Welche Gedanken waren mir vorab durch den Kopf gegangen! Sicherlich würde ich mitten in der Nacht mit geplatzter Fruchtblase per Krankenwagen in die Klinik gebracht. Dort angekommen würden die Schmerzen sicher so heftig sein, dass das Zusammenschreien des Kreissaales völlig unausweichlich werden würde. Man würde mich für eine Memme halten und mich aufgrund meiner Schreie strafend ansehen. Man könnte sagen, ich war auf Alles vorbereitet und überzeugt, es würde so kommen.
Schon Wochen vor der Geburt wurde ich unruhig. Unseren Sohn hatte ich vor 4,5 Jahren per geplantem Kaiserschnitt zur Welt gebracht und wusste daher genau, welcher Tag es sein würde. Bei meiner Tochter hatte ich mich für die normale Geburt entschieden und war daher um so aufgeregter. Natürlich wollte ich noch auf die Hochzeit meiner besten Freundin, die genau eine Woche vor Termin stattfand. Also durfte die Kleine eigentlich nicht viel eher kommen. Das tat sie dann auch nicht. Vier Tage vor dem errechneten Termin erwachte ich in der Nacht mit regelmäßigen Wehen. Ich setzte mich ins Wohnzimmer, sah mir meinen Lieblingsfilm an und überprüfte regelmäßig die Wehenabstände: Alle zehn Minuten. Gegen 4.30 Uhr weckte ich meinen Mann und bat ihn, sich in aller Ruhe fertig zu machen. Unser Sohn war bei den Großeltern. Wir hatten ihn quasi auf Verdacht eine Woche dort einquartiert und hofften nun inständig, dass sich die Kleine auf den Weg machen würde.
Gegen 6 Uhr waren wir in der Klinik. Das CTG zeigte Wehen, aber sonst war der Befund völlig geburtsunreif. Man schickte mich nach Hause, bat mich, viel zu laufen, Treppen zu steigen.
Das machte ich auch fleißig, nachdem mein Mann mich zu Hause abgesetzt und selbst ins Büro gefahren war. Den Tag über verspürte ich schmerzhafte Wehen, die sich aber gut veratmen ließen. Wie man das macht, wusste ich nicht mehr, aber irgendwie schaffte ich es, mich mit tiefen Atemzügen in den Bauch zu entspannen.
Am Abend aßen wir noch bei unserem Lieblingsintaliener und flanierten die Einkaufsstraße herunter. Die Wehen waren immer noch zu spüren, aber nicht bedrohlich nah beieinander.
Gegen 1.30 Uhr in der Nacht hielt ich es aber vor Schmerzen nicht mehr gut im Liegen aus. So fuhren wir erneut in die Klinik, obwohl ich sehr große Bedenken hatte, man würde mich wieder nach Hause schicken. Das war mir doch ein wenig unangenehm gewesen am Morgen zuvor, so dass ich das nicht noch einmal erleben wollte. Aber die Untersuchung ergab einen geöffneten Muttermund von einem Zentimeter, so dass wir bleiben durften.
Wir teilten uns ein Bett auf einem Zimmer und übernachteten mehr schlecht als recht. Mein Mann hatte ständige Angst, aus dem Bett zu fallen und ich kämpfte mit den immer wiederkehrenden Wehen, bei denen ich mich am Nachttisch festklammern musste.
Am Morgen nach einem Frühstück schickte ich meinen Mann dann noch einmal zum frisch machen und ein wenig Ausruhen nach Hause. Das nächste CTG sollte erst gegen Mittag sein, so blieb genug Zeit für ihn, noch einmal nach Hause zu fahren. Ich vertrieb mir die Zeit auf dem Zimmer, ging spazieren und wartete auf seine Rückkehr. Die Wehen waren immer noch da und wurden auch manchmal schon recht schmerzhaft. Das CTG gegen Mittag ergab, dass der Muttermund sich um einen weiteren Zentimeter geöffnet hatte und die Wehentätigkeit stetig zunahm. Ich sollte mich gegen frühen Abend wieder im Kreissaal einfinden.
Bei einem Eis in der Cafeteria am Nachmittag hatte ich allerdings schon arge Schmerzen, die ich im Sitzen nicht mehr aushielt. Wenn die Wehe kam, stand ich vom Stuhl auf und veratmete sie. Es war mir egal, ob mich jemand dabei ansah. Ich hatte schließelich Schmerzen. Eigentlich wollte ich mich auf dem Zimmer noch ein wenig ausruhen, aber das gelang mir nicht mehr. Die Wehen in immer kürzeren Abständen, so dass ich schon zwei Stunden vor dem vereinbarten Termin wieder im Kreissaal aufschlug. Fazit: Ich durfte bleiben. Der Muttermund war nun schon bei 3 Zentimetern und ich fand mich auf dem Kreisbett wieder. Ich bekam eine PDA gesetzt und fühlte mich gleich etwas besser. Leider war nicht der ganze Rücken betäubt, sondern nur die rechte Seite, was jedoch schon sehr viel Linderung brachte.
Danach ging es für mich gefühlt sehr schnell. Ich lag nur gute vier Stunden auf dem Kreisbett, wobei ich die ein oder andere Stellung ausprobierte. Schließlich setzten die Presswehen ein, die geschlagene eineinhalb Stunden an meiner Kraft zerrten. Ich hielt aber durch, auch wenn ich manchmal glaubte, keine Kraft mehr zu haben. Und, ich hatte noch nicht einmal geschrieen! Darüber wunderte, oder freute ich mich besonders.
Mein Mann berichtete später, die Herztöne der Kleinen seien mehrfach in den Keller gesackt und es sei ihm beim Anblick des CTGs gar nicht gut gegangen. Zudem fühlte er sich doch ein wenig hilflos, presste zwar fleißig mit und hielt meine Hand, war aber machtlos.
Im Endspurt half mir die Ärztin, die sich auf den Bauch lehnte und von außen mitdrückte. Und schon durfte ich den kleinen Kopf fühlen, der zwischen meinen Beinen hervorlugte. Was für ein verrückter Moment! Und noch ein wenig später lag die Kleine nass und ganz winzig vor mir. So ein kleines Bündel!
Hatte ich bei meinem ersten Kind noch viele Tränen der Freude vergossen, war ich jetzt einfach nur froh, stolz und unheimlich erleichtert, die Geburt geschafft zu haben. Ich war darüber hinaus sehr erstaunt, dass das "schon alles gewesen sein sollte". Hatte ich mir die Geburt doch als absolut grenzwertig vorgestellt. Nein, ich durfte mir jetzt eindeutig auf die Schulter klopfen.
Ich bekam die Kleine auf den Oberkörper gelegt und war ergriffen von diesem weichen Etwas, diesen kleinen Fingern, dem winzigen Kopf. Wir kuschelten ein paar Minuten, während die Hebamme versuchte, der Geburt der Plazenta auf die Sprünge zu helfen, die nicht von allein kommen wollte. Auch nach mehreren Versuchen und einer Akkupunktur tat sich nichts.
Ich fühlte mich plötzlich schlecht und bat darum, dass mir das Kind abgenommen würde und wurde ohnmächtig. Allerdings bekam ich von den Gesprächen um mich herum alles mit, konnte nur die Augen nicht öffnen und mich nicht mehr bewegen. Ein sehr komisches Gefühl. Dann ging alles recht zügig. Man fuhr mich schnell in den OP und schon war ich eingeschlafen. Wie ich später erfuhr, hatte sich die Plazenta nicht von allein gelöst und eine Not-OP nötig gemacht. So verpasste ich die ersten Stunden im Leben meiner Tochter, die aber bei meinem Mann gut aufgehoben war.
Leider hatte man ihm nicht gesagt, was passiert war, ihn nur mit den Worten getröstet, man kümmere sich um mich.
Nach dem Aufwachen fühlte ich mich schwach. Die Nacht schlief ich gut, mein Mann neben mir, die Kleine im Kinderzimmer. Ich wäre viel zu schwach gewesen, um mich um sie zu kümmern. Das spürte ich auch in den folgenden Tagen, in denen mir das kleinste Aufstehen Herzrasen bereitete, denn ich hatte sehr viel Blut verloren.
Aber ich war glücklich. Und die Geburt an sich fand ich toll. Sie war kurz, relativ schmerzfrei und eine wunderbare Erfahrung.
Leider wurde ich fünf Wochen nach der Geburt am Morgen per Krankenwagen wieder eingeliefert. Zusammen mit meinen beiden Kindern, da mein Mann unabkömmlich war und ich nicht mehr in der Lage ein Auto zu fahren. Diagnose: Bei der Ausschabung der Plazenta nach der Geburt waren Gewebereste zurückgeblieben, die jetzt starke Schmerzen verursachten. So bekam ich eine erneute Ausschabung.
Jetzt, fünf Monate nach der Geburt ist alles Bestens.
Ehrlich gesagt fällt es mir schwer zu sagen, welche Geburt ich schöner fand. Die meines Sohnes vor 4,5 Jahren, oder die meiner Tochter. Sie waren beide völlig unterschiedlich, aber auch beide für mich einzigartig. Eben Erlebnisse ganz besonderer Art, die nur uns Frauen vorbehalten sind.
Die Geburt meiner Tochter
Sie befinden sich im Archiv des urbia-Diskussionsforums.
Hier geht es zur vollständigen Version dieser Seite. Dort können Sie auch aktiv am Diskussionsgeschehen teilnehmen.
Beitrag von bophut - 08.11.11 - 13:16 Uhr
Beitrag von cherrycologne83 - 08.11.11 - 13:24 Uhr
Herzlichen Glückwunsch!!!
Finde deinen Bericht total toll und super geschrieben. Du nimmst mir regelrecht die Angst vor der Geburt!!
Alles Gute,
Steffi & Püppi (36. ssw)
