Extrem Frühgeborene
Sehr kleine Frühchen und ihr Kampf ins Leben
Eine Frühgeburt, besonders von sehr kleinen Frühchen, wirbelt das Leben von Familien gehörig durcheinander – auch noch lange nach der Krankenhauszeit. Obwohl die Überlebenschancen immer besser werden, müssen Eltern von extrem Frühgeborenen oft an vielen Fronten um die gesunde Entwicklung ihres Kindes kämpfen.
Völlig verkabelt im Inkubator
Am Tag ihrer Geburt wollte im Krankenhaus niemand eine Prognose abgeben, wie lange das kleine Mädchen wohl auf dieser Welt bleiben würde. 340 Gramm wog Anna an diesem Tag im Sommer 2010 und war winzige 26 Zentimeter groß - viel zu klein und zu schwach, um ohne Hilfe überleben zu können. „Vor der Geburt hatten uns die Ärzte gesagt, dass Anna mit einem Geburtsgewicht von unter 400 Gramm statistisch gesehen nicht überlebensfähig sei“, erinnert sich ihre Mutter Nathalie Dahm*, „und um ehrlich zu sein haben wir damals alle nicht geglaubt, dass unsere Kleine es schaffen würde.“ Doch auch im Mutterleib hätte Anna nicht bleiben können. Weil sich bei einer Vorsorgeuntersuchung gezeigt hatte, dass das Mädchen nicht mehr versorgt wurde, entschieden die Ärzte in der 25. Schwangerschaftswoche, sie zu holen.
Eine Hiobsbotschaft nach der anderen
Auch Familie Berndt musste im Dezember 2007 begreifen, dass ihr kleiner Sohn, dessen Geburtstermin eigentlich für Ostern ausgerechnet war, schon kurz vor Weihnachten auf die Welt kam. Nach einer Routineuntersuchung musste es plötzlich ganz schnell gehen: Transport ins Krankenhaus, Kaiserschnitt, Intensivstation. Und die übergroße Angst, dass das Baby, das nur knapp 1.000 Gramm wog, sterben könnte: Fabian ging es nach seinem Frühstart alles andere als gut. Er musste beatmet werden, bekam eine Infektion und eine Gehirnblutung. Nach all dem stand schließlich eine schwere Operation an, weil sein Gehirnwasser nicht richtig abfloss. Niemand wusste, wie er sich entwickeln würde. „Das war eine Phase, in der wir eine Hiobsbotschaft nach der anderen bekamen“, erinnert sich Fabians Vater Marc. Seine Frau Sabine kämpft noch heute mit den Tränen, als sie von Fabians ersten Wochen erzählt. „Wie man sich fühlt, wenn das eigene Kind völlig verkabelt im Inkubator liegt und man nichts machen kann, das kann kaum jemand nachvollziehen“, sagt sie. „So etwas versteht nur, wer das Gleiche durchgemacht hat.“ Wochenlang konnte sie nichts anderes tun, als am Inkubator zu sitzen, Fabians kleine Hände zu streicheln und zu hoffen, dass er stark genug sein würde, sich in sein Leben zu kämpfen.
Was die beiden Familien mitgemacht haben, ist wohl einer der schlimmsten Alpträume aller Eltern. Rund neun Prozent aller Kinder kommen in Deutschland vor der abgeschlossenen 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt und gelten damit als Frühgeburt. Doch während bei den so genannten späten Frühchen die Aussichten auf eine normale Entwicklung inzwischen sehr gut sind, gelten Kinder mit einem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm als Hochrisiko-Kinder. Sie überleben zwar in 80 Prozent aller Fälle, aber ein Drittel von ihnen behält Schäden zurück.
Unreife Organe und fehlende Körper-"Heizung"
Denn dass eine normale Schwangerschaft 40 Wochen dauert, ist für den Zustand der Kinder wichtiger, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Die winzigen Extremfrühchen sind nicht einfach nur klein und müssen draußen nur noch weiterwachsen. „Das Hauptproblem ist, dass bei einer Frühgeburt Organe mit der Arbeit beginnen müssen, die überhaupt noch nicht so weit sind“, erklärt Christoph Bührer, Leiter der Neonatologie an der Berliner Charité. „Während das Herz des Kindes schon von Beginn der Schwangerschaft an schlägt, reift die Lunge erst in den letzten Schwangerschaftswochen aus. Ist sie bei der Geburt noch nicht fertig, müssen wir mit Medikamenten nachhelfen und im schlimmsten Fall beatmen.“ Schwierig sei zudem, dass die körpereigene Heizung der Kinder noch nicht funktioniere: „Normalerweise sind Menschen die fettesten Landsäuger, die es gibt. Bei Frühgeborenen fehlt aber die Fettschicht unter der Haut, die termingeborene Kinder vor dem Auskühlen schützt.“ Deshalb müssten sie in exakt temperierte Inkubatoren verlegt werden, in denen die Umgebung des Mutterleibs so gut simuliert werde, wie es nur eben ginge. Doch manches könne eben nicht nachgestellt werden, sagt Bührer. „Wenn das Gehirn noch nicht so ausgereift ist, dass es den Atemantrieb verlässlich steuern kann, müssen wir mit Medikamenten nachhelfen. Und auch wenn wir die erste Nahrung noch über die Vene verabreichen können, müssen Magen und Darm schnell anfangen zu arbeiten.“ All das bedeute Stress für die Kinder - „und Stress wiederum setzt Hormone frei, die nicht gut für die Gehirnentwicklung sind.“
*Die Namen der hier zitierten Familien wurden von der Redaktion geändert

Druck
Kommentare
Email