Ein lebensnotwendiges Bedürfnis

So wichtig ist Geborgenheit

Kraulen, Kuscheln, Körperwärme: Geborgenheit ermöglicht das menschliche Zusammenleben, erhält gesund und macht Kinder von Anfang an stark. Sie ist ganz leicht herzustellen - und wichtig zu halten.

Autor: Nicola D. Schmidt
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Familie Geborgenheit
Foto: © iStockphoto.com/ nyul

1957 führte der amerikanische Forscher Harry Harlow einen der umstrittensten und gleichzeitig berühmtesten Versuche der Verhaltensforschung durch, um diese These zu überprüfen. Die Filmdokumentation lässt sich auf Youtube abrufen und ist gleichermaßen anrührend wie grausam: Harlow sperrte junge Rhesusaffen alleine in einen Käfig und ließ ihnen die Wahl zwischen zwei Mutterattrappen. Die eine bestand nur aus Draht und bot Futter an. Die andere war mit kuscheligem Stoff bespannt, bot aber keine Milch. Auf den Filmen sieht man ein nervöse, kleines Affenbaby zur Drahtmutter rennen, kurz trinken und sich dann Schutz suchend wieder an die Stoffmutter drücken. Es verlässt ihr kuscheliges Ersatzfell nur, um eilig und kurz den größten Hunger an der Drahtmutter zu stillen. In Momenten der Angst drückten sie sich an die Stoffmutter.

Harlow schloss aus seinen Experimenten, dass Füttern alleine nicht reicht, um ein Baby glücklich zu machen. Es sucht vor allem Geborgenheit. Aber was genau ist "Geborgenheit"? Sicherheit und Schutz, aber auch Wärme, Vertrauen, Akzeptanz und Liebe gelten heute unter Psychologen als die Grundpfeiler dieses komplexen Gefühls.

Bekanntes gibt uns Halt

Geborgenheit entsteht aus Wiederholung, aus Mustern, die Menschen wiedererkennen. Kinder  - und auch Erwachsene - fühlen sich geborgen, wenn sie die Erfahrung machen, dass sie sich auf etwas verlassen können. Geborgenheit hat viele Gesichter. Bei Kindern ist es vor allem die Erfahrung, dass Eltern da sind, wenn sie sie brauchen. Beim Baby ist es die Mutter, die zuverlässig und zeitnah auf seine Bedürfnisse eingeht. Bei größeren Kindern ist es auch der Zusammenhalt der Familie, später dann die Akzeptanz als eigenständige Person und ein guter Freundeskreis. Ganz praktisch können der verlässliche Tagesrhythmus, die Gute-Nacht-Geschichte, ein warmes Essen oder eine Umarmung Geborgenheit vermitteln.

Körperkontakt hilft Frühgeborenen

Geborgenheit durch Körperkontakt - dieser Ansatz kann schon den Allerkleinsten helfen, sich besser zu entwickeln. Bei der sogenannten Känguru-Methode tragen Mütter ihre zu früh geborenen Babies daher direkt Haut an Haut. Das Kind hört die Stimme und den vertrauten Herzschlag, wird wie im Mutterleib hin und her gewiegt, riecht den vom Fruchtwasser vertrauten Duft seiner Mutter. Eine Studie aus Indien zeigte einst, dass die so betreuten Kinder schneller an Gewicht zunehmen und seltener an Überhitzung, Blutzuckerschwankungen oder Infekten litten. Wichtiger noch: Die Mütter waren wesentlich zufriedener und hatten eine engere Bindung zu ihren Kindern nach der Entlassung aus dem Krankenhaus, was sich auch in höheren Stillraten zeigte. Inzwischen ist die Känguru-Methode auf Neugeborenen-Stationen gängige Praxis.

Berührung schafft Vertrauen

Eltern nehmen ihre Kinder instinktiv in den Arm und auf den Arm und schaffen damit die erste Grundlage für Geborgenheit, Vertrauen. Beim Baby ist es das Getragenwerden, bei größeren Kindern das Kuscheln. Auch Erwachsene reagieren positiv auf Berührungen. Die Haut sendet Signale ans Gehirn und wir fühlen uns gut aufgehoben, wenn uns der Partner in den Arm nimmt. Warum wir so reagieren, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt. Aber sogar sehr kleine, fast unmerkliche Berührungen haben diesen Effekt: Bei wissenschaftlichen Tests zeigt sich immer wieder, dass Kunden eher kaufen, wenn der Verkäufer sie am Arm berührt - sie vertrauen ihm.

Körperwärme als Grundlage für eine normale Entwicklung

Wärme schafft Geborgenheit, vor allem natürlich Körperwärme, doch die Bindungsforscher wollten es genauer wissen. Sie gaben Probanden einfach nur einen warmen Becher Kaffee in die Hand. Die Studien von Lawrence und Bargh zeigten in so einem Setting 2008, dass Menschen schon durch ein warmes Getränk mehr Vertrauen zu ihrem Gegenüber fassen - sich also geborgener fühlen. Sie münzten auch dies auf die Kindheit um: "Unsere Erkenntnisse unterstützen Bowlbys Behauptung, dass das Erfahren von Körperwärme der Bezugsperson schon in früher Kindheit wichtig ist für die normale Entwicklung, um als Erwachsener zwischenmenschliche Wärme wahrnehmen und sich entsprechend verhalten zu können."

Emotionale Kälte hat Folgen für das weitere Leben

Kinder erfahren Geborgenheit also durch Bezugspersonen und die Sicherheit, die sie bieten. Dies bedeutet, dass sie sie zuverlässig ernähren, liebevoll berühren, mit ihnen sprechen, spielen und sie beschützen. Fehlt dieses, können sie sich nicht richtig entwickeln. Frühe Trennungen, traumatische Erlebnisse und emotionale Kälte vermuteten Forscher schon lange als Auslöser für psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen im späteren Leben. Aber wie die dahinter liegenden Mechanismen ablaufen könnten, war lange unklar. Versuche an Menschen sind hier nicht möglich und so mussten die Forscher auf sozial lebende Tiere zurückgreifen.

Tiere im Geborgenheitsversuch

Die Forscher Caldji und Tannenbaum von der McGill Universität in Kanada zeigten 1998, dass ansonsten genetisch gleiche Rattenkinder stressresistenter werden, wenn sie von einer Rattenmutter gut umsorgt, auf rattisch: häufig geleckt, werden. Aber warum? Erst die israelische Forscherin Eva Jablonka hatte eine Erklärung parat: Auch Verhalten wird über Gene vererbt. Das Lecken der Mutter aktiviert ein bestimmtes Gen, das zwar bei allen vorhanden ist, aber erst durch diesen Reiz verstärkt in Aktion tritt. Es zeigte sich, dass bei den gut umsorgten Rattenbabys im Hirn mehr Rezeptoren ausgeprägt waren, die das Stresssystem dämpfen. In der nächsten Generation wird nicht nur der "aktivierte" Status des Gens vererbt, sondern auch die ausgeprägtere Neigung zum Lecken - eine weitere Generation entspannter, geborgener Ratten wächst heran.

Geborgenheit als Schutz vor ADS?

Doch auch ohne Veränderung der Gene hinterlässt Geborgenheit Spuren. Katharina Braun und Jörg Bock von der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg beobachteten an Deguratten-Babys, dass fehlende oder gestörte Geborgenheit durch ein Muttertier zu Veränderungen im Gehirn führt. Sie trennten kleine Deguratten-Babys stundenweise von ihren Müttern, "ein sehr negatives und mit Stress und Angst verbundenes emotionales Erlebnis", wie Braun in ihrem Bericht schreibt. Offenbar so stressbeladen, dass sich der Gehirnbereich, der für Gefühle zuständig ist, ausklinkte. In anderen Bereichen des Gehirns hingegen passierte plötzlich mehr als normal: Plötzlich gab es zusätzliche Verbindungen vor allem in den Hirnregionen, die für die Suchtentstehung, Angst und Aggression zuständig sind. "Diese biologischen Veränderungen wirken sich direkt auf das spätere Lern- und Sozialverhalten aus", schreibt Braun, die Tiere seien körperlich extrem aktiv und reagierten schlechter auf mütterliche Lockrufe. Nicht nur Braun war hier erinnert an Kinder mit Hyperaktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörungen, die nicht stillsitzen können und kaum reagieren, wenn man sie anspricht. Ihre weiteren Forschungen zeigen alle in eine Richtung: Fehlende Geborgenheit kann einen Zusammenhang mit ADS haben.

 

Nur geborgene Kinder spielen - und entwickeln sich

"In der Evolution hat Geborgenheit eine tragende Funktion", erklärt Hans Mogel, Geborgenheitsforscher an der Universität Passau, "Sie ist eine Grundvoraussetzung für Spiel und das wiederum ist der Kulturentwicklung des Menschen vorausgehend - es gibt keine Kultur ohne Spiel." Für ihn ist Geborgenheit damit ein Fundament der Entwicklung des Lebens wie wir es kennen. Und es ist das Fundament für die Entwicklung der Kinder.

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