Bewerben für den Kita-Platz

Kita-Casting: Deutschland sucht den Krippenplatz

Bewerbungsverfahren für Betreuungsplätze? Nichts Ungewöhnliches. Aber nicht immer kommt das Kind in den Kitaplatz-Recall oder steht am Ende auf der Liste der Neuzugänge. Drei Elternpaare erzählen von ihren Erlebnissen und wie sie sich bei den Kitas beworben haben

Autor: Heike Byn
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U3-Kita-Plätze: Bedarf nicht gedeckt

Vorstellungsgespräch Kitaplatz

Die Zahl beeindruckt – auf den ersten Blick: Im März 2015 gab es laut Bericht der Bundesregierung 660.750 Betreuungsplätze für Kleinkinder in Deutschland. Seit 2006 hat sich damit die Zahl der Kita-Plätze für unter Dreijährige mehr als verdoppelt. Doch das ist immer noch zu wenig: Obwohl Eltern seit 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für unter dreijährige Kinder haben, und 41,5 Prozent von ihnen einen Platz brauchen, liegt die Betreuungsquote derzeit bei „nur" 32,3 Prozent. Bis der von der Politik versprochene Ausbau auch in den letzten Winkeln der Provinz angekommen ist, werden wohl noch ein paar Jährchen vergehen – und unzählige Eltern teilweise absurde Bewerbungsverfahren absolvieren müssen. Denn in München, Köln oder Münster sind es nicht mehr die Eltern, die sich ihre Wunsch-Kita aussuchen, sondern die Kitas suchen sich ihre Wunschkinder und Eltern. Immer mehr Einrichtungen betreiben inzwischen regelrechte Krippen-Castings, in denen Eltern und Kinder zu Vorstellungsgesprächen geladen werden. Zudem fühlen sich Paare gedrängt, immer früher einen Anmeldeantrag abzugeben.

Bewerbung um Kita-Platz mit Babybauch

So erging es auch Katharina und Hannes Bergmann* aus München: Dort ist es normal, bereits vor der Geburt eines Kindes nach einem Kita-Platz zu suchen. Das Paar füllte das offizielle Kita-Anmeldeformular aus, als Katharina im 8. Monat schwanger war und ließ sich damit online für mehrere Kitas vormerken – wie es das Münchner System für städtische und private Kitas vorsieht. Während der Antrag für die Kinderbetreuung lief, vereinbarte die inzwischen junge Mutter zudem an den offiziellen Besichtigungstagen ihrer Lieblings-Kitas persönliche Vorstellungstermine mit Erzieherinnen. „Das Ganze hat mich sehr an die seltsamen Bewerbungsgespräche für WG-Zimmer in meinem Studium erinnert, die ich etliche Male ertragen musste. Auch bei den Kitas lautete das Motto: „Hauptsache auffallen!" Katharina Bergmann stellte den Erzieherinnen möglichst interessierte, intelligente Nachfragen; bemühte sich um einen freudigen Grundton im Gespräch – und hoffte, dass Tochter Anneke beim „Casting" gut drauf ist. „Uns war klar, dass wir wie andere Eltern auch bei den begehrten Kitas irgendwo auf der Warteliste standen. Doch wo genau, hat uns keiner verraten. Vielleicht waren 100 Namen über uns, vielleicht auch nur zehn", erzählt Katharina Bergmann. Dass sie dann am Ende tatsächlich einen Platz für Anneke in einer ihrer Wunsch-Kita erhielten, glich einem Sechser im Lotto. „Was den Ausschlag gegeben hat? Ich habe keine Ahnung!", erzählt Hannes Bergmann.

Wie finde ich die richtige Kita für mein Kind? Im Video gibt Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge die Antwort:

Kita-Casting: Motivationsschreiben erwünscht

Glück hatten auch Thomas und Annette Schneider* mit ihrem kleinen Sohn Lukas. Das Kölner Paar hatte den Kleinen mit einer Anmeldung gleich optional für die drei Kitas eines wohnortnahen katholischen Pfarrverbunds ins Spiel bringen können – und sich zudem noch für die Aufnahme in einer privaten Elterninitiative beworben. Für den Antrag in der katholischen Kita reichte es aus, das Formular auszufüllen und sich danach gemeinsam mit Sohn Lukas die Einrichtung anzuschauen. „Wir haben allerdings im Antrag angegeben, sehr gerne bei der Gestaltung der Kindermesse helfen zu wollen. Zum einen, weil wir dazu wirklich Lust haben, zum anderen, weil so ein Engagement sicher auch gut bei denen ankommt, die über die Vergabe der Plätze entscheiden", erzählt Annette Schneider.

Kurzbewerbung für die Elterninitiative

Für die Elterninitiative musste das Kölner Paar einer „Kurzbewerbung" neben Angaben zum Beruf und einem Foto vom Sohn auch ein „Motivationsschreiben" hinzufügen und begründen, warum sich die beiden ausgerechnet für diese Kita entschieden haben. In Einzelgesprächen wählt die Leitung dann diejenigen Eltern und Kinder aus, die – warum auch immer – am besten ins Konzept der Elterninitiative passen. „Das schürt die Konkurrenz unter den Eltern und setzt einen unter Druck. Wer hat wohl den geeigneteren Beruf, von dem sich die Kita Vorteile beim Eigen-Engagement der Eltern erhofft?", sagt Thomas Schneider. Wie andere Paare auch empfanden die beiden die „Bewerbungsphase" und das Warten auf die Zu- oder Absage einer Kita als belastend. Hinzu kam Eifersucht der Eltern, die beim Kita-Casting leer ausgingen. „Als wir die erlösende Zusage der katholischen Kita bekamen, hat eine bekannte Mutter anschließend bei der Kirche angerufen und gefragt, warum man uns ihnen vorgezogen hat", berichtet Annette Schneider.


Kita-Anmeldetag: Auffallen um jeden Preis

Für die beiden bekennenden Buddhisten Beate und Rolf Hauser*, die in einem Dörfchen nahe Münster wohnen, kam eine kirchlich getragene Kita nicht in Frage. Zur nächsten städtischen Kita sind es 20 Minuten Autofahrt. Also blieb ihnen nur die Elterninitiative im Nachbardorf, um den einjährigen Aaron unterzubringen, während Mama und Papa das gemeinsame Grafikbüro leiten. Fünf oder sechs Plätze sollen dort im nächsten Jahr frei werden, erfuhr das Paar bei einem der Info- und Anmeldetage. Gemeinsam mit 30 anderen Eltern saßen sie dicht gedrängt in einem kleinen Raum. Alle füllten brav das Anmeldeformular aus, alle lauschten ergeben den Erklärungen der Leitung. Das Konzept klang ganz toll, Haus und Garten sahen super aus. Rolf Hauser stellte Fragen, freundlich und sehr interessiert, „weil ich dachte, dass wir unbedingt in der Masse auffallen müssen", sagt er. Er fragte auch nach den Auswahlkriterien – Alter, Geschlecht und Wohnortnähe, war die Antwort. „Na toll, wir wohnen ein Dorf weiter. Die Anmeldung konnten wir wohl gleich knicken."

Wenn es nicht klappt: Selbst eine Lösung schaffen

Resignation machte sich nicht nur bei Beate und Rolf breit, Konkurrenz tarnte sich hinter zivilisierter Höflichkeit. Für die beiden endete die Bewerbung mit der erwarteten Absage. Doch aus der Enttäuschung wuchs der Wunsch, selbst aktiv zu werden: Schon länger hatte eine gemeinsame Freundin überlegt, als Tagesmutter Kinder aufzunehmen. Ihr Haus war groß genug, der Garten riesig, das Know-how dank eines Pädagogik-Studiums und drei eigener Kinder vorhanden. Gemeinsam mit anderen befreundeten Pärchen überwand man bürokratische Hürden und organisierte die alltäglichen Abläufe. Heute geht Aaron mit drei anderen Kindern zur Tagesmutter. „Für uns eine perfekte Lösung", freut sich Rolf Hauser. Wie es weitergeht, wenn Aaron drei Jahre alt wird, ist noch unklar. Im Nachbarort soll wegen einer großen Neubausiedlung jetzt doch eine städtische Kita aufmachen. Ein Anmeldeantrag der Familie Hauser liegt bereits beim Jugendamt.

*Name von der Redaktion geändert

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