Zuhören so wichtig wie sprechen

Sprachentwicklung: So unterstützt du dein Kind

Eltern sollen viel mit ihren Babys sprechen, das ist bekannt. Forscher zeigen jetzt jedoch, dass Zuhören mindestens genauso wichtig ist. Wer aufmerksam und ernsthaft auf das Brabbeln seines Kindes reagiert, fördert schon beim Baby die Lust am Kommunizieren.

Autor: Nicola D. Schmidt
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Sprachentwicklung von Babys und Kindern

Mutter Baby Kommunikation
Foto: © iStockphoto.com/ KrivoTIFF

Es ist eine der bekanntesten Studien der Sprachforschung: Betty Hart und Todd Risley begleiteten fast drei Jahre lang 42 amerikanische Familien und zählten, wie viele Wörter die Babys pro Tag hörten. Jeden Monat gingen dafür Mitarbeiter des Forschungsteams zu Familien und filmten eine Stunde lang den Alltag mit Kindern. Das Ergebnis: Die Babys in der Studie hörten im Schnitt 1.500 Wörter pro Stunde. Im Detail gab es dabei aber beträchtliche Unterschiede. Kinder aus Akademiker-Familien hörten 2.100 Wörter pro Stunde, während Kinder aus anderen Familien im Schnitt nur 600 Wörter pro Stunde hörten. Die Kinder aus den besonders gesprächigen Familien waren im Schnitt mit drei Jahren selbst bessere Sprecher. Sie hatten zusätzlich auch in den durchgeführten Tests einen höheren IQ als die Kinder aus schweigsameren Haushalten. Viel oder wenig Wörter - das machte offenbar für die Sprachentwicklung und auch die Entwicklung der Intelligenz von Babys und Kleinkindern einen enormen Unterschied.

Viele Ratgeber haben daraus die einfache Formel gemacht: Sprecht mehr mit euren Kindern und sie werden klüger. Doch so einfach ist es nicht.

Mehr mit Babys reden = klügere Kinder?

Bei genaueren Analysen stellten die Forscher fest, dass es nicht die schiere Masse an Wörtern war, die den Sprachschatz der Kinder formte. In der Langzeitstudie zeigte sich, dass Eltern, die insgesamt mehr sprachen, sich auch häufiger direkt an ihre Kinder richteten. Zusätzlich fiel auf, dass diese Eltern ihre Sprache mehr aufs Kind abstimmten und variierten. Sie sagten nicht nur Dinge wie "sei still", "heb das auf" oder "wir gehen jetzt raus", sondern unterhielten sich richtig mit den Kleinen - auch mit ihren Babys. Und je mehr sie mit ihnen sprachen, umso zugewandter schienen sie zu sein. Sie lobten deutlich mehr als die schweigsamen Eltern in der Studie, deren Kinder insgesamt weniger direkte Ansprache und etwa doppelt so viel negatives Feedback bekamen.

Sprachentwicklung: Nicht nur reden auch zuhören

Nicht nur die Anzahl der Wörter trug also dazu bei, wie klug und redegewandt ein Kind wurde, sondern auch Art und Inhalt der Ansprache. Doch die Wissenschaftler waren noch nicht zufrieden. Sie wollten wissen, welche Faktoren außerdem ausschlaggebend waren. Bestseller-Autor und Wissenschaftsjournalist Po Bronson fasst in seinem Buch "10 schockierende Wahrheiten über Erziehung" die nun folgenden Untersuchungen so zusammen: "Einer der Mechanismen, die den kindlichen Spracherwerb unterstützen, hat gar nichts mit der Sprache der Eltern zu tun - er beruht nicht darauf, was ein Kind zu hören bekommt, sondern darauf, was Eltern mit einem liebevollen Streicheln im richtigen Augenblick bewirken können."

Er zitiert dafür die Studien der Sprachforscherin Catherine Tamis-LeMonda von der New York University und Professor Michael Goldstein von der Cornell University.

Im richtigen Augenblick auf Sprechversuche reagieren

LeMonda zeigte in einer 2001 veröffentlichten Langzeitstudie, wie stark die prompte und einfühlsame Reaktion der Eltern das Sprechenlernen beeinflusst. In ihrer Stichprobe war weder entscheidend, wieviel die Mutter zum Kind sagte, noch wie oft sie ein "Gespräch" begann. Entscheidend war, wie oft sie auf die Sprechversuche ihres Babys reagierte. Die Unterschiede konnten riesig sein. Sie beschreibt die zwei Extremfälle ihrer Studie: Zwei Mädchen, die mit neun Monaten jeweils sieben Wörter verstanden. Die Mutter des einen Mädchens reagierte nur etwa bei der Hälfte der Sprechversuche ihres Kindes. Ihre Tochter lernte bis zum 18. Lebensmonat acht neue Wörter und konnte mit 20 Monaten Zweiwort-Sätze sagen. Die andere Mutter hingegen reagierte in 85 Prozent der Fälle auf die Sprechversuche ihrer Tochter. Diese erweiterte ihren Sprachschatz bis zum Alter von 18 Monaten um 150 Wörter und sprach mit 20 Monaten ganze Sätze, inklusive Vergangenheitsformen. LeMonda schlussfolgerte: Das Gehirn des zweiten Mädchens hatte schon früh registriert, dass es mit den neuen Lauten Aufmerksamkeit erregen und halten kann. Entsprechend groß waren Motivation und Lernfortschritt.

Benennen, was das Kleinkind interessiert

Doch nicht nur die prompte, auch die richtige Reaktion ist wichtig. Das hilft den Kindern dabei, ihren Wortschatz auszubauen. Viele Eltern führen ihre Babys unnötig in die Irre darüber, welchen Namen die Dinge haben. Babys müssen richtiggehend Vokabeln lernen, um die Dinge benennen zu können. Wenn das Baby etwas anschaut und dazu brabbelt, sagt die Mutter zum Beispiel "Ja, das ist ein Löffel." Sie hilft ihrem Kind, indem sie ihm sagt, was es gerade anschaut. Doch hier gibt es leicht Missverständnisse. Manche Eltern versuchen eher herauszuhören, was ihr 14 Monate altes Baby gemeint haben könnte und sagen: "Ba? Du meinst Ball?", obwohl das Baby gerade auf den Löffel schaut. Das Baby sieht also den Löffel und hört "Ball" - es verknüpft diese beiden Reize und ist später verwirrt, wenn Papa den Löffel als solchen tituliert.

Andere Eltern versuchen, Babys Blick beständig auf Dinge zu lenken, die es ihrer Meinung nach anschauen soll: "Guck mal, der Ball. Baa--ll". Aber Babys lernen vor allem durch ihr eigenes Interesse. So zeigen sie schon in den ersten Lebenswochen durch Blicke, welche Farben oder Dinge sie besonders spannend finden. Daniel Stern hat für seine Forschungen zum "kompetenten Säugling" diesen Effekt vielfach beschrieben und genutzt. Je besser der Partner des Babys auf seine Interessen eingeht, also benennt, wofür sich das Kind jetzt gerade offensichtlich interessiert, desto schneller lernt es die Namen der Dinge. Und wenn der Partner das "Zwiegespräch" sogar für ein paar Schritte aufrecht erhält, lernt es die Grundlagen der Kommunikation gleich mit: "Bahhbahh"  "Ah - dich interessiert der Löffel. Gefällt dir der Löffel?" "Gurrgrrra" "Ja, er ist blau..." "ahahaa" "Hm, mal schauen, ob wir noch mehr davon haben..." usw.

Sprechenlernen durch Zuwendung

Diese Ergebnisse bestätigen auch die eingangs erwähnten Forscher Hart und Risley bei der weiteren Analyse ihrer Daten. Die von ihnen als "schweigsam" eingestuften Eltern sprachen nicht nur insgesamt weniger, sie reagierten auch am wenigsten auf das Gebrabbel ihrer Babys, weil sie z.B. mit Haushalt und anderen Kindern beschäftigt waren. Im Jahr 2009 wollte eine Gruppe von Forschern an der Universität von Colorado wissen, ob sich die mütterliche Einfühlsamkeit auf das Lernen ihrer Kinder messbar auswirkt. Bekannt war, dass Kinder von depressiven Müttern mehr Probleme mit Kommunikation haben. Aber woran lag das? Sie stellten fest, dass depressive Mütter zwar mit weniger Singsang in der Stimme sprechen, sich dies alleine aber nicht negativ auf das Lernen der Kinder auswirkt. Viel wichtiger war jedoch die "emotionale Verfügbarkeit" der Mutter, also wie zuverlässig sie auf die Bedürfnisse des Kindes reagierte - auch auf sein Bedürfnis zu kommunizieren. War diese herabgesetzt, verzögerte sich auch die Sprachentwicklung.

Ein Streicheln macht den Unterschied

In einem Experiment zeigte Michael Goldstein 2008 in atemberaubend kurzer Zeit, dass eine prompte, auf das Gebrabbel des Kinder eingehende Reaktion dazu führt, dass Kinder schneller lernen, welche Laute unsere Sprache ausmachen. Bronson beschreibt in seinem Buch diesen Versuch Goldsteins, bei dem die Mütter in einem Zehn-Minuten-Setting jedes Mal, wenn das Kind etwas brabbelte, positiv reagieren sollten. Sie sollten lächeln oder das Kind an der Wange streicheln. Schon in diesem kurzen Zeitraum ließ sich der positive Effekt beobachten: Mit positivem Feedback formten die Babys doppelt so häufig einen Laut und varriierten auch mehr.

Eltern können die Entwicklung ihres Kindes fördern

Es bleibt also richtig, dass Eltern viel mit ihren Kindern sprechen sollten. Aber weder eine Dauerbeschallung durch Baby-CDs oder das Radio noch abwesende Selbstgespräche sind dabei ausschlaggebend. Die Aufgabe der Eltern besteht nicht allein darin, dass das Baby möglichst viele Wörter hört. Für die Babys beginnt der Spaß an Kommunikation, wenn Eltern zuhören, was aus ihrem Baby herauskommt - und darauf freundlich und interessiert reagieren. Doch auch hier gilt natürlich, dass Übereifer schaden kann. Kein Kind bleibt stumm, weil Mama auch mal abwesend in der Zeitung blättert, während der Zwerg auf ihrem Schoß brabbelt. Wie Goldsteins Versuche zeigen, können schon kurze Spannen intensiven Zwiegespräches die Kinder auf die richtige Fährte bringen.

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