Ein glücklicher Zufall hat mir eine kleine Kladde meiner vor 40 Jahren verstorbenen Großmutter väterlicher Seits in die Hände gespielt. Darin hat sie Gedichte und Gedanken verewigt, beginnend in der Silvesternacht 1946/47! Vertrieben aus Danzig!
Ich tu mich mit dem Lesen etwas schwer, da es handschriftlich und in altdeutscher Schrift verfasst ist. 
Eine Witwe, die viele Söhne (10) im Krieg verloren hat, der Ehemann an TBC gestorben schrieb:
"Nun geht das alte Jahr zu Ende, wir sind der Heimat doch so fern
und in Gedanken falten wir die Hände
wir wären, ach, daheim, daheim so gern.
Doch unsere Heimat wurde uns zerschlagen
genommen unser Haus und Herd
und in der Ferne müssen wir verzagen
sie wird uns niemals lieb und wert.
So gehen unsere Gedanken
weit übern Stacheldraht hinaus
und grüßen Euch
die an uns wohl denken
im Heimatland im stillen Haus.
Gedhus/Dänemark
Flüchtlingslager "

Mein Gott - wie bin ich aufgewühlt. Dazu habe ich noch eine kleine Kladde meines Vaters (gestorben 1999) erhalten, Tagebuchaufzeichnungen ab 28.09.49. Das ist echt Wahninn.
Ich bin so glücklich, dass ich diese Büchlein bekommen habe und ich könnte nur heulen, was ich da zu lesen bekomme.
Wahnsinn! Mit Tränen in den Augen!
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Beitrag von felis02 - 14.12.11 - 21:51 Uhr
Beitrag von felis02 - 14.12.11 - 21:54 Uhr
Sie schrieb dieses Gedicht in der Silvesternacht 46/47 auf - das ist der Beginn ihrer Aufzeichnungen. Ich werde mich nun versuchen, mich durch das ganze Büchlein zu lesen - da kommen Emotionen auf, das ist wirklich Wahnsinn.
Emotionale Grüße
Suse
Beitrag von toni-1234 - 14.12.11 - 23:16 Uhr
Ich wünsch Dir viel Spass beim lesen. Es ist unglaublich was man alles in so alten Büchern oder Briefen erfährt.
Wir haben auf dem Speicher Kartons gefunden, in denen Feldpost von den Urgroßeltern meines Mannes waren. Sind auch sehr schwer zu lesen, aber wenn man mal eine Weile schmökert, ist das alles seeeehr interessant.
Man erfährt viel was in den Kriegsjahren alles passierte, was man so sonst nie erfahren hätte.
Für uns sind das wertvolle Familienstücke.
LG toni
Beitrag von felis02 - 15.12.11 - 12:41 Uhr
Ja. Es ist toll und berührend und lässt sowohl die Großeltern als auch die Eltern und auch die Zeit damals in neuem Licht stehen. 
LG
Suse
Beitrag von jessy02 - 14.12.11 - 23:56 Uhr
Hallo!
Ich kann dich so gut verstehen, wie aufgewühlt du dieses kleine Büchlein gelesen hast oder gerade liest!
Ich arbeite bei einem schon recht alten Ehepaar im Haushalt und die alte Dame erzählte mir auch sehr viel aus ihrer Jugend im heutigen Polen. Sie selbst stammt aus einer recht wohlhabenden Bauernfamilie, die in einem kleinen Dorf ein paar Kilometer von Danzig entfernt gelebt haben. Sie hatten sehr viel Vieh: 12 Pferde, einen ganzen Stall voll Kühe, Schweine, Hühner, 3 große Hunde usw usw.
Sie haben in ihrem Dorf fast den ganzen Krieg über nicht viel davon mitbekommen, dass überhaupt gekämpft wurde, doch im April 1945 kamen deutsche Soldaten auf den Hof und die Familie musste innerhalb von nur 10 Minuten (!!!) das Nötigste packen und den Hof für immer verlassen! Damals war die alte Dame ein junges Mädel von 12 Jahren...
Sie kamen auch in ein Flüchtlingslager nach Dänemark, erst in eines, worin sie sich frei bewegen konnten, doch dann in ein zweites, wo sie hinter Stacheldraht eingesperrt saßen!
Dort wurde dann der Familienvater ganz schwer magenkrank und verstarb schließlich in dem Flüchtlingslager, er hat nie verkraftet, auf seinen Hof wohl nie mehr zurückkehren zu können.
All das hat seine Frau in einem kleinen Büchlein aufgeschrieben und ihre Tochter hat dieses Büchlein heute noch. Sie hat mir, seit ich dort bei der jetzt alten Dame und ihrem Mann arbeite, schon so oft daraus vorgelesen und mir gingen die Aufzeichnungen ihrer Mutter durch und durch... Oft, sehr oft, habe ich, genauso wie du, mit Tränen in den Augen bei den alten Leuten auf dem Sofa gesessen....
Es war eine ganz bescheidene Zeit damals.....
Nachdenkliche Grüße,
jessy
Beitrag von felis02 - 15.12.11 - 12:46 Uhr
Was mich so tief berührt. Meine Oma war eine sehr resolute Person. Stell sie dir mit rotbraunem Haar (bis ins hohe Alter) zu einem Dutt gebunden vor, dunkle Haut, die ich sehr mit Furchen durchwebt in Erinnerung habe und immer ein freches Schmunzeln auf den Lippen. Ständig saß sie, ihre Stirn reibend, vor einem Kreuzworträtsel und hielt sich so geistig fit.
Sie kam mir immer stark vor, so ich mich erinnere und was von ihr erzählt wurde. Niemals hätte ich ihr so poetische Zeilen und Gedanken zugetraut und von ihrer großen Sehnsucht nach ihrer Heimat wusste ich auch nichts - ich glaube, niemand wusste davon.
Ich lerne sie gerade kennen und stehe völlig in ihrem Zauber.
Beitrag von flori571 - 15.12.11 - 06:37 Uhr
Hallo,
ich kenne das auch, meine Oma (geb. 1928 in Ostpreusen, jetzt Russl.) musste auch flüchten und mein Opa kommt aus Dresden (geb. 1927) beide sind geflüchtet, jedoch hat es mein Opa nicht ganz so weit in seine Heimat er konnte ab und an mal hin, meine Oma jedoch nie wieder und Ihr letzter Wunsch ist eigentlich nur noch einmal Ihre Heimat zu sehen ein bisschen Erde mit zu nehmen von dort, leider ist es sehr schlecht dort hin zu kommen da es ja im Russichen Teil liegt. Aber was sie auch in der Kriegszeit für Elend und Hungersnöte erleben mussten ist schon echt hart, mein Opa hat z.B. Tausende Tote in Dresden gesehen, alle auf einen Haufen geschlichtet, sein Bruder musste auch mit sterben, seine Freundin starb an einer Ansteckenden Krankheit wo es damals noch kein Impfstoff gab, er musste so viel trauriges erleben und auch meine Oma sie wird leider nie mehr Ihre Heimat sehen. Ich wäre gern noch mal mit Ihr dort hin aber meine Mutter und Ihre geschwister sind dagegen, weil sie denken sie bekommt dann vor lauter Aufregung gleich einen Herzinfarkt ( Oma hats mit dem Herz) und wollen dann nicht daran schuld sein.
LG
Beitrag von felis02 - 15.12.11 - 12:49 Uhr
Das ist traurig, was du da erzählst. 


Auch meine Oma hat ihre Heimat nie wieder gesehen und auch mein Vater nicht, der, wie ich aus seinen Aufzeichungen erfahren konnte, auch sehr sehr große Sehnsucht nach "Zuhause" gehabt hat.
Man kann sich das kaum vorstellen, wie das ist, wenn man plötzlich alles stehen und liegen lassen muss und dann nie wieder dorthin, wo sein Zuhause gewesen ist, zurück kann.
Beitrag von rabenschnabel - 17.12.11 - 10:20 Uhr
"und wollen dann nicht daran Schuld sein" Warum Schuld? Für Deine Oma wäre es wahrscheinlich ein "wunderschöner" Tod. Stelle ich mir irgendwie erfüllend vor...
Wagt es, macht ihr den Gefallen, und wenn es ihr letzter ist...
