Alles will gelernt sein

Wenn's beim Stillen hakt

Auch die natürlichste Sache der Welt will erst einmal gelernt sein. Bei fast jeder Frau treten während der Stillzeit die ein oder anderen Probleme auf, die sich mit etwas Geduld aber meist gut lösen lassen.

Autor: Gabriele Möller
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Hilfe – die Milch reicht nicht!

Baby Brust Stillen iStock NiDerLander
Foto: © ©iStockphoto.com/ NiDerLander

Nicht immer geht es beim Stillen auf Anhieb so harmonisch zu, wie die Abbildungen verträumt-glücklicher Mütter in Büchern und Elternzeitschriften manchmal suggerieren. Doch lasse dich nicht entmutigen – auch beim Stillen fallen nur wenige Meisterinnen vom Himmel.

Es sei zur Beruhigung vorausgeschickt: Nur ein wirklich sehr kleiner Teil der Frauen ist tatsächlich nicht in der Lage, das Kind ausreichend zu stillen. "Unserer Erfahrung nach sind das höchstens zwei bis drei Prozent", so Ines Hubert, Stillberaterin bei der La Leche Liga Deutschland. In den allermeisten Fällen hat der Milchmangel vorübergehende und behebbare Ursachen. Auch werden oft die Signale des eigenen Körpers oder des Kindes falsch gedeutet, obwohl die Milch reicht.

Angebot und Nachfrage

Manchmal entsteht also der Eindruck, die Milch reiche nicht, obwohl dies nicht stimmt. Zum Beispiel schreit das Kind nach dem Trinken oder die Brust fühlt sich weicher an als früher. In den ersten Wochen nach der Entbindung pendelt sich das Niveau von Angebot und Nachfrage ein, die Brust ist vielleicht weniger prall, wird weicher und oft fast wieder so wie vor der Schwangerschaft. Trotzdem reicht die Milch. Auch wenn das Kind nach dem Trinken schreit, kann dies als Hungersignal missverstanden werden. Vielleicht muss das Kind aber einfach nur Spannungen abreagieren (oft am Spätnachmittag der Fall) oder es ist müde oder langweilt sich. Allgemein gilt: Wenn das Kind gedeiht, also leuchtende Augen, eine straffe Haut und täglich etwa sechs nasse Windeln hat sowie stetig zunimmt, dann reicht die Milch eindeutig völlig aus.

Die Nachfrage regelt das Angebot

Es kann jedoch während der Stillzeit immer wieder vorkommen, dass die Milch tatsächlich für eine Weile nicht reicht. Wachstumsschübe können vorübergehend zu einem Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage führen. Dies ist zum ersten Mal oft rund um die sechste, dann um die zwölfte bis 14. Lebenswoche der Fall. Hier werden die meisten Erstlingsmütter auf eine schwierige Geduldsprobe gestellt. Anstatt nun verängstigt zuzufüttern (wie auch manche Kinderärzte vorschnell raten), sollte die Mutter das Kind vielmehr so oft anlegen, wie es Hunger hat. Wenn das Kind sich nicht von selbst häufig genug meldet (alle zwei bis drei Stunden), kann es nötig sein, es zu wecken und zusätzlich noch abzupumpen. Denn: Nur und ausschließlich die Nachfrage regelt das Angebot. Das heißt, nur wenn immer wieder der äußere Reiz des Saugens kommt, reagiert der Körper mit erhöhter Milchbildung. Eine Mutter kann ihre Milchproduktion beliebig erhöhen. Jedes Zufüttern aber lässt die Milch weniger werden.

Bei manchen Frauen dauert es nur zwei bis drei Tage, bis die Milchproduktion sich dem erhöhten Bedarf angepasst hat, es kann aber durchaus auch anderthalb Wochen dauern. Wird das Kind auch dann offensichtlich nicht satt, sollte sicherheitshalber vom Kinderarzt gewogen werden und über das Zufüttern entschieden werden. Aber wie gesagt: Nur ganz selten reicht die Milch einer Frau wirklich nicht aus.

Milchflussreflex gehemmt

Viele Frauen erleben erst nach einiger Zeit das ziehende Gefühl in der Brust, wenn der sog. Milchflussreflex einsetzt – meist einige Minuten, nachdem das Kind angefangen hat zu trinken. Kurz nach dem Ziehen strömt die Milch, manchmal sogar so stark, dass sie aus der Brust herausspritzt oder das Baby sich verschluckt. Stellt sich der Milchflussreflex gar nicht ein, kann auch dies dazu führen, dass das Kind nicht satt wird, obwohl genug Milch da ist. Die Brust gibt aber immer nur kleine Mengen ab, das überreiche Strömen fällt weg. Es besteht die Gefahr eines Milchstaus, Bakterien können die gestaute Milch infizieren, eine Brustentzündung droht.

Verwöhnen ist angesagt

Hier hilft nur eins: Nimm dir Zeit zum Stillen, entspanne und verwöhne dich ausgiebig. Der gehetzte Blick auf die Uhr ist hier ebenso ungünstig wie die laufende Glotze oder andere Ablenkungen. Vor dem Stillen kann man die Brust mit warmem Wasser waschen, cremen und sanft massieren, indem man mit der flachen (und warmen) Hand streichende Bewegungen zur Brustwarze hin macht. Auch eine wohlige Dusche oder ein warmes Fußbad können so entspannend wirken, dass die Milch zu fließen beginnt. Vor dem Stillen kann man sich ein leckeres Teechen mit Honig brauen, das während des Stillens getrunken werden kann (z.B. Stilltee aus Apotheke oder Drogerie). Beim Stillen selbst sollte man dann wirklich bequem sitzen, notfalls so viele Kissen rund um sich stopfen, bis es „passt“ und auch das Kind richtig liegt: Mehr Tipps über richtiges Anlegen.

Diäten sind tabu

Manchmal hat es eine ganz simple Ursache, wenn die Milch mal nicht reicht: Die Mutter trinkt oder isst nicht ausreichend. Je nach Alter trinkt allein das Baby bis zu knapp einem Liter täglich. Die Mutter sollte also mindestens zwei Liter pro Tag trinken. Auch die Ernährung spielt eine Rolle: Iss reichhaltig, aber nicht ungesund. Kohlehydrate (Nudeln, Brot, Kartoffeln) sind dabei wichtiger als Fett. Rauche so wenig wie möglich, trinke (besonders vor dem Stillen) keinen Alkohol.

Auch die Seele redet ein Wörtchen mit

Aber auch zwiespältige oder ablehnende Gefühle gegenüber dem Stillen (auch von Seiten des Partners!), Ängstlichkeit, Unsicherheit, zu viel Stress, seelische Spannungen oder familiäre Probleme können den Milchflussreflex blockieren. In diesem Fall sollte man nicht verzagen, sondern mit einer Stillberaterin sprechen, wie sie verschiedenen Organisationen anbieten. Auch Stillgruppen helfen, in entspannter Atmosphäre beim gemeinsamen Stillen Probleme anzusprechen und im gegenseitigen Erfahrungsaustausch zu entschärfen (Beratung und Gruppen s. Adressenteil).


Wunde Brustwarzen

"Fast immer ist das das falsche Anlegen des Kindes und das unvollständige Erfassen des Warzenhofes durch den Mund des Babies, was zu wunden Brustwarzen führt", so Ines Hubert, Stillberaterin der La Leche Liga, „richtiges Anlegen ist also das A und O beim Stillen“. Wunde Brustwarzen sind kein Grund, das Kind abzustillen. Meist löst sich das Problem mit der Zeit von selbst, wenn die Haut robuster geworden ist und man die richtige Anlegetechnik beherrscht. Einige Tropfen Johanniskrautöl (Apotheke) in der Stilleinlage lindern und beruhigen die wunde Haut. "Nach dem Stillen sollte man den Speichel des Babys mit etwas Milch rund um die Brustwarze verteilen und trocknen lassen, so bildet sich ein antiseptischer Schutzfilm", so der Tipp von Ines Hubert. Auch Lansinoh-Salbe (bei La Leche Liga erhältlich, Adresse s. Anhang) hat sich sehr gut bewährt. Sind die Schmerzen unerträglich oder kommen bereits ein paar Tropfen Blut (was dem Kind übrigens nicht schadet), kann ein Stillhütchen vorübergehend gute Hilfe leisten. "Es sollte jedoch nur eine Übergangslösung sein, weil es sonst wieder Probleme verursachen kann", warnt Hubert. Das Stillhütchen kann zu Saugverwirrung und zum Rückgang der Milch führen.

Milchstau

Einen Milchstau erkennt man an einer geröteten und sehr druckempfindlichen Stelle. Oft reicht schon eine ausgefallene Stillmahlzeit, um einen Milchstau zu verursachen. Pumpe daher Milch ab, wenn du ausgehen willst oder aus einem anderen Grund eine Stillmahlzeit ausfallen muss. Oft sind es jedoch auch Stress oder ein gestörter Milchflussreflex (s.o.), die den Abfluss der Milch hemmen. "Jetzt ist es wichtig, das Kind beim Trinken mit dem Unterkiefer an die gestaute Stelle zu legen, damit diese optimal entleert wird", rät Ines Huber. Außerdem solle die Brust an der gestauten Stelle mit flachen Händen öfters sanft ausgestrichen werden. Wichtig sei, die Brust vor dem Stillen anzuwärmen (warmer Waschlappen), nach dem Stillen dagegen zu kühlen (zerstoßenes Eis im Plastikbeutel, in ein Taschentuch eingeschlagen).

Oh Schreck, die Brust ist entzündet!

Eine beginnende Brustentzündung macht sich bemerkbar durch ein scharfes Stechen in der Brustwarze, oft kommt schnell Fieber dazu. Ines Hubert weiß aus ihrer täglichen Arbeit mit Stillenden: "Eine Brustentzündung ist meist ein Zeichen dafür, dass die Frau sich überfordert fühlt." Die Tipps der Stillberaterin: "Ruhe ist jetzt für die Mutter das Allerwichtigste. Termine sollten gestrichen, Arbeit abgegeben werden. Die Brust sollte häufig geleert werden, das Kind muss also oft angelegt werden. Vorher kann man die Brust leicht schütteln oder die Brustwarze zart kitzeln, dann fließt die Milch besser. Zusätzlich kann man sie ausstreichen. Die Mutter sollte außerdem viel trinken." Tritt trotz dieser Maßnahmen keine Besserung ein, oder fühlt sich die Mutter immer schlechter, muss sie zum Arzt. Antibiotika helfen in diesem Fall, einen eitrigen Abszess (der operativ geöffnet werden müsste) zu verhindern.

Wenn die Warzenform nicht Babys Geschmack entspricht

Hohl- oder Flachwarzen machen es dem Baby manchmal schwer, mit dem Mund eine optimale Trinkposition zu erreichen. Diese Warzenformen sind aber oft kein Grund zu verzagen. Man kann bereits während der Schwangerschaft durch Tragen eines sog. Brustschildes (Kunststoffeinlage für den BH, der im Laufe der Zeit die Warzen hervortreten lässt) oder der "Niplette" (Bezugsquellen s. Textende) die Brust so formen, dass das Stillen möglich wird.
Vor dem Stillen selbst kann man dann zusätzlich die Warzen reizen, bis sie leicht hervorstehen. Dies geht z.B. mit kaltem Wasser, Reiben mit den Händen, vorsichtigem Herausziehen der Warze oder Ansaugen mit Hilfe der Milchpumpe. Auch Stillhütchen leisten manchmal gute Hilfe, sind aber nicht optimal, weil sie den Saugreflex des Kindes stören können. Besser als ganz auf das Stillen zu verzichten ist ihre Benutzung aber natürlich allemal.

Adressen und Infos

La Leche Liga (LLL) Deutschland, Info-Hotline Tel.: 06851 / 25 24 (Vermittlung an Stillberaterinnen). Internet: www.lalecheliga.de.

Bund Deutscher Hebammen, Postfach 1724, 76006 Karlsruhe,Tel.: 0721/9 81 89-0

Bund Freiberuflicher Hebammen, Am Alten Nordkanal 9, 41748 Viersen, Tel.: 02162/35 21 49

Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen (AFS), Bornheimer Straße 100, 53119 Bonn, Bundesweite Stillhotline: 0180-5-7845536für 0,12 Euro pro Minute. Internet: www.afs-stillen.de

VELB (Verband Europäischer Laktationsberaterinnen), Gertraudsgasse 4, 970 70 Würzburg, Tel.: 09 31 / 57 34 94 (Informationen, Stillgruppen). Internet: www.stillen.org.

Bund Deutscher Laktationsberaterinnen IBCLC e.V., Elke Sporleder,Delpweg 14, 30457 Hannover, Tel.: 05 11 / 46 58 49.

Bezugsquellen

Niplette (bei Hohlwarzen): Sonne, Mond und Sterne, Mühlackerstr. 49, 75447 Diefenbach, Tel.: 070 43 / 55 56 oder Fa. Brompton GmbH, Am Buchberg 7, 82335 Berg, Telefon 0130 / 11 48 39 (gebührenfrei).

Brustschilder (Warzenformer und Milchauffang): Sonne, Mond und Sterne (s.o.), oder Ameda AG, Bösch 106, CH-6331 Hünenberg, Tel.: 042 / 38 51 38, oder Fa. Medela Medizintechnik GmbH, Sonnenstr. 7, 85764 Oberschleißheim, Tel.: 089 / 315 93 93.

Lansinoh-Salbe: La Leche Liga (LLL) Deutschland, Karin Busse, Tel.: 05 71 / 489 46. Zentralnummer und Info-Hotline LLL 06851 / 25 24.

Literatur

Hannah Lothrop: Das Stillbuch. München: Kösel 1995.

Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen (AFS) (Hrsg.): Stillen und Stillprobleme. Stuttgart: Enke 1993. Mehrere weitere Infoschriften zum Thema. (Bezug s. Adressenteil).

La Leche League International: Handbuch für die stillende Mutter. La Leche Liga 1990. Bei La Leche Liga (LLL) Deutschland, Karin Busse, Tel.: 05 71 / 489 46.

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