Kehrseite der Mutterschaft
Dem Baby geht’s prima! Und wo bleibe ich?
Ein Baby zu haben bedeutet für die meisten Mütter eine Zeit voller Seligkeit und Glück. Eigene Bedürfnisse und Interessen bleiben dabei allerdings in der Regel auf der Strecke. Aber wie viel Selbstaufgabe tut gut?
Seit der Geburt des Kindes fast nur zu Hause
„Seit der Geburt unseres Sohnes vor 18 Monaten habe ich die Wohnung nicht mehr ohne Kind verlassen“, klagt eine Mutter im Elternforum von urbia und ergänzt: „Mein Sohn klebt an mir wie eine Klette. Selbst wenn sein Papa zu Hause ist, heißt es immer nur ‚Mama-Mama-Mama!’. Mittlerweile merke ich, dass es mir zuviel wird. Ich fühle mich allein gelassen, ich habe keine Freizeit mehr. Ich würde so gern mal wieder weggehen“. Und diese Userin mit dem Nick „Summerbreaze“ ist kein Einzelfall: Viele Forumsteilnehmerinnen stimmten in ihre Seufzer mit ein oder gaben Rat. Anlass für urbia, der Sache auf den Grund zu gehen: Wie viel Freiheit braucht eine Mutter, und wie viel Trennung kann sie ihrem Baby oder Kleinkind zutrauen? Ist es wirklich so einfach, sein Kind mal eben „abzugeben“? Und was tun, wenn es keine Großeltern in der Nähe gibt, der Partner erst spät nach Hause kommt oder einen generell zu wenig unterstützt?
Altmodische Opferbereitschaft contra moderne Selbstverwirklichung
Kaum ein Einschnitt im Leben der Eltern ist so tiefgreifend wie der Einzug eines Babys. Und immer noch sind es vor allem die Frauen, deren Leben sich drastisch ändert, weshalb sie hier im Fokus stehen sollen. An die Stelle des Berufs tritt der 24-Stunden-Job „Muttersein“, die Nächte verlaufen im Stakkato zwischen Schlaf und Füttern, man schleicht erschöpft durch die Tage, und das Baby sägt mit nachdrücklichem Geschrei an den Nerven. Im Kleinkindalter wird der Nachwuchs auch nicht gerade weniger anstrengend. In den alten Zeiten der Großfamilie wussten Frauen noch von ihren zahlreichen kleinen Geschwistern, wie der Kinder-Alltag aussieht. Heute sind viele Mütter beim ersten Kind völlig überrascht davon, wie kräftezehrend er ist. Und tun sich schwer damit, dass ihre eigenen Bedürfnisse jetzt nur noch an zweiter Stelle kommen. Die moderne Gesellschaft hat sie darauf schließlich auch kaum vorbereitet: Freizeitspaß, Selbstverwirklichung, Individualität und rasche Wunscherfüllung lauten ihre Botschaften. Opferbereitschaft, Selbstbeschränkung, Verzicht? Diese Worte klingen in unseren Ohren schon fast peinlich altmodisch. Dennoch sind diese Tugenden zumindest in der ersten Zeit mit Baby sehr aktuell, es lebt regelrecht von ihnen: „Das Kind macht in den ersten Lebenswochen die Erfahrung, dass seine Bedürfnisse zuverlässig durch die Mutter befriedigt werden. Es kann sich auf die Mutter verlassen. Es entsteht eine tiefe Beziehung zwischen Mutter und Kind. Diese Erfahrungen sind die ersten Bausteine für ein Vertrauen in diese Welt“, betont der Entwicklungsforscher Dr. Remo H. Largo („Babyjahre“).
Zu viel Selbstaufgabe kann krank machen
Wie eine Mutter damit zurechtkommt, dass ihre eigenen Bedürfnisse zweitrangig geworden sind, hängt auch von ihrer Situation und Persönlichkeit ab. „Ich war lange berufstätig, hatte bei der Stadtverwaltung unserer Stadt ein wenig Karriere gemacht und konnte mir ein sportliches Auto und ein Reitpferd leisten“ berichtet Susanne W. aus Erftstadt, die beim ersten Kind 29 war. „Als unsere erste Tochter kam, auf die wir sehr lange warten mussten, bin ich aus allen Wolken gefallen, wie stressig der Alltag nun wurde. Ich hatte mir das Leben mit dem heiß ersehnten Kind viel romantischer vorgestellt. Außerdem hatte ich schon in der Schwangerschaft das Pferd abgeschafft, um die Gesundheit meines ungeborenen Babys nicht zu gefährden. Das war mir sehr schwergefallen. Das Ergebnis dieser ganzen Ernüchterung war eine lang anhaltende Wochenbett-Depression, die psychotherapeutisch behandelt werden musste.“ Erst als sie wieder stundenweise zu arbeiten begonnen hatte, während die Großeltern das Kind hüteten, kehrte wieder mehr Zufriedenheit in ihr Leben ein.
Auch das Alter der Mütter spielt eine Rolle: Manchmal tun jüngere Frauen sich mit dem Babystress leichter, weil sie anpassungsfähiger sind und weniger lang ein weitgehend selbstbestimmtes Leben pflegen konnten. Andererseits können auch „späte“ Mütter, die das Gefühl haben, wirklich nichts verpasst zu haben, manchmal sehr geduldig zurückstecken. Und auch eine Frau, die als Kind mit deutlich jüngeren Geschwistern aufgewachsen ist, hat meist weniger Probleme, sich zurückzunehmen, weil ihre Erwartungen realistischer sind.







