Direkt nach der Geburt beginnen

Stillen bei Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalte

Ein Kind mit Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalte stillen - geht das überhaupt? Ja, sagt die Autorin eines neuen Ratgebers zu diesem Thema. Gerade für diese Mütter und Kinder sei die Stillbeziehung besonders wichtig.

Autor: Regina Masaracchia
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Gerade jetzt: Stillen besonders wichig!

Baby Hasenscharte
Foto: © H. Nowak

Gaumenspalte bei Neugeborenen - jedes 500. Baby wird mit einer Spaltfehlbildung geboren, in Deutschland sind das pro Jahr etwa 1500- 1800 Kinder. Am häufigsten sind die einseitigen, durchgehenden Spalten, bei denen Lippe, Kiefer und Gaumen betroffen sind (im Volksmund "Hasenscharte" genannt, für Betroffene jedoch diskriminierend und sollte daher unbedingt vermieden werden!). Die Spalte kann auch beidseitig und durchgehend sein, manchmal ist auch nur die Lippe, Lippe plus Kiefer oder isoliert der Gaumen betroffen, die Mikroform ist das gespaltene Zäpfchen. Besonders wichtig, sowohl für das Neugeborene mit einer Spaltfehlbildung, als auch für die Mutter ist, dass Mutter und Kind nach der Geburt nicht getrennt werden, damit sofort eine enge Mutter-Kind-Bindung entstehen kann. Generell gilt: Wenn das Baby keine anderen Fehlbildungen oder Krankheiten hat, ist es ein ganz normales, gesundes Neugeborenes und muss auch so behandelt werden! Genau wie jedes andere Baby muss es sofort nach der Geburt in einer leicht aufrechten Lagerung an die Brust gelegt werden. Die Gefahr, dass es die Muttermilch in die Luftröhre bekommt, besteht im Allgemeinen nicht, Magensonden sind meist ebenfalls überflüssig.

Auch, wenn das Kind vielleicht Schwierigkeiten hat, die Brust zu erfassen, so ist doch dieser Anfang wichtig, denn hier findet eine Prägung statt. Das Stillen ist gerade für spaltfehlgebildete Babys sehr wichtig! Oft ist das Gesundheitspersonal wenig informiert und sowohl das Personal, als auch die Mutter ist bei den oft schwer fehlgebildeten Mündchen verunsichert. Dabei hat haben Muttermilch und Stillen viele Vorteile für das Kind. Nur Muttermilch hat eine ideale Nährstoffzusammensetzung und Antikörper, die das Baby vor Infektionen schützt. Außerdem fördert der einzigartige Kontakt, den nur das Stillen bietet, die gerade hier so wichtige Mutter-Kind-Bindung und nur die Brust passt sich ideal den veränderten Mundverhältnissen an. Außerdem wird die Mundmuskulatur durch Stillen gestärkt, was jedoch einige Wochen dauern kann. Besonders wenn der Gaumen betroffen ist, muss die Mutter angeleitet werden, ihre Milch so schnell wie möglich nach der Geburt abzupumpen. So wird die Milchbildung möglichst schnell angeregt, auch wenn das Baby nicht fähig ist, dies durch ausreichend starkes Saugen selber zu schaffen. Die alle zwei Stunden abgepumpte Muttermilch kann dann einfach, während das Baby an der Brust liegt durch einen so genannten "Fingerfeeder" (eine Spritze mit speziellem Ernähungsaufsatz) in den Mundwinkel des Babys geträufelt werden. Auch das Brusternährungsset ist hilfreich. Mit diesen Methoden der Zufütterung an der Brust ist eine ausreichende Nahrungsmenge gewährleistet und gleichzeitig verbindet das Baby die Mutterbrust mit Wohlbefinden und Sättigung. Falls das Kind Schwierigkeiten hat, die Brust zu erfassen, kann ihm durch bestimmte Handgriffe und Stillpositionen geholfen werden. Der sofortige Kontakt zu einer Stillberaterin ist ratsam (www.stillen.org).

Außerdem sollte möglichst noch am Geburtstag vom Kieferorthopäden oder vom Chirurgen eine Gaumenplatte, auch Mund-Nasen-Trenn-Platte genannt, angepasst werden, die vor allem die Zunge in ihre physiologische Position zurückbringt und auch beim Stillen hilfreich ist.

Gaumenspalte beim Baby: Therapie und Vorbeugung

Die Spaltfehlbildung ist reparabel und wird operativ geschlossen. Es gibt unterschiedliche Operationsverfahren. Beim mehrzeitigen Konzept wird die Spalte, entweder von Innen nach Außen, oder von Außen nach Innen in unterschiedlichen Lebensmonaten und -jahren geschlossen. Die zweite, neuere Möglichkeit des Spaltverschlusses ist das einzeitige Konzept, auch "Basler Konzept" genannt, bei dem die gesamte Spalte um den sechsten Lebensmonat herum komplett geschlossen wird (Infos hier: http://www.lkg-ade.ch). In Deutschland wird dieses Verfahren von Prof. Dr. Dr. Robert Sader mit seinem Team im Universitätsklinikum Frankfurt durchgeführt. Trotz einiger Kritik zu diesem Konzept, beweist eine Eurostudie, dass alle existierenden Operationskonzepte zu gleich guten Ergebnissen führen!

Was das Hören und die Sprachentwicklung angeht, so verläuft diese meist ganz normal. Manchmal ist punktuell logopädische Unterstützung und das Einsetzen von Paukenröhrchen ins Trommelfell nötig, um eine bessere Ohrbelüftung zu erreichen. Die genauen Ursachen der Lippen-, Kiefer,- Gaumenspalte sind noch ungeklärt, man vermutet jedoch die wachsende Umweltverschmutzung, Rauchen, Drogen, Medikamente und Alkohol in der Schwangerschaft, schwerer Stress und Vitaminmangel, eine Durchblutungsstörung im Bereich der betroffenen Region in der Frühschwangerschaft im Mutterleib oder Infektionskrankheiten der Schwangeren, die für das Auftreten der Fehlbildung verantwortlich sein könnten. Es müssen aber erst mehrere Faktoren zusammen kommen (multifaktorielle Vererbung), damit sich eine Spaltfehlbildung manifestiert. Eine gewisse Vorbeugung für Schwangere ist die Einnahme von Folsäure und Vitaminpräparaten, möglichst noch bevor die Schwangerschaft eintritt, sowie eine gesunde Ernährung und die Vermeidung der Risikofaktoren.

Regina Masaracchia ist Autorin des neuen Ratgebers "Gespaltene Gefühle. Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten: ein Elternratgeber". Sie ist Krankenschwester, Mitglied der La Leche Liga Italien und selbst eine betroffene Mutter. Ihr Buch hat die Auszeichnung der "WHO/Unicef-Initiative Babyfreundliches Krankenhaus" erhalten.

Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe findest du hier: Selbsthilfevereinigung für Lippen-Gaumenfehlbildungen

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