Mein großes Mädchen,
am 20.7.2003 solltest du als keines zartes Wesen das Licht der Welt erblicken, soweit der Plan und die Prognosen von Ärztin und Hebamme – „ Die Kleine wird maximal 3200 g wiegen, eher weniger…“
Ich hatte in der Schwangerschaft sehr häufig starke Kreuzbeinschmerzen und so auch am 7.7.2003, dem Tag vor deiner Geburt. Da dein Papa gerade seine Praxis renovierte war ich sehr traurig, dass ich ihm nicht helfen konnte. Zu den Kreuzbeinschmerzen kamen noch starke Vorwehen durch meine kläglichen Versuche ihn bei der Renovierung zu unterstützen… Ich habe mich also zu Hause ausgeruht und deinen Papa mit Nahrung und Getränken versorgt.
Am nächsten Morgen, den 8.7.2003, wurde ich um 6.00 von einem leichten Ziehen im Unterbauch geweckt und ich wusste sofort, dass dies „echte“ Wehen sind. Sie fühlten sich ganz anders an als alles andere was ich zuvor erfahren habe. Nachdem ich noch ein wenig zwischen den Wehen döste, diese aber nicht weniger und auch nicht mehr wurden, bin ich aufgestanden um den obligatorischen Wehentest in der Badewanne zu machen. Ich muss ganz ehrlich gestehen dass ich Sorge hatte, dass die Wehen verschwinden würden. Das taten sie zwar nicht, aber sie wurden weniger – zumindest solange ich in der Wanne war. Nachdem ich mich wieder raus gehievt habe kamen sie jedoch mit vorheriger Intensität zurück – juhuuu! Also habe ich deinen Papa und deine Tante – wir wohnten damals im selben Haus zusammen mit meinen Eltern – informiert, dass es los geht.
Da ich im anthroposophischen Krankenhaus Herdecke entbinden wollte (alternativ im Geburtshaus in der Nähe) habe ich meine Nachsorgehebamme zwecks Statuserhebung angerufen. Der uns bereits gut bekannte Fahrtweg zur Klinik betrug nämlich 45 Minuten.
(Nebenbei: bei unserem Geburtsvorbereitungskurs in Herdecke haben wir folgende Anekdote erzählt bekommen: Frau XY, 8. Schwangerschaft, wohnte seit kurzem in Berlin. Zur spontanen Geburt ihres Kindes setzte sie sich in den Zug, erreichte das Krankenhaus in Herdecke, bezog ihr Zimmer, ruhte sich noch ein wenig von der anstrengenden Fahrt aus und kam dann in der Kreissaal um ihr Kind zu bekommen. Eine Geschichte, wahr oder nicht, die mich unheimlich beeindruckt hat!)
Meine Hebamme hat also folgenden Befund erhoben:
MM 2 cm, dünnsaumig, Kopf schwer abschiebbar, FB steht, Wehen alle 6 Minuten, mit guter Stärke. Deine Herztöne waren regelmäßig bei 136. Sie versicherte uns, dass wir uns ruhig auf den Weg machen können und uns nicht sorgen brauchen, dass du im Auto auf die Welt kommst. Zum Glück war es der heiße und trockene Sommer 2003, die Straßenverhältnisse optimal und unser Weg durchs Ruhrgebiet voll mit alternativen Krankenhäusern.
Ich war so gelassen, dass ich noch in Ruhe ein leckeres Brötchen mit Nutella gegessen habe, während dein Papa und deine Tante wesentlich unruhiger waren und es nicht erwarten konnten, dass ich endlich fertig werde und es los gehen kann – die Kliniktasche stand schon seit 6 Wochen fertig gepackt bereit 
Deine Tante wollte uns später in einem separaten Auto folgen, denn sie sollte unbedingt bei der Geburt dabei sein – musste jedoch vorher ihren Sohn zur Schwiegermutter bringen.
Auf dem Weg ins Krankenhaus haben wir noch schnell die wichtigsten Personen per sms informiert und ich habe fleißig die regelmäßigen Wehen veratmet. An schmerzende Bodenwellen kann ich mich nicht mehr erinnern, nur noch an meine Vorfreude dich endlich in den Armen zu halten, mein kleiner Schatz.
Auf der Autobahn wurden wir tatsächlich am Ende einer Baustelle geblitzt und uns sehr darüber amüsiert wie typisch diese Situation doch ist – nervöser, werdender Vater am Steuer missachtet die Geschwindigkeitsbegrenzung… (Das später eintreffende Knöllchen – 10 km/h zu schnell – haben wir mit der Geburtsurkunde und der Erklärung, dass sich dein Papa an dem vorfahrenden Fahrzeug orientiert hat beantwortet und siehe da, keine weitere Zahlungsaufforderung
)
Um 12.30 in Herdecke angekommen haben wir uns ein Plätzchen auf dem Kurzzeitparkplatz gesucht und sind zum Kreissaal gestiefelt. Dort wurde ich erst einmal in einem Untersuchungsraum geparkt und es wurde fleißig CTG geschrieben. Natürlich waren die Wehen nun nur noch unregelmäßig und leicht
…. Sehr glücklich war ich darüber, dass ich noch einmal anständig auf Toilette konnte, somit war der obligatorische Einlauf für mich kein Thema mehr. 
Um 14.10 war die erste VU: trotz leichter Wehen war ein weiterer cm geschafft… super, MM-Saum aber weiterhin dickwulstig! Mir wurde ein Buscopanzäpfchen u/o Baden angeboten – aber ich wollte nur liegen und ein wenig vor mich hin prusten…
So durften wir um 14.30 unser Familienzimmer beziehen – zum Glück war noch eins frei. Kaum waren wir auf dem Zimmer kam auch deine Tante dazu und während ich mich immer wieder auf meine Wehen konzentrierte und mich bemühte diese angemessen willkommen zu heißen, hatten die beiden Begleitpersonen Spaß miteinander – in den Wehenpausen und bis zu einem gewissen Punkt eine angenehme Ablenkung.
Als dieser Punkt erreicht war – 16.30 – habe ich jegliche Witze verboten und wollte in den Kreissaal. Der Weg dahin war die Hölle und dauerte gefühlte Stunden
. Ich kann bis heute nicht verstehen, wie manche Frauen stundenlang spazieren gehen können, bzw. warum ich das nicht konnte – alle aufrechten Positionen machten mir die Wehen unerträglich.
Bei der Kreissaalbegehung in der 24. SSW war ich begeistert von der waldorftypischen, harmonischen Einrichtung – an diesem Tag war mir das so was von egal… und wenn die Wände gekachelt gewesen wären… es gab ein riesiges Entbindungsbett, eine riesige Badewanne und gedämpftes Tageslicht… herrlich!
Also erst einmal wieder ans CTG: Wehen alle 4 Minuten und deine Herztöne waren weiterhin super. Schnell war klar, dass ich in die Wanne möchte und dort bemühte ich weiterhin die Wehen freundlich zu begrüßen – wobei es mir immer schwerer fiel, sie taten halt einfach weh.
Die Hebamme kam rein um zu fragen ob ich Hunger habe und hat mir das Tablett mit dem Abendbrot auf die Fensterbank gestellt.
„Essen, während ich meine Tochter auf die Welt bringe? Wie kann man da nur an essen denken?“ Dazu war ich definitiv nicht in der Lage, viel zu aufgeregt. Bin ohnehin ein Mensch der in ereignisreichen oder stressigen Zeiten nicht essen kann, also warum gerade jetzt?
Gegen 18.00 hat mich die Hebamme aufgeklärt, dass ich eine PDA haben könnte, ich wollte aber (noch) keine… 20 Minuten später habe ich meine Meinung grundlegend geändert
: ich wollte die PDA, bekam aber erst einmal ein homöopathisches Mittel und war (vorerst) versöhnt. VU: MM 4 cm. Hätte die Hebamme mir dabei nicht den MM ausgestrichen und damit 2 cm Durchmesser mehr geschaffen, wäre ich vielleicht weiterhin so zurecht gekommen, aber diese Schmerzen haben mir den Rest gegeben und ich wollte sofort eine PDA
! Also raus aus der Wanne und die erneute VU ergab MM 7 cm und deutlich weicher…Um 18.50 und eh ich mich versah stand der Anästhesist mit seinem Assistenten im Kreissaal.
Dazu dein Papa, deine Tante (dezent im Hintergrund), die Hebamme, eine Praktikantin und noch die Frauenärztin – volles Haus, also. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass es mir so vollkommen egal sein könnte vor so vielen Menschen nackt zu sein
… Nach der Wanne habe ich mich auch nicht mehr angezogen, nur noch das Nötigste mit einem Laken bedeckt – keine Ahnung warum, war halt so…
Das Legen der PDA verlief bestens und obwohl ich noch voll mobil war, war ich rasch (19.30 Uhr) schmerzfrei – fand ich super. In der folgenden Zeit habe ich die Wehen auf dem CTG beobachtet die nun alle 2 Minuten kamen und sie mit denen verglichen, die noch gut aushaltbar gewesen waren – war ich froh diese nun nicht spüren zu müssen 
Punkt 20.16 platze die Fruchtblase und zum Glück war die Flüssigkeit klar. Direkt danach konnte ich wieder leichte Schmerzen spüren, obwohl das CTG unverändert war - es fehlte halt das Wasserpolster zwischen dir und mir. VU: MM bis auf weichen, schmalen Saum vorne vollständig, Kopf knapp Beckenmitte, kleine Fontanelle vorne links. Meine Position: aufrechte Rückenlage – die für mich angenehmste! 
Somit durfte ich unter Anleitung pressen. Leider hatte ich keinen eigenen Pressdrang, kein Druckgefühl, nichts
! Die folgende VU ergab dass die Pressversuche leider ohne Erfolg waren! Dein Kopf war nicht tiefer gerutscht. 
Dann habe ich mal nachgefragt, wie lange es noch dauern könnte. Diese Ungewissheit wann du, mein kleines Mädchen, und unter welchen Umständen du das Licht der Welt erblicken würdest sowie die Endgültigkeit dass es aus dieser Situation kein entkommen mehr gibt, haben mich ziemlich beschäftigt. Die unbefriedigende Antwort der Hebamme: „Auf jeden Fall noch heute.“ Meine Gegenfrage: „Wäre es nicht schön wenn die Kleine noch in ihrer Schicht kommt, damit sie das Ergebnis Ihrer Arbeit sehen können?“ Ihre Antwort: „Mir wäre es lieber wenn nicht. Sonst muss ich wegen der Dokumentation Überstunden machen!“ Ich war sprachlos, ich war tatsächlich so naiv zu glauben, dass mir so etwas in einem anthroposophischen Krankenhaus nicht passieren würde.
Auch wenn sie noch so gerne nach Hause wollte, so was kann man doch nicht sagen… Also beschloss ich: „Bei der entbinde ich nicht!“ Die Praktikantin – es war ihre erste Geburt – ist übrigens bis zum Schluss geblieben „Daumen hoch“
!
Schichtwechsel um 21.00 und die nächste und sehr liebe Hebamme hat bei der VU ein wenig mit Uterustonikum nachgeholfen – leider waren meine Wehen seit der PDA zu kurz und deswegen sehr ineffizient. Ergo „durfte“ ich turnen, Vierfüßler, kniend am Seil,… damit die Schwerkraft dir hilft tiefer zu kommen. Auf Bewegung jeglicher Art hatte ich überhaupt keine Lust – wie dumm von mir – und Pressdrang hatte ich weiterhin keinen. Um 21.45 war dein Kopf aber schon am Beckenboden angekommen. Du warst halt schon damals eine gemütliche
. Das gilt für mich natürlich gleichermaßen: hätte ich mich mehr bewegt wären wir bestimmt schon lange fertig gewesen… hach ja…
Um 22.10 hat die Ärtztin beschossen dass wir medikamentöse Unterstützung verdient haben
. Also gab es ein wenig Oxytocin zur Wehenförderung. Mit Erfolg, denn unter den folgenden Pressversuchen wurde dein Köpfchen sichtbar und blieb es auch. Ich durfte dich anfassen und war überrascht wie weich und glatt dein Kopf war
. Das Pressen ohne Drang fiel mir weiterhin schwer und dazu kam das Gefühl dass in mir in der rechten Leistengegend etwas abreißt… sehr fieses Gefühl.
Somit musste meine eigene Leistung von der Ärztin unterstützt werden. Sie drückte fleißig und mit ganzem Körpereinsatz auf meinem Bauch liegend mit. Plötzlich, um 22.28 Uhr, nach einem kurzen heißen Schmerz war dein Köpfchen und mit einem weiteren deine Schultern geboren. Dieses Gefühl der kurzen aber maximalen Dehnung werde ich mein Lebtag nicht vergessen! Die Hebamme sagte: „Ein lebensfrisches Mädchen!“. 

Eigentlich wollte ich dich selbst hochnehmen, da ich es aber nicht schaffte mich aufzurichten, hat die Hebamme dich auf meinen Bauch gelegt – deine Nabelschnur war zu kurz um dich auf meine Brust zu legen. Ich hatte Sorge dich anzufassen. Deine Augen waren geschlossen und du hast ganz leise gemeckert. Obwohl ich sonst beim kleinsten Anlass weine, habe ich keine einzige Träne vergossen. Ich war so erfüllt von Liebe zu dir, mein Mädchen, da war kein Platz für Tränen.
Nachdem die Nabelschnur auspulsiert war durfte dein stolzer Papa sie durchschneiden. Noch ein wenig kuscheln und dann wurdest du direkt neben mir untersucht:
Gewicht 3930 g
Länge 54 cm
KU 35 cm … von wegen klein und zart! Du warst ein ganz schöner Brummer!
Während du wieder auf meiner Brust lagst – die Nachgeburt kam vollständig nach 15 Minuten mit einer einzigen Wehe – durfte ich dich erstmalig um 23.00 anlegen. Dabei wurde der kleine Labien- und Scheidenriss genäht – davon habe ich gar nichts gemerkt. Als das dann erledigt war standen auch schon meine Eltern vor der Kreissaaltür und durften rein kommen, dich zu begrüßen. Deine Oma fand dich wunderschön und dein Opa war sehr stolz auf uns. Sie verabschiedeten sich schnell wieder und nahmen auch deine Tante mit, die sich die ganze Zeit dezent beobachtend am Rande des Raumes aufgehalten hatte.
Nun überkam mich der große Hunger und ich war überglücklich als deine Tante noch schnell eine riesige Toblerone aus ihrer Tasche zauberte… hm, die beste aller Zeiten!
Dein Papa hat mich während deiner Geburt rührend mit Wasser und einem kühlen Waschlappen versorgt. Aber ganz ehrlich: seine Anwesenheit war mir zwar sehr wichtig, seine Hilfe hätte ich jedoch nicht gebraucht. Die Nummer mit dem Waschlappen habe ich toleriert damit er sich nicht ganz so überflüssig fühlt. Schade, aber was sollte ich machen – ich gehöre wohl zu den Frauen, die so etwas lieber alleine hinbekommen…
Wir durften noch ein wenig die Zeit miteinander genießen, dich in deiner natürlichen Perfektion bewundern und mit dir kuscheln. Um 0.10 bist du dann endlich zu deinem Papa auf dem Arm und ich zur Toilette und in die Geburtswanne zum Abduschen – fühlte mich zwar wie ein Fass ohne Boden, war aber ansonsten fit wie ein Turnschuh und endlich wieder sauber
. Um 0.40 ging es dann mit Bett aufs Zimmer.
Der anschließende Versuch dich für kurze Zeit in dein eigenes Bettchen zu legen ging nach hinten los – kaum hattest du keinen Körperkontakt mehr wurdest du wach und hast jämmerlich geweint. Also hast du deine erste Nacht abwechselnd auf meiner und der Brust deines Vaters verbracht – wie auch die folgenden Tage und Wochen. Du warst nicht überzeugt von deiner Anwesenheit in dieser weiten Welt ohne die Enge, die du doch so gut kanntest. Nach kurzen Anpassungsstörungen und nachdem das Stillen perfekt klappte haben wir am dritten Tag Herdecke verlassen und sind nach Hause gefahren.
In der ersten Zeit konnte ich mir nicht vorstellen, dass man mehr als ein Kind lieben kann. Ich war so voll mit dir, da war einfach kein Platz! Mein Herz lief über und der Spitzname „sitting hen“ ließ nicht lange auf sich warten… Mittlerweile weiß ich, dass man Liebe nicht teilen muss, sondern dass sie unendlich ist.
Deine Mama
p.s. Die Uhrzeiten und Daten weiß ich durch den Geburtsbericht aus dem Krankenhaus. An den genauen Schmerzcharakter kann ich mich nach 8 Jahren kaum noch erinnern. Aber auch direkt nach der Geburt habe ich diesen nie als unerträglich geschildert – heftig ja, aber an dem Punkt wo ich nicht mehr konnte gab es die PDA.
Zugenommen habe ich – bei einer Größe von 169 cm – ca. 15 kg, Ausgangsgewicht 59 kg. Dein Opa hat sich jedes Mal erschrocken wenn er mich gesehen hat, er fand mich ganz schön dick. Die Hebammen hingegen fanden mich schlank… Ich fand es schlicht unglaublich, wie ein Bauch so groß werden kann und wie das alles wieder weg gehen soll. Fünf Tage nach deiner Geburt bin ich mit dir zu meinen Großeltern gefahren – der leicht demente Uropa hat mich doch tatsächlich gefragt ob ich schon wieder schwanger wäre
„Nein Opa, das sind noch die Überbleibsel, das geht noch weg…“
Die Geburt meiner ersten Tochter - auch wenn es schon lange her ist
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Beitrag von ladydi81 - 19.01.12 - 15:41 Uhr
Beitrag von sabinekathrin - 19.01.12 - 16:42 Uhr
Sehr feinfühlig geschriebener Bericht. Meine Tochter kam im August 2003 zur Welt, nun bekommen wir einen Sohn. Ja tatsächlich, die Liebe ist unendlich.
Lieben Gruss
sabinekathrin
Beitrag von ladydi81 - 20.01.12 - 07:50 Uhr
Hallo,
vielen Dank! Wie lustig, meine zweite Tochter kommt in ca. 27 Tagen... ich wünsche dir alles Gute für die Geburt und die erste Zeit miteinander!
Lieben Gruß
Diana
Beitrag von skorpion82 - 20.01.12 - 12:12 Uhr
Das war wirklich ein schöner Bericht. :)
Ich konnte die Liebe richtig fühlen beim Lesen.
