht, ganz unabhängig von den offiziellen Zahlen und Studien?

Und als Frage am Rande (eigentlich eher unwichtig): Ist der Begriff "Unterschicht" eigentlich genauso legitim wie der Begriff "Mittelschicht" oder ist der Begriff mittlerweilen zu stark negativ belastet, um ihn noch in sachlichen Diskussionen benutzen zu können?

Grüsse

serdes


P.S.: Dies ist KEIN Aufruf sein Einkommen oder seinen "Stand" öffentlich zu machen. Das soll kein Schwanzvergleich werden.#nanana




Beitrag von thea21 - 01.09.11 - 09:41 Uhr

Hallo,

vielleicht liegt es daran, d as ich heute verschlafen habe und es noch recht früh ist.

Vielleicht am noch geringen Kaffeekonsum!

Aber: Ab wieviel Euro zählt man zu sogenannten Mittelschicht? Und ist damit pro Kopf gemeint, oder GESAMT? (kann sein das ich es überlesen habe)

Grüße

Beitrag von serdes - 01.09.11 - 10:05 Uhr

Soweit ich das verstanden habe ist das pro Kopf. Jedenfalls mit Sicherheit bei den schweizer Zahlen. Die Deutsche Seite des Bundesfinanzministeriums finde ich etwas ungenau, aber es müsste ja auch pro Kopf sein, denn pro Haushalt wäre doch etwas unseriös. Schliesslich sind Haushalte verschieden und es wäre ein gravierender Unterschied, ob eine 6köpfige Familie 2.600 Euro hat oder ein Singlehaushalt.

D.h. ab 2600 Euro pro Kopf monatlich zählt man zur Mittelschicht.

Allerdings ist die erste Person ganz zu zählen, weitere Personen ab 15 mit 0,5 und Personen unter 15 mit 0,3

D.h. 3 Personenhaushalt mit zwei Erwachsenen und einem Kind unter 15=

1+0,5+0,3= 1,8

Nettoverdienst wird dann also durch 1,8 geteilt und nicht durch 3

Wenn man dann über 2600 Euro hat, gehört man zum Mittelstand.

Beitrag von thea21 - 01.09.11 - 10:17 Uhr

Ich dachte bisher, ich verdiene gut, zusammen mit Partner ;-)

Allerdings sagt die "Maschine" wohl nö, tuste nicht!

Allerdings bleiben uns nach allen Fixkosten soviele Euro´s über, wie sonst ein "Normalverdiener" im Monat verdient!

Ich fühl mich wohl mit dem was ich habe und lass mich einfach nicht definieren.

Beitrag von serdes - 01.09.11 - 10:28 Uhr

Ehrlich gesagt habe ich mich über die Zahlen Deutschlands auch ein bisschen gewundert. Ich werde noch ein bisschen recherchieren....

Beitrag von fred_kotelett - 01.09.11 - 10:31 Uhr

Das Problem bei diese Zahlen ist das sie ja nicht wirklich die Lebenswirklichkeit der arbeitenden Bevölkerung reflektieren.

In diesen Zahlen sind ja auch die Kapitalerträge in Deutschland auf die Bevölkerung runtergebrochen.

Mal platt gesagt, wenn die 10 Prozent die aktiv spekulieren ihre Erträge um das doppelte steigern, steigt ja auch das Durschnittseinkommen. Ohne das die Mehrheit der Bevölkerung irgendwie daran teilhaben würde.

Beitrag von serdes - 01.09.11 - 11:18 Uhr

Aber fällt das nicht etwas weniger ins Gewicht, weil mit dem Medianeinkommen gerechnet wird?

http://www.diedenker.org/inhalte/viewtopic.php?t=1192

Beitrag von fred_kotelett - 01.09.11 - 11:31 Uhr

Hi,

ich bin mir nicht sicher ob hierbei mit dem Medianeinkommen gerechnet wird.

So genau habe ich mich amit noch nicht beschäftigt.

Beitrag von moeriee - 01.09.11 - 14:20 Uhr

So wurde es uns an der Uni (Politikseminar) auch gelehrt!

Beitrag von cami_79 - 01.09.11 - 09:49 Uhr

Mhm schwierig. Ich versuchs mal für mich zu definieren:

In "meiner persönlichen Mittelschicht" gehen die Menschen arbeiten, haben genug Einkommen ihre Kinder und sich selbst allein ohne jegliche Zuschüsse zu finanzieren und können sich auch Fahrzeuge, Urlaub etc. leisten. Allerding fährt hier keiner Porsche, lebt man nicht in 300qm Villen und hat auch keine eigene Yacht.

"Unterschicht" ist für mich tatsächlich ein negativ geprägter Begriff, den ich nicht mit gutem Gewissen im Gespräch nutzen könnte. Meist geht es ja ohnehin oft mit dem Begriff "sozial schwach" einher und da muss man denk ich gesondert unterscheiden, denn wenig Einkommen bedeutet ja nicht zwingend auch soziale Probleme. Dennoch würde ich wenns denn ne Schublade sein muss, hier Menschen einordnen (oh hört sich das schlimm an #schock) die sich leider nicht selbst versorgen können, beispielsweise weil sie trotz Vollzeitjob ein extrem niedriges Einkommen haben oder weil sie schon länger arbeitslos sind etc.

"Oberschicht" fängt bei mir dort an, wo ohne nachzudenken Geld ausgegeben wird, mehrere Immobilien etc. vorhanden sind und man gar nicht so recht weiß wo der nette Herr den man für die Finanzverwaltung bezahlt, die Sachen denn überhaupt angelegt hat :-p

Bin gespannt wie das die anderen sehen,
LG #winke

Beitrag von serdes - 01.09.11 - 10:12 Uhr

Danke für deine Antwort.

"denn wenig Einkommen bedeutet ja nicht zwingend auch soziale Probleme"

Das ist es ja, wie nennt man denn die Schicht, die zu wenig verdient um dem Mittelstand anzugehören, die aber keine sozialen Probleme hat? Davon gibt es sicherlich nicht wenige.

Ich finde es auch schwer, über Schichten zu sprechen und Menschen einzuordnen, aber wenn man diese Einteilung nicht macht, verliert man vielleicht auch den Überblick über die gesellschaftliche Struktur, die Reich-Arm-Schere etc.

""Oberschicht" fängt bei mir dort an, wo ohne nachzudenken Geld ausgegeben wird, "

Nun ja...das gibts ja nicht nur in der Oberschicht;-)

Ich bin jedenfalls auch gespannt, was da noch kommt:-)

Beitrag von fred_kotelett - 01.09.11 - 10:27 Uhr

Hier,

ist noch ein interessanter Artikel darüber wie die Oberschicht wirklich lebt.
Ich arbeite ja bei dem im Artikel oft zitierten Softwarekonzern und ich und meine Kollegen waren schon sehr erstaunt das wir angeblich fast alle zur Oberschicht gehören, so fühlt sich das nämlich gar nicht an.

http://www.faz.net/artikel/C31364/arme-oberschicht-so-lebt-das-reichste-prozent-der-deutschen-30389106.html

VG

Beitrag von cami_79 - 01.09.11 - 10:32 Uhr

Grins - ich finde das SAP schon hübsche Sümmchen zahlt (allerdings auch fordert), als Oberschicht hätte ich das jetzt aber nicht eingestuft, aber schon "obere Mittelschicht".

LG C

Beitrag von fred_kotelett - 01.09.11 - 11:35 Uhr

Hallo,

klar zahlt SAP gut, marktüblich halt.

Was den Artikel interessant macht, ist das auch wenn man statistisch zur Oberschicht gehört niemand wirklich dazugehören will.



Beitrag von steinchen80 - 01.09.11 - 13:14 Uhr

Diesen Aspekt fand ich auch sehr interessant :-)

Beitrag von 71068 - 01.09.11 - 10:32 Uhr

Ich wiederhole mich in altbewährter Leier:

Diese Statistiken sind nicht nutzbar. Auch nicht zum Unterteilen in Schichtsysteme.

Wenn du in München 5.000€ netto hast, kannst du wohnen, essen, deinen Verpflichtungen nachkommen und ein wenig leben, Mittelschicht.

Wenn du in Berlin 5.000€ netto hast, kannst du sehr gut wohnen, essen und schön leben, also gehobene Mittelschicht.

Wenn du in der hintersten Pampa (und da wohne ich) 5.000€ netto hast, bist du ganz sicher in den Augen der anderen Oberschicht.
Weil Lebenshaltungskosten ziemlich gering sind und Kosten für Ausgehen entfallen, wenn du nichts hast, wo du hingehen kannst.

Solche Statistiken sind daher für mich nicht represäntativ.

Und in einem solchen Diskussionsrahmen ist der Begriff Unterschicht nutzbar.
Der allgemeine Sprachgebrauch hat dieses Wort so negativ behaftet, allerdings will ja niemand freiwillig "unter" sein, unterdurchschnittlich z.b. oder Unterklasse.

Beitrag von serdes - 01.09.11 - 10:52 Uhr

Ich finde es ehrlich gesagt schon wichtig zu wissen, wie gross der Mittelstand noch ist. Und um das abschätzen zu können, braucht es Statistiken und es braucht eine Definition der Schichten.

Dass sich nicht jede Einzelperson in dieser Definition wiederfindet ist ja auch klar, dennoch würde ich nicht sagen, die ganzen Statistiken und Definitionen seien unnütz.

Wenn man das soziale Gefüge im Auge behalten möchte, muss man sich mit diesen Statistiken befassen. Durch diese kann man feststellen, ob viele Menschen aus dem Mittelstand herausfallen oder trotz Zugehörigkeit des Mittelstandes kaum mehr ihre Kosten decken geschweige etwas ansparen können. Dann erst kann man den Ursachen auf den Grund gehen.

Wenn niemand Grenzen festlegt und keiner Statistiken erhebt, wie will man dann erfahren wenn etwas fatal schief läuft?

Ob man jetzt in Münchens Mittelschicht lebt oder in Berlins gehobener Mittelschicht....es ist und bleibt Mittelschicht.

Das mit der Pampa (da wohne ich auch;-)) ...nun ja....ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Lebenshaltungskosten in der Pampa sehr hoch sind. Da muss man wohl einiges dazuverdienen, um den Sprung in die Oberschicht zu schaffen.

Beitrag von serdes - 01.09.11 - 11:11 Uhr

Ich habe noch ein wenig recherchiert und zu Deutschland nochmals andere Zahlen gefunden:

http://www.diw.de/de/diw_01.c.357516.de/themen_nachrichten/einkommensentwicklung_in_deutschland_die_mittelschicht_verliert.html

Auszug:

Nur 60 Prozent der Menschen in Deutschland gehören noch zur Mittelschicht, mit Nettoeinkommen zwischen 860 und 1.844 Euro. 2000 waren es noch mehr als 66 Prozent. Stark gestiegen ist vor allem die Zahl der Menschen mit niedrigem Einkommen, von 18 Prozent 2000 auf fast 22 Prozent 2009. Zudem steigt die Zahl der Menschen mit Niedrigeinkommen nicht nur immer mehr an – diese Gruppe verdient auch in absoluten Zahlen immer weniger: Verdiente ein Singlehaushalt der unteren Einkommensgruppe 2000 im Schnitt noch 680 Euro, waren es 2008 nur noch 645 Euro. Gleichzeitig ist auch der mittlere Verdienst höherer Einkommensgruppen gestiegen, von 2.400 auf 2.700 Euro – der Abstand zwischen Arm und Reich vergrößerte sich also erheblich.

Auszug Ende


Ehrlich gesagt finde ich die deutschen Seiten zu dem Thema äusserst unübersichtlich.

Wie ich das entnehme liegt das mittlere Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland bei 2700 und somit definiert sich der Mittelstand also bei mtl. zwischen 1890 Euro bis 4050 Euro pro Kopf (70-150%)

Hier also wieder andere Zahlen als beim Finanzministerium....

Bitte klärt mich auf, wenn jemand verlässliche Zahlen findet oder evtl. auch einen Fehler in meiner Rechnung entdeckt#danke

Beitrag von anarchie - 01.09.11 - 11:58 Uhr

Hallo!


Demnach müsste eine familie mit 4 Kindern wie wir 7000EUR netto verdienen, um zur Mittelschicht zu gehören!

2,7x2600=7020

Das ist 1. utopisch und 2. nicht realitätsnah.

Wir haben weniger und leben mit haus, Auto, pferd , teuren kinder-Hobbys und BIO-Essen sicher nicht schlecht...


Es wird auf der deutschen Seite vom Haushaltseinkommen, nicht pro-kopf-einkommen ausgegangen - dann passt es.
ich vermute mal, man geht dabei von 3-4 personen aus.


Mehr als die Hälfte der haushalte hat weniger als 2600EUR netto.

Mittelschicht ist für mich eine nette Wohnung, Auto, alles zahlen können und etwas für fun über haben.

lg

melanie

Beitrag von ippilala - 01.09.11 - 12:17 Uhr

Aber der deutsche Durchschnitthaushalt besteht doch bei Weitem nicht aus 3 oder 4 Personen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die von solch großen Familien ausgehen.

Beitrag von anarchie - 01.09.11 - 12:30 Uhr

stimmt, du hast völlig recht...der deutsche Durchnittsshaushalt liegt bei etwa 2 Personen hab ich gerade gesehen...

Aber ich finde es völlig utopisch, wenn wie gesagt ne familie mit 2 kindern über 5000EUR netto haben soll, um zur Mittelschicht zu gehören#kratz

und wir würden dann zur unterschicht gehören, obwohl mein Mann echt gut verdient und wir bei weitem nicht schlecht leben#kratz

Also pro Kopf geht garnicht...

weiss auch nicht...hm...

Beitrag von ippilala - 01.09.11 - 12:34 Uhr

Es zählt pro Haushalt, nicht pro Kopf. Wenn du 4100€ netto haushaltseinkommen hast, bist du Oberschicht. Egal, ob du allein bist oder 25 Kinder bei dir hast.

Beitrag von anarchie - 01.09.11 - 12:37 Uhr

hm, auch wieder nicht sooo sinnig, oder?

denn als oberschicht fühl ich mich nun auch nicht gerade#rofl

Beitrag von fred_kotelett - 01.09.11 - 12:40 Uhr

Das stimmt so nicht ganz

Unter dem Link findest du unter Punkt 4 das Beispiel der Berechnung bei Mehrpersonenhaushalten.
http://de.wikipedia.org/wiki/Mittelschicht


Bei 2 Erwachsenen und 2 Kindern müsstest du somit zwischen 23.520 und 50.400 € Jahreseinkommen liegen.

Als Alleinstehender nur zwischen 11.200 und 24.000

VG

Beitrag von ippilala - 01.09.11 - 12:50 Uhr

Nagut, kommt wohl auf die Statistik an. Da wird jetzt auch nicht zwischen Ost und West mehr unterschieden.
Aber bei nur 2000€+ im Monat als Oberschicht zu gelten ist schon komisch.