Am 22.Juli 2010 starb die kleine Anna einen qualvollen Tod. Sie wurde ertränkt, von ihrer eigenen Pflegemutter.
Zuvor wurde Anna zwei Jahre lang misshandelt. Heute verhängte das Bonner Landgericht eine lebenslange Haftstrafe für die Pflegemutter und sechseinhalb Jahre für ihren Mann.
http://www1.wdr.de/themen/panorama/annaprozess128.html
Die Rolle des Jugendamtes ist bei diesem Fall wohl äußerst undurchsichtig. Nicht nur, dass man Warnungen von Nachbarn der Pflegefamilie ignorierte, auch wichtige Unterlagen wurden vor Prozessbeginn offenbar vernichtet.
http://www.frauenzimmer.de/cms/stars-news/fall-anna-gericht-will-heute-das-urteil-sprechen-cfce-9f8b-17-941117.html
Wer trägt die Schuld an Annas Tod?
Sicherlich sind die Pflegeeltern direkt verantwortlich. Die alkoholkranke leibliche Mutter, die ihre eigene Erziehungsfähigkeit kritisch beurteilen konnte und ihr Kind daraufhin in staatliche Obhut gab, hat damit bewiesen, dass sie zu verantwortungsvollem Handeln sicherlich besser in der Lage war, als die späteren Pflegeeltern.
Auch den Nachbarn der Familie, in der Anna ihr Martyrium durchlebte, kann man nicht den Vorwurf machen, sie hätten nichts unternommen, denn sie bemerkten, dass da etwas nicht stimmte und wendeten sich an die staaliche Institution, die für genau solche Fälle zuständig ist: das Jugendamt. Die Informationen darüber, was das Jugendamt unternahm, konnte ich bislang nicht finden. Es ist aber offensichtlich davon auszugehen, dass die Pflegemutter das Umfeld sehr geschickt zu täuschen verstand, so zumindest beschreibt es der vorsitzende Richter Janßen in der Urteilsbegründung.
Aber ist diese Erklärung ausreichend? Hätte das Jugendamt nicht genauer hinschauen müssen? Die Bedingungen bei der Pflegefamilie waren wohl von Beginn an nicht wirklich ausreichend, um ein weiteres Kind aufzunehmen. Dass vor dem Prozess ausgerechnet die Unterlagen über die Beurteilung der Pflegefamilie verschwanden, ist in diesem Zusammenhang äußerst suspekt. Sollte dort jemand ein schlechtes Gewissen haben, so wird er sich für den Rest seines Lebens die Frage stellen müssen, ob Anna jetzt noch am Leben sein könnte, wenn er damals seine Pflicht getan hätte. Denn das heutige Urteil hat gezeigt, dass das Jugendamt versagt hat. Es GAB Hinweise und trotzdem ist Anna tot.
Aber was ist mit den Pflegeeltern. Wie kann ein Mensch so etwas tun? Ist die Neigung zur Gewalt und zum Mißbrauch angeboren, oder hat das gesellschaftliche Umfeld diese Menschen zu Kindesmördern gemacht? Sollte letzteres zutreffen, so wären wir alle schuldig am Tod von Anna. Wir sind die Gesellschaft, die es zuläßt, dass Menschen so etwas tun. Wir prägen durch unser Verhalten jene Welt, auf die andere reagieren müssen. Meist tun sie das nur im Rahmen ihrer eigenen Möglichkeiten und ihre Taten wechselwirken wiederum mit ihrem Umfeld. Hängt so nicht alles irgendwie zusammen? Wäre Anna nicht gestorben, was für ein Mensch wäre aus ihr geworden? Hatte sie je eine Chance?
Ist das Leben ungerecht? Oder sind wir alle dafür verantwortlich, es gerechter zu machen, jeden Tag aufs neue. Indem wir hinsehen, aufstehen, oder wahlweise durch sitzen blockieren, anpacken, aufschreien, anklagen, nachfragen, nicht locker lassen, uns interessieren und koste es unser letztes bißchen Kraft.
Ich denke heute viel an Anna. Ob es irgend etwas nützt, weiß ich nicht.
Für Anna
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Beitrag von zenturio - 24.11.11 - 20:06 Uhr
Beitrag von anneelmas - 24.11.11 - 22:31 Uhr
Ich habe das selbe Problem wegen meinem Sohn mit dem Jugendamt gehabt, zwar erlebt/e er psychische Gewalt aber der Vater kann sich auch sehr gut verkaufen. Nun ist nach monatelangem Nachfragen und informieren, einschalten des Stadtrates und der Jugendamtsleitung habe ich schon viel erreicht. Nun wurde zu Gunsten meines Sohnes ein Wechselmodell vereinbart in dem er von Montag nach der Schule bis Donnerstag nach den Hausaufgaben bei uns lebt. Die restliche Zeit verbringt er mit seinem Vater und im Hauptsacheverfahren wird ein Gutachten die letzte Entscheidung mitbestimmen.
Es kostet Kraft, Nerven, Gesundheit, wertvolle Zeit meiner Kinder aber das ist es wert!
Auf Gerechtigkeit und ein gesundes Leben hat jeder Mensch Anspruch !
Ich schließe mich dir an und denke an Anna auch wenn es nicht wirklich etwas nützt.
Ich appeliere an alle, gebt nicht auf das Gute besiegt immer irgendwann das Böse
Beitrag von badguy - 25.11.11 - 11:57 Uhr
Sicherlich prägt die Gesellschaft den Menschen, so wie jeder soziale Kontakt einen Menschen in gewisser Weise beeinflusst.
Ich denke, dass diese Frage
Aber was ist mit den Pflegeeltern. Wie kann ein Mensch so etwas tun? Ist die Neigung zur Gewalt und zum Mißbrauch angeboren, oder hat das gesellschaftliche Umfeld diese Menschen zu Kindesmördern gemacht?
vergleichbar schwer zu beantworten ist, ob Ego-Shooter Amokläufer produzieren.
Jeder Mensch ist ein Individium, individuell geprägt und auch mit einer eigenen Charakteranlage.
Ich persönlich bin der Meinung, dass die persönliche erfahrene Erziehung einen Menschen am meisten prägt, die Haltung der Erziehenden auch zur Gewährung einer eigenen Meinung des zu erziehenden Menschen selbst. Ein Mensch, der in seiner Erziehung selbst Gewalt als probates Mittel zur Konfliktlösung erfahren hat, wird sich eher Gewalt als Mittel zur Lösung von Konflikten bedienen, als ein Mensch, der über soziale Handlungsalternativen verfügt.
Ich selber habe bereits erziehungstechnische Missstände unserer früheren Nachbarn beim Jugendamt reklamiert. Kommentar: Diese Familie ist uns bekannt. Nur, passiert ist nichts.
Beitrag von zenturio - 25.11.11 - 20:06 Uhr
Es ist ja nicht automatisch so, dass Menschen, die in ihrer Kindheit mit Gewalt in der Erziehung aufwachsen mussten, diese später auch selber anwenden. Oftmals zeigen grade diese Menschen ein besonderes Bewußtsein für ein solches Fehlverhalten.
Zudem sind Menschen, die längere Zeit in Gebieten lebten, die von Krieg oder Armut geprägt sind, angeblich häufiger in Kriminalstatistiken wiederzufinden, wenn sie dann in einem Rechtsstaat Asyl suchen. Aber das sind doch auch längst nicht alle. Die meisten werden wohl nie mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Auch hier kann die Erziehung offenbar trotz der wiedrigen Umstände offenbar noch maßgeblich die Entwicklung eines Kindes beeinflussen.
Muss aber diese Erziehung vielleicht auch auf fruchtbaren Boden fallen? Gibt es eine Veranlagung zur Gewalt, bzw. das was Du Charakteranlage nennst? Gibt es vielleicht ein "Gewalt-Gen"?
Letzteres wäre fast zu bevorzugen, da man dann eines Tages auf eine medizinische Lösung hoffen könnte.
Wie aber durchbricht man die Spirale der Gewalt, die dadurch entsteht, dass Menschen mit agressiver Neigung - so wie Annas Pflegeeltern - ihre Prägung nicht auf die nächste Generation übertragen können?
Im Zusammenhang mit Annas Fall sprach kürzlich jemand davon, dass es Qualitätsstandards für Pflegefamilien geben solle. Aber wer soll die überwachen, wenn das Jugendamt schon bei den Hinweisen im vorliegenden Fall versagt hat?
Beitrag von badguy - 25.11.11 - 23:11 Uhr
Das ist die Frage, wie man den Menschen, die Gewalt in der Erziehung erfahren, Gewalt verkauft. Ich bin mit nicht unwesentlich Gewalt erzogen worden. Tenor meiner Eltern war immer, dass ich sie dazu gezwungen habe. Ich durch mein Wesen. Bullshit, ich kenne meine Eltern nicht anders als prügelnd.
Meine 1. Schwiegereltern haben Gewalt gebraucht, meine erste Frau hat auch ganz gern zugeschlagen und erst als meine jetzige Frau in mein Leben gekommen ist, da hat eine halbe Stunde gereicht, ruhig geduldig, bei einer Flasche Wein, um meine ganze bisherige Weltanschauung zusammen brechen zu lassen.
Ich glaube nicht an das Gewalt-Gen, ich glaube an Chancen und eben das Gegenteil. Ich sage immer, dass nur Verstehen hilft, das Verstehen, dass der Weg, den man beschreitet, der falsche Weg ist.
Pflegestandards bei Pflegefamilien? Zenturio, sehr sehr gute Freunde von mir sind Pflegeeltern mit Leib und Seele. Was die in den letzten 10 Jahren an Dreck gefressen haben, auch von Behörden, glaub mir 1/4 davon hätte bei mir gereicht um zu sagen "Leckt mich, macht was ihr wollt aber macht es ohne mich!" Jugendämter kenne ich gar nicht anders, als versagend.
Beitrag von falkster - 25.11.11 - 14:29 Uhr
Ich kann so etwas nicht verstehen, ich werde es auch nie verstehen. Eigentlich will ich es auch nicht verstehen...
Menschen die so etwas tun brauchen auch kein Verständnis. Es handelt sich um Abschaum, nichts weiter.
Ja ich reagiere da sehr emotional. Ich habe ein sehr grosses Gerechtigkeitsempfinden, aber die Kinder die da von ihren eigenen Eltern oder anderen Bezugspersonen umgebracht werden haben leider keine Lobby...
Gerade letzte Woche wurde hier in Charlottenburg ein Baby zuhause geboren und dann durch den Lebensgefährten der Mutter lebend durch das Fenster im 5. Stock geworfen...
Müssen wir versuchen solche Menschen zu verstehen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass sich diese Menschen selbst aus der Gesellschaft ausschliessen und wir sie auch einfach genau so behandeln sollten. Wer sich über das Recht anderer Menschen einer Gesellschaft anzugehören hinwegsetzt, hat meines Erachtens das Recht verwirkt selbst Teil dieser gesellschaft zu sein...
Ich finde es zum Kotzen, dass so etwas passieren kann und immer noch passiert.
Ich habe selbst eine kleine Tochter und solche Handlungen sind für mich unnachvollziehbar...
Beitrag von sternenschnee - 25.11.11 - 16:27 Uhr
Hallo,
für so etwas findet man keine richtigen Worte und ich kann so etwas überhaupt nicht verstehen.Ich will das auch gar nicht verstehen.Das mit dem Baby war die Mutter selber.
Beitrag von binnurich - 05.12.11 - 15:12 Uhr
ja, wir müssen solche Menschen verstehen - weißt du warum?
um Gefahren zu erkennen, bevor sie entstehen.
Was ist mit einem Menschen passiert, dass er ein kleines Wesen, was in jedem normal denkendem Menschen den Beschützerinstinkt erweckt eben nicht das schützenswerte sondern das Bedrohliche sieht? Wie schafft es eine Mutter ihr Kind zu töten? Mit welchen Ängsten ist eine Frau beladen ein Kind vielleicht allein zu Hause auf die Welt zu bringen und anstatt es zu säugen in den Müll zu werfen, in die Gefriehrtruhe zu legen......
überleg mal... es gibt Frauen, die bis kurz vor der Geburt nicht wahrhaben wollen, dass sie schwanger sind, deren Umfeld das teilweise ebensowenig bemerkt!
Beitrag von krypa - 25.11.11 - 16:50 Uhr
Hallo zenturio,
ich habe bisweilen auch vorsichtig an das Martyrium von Anna gedacht - es hat sich immer wieder etwas in mir gesträubt, mir alle diese Quälereien vorzustellen.
Was mir bei solchen Fällen auf den zweiten Blick Kopfzerbrechen macht, ist das Fehlen jeglicher Erwähnung des leiblichen Vaters. Wurde er überhaupt in die Problematik einbezogen? War er unwillig/unfähig, oder hat man ihn einfach wie in anderen mir bekannten Fällen 'übergangen'?
MfG krypa
Beitrag von zenturio - 25.11.11 - 19:35 Uhr
Hallo krypta,
das mit der Vorstellung dessen, was Anna erleiden musste, geht mir so ähnlich.
Unwillkürlich stellt man sich vor was da passiert, möchte am liebsten einschreiten und das Kind da raus holen, obwohl man genau weiß, dass es dafür längst zu spät ist. Das macht es dann so unerträglich, dass der Verstand (wohl aus Selbstschutz) auf Verdrängung schaltet.
Ich habe irgendwo etwas über den leiblichen Vater gelesen. Er sei wohl drogensüchtig gewesen und - so glaube ich mich zu erinnern - verstorben als Anna zwei Jahre alt war. Ungefähr zu dieser Zeit hat die Mutter das Kind dann auch aus der Hand gegeben. Es ist also nicht von einem absichtlichen Verschweigen des leiblichen Vaters in der Berichterstattung auszugehen.
Anders sieht es da für mich bei der Rolle des Jugendamtes aus. Die Informationen darüber sind schon relativ alt. Die Staatsanwaltschaft wollte ermitteln, aber aktuell liest man davon nichts mehr.
Beitrag von jack.sparrow - 25.11.11 - 22:48 Uhr
Mir tut die Kleine auch unendlich leid.
Ich habe kein Verständnis dafür, wie so etwas in einem der reichsten Länder der Welt passieren kann.
Ich bin selbst "Banker" aber ich habe kein Verständnis, wie für die Rettung der Banken hunderte Milliarden bereit gestellt werden und immer wieder Kinder zu Grunde gehen.
Beitrag von liki - 25.11.11 - 23:59 Uhr
Hallo Zenturio,
danke für Deinen ruhigen, nachdenklichen Beitrag (ich erwähne das "ruhig" explizit, weil das hier bei Urbia oft anders verläuft).
Immer, wenn ich an Anna denke (so wie auch an Jessica, das Mädchen, das in Hamburg vor Jahren verhungerte, oder an Carolina, Dennis oder an weitere Kinder, an deren Fälle ich mich noch nach Jahren erinnere), sträubt sich alles in mir und mein erster Impuls ist es, sofort an etwas anderes zu denken.
Das ist entsetzlich feige. Denn eigentlich müssen wir HINSCHAUEN. und zwar nicht in BILDzeitungsmanier und um uns Rachefantasien für die Täter auszumalen, sondern um uns genau die unbequemen Fragen zu stellen:
was für eine Gesellschaft sind wir, warum passiert das mitten unter uns, wo ist unser Anteil daran, was kann man ändern, um in Zukunft solche Dramen zu vermeiden? Kann man was ändern?
Es gibt einen sehr guten Dokumentarfilm "Die Kinder sind tot" - er handelt von der jungen Frau, die vor einigen Jahren in Ostdeutschland in einem Plattenbau mehrere Tage im Hochsommer bei ihrem neuen Freund verbrachte und ihre beiden kleinen Söhne alleine zuhause ließ, die verdursteten.
Der Film stellt sich dem Thema sehr unreißerisch und vor allen Dingen beeindruckend sind die Interviews mit den Nachbarn - eigentlich nur mit den Frauen. Die Männer sind nicht präsent, wollen auch nicht reden.
Werden auch meist zu niedrigeren Haftstrafen verurteilt, oder in den Medien kaum erwähnt, selbst wenn sie mit der TÄterin verheiratet waren.
Ich wünschte, ich wüsste, wo ich wie helfen könnte, um die nächste Nachricht dieser Art zu verhindern.
Sehr traurig,
liki
Beitrag von parzifal - 28.11.11 - 08:36 Uhr
"Werden auch meist zu niedrigeren Haftstrafen verurteilt"
Und was willst Du damit sagen? Dass sie bei gleicher Schuld weniger hart bestraft werden?
Oder das sie bei geringerer Schuld auch geringer bestraft wurden (was ja dann selbstverständlich wäre und keiner Erwähnung bedurfte)?
Was ist Dein Ziel?
parzifal
Beitrag von liki - 28.11.11 - 09:40 Uhr
Hallo,
mein Ziel ist, die Väter mehr zur Verantwortung zu ziehen - und auch gesellschaftlich in den Mittelpunkt zu rücken.
Häufig ist es so, dass die entsprechenden Väter zwar in der gleichen Wohnung leben, aber durch bloßes Behaupten, sie hätten von der Schwangerschaft nichts mitbekommen oder sie hätten von den Mißhandlungen nichts mitgekriegt, leichter davonkommen.
Die Gesellschaft fokussiert ihren Hass dann meist auf die Mütter, die - häufig von den Vätern misshandelt und alleingelassen - nun auch noch alleine als Täterin dastehen.
Oft werden die Väter gar nicht erwähnt. Auch, wenn irgendeinem Kind etwas passiert, ist im allgemeinen Sprachgebrauch erstmal die Rede von "wo war die Mutter?" "Was ist das für eine Mutter?" Dass dazu aber auch immer ein Vater gehört, bleibt oft unerwähnt.
In oben von mir erwähntem Dokumentarfilm z.b. wusste sowohl der Liebhaber der Mutter, dass diese 2 Kinder hat, fragte aber nicht nach, wo sie in den 2 Wochen sind.
Auch der Vater der Mutter wusste, dass sie eigentlich völlig überfordert ist, kümmerte sich aber überhaupt nicht um die Kinder.
Im Falle der Mutter des verhungerten Dennis (bekannt als "Die "Eismutter"") lebte der Vater sogar im gleichen Haushalt! Und ließ sich monatelang mit der Erklärung abspeisen, das Kind sei im Krankenhaus, während es tot in der Tiefkühltruhe lag. ?!Trotzdem ist es die in der Presse immer nur die "Eismutter" gewesen und nicht die "Eiseltern".
Darauf möchte ich hinaus.
Mein Ziel ist es, darauf aufmerksam zu machen, dass hinter einer Mutter, die zur Täterin wird, noch mehr Menschen stehen, die weggucken. Und die möchte ich gerne mit in den Fokus ziehen - auch die übrigen Familienmitglieder und Nachbarn. In der Hoffnung, dass ein Bewusstsein dafür erwacht, dass die Verantwortung weiter gestreut ist. Und ja, ich finde, ein Vater hat genauso große Verantwortung für das Kind wie die Mutter.
Allerdings, und da muss ich Dir Recht geben, habe ich keine juristischen Fallbeispiele, die ich jetzt nennen kann, anhand derer ist das Gleichmaß der Schuld nachweisen könnte. Das Problem ist, dass das oft sehr schwammig und schwer zu fassen ist.
In einer Dokumentation über Kindsmörderinnen sah ich neulich eine Frau, die setzte ihr Baby verzweifelt aus, weil ihr Mann ihr permanent gedroht hatte, sie umzubringen, wenn sie nochmal schwanger würde. Sie gebar das Kind verzweifelt alleine in der Nacht und irrte dann völlig fertig und verängstigt stundenlang mit ihrem Kind umher. Der Vater konnte in diesem Fall nicht zur Rechenschaft gezogen werden - denn wie willst Du Psychoterror und Morddrohung nachweisen? Die Mutter wurde zu einer Größenordnung von ca. 10 Jahren Haft verurteilt.
Der Vater hat behauptet, gar nicht mitbekommen zu haben, dass die Frau schwanger war oder gar im eigenen Badezimmer entbunden habe.
Liki
Beitrag von krypa - 28.11.11 - 10:31 Uhr
Hallo liki,
ich habe einen ganz anderen Eindruck als Du. Meist leben die wirklichen Väter nicht mit den Müttern in einem Haushalt. Außerdem haben sie fast immer gar keine elterliche Sorge.
Zudem neigen meinem Eindruck nach die Jugendämter bei problematischen Müttern dazu, erst gar nicht nach den Vätern zu fragen, ganz zu schweigen von einer evtl. Neigung, die Väter in eine evtl. Problembewältigung einzubeziehen.
Obendrein ist mein Eindruck, dass Kinder von problematischen Müttern eher zu Pflegeeltern kommen als dass erwogen/eruiert wird, ob die Väter willens und in der Lage sind, für ihre Kinder zu sorgen, siehe auch den Fall Görgülü.
Natürlich sollten auch Väter Verantwortung für ihre Kinder überrnehmen, nur ist es leider noch immer viel zu oft der Fall, dass sie dazu gar keine rechtliche Grundlage haben und auch viele Jugendämter noch dazu neigen, Väter, vor allem uneheliche, auszugrenzen und ihnen entsprechende Hilfen zu verweigern.
Mfg krypa
Beitrag von liki - 28.11.11 - 11:57 Uhr
Hallo Krypa.
ich glaube, beides stimmt.
Ich glaube, es handelt sich um unterschiedliche Fälle - da gibt es die von Dir beschriebenen Fälle, wo das Jugendamt die Kinder lieber bei der völlig überforderten Mutter belässt als auch nur auf die Idee zu kommen, den Vater mit ins Boot zu holen
und ich glaube, es gibt die Fälle, wo die Väter eben unmittelbar im Umfeld leben und sich einfach überhaupt nicht interessieren - oder wo die Väter zwar nicht in der gleichen Wohnung leben, aber auch überhaupt nicht willens sind, sich irgendwie Gedanken darüber zu machen, was aus ihren Kindern wird, obwohl sie vielleicht wissen, dass die Kindsmutter ein Alkohol/Drogenproblem hat und mit einem gewalttätigen Freund zusammenlebt - aber die Bequemlichkeit ist dann halt größer.
Ansonsten: ich gebe Dir absolut Recht, es gibt leider viel zu viele Fälle, wo die Väter keinerlei Rechte haben und ihnen die Hände gebunden sind. Das ist dann besonders tragisch, wenn hier was passiert.
Mfg, Liki
Beitrag von parzifal - 29.11.11 - 17:57 Uhr
Dein Ziel in Ehren. Zu behaupten oder zu unterstellen, dass das Strafrecht Väter schont ist Nonsens. Männer werden allenfalls härter aber nie schwächer als Frauen/Mütter für die gleiche Tat bestraft.
Versuch Dein Ziel anders zu erreichen.
parzifal
Beitrag von liki - 30.11.11 - 08:45 Uhr
ich weiß, was Du meinst und vielleich drücke ich mich schlecht aus.
Du hast Recht.
Wirft ein Mann ein Baby aus dem Fenster oder wirft eine Frau ein Baby aus dem Fenster werden sie gleicht bestraft, eher noch der Mann härter - da gebe ich Dir Recht.
Aber, wenn der Mann hinter der Frau steht und sagt, ich bringe Dich um, wenn Du mir dieses Balg nicht vom Hals schaffst und ich werde dieses Balg an einen Kinderhändlerring verschachern - dann kann er hinterher trotzdem sagen, er hätte nichts getan, nicht einmal gewusst, dass seine Frau schwanger ist - und die Frau ist die, die geworfen hat, gesellschaftlich geächtet und bestraft wird - einfach, weil sie in der schwächeren Position ist und weil Psychoterror nicht nachweisbar ist. Der geht aber in vielen solchen Fällen oft voraus und sehr oft von Männern.
Gerade in vielen Fällen von Kindsaussetzungen lebten die Mütter in einer gewaltbetonten, abhängigen Beziehung und in Angst und Schrecken vor dem Kindsvater (oder im Falle von minderjährigen Müttern in Angst und Schrecken vor den eigenen Eltern, die auch straffrei davonkommen)
PS: es gibt wunderbare Väter und es gibt grausame Mütter und umgekehrt- ich hoffe, ich komme nicht wie eine Männerhasserin rüber, bin ich nämlich nicht.
Liki
Beitrag von parzifal - 01.12.11 - 16:49 Uhr
Als Männerhasserin kamst du nicht rüber.
Ich hatte eher den Eindruck, dass Du denkst Männer/Väter würden bei Gericht besser behandelt.
Das hast du aber ja klargestellt.
Dein einwand ist allgemeiner Natur. Wann ist eine Tat nachgewiesen? Das ist ein Beweisproblem und hat nichts damit zu tun, wer Betroffener ist.
Wenn ein Täter behauptet etwas nicht gewußt zu haben ist das strafrechtlich relevant und man muss ihm das Gegenteil nachweisen.
Generell ist ein Vater Garant für sein Kind und verpflichtet Schaden abzuwenden. Wenn nicht kann er bei Unterlassen wie ein Täter bestraft werden.
Väter haben es also nicht einfacher vor Gericht, sondern ihnen ist wie jedem Täter sein Tatbeitrag nachzuweisen.
parzifal
P.S:
"werde den Balg los" und "aus dem Fenster werfen" sind aber trotzdem zwei verschiedene paar Schuhe. erst wenn mit letztrem die Tötung gemeint war liegt auch gegebenenfalls ein Tötungsdelikt vor (z.B. Anstiftung). Auch dies muss aber nachgewiesen werden.
Beitrag von lyra1 - 26.11.11 - 17:59 Uhr
Weisst du, weshalb ich an Anna denke? Weil ich schwanger bin. Mit einem Kind, auf das sich irgendwie niemand freut (ausser ich), ein Kind, das bestenfalls als "Ding" oder "Alien" bezeichnet wird, wenn der Vater darüber redet.
Ich weiss, das ich vermutlich irgendwann alleine dastehe und trotz der guten Beratung der Beratungsstellen heisst "Alleine" eben wirklich "Alleine".
Und vermutlich habe ich, wie jede andere Frau in meiner Situation, Selbstzweifel. Schaffe ich das? Kann ich dem Kind gerecht werden? Oder hat der Vater recht und eine Pflegefamilie oder Adoptiveltern können dem Kind viel mehr bieten als ich?
Es gibt immer mehr Annas, weil niemand mehr Verantwortung für sein eigenes Tun übernehmen will. Es ist immer unglaublich einfach, Schuld bei einer Behörde, bei einer Institution oder wo auch immer zu suchen, meiner Meinung liegt es einfach daran, dass unsere Gesellschaft einfach zu einer "Jetzt-und-Hier" Gesellschaft wird. Alles ist sofort verfügbar und wird weggeworfen, wenns dann doch net so toll ist.
Wir haben keine Werte mehr. Und soetwas trifft immer die schwächsten der Gesellschaft am härtesten. Die Kinder.
LG
Lyra
Beitrag von sternenschnee - 26.11.11 - 18:10 Uhr
sehe ich auch so.Dem Jugendamt die Schuld für das Fehlverhalten der Pflegemutter zu geben.Wo ist die leibliche Mutter?Sie hat dieses Kind bekommen,wo war sie?Hat sie ihr Kind nie besucht und gemerkt das etwas nicht stimmt?Hatte sie nie vor ihre Tochter zu sich zurück zu nehmen?Hier wird immer das Fehlverhalten der Jugendämter,Gerichte u.s.w gesucht.
Beitrag von leonie133 - 28.11.11 - 10:19 Uhr
Nun, die Mutter war Alkoholikerin und hat deswegen freiwillig Anna in Pflege gegeben. Sie ist inzwischen trocken. Die Pflegemutter hat leibliche Mutter und Anna bewusst voneinander entfremdet. Sie hat manipuliert, sie hat es geschafft, Behörden, Lehrer und Ärzte zu verarschen.
Soweit ich weiß, hat die leibliche Mutter etwas mitbekommen und versucht, Anna da raus zu holen. Aber das wurde nicht ernst genommen. Warum wohl...
Der Fall war hier in der Nähe. Ich habe teilweise nicht mehr lesen können, was alles raus kam im Nachhinein, so schrecklich war das.
Fakt ist, die Jugendämter haben hier absolut versagt. Es gab Hinweise, es gab immer wieder Vorfälle.
Aber die Pflegemutter ist, gelinde gesagt, ein Monster. Ich sage sowas sonst nicht, aber diese Frau ist ein Mensch, der es verdient hat, den Rest seines Lebens in Einzelhaft zu verbringen. Und zwar nur mit Wasser und altem Brot.
