Schnelles Erkennnen wichtig

Hüftdysplasie bei Babys

Kaum ist der neue Erdenbürger da, muss er schon „Bein zeigen“: Beim ersten Hüft-Ultraschall, der bei der U2 gemacht werden soll und bei einem weiteren bei der U3. Der frühe Blick auf Babys Hüfte ist nötig, denn die Hüftdysplasie ist die häufigste Fehlbildung im Säuglingsalter.

Autor: Gabriele Möller
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Wie wird die Dysplasie erkannt?

Hüftdysplasie Baby Ultraschall Untersuchung
Ultraschalluntersuchung der Hüfte bei einem Neugeborenen
Foto: © iStockphoto.com/ Tamiro

"Es war schon ein Schock für uns, als die Hebamme direkt nach der Geburt meiner Tochter Marie* gesagt hat, sie könnte eine Hüftgelenksdysplasie haben“, erzählt Marion Mantschuk. „Ihr war aufgefallen, dass die Po-Falten in der Bauchlage bei unserem Baby nicht symmetrisch waren.“ Dies ist ein häufiger erster Hinweis auf eine mögliche Fehlbildung der Hüfte. Schon wenige Tage später bei der U2 machte dann die Kinderärztin einen Ultraschall und bestätigte den Verdacht der Hebamme. „Wir wurden gleich am selben Tag weiter zum Orthopäden geschickt“, erzählt Marion. Was aber genau ist bei einer Dysplasie eigentlich falsch geformt an Babys Hüfte?

Die Hüfte ist von „tragender“ Bedeutung

Das Hüftgelenk muss, da es später zum Laufen dient, sehr beweglich und belastbar sein. Dies leistet am besten ein Kugelgelenk: Der Gelenkkopf am oberen Ende des Oberschenkelknochens liegt in der Gelenkpfanne der Hüfte – in ihr gleitet er in die verschiedenen Richtungen. Die Ränder der Gelenkpfanne müssen aber einen großen Teil des Gelenkkopfs einschließen, damit er nicht aus der Pfanne rutschen kann. An dieser Stelle besteht bei der Dysplasie das Problem: Die Gelenkpfanne ist zu steil. „Sie kann zum einen durch ihre Steilheit den Gelenkkopf nicht halten, und der Kopf wandert heraus, wir sagen: er luxiert. Zum anderen entwickelt sich die Pfanne nur dann in ihre physiologische (natürliche) Form, wenn sie den entsprechenden Druck durch den Hüftkopf erhält, also wenn der Kopf sich in der Pfanne befindet“, erläutert Dr. med. Silvia Schröder, Kinderorthopädin am Universitätsklinikum Aachen.

Das Wort Dysplasie stammt aus dem Griechischen und bedeutet Fehlbildung. Die Hüftgelenksfehlbildung kommt bei zwei bis vier von 100 Säuglingen vor. Seltener als die Dysplasie ist die Ausrenkung des Hüftkopfes aus der Pfanne. Bei der teilweisen Verrenkung, der Subluxation, sitzt der Hüftkopf bereits nicht mehr in der Mitte der Hüftpfanne, sondern ist leicht dezentriert. Bei der Luxation ist er vollständig (meist nach oben hin) herausgerutscht.

Hueftdysplasie Schema
Formen der Fehlstellungen von Hüftkopf zu Hüftpfanne: A: Normal. B: Dysplasie. C: Subluxation. D: Luxation
Foto: © wikicommons/ Londenp auf nl.wikipedia

Die Hüfte wird routinemäßig untersucht

Die Fehlbildung der Hüfte wird sehr zuverlässig bei den beiden Ultraschalluntersuchungen erkannt, die die U2 (zwischen dem 3. und 10. Lebenstag) und U3 (4. bis 6. Woche) begleiten. „Damit unsere Tochter beim Ultraschall still hielt, wurde sie in eine Art enge, offene Schaumstoffröhre geklemmt. Es war belastend, all dies bei einem noch so kleinen Säugling zu sehen“, erzählt Marion Mantschuk. „Denn man hofft natürlich, dass alles mit dem Kind in Ordnung ist, und wenn es dann kurz nach der Geburt schon ein gesundheitliches Problem gibt, ist das erst einmal schwer zu verdauen.“

„In der Regel beginnt etwa im Alter von sechs Monaten der knöcherne Anteil des Hüftkopfes so groß zu werden, dass dieser von den Ultraschallwellen nicht mehr ausreichend durchdrungen werden kann. Dann kann der Unterrand der knöchernen Pfanne nicht mehr dargestellt werden. Bei manchen Kindern ist dies aber auch erst mit zwölf Monaten der Fall. Ist die Verknöcherung des Gelenks schon recht weit fortgeschritten, ist die Röntgendiagnostik die bessere Untersuchungsmethode“, erklärt Dr. Schröder im urbia-Gespräch.

Die zuverlässige Diagnose der Hüftfehlbildung und ihres Ausmaßes hat auch etwas mit Geometrie zu tun, denn hier spielen zwei Winkel eine große Rolle: „Das Hüftgelenk besteht aus knöchernen, knorpeligen und bindegewebigen Anteilen. Der Alpha- und Beta-Winkel erlauben, die knorpelige und knöcherne Gelenkpfannenstruktur auszumessen. Die Winkel ermöglichen dann eine Gradeinteilung der Hüftgelenkdysplasie oder der eventuell bereits eingetretenen Hüftluxation“, erläutert die Fachärztin. Bei der Feststellung des Grades der Dysplasie und der Wahl der richtigen Therapie hilft eine Winkeltabelle, die der österreichische Arzt Prof. Dr. Reinhard Graf entwickelt hat.

Mädchen sind häufiger betroffen

Marions kleine Tochter Marie ist kein ungewöhnlicher Fall: Denn angeborene Fehlbildungen der Hüfte treten bei Mädchen etwa sechs Mal häufiger auf als bei Jungen. In 40 Prozent der Fälle sind beide Hüftgelenke betroffen. Ist nur eines fehlgebildet, ist es öfter das linke. Eine Fehlbildung des Hüftgelenks hat unbehandelt schlimme Folgen: So kann aus einer Dysplasie eine Luxation werden, das heißt, der Hüftkopf kann irgendwann ganz aus seiner Pfanne heraus gleiten. Doch auch, wenn dies nicht passiert, führt die unbehandelte Fehlbildung zu weiteren Verformungen und zum vorzeitigen Verschleiß des Hüftgelenks. Bereits bei noch recht jungen Erwachsenen kann es dann zur Arthrose und anderen Hüftleiden kommen. Wird die Dysplasie aber frühzeitig behandelt, heilt sie in etwa 90 Prozent der Fälle ohne Operation aus.

Wie wird die Hüfte behandelt?

Für die Behandlung gilt: Sie sollte bereits in den ersten Lebenstagen und -wochen beginnen. Denn jetzt ist das Gelenk noch weich und besteht überwiegend aus Knorpel. „Bei der am häufigsten diagnostizierten Dysplasie besteht zwar eine zu steile Pfanne, aber ein noch zentriert stehender Hüftkopf. In diesen Fällen wird die Behandlung mit zum Beispiel einer Spreizhose oder einer Hüftbeugeschiene vorgenommen, um die Hüftpfanne zur Ausreifung zu bringen“, erklärt Dr. Schröder.

Die Drei häufigsten Therapien:
(benannt nach Herkunft oder Name ihrer ärztlichen Erfinder)

Tübinger Schiene: Mit ihr werden Babys Hüftgelenke in einem Winkel von über 90 Grad gebeugt und leicht gespreizt. Das Baby befindet sich darin in der sog. Hocksitz-Stellung, die für die Nachreifung der Hüfte am besten geeignet ist. Die Schiene besteht aus zwei Oberschenkelschalen, in die die Beinchen eingehängt werden und die mit einem Steg miteinander verbunden sind. Die Beinschalen werden über zwei Perlenschnüre mit den Schultern des Kindes verbunden. Über die Länge der Perlschnüre wird die Hüftbeugung korrekt eingestellt. Die Schiene erlaubt (eingeschränkte) Strampelbewegungen.

Pavlik-Bandage: Die Pavlik-Bandage dient nicht nur zur Nachreifung der Hüfte, sondern auch dazu, den Hüftkopf in der Pfanne zu zentrieren. Sie ist also eine etwas stärkere Therapie als die Tübinger Schiene. Sie besteht aus einem Brustgurt und zwei Unterschenkelgurten mit Fersenhalterung. Die Beine des Kindes werden in eine Beugung von über 90 Grad gezogen. Auch hier entsteht eine Hocksitz-Haltung. Das Baby kann auch mit dieser Bandage etwas strampeln.

Fettweis-Gips: Dieser „Sitzhock-Gips“ wird sowohl zur Nachreifung als auch nach einer (nur selten nötigen) Hüftoperation eingesetzt. Das Besondere an dem Gips ist, dass das Gelenk relativ starr fixiert wird. Daher wird er bevorzugt für instabile Gelenke eingesetzt. Der Gips kann von den Eltern nicht ausgezogen werden, das Strampeln des Babys ist nicht möglich.

Auch bei der kleinen Marie kam neun Wochen lang eine Schiene zum Einsatz: „Sie bekam die sogenannte Tübinger Hüftschiene (s. Kasten links), die mit einem kleinen Perlenband verstellbar ist und sozusagen mitwächst“, erzählt Marion. „Diese Zeit war nicht einfach. Zum einen hatten wir natürlich Angst, dass die Schiene als Behandlung vielleicht nicht ausreichen würde. Zum anderen waren auch die Blicke der Fremden unangenehm. Sie starrten Marie an und dachten offenbar, sie habe irgendeine schwere Behinderung. Die meisten haben leider auch gar nicht erst gefragt, sondern nur gestarrt.“ Groß war daher die Erleichterung, als sich bei den Kontrolluntersuchungen herausstellte, dass die Schiene gut geholfen und die Dysplasie ausgeheilt war. Baby Marie hatte die Spreizkonstruktion wochenlang geduldig ertragen. „Erst als die Schiene weg war, haben wir gesehen, dass sie eine große Einschränkung bedeutet hatte. Denn Marie war jetzt ein völlig anderes Kind: Sie bewegte sich mit Hingabe und war lebhafter und fröhlicher“, erzählt Marion.

Pavlik-Bandage & Co: Bei Ausrenkung helfen Gips oder Bandage

Steht der Hüftkopf aber bereits außerhalb der Pfanne (Luxation), so reicht diese Behandlung nicht mehr aus. „Es muss dann der Hüftkopf in die Pfanne gebracht werden, das bezeichnet man als Reposition (Einrenkung) des Gelenkkopfs“, so Oberärztin Schröder. „Dies kann häufig gut manuell erreicht werden. Aber lässt man die Hüfte wieder los, dann wandert der Kopf von allein, meist bei Anspreizung der Beine, wieder aus der Pfanne. Der Hüftkopf muss also in der Hüftpfanne gehalten werden. Um dies zu gewährleisten, muss eine sogenannte Sitz-Hock-Position eingenommen werden, die durch einen Fettweis-Gips oder die Pavlik-Bandage (s. Kasten links) erreicht wird.“

Welche Maßnahme dabei die beste ist, entscheidet der Arzt immer nach dem Einzelfall. „Es kommt unter anderem darauf an, ob das Gelenk überhaupt gut reponibel (einrenkbar) ist, es hier ein Hindernis gibt, oder ob vielleicht eine Abspreizhemmung vorliegt. Manchmal werden die Methoden auch nacheinander angewendet, zum Beispiel zuerst der Fettweis-Gips (s. Kasten links), dann die Pavlikbandage. Der Vorteil einer Fixierung mit Gips liegt unter anderem darin, dass er nicht ausgezogen werden kann, also das Gelenk zuverlässig in der korrekten Position hält“; erklärt die Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Erst, wenn diese Maßnahmen allein nicht ausreichen, wird das Gelenk operiert. Dies ist aber nur selten nötig.

Breit Wickeln unterstützt Hüftreifung

Von den echten therapeutischen Maßnahmen muss das sogenannte „breit Wickeln“ abgegrenzt werden. „Das Kind breit zu wickeln ist keine echte Therapie. Es wird lediglich empfohlen bei einer physiologischen Unreife des Hüftgelenks, die sich im Laufe der ersten Lebenswochen meist von selbst wieder gibt. Diese Unreife ist keine Hüftdysplasie“, betont Kinderorthopädin Dr. Schröder. Hier sind die vom Arzt gemessenen Winkel meist grenzwertig zum Normbereich. Das breit Wickeln dient dann dazu, den normalen Reifeprozess etwas zu unterstützen. Zugleich sorgt es aber auch dafür, dass den Eltern die Unreife der Hüfte präsent bleibt, weil diese sicherheitshalber noch einmal per Ultraschall abgeklärt werden muss.

Für das breite Wickeln gibt es verschiedene Möglichkeiten: Man kann über die geschlossene normale Windel zwei saubere Einwegwindeln quer über Babys Po zwischen die Beinchen legen, bevor man ein Höschen oder einen Body darüber zieht. Die Beine sollten seitlich etwas angewinkelt sein (leichte Hockstellung). Auch ein Moltontuch kann zu einem schmalen Rechteck gefaltet (Größe wie anderthalb Waschlappen) und quer zwischen die Beine des Säuglings gelegt werden, bevor eine kleine Unterhose darüber kommt. Manche Mütter schwören auch auf Gästetücher – oder einfach zwei normal angezogene Einwegwindeln übereinander. In jedem Fall sollte unbedingt der nächste Kontrolltermin beim Orthopäden eingehalten werden, der meist nur wenig später erfolgt.

Tipps vom Kinderarzt: Behandlung einer Dysplasie

Kann man der Fehlbildung vorbeugen?

„Nein, es gibt keine Vorbeugung“, betont Kinderorthopädin Dr. Silvia Schröder. „Es sind aber begünstigende Faktoren bekannt, die gehäuft mit einer Hüftdysplasie einhergehen.“ Hierzu gehörten zum Beispiel die Beckenendlage während der Schwangerschaft, aber auch ein Platzmangel in der Gebärmutter, wie er z. B. bei Mehrlingsschwangerschaften oder sehr großem Kind entstehen könne. Auch der sogenannte Klumpfuß sowie einige neurologische oder andere Erkrankungen können mit einer Hüftdysplasie verbunden sein. „Ein weiterer Risikofaktor ist eine familiäre Disposition (Veranlagung)“.

Auch wurde beobachtet, dass bei manchen Völkern Hüftdysplasien bei Kindern kaum vorkommen, bei anderen dagegen häufiger. „Hier spielen natürlich zum einen genetische Faktoren eine Rolle“, erklärt Schröder. „Zum anderen vermutet man aber auch einen Zusammenhang zu bestimmten Gewohnheiten der Mütter: So werden in afrikanischen Ländern die Babys und Kleinkinder viel auf der Hüfte getragen, was die gesunde Spreizung der Hüftgelenke fördert. Wo Säuglinge dagegen z. B. auf schmale Tragen oder Tragebretter gewickelt werden, wie es etwa bei den Inuit in Grönland Tradition ist, gibt es häufiger Dysplasien des Hüftgelenks.“

*alle Namen geändert

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