Was man heute über Schreibabys weiß

Mythos Dreimonatskoliken

Wenn ein Baby tagtäglich stundenlang schreit, dabei die Beine anzieht, einen harten Bauch und Blähungen hat, packt man das gern schnell in die Schublade „Dreimonatskoliken“. Dabei zeigt der heutige Wissensstand über dieses Phänomen: Die geplagten Zwerge haben größere Sorgen als ihre Verdauung.

von Kathrin Wittwer
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Baby schreien Mama Schulter
Foto: © iStockphoto.com/ NuStock

Fünf Mythen über Dreimonatskoliken

„Es war so anstrengend!“, bringt Melanie die ersten Monate mit ihrer Zweitgeborenen auf den Punkt. Johanna hatte bald nach der Geburt angefangen, bis zu 12 Stunden am Tag zu schreien, vor allem abends. Sie krümmte sich viel und wollte auch zur Beruhigung ständig an die Brust. Bis Melanie vor Schmerzen nicht mehr konnte, auf Flasche umstellen musste – und Johanna noch mehr schrie.

Die Eltern versuchten alles, von Spezialnahrung gegen Koliken über Saugerwechsel, Massagen und Singen bis zum Fliegergriff. Geholfen hat nichts.

Mythos 1: Dreimonatskoliken sind wirklich Koliken

Prof. Dr. med. Sibylle Koletzko kennt zahllose solcher Fälle. Sie ist Leiterin der Abteilung für Pädiatrische Gastroenterologie und Hepatologie am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München. In der Broschüre „Ist mein Kind ein Schreibaby?“ der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) stellt sie klar: Trotz der scheinbar eindeutigen äußeren Anzeichen ist Dreimonatskolik „ein irreführender Begriff, denn nur selten liegen tatsächlich Verdauungsstörungen vor.“ Zwar ist die Verdauung für den kleinen Körper wirklich Schwerstarbeit, wie angestrengtes Pressen und Pupsen zeigen, und das kann auch zu Tränen führen. Echte Koliken sind das aber nicht. Überhaupt kursieren immer noch einige Unwahrheiten über dieses Phänomen:

Mythos 2: Dreimonatskoliken dauern drei Monate

„Die Annahme, dass die Symptome drei Monate dauern, ist nur im Deutschen verbreitet“, sagt Prof. Koletzko. Im Englischen zum Beispiel heißt es „Säuglingskoliken“. In der Regel halten die Beschwerden vier Monate an, manchmal gar ein halbes Jahr.

Mythos 3: Dreimonatskoliken sind Allergiesymptome, vor allem bei Flaschenkindern

„Die Beschwerden liegen meistens weder an der Säuglingsmilch noch an der Ernährung der stillenden Mutter“, so Prof. Koletzko. „Unter Schreibabys gibt es genauso viele Stillkinder wie Flaschenkinder.“ Nur eine Minderheit hat wirklich eine Unverträglichkeit. Mütter sollten nicht voreilig abstillen oder die Milch umstellen, sondern dies in Ruhe mit Kinderarzt und Hebamme besprechen.

Mythos 4: Gegen Dreimonatskoliken helfen Antiblähungsmittel

„Antiblähungstropfen bringen nichts“, verweist Prof. Koletzko auf Studienergebnisse. Überhaupt wurde bisher kein Medikament gefunden, das hier erfolgreich und ohne große Nebenwirkungen hilft.

Mythos 5: Dreimonatskoliken sind Jungssache

Auch wenn der Volksmund meint, die Koliken träfen öfter Jungs, zeigt die Statistik: Schreibabys sind zu gleichen Teilen Mädchen und Jungen.

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