Gut gemeint und voll daneben?

Aber die Kinder lieben das!

'Aber die Kinder lieben das!' Ein entwaffnendes Argument, nicht wahr? Wenn unsere Liebsten etwas lieben, was könnte man daran auszusetzen haben? So einiges, wie Sie in unserer Glosse zum Thema Konsum und Erziehung lesen können.

Autor: Petra Fleckenstein
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Totenkopf-Monokultur auf Knaben-T-Shirts

Junge Playstation iStock ManoAfrica
Foto: © iStockphoto.com/ ManoAfrica

Vielleicht bin ich einfach unlocker, gruftig und auf alle Fälle schwer von gestern. Zumindest nach dem entfärbten Gesichtsausdruck der Dame an der Kasse zu schließen. Ich habe es gewagt, ein kritisches Wort über das derzeit angesagte T-Shirt-Design einer bei Eltern sehr beliebten Bekleidungskette zu verlieren. 20 Minuten lang hatte ich zuvor nach einem Shirt für einen zehnjährigen Jungen gesucht, auf dem weder Totenköpfe noch martialische Kampfsymbole prangen. Immerhin ein Exemplar, mit unverständlichen Buchstabenkombinationen verziert, erinnert nicht an Kampf und Krieg. An der Kasse kommt es dann zu dieser Szene. Der freundlich lächelnden Dame am Tresen gebe ich vorsichtig meiner Verwunderung über die neue Totenkopf-Monokultur auf Knaben-Bekleidung Ausdruck. Nicht nur der Gesichtsausdruck, auch der Ton meines Gegenübers erfahren eine jähe Verwandlung: „Aber die Kinder lieben das!“, schallt es schrill in den Raum. Ein entwaffnendes Argument, nicht wahr? Wenn ‚die Kinder das lieben’, was könnte man daran auszusetzen haben? Selbstverständlich gibt die Kassiererin zusätzlich zum Besten, wie gering ihr Einfluss auf die T-Shirt-Gestaltung ihres Arbeitgebers sei, um die offensichtliche Sinnlosigkeit meiner Anmerkung nochmals zu unterstreichen.

Egal, aber die Szene erinnert mich doch an etwas. Ist mir das nicht kürzlich schon einmal begegnet? Ach ja, in der Spielwarenabteilung einer großen Kaufhauskette! Erfolglos hatte ich dort nach einem Ball gesucht, der nicht das „Ich halte nur für einen Tag“-Siegel zu tragen schien und mich stattdessen in Reihen voller Elektronik-Spielzeug, Kleinkind-Game-Computer und PlayStation-Zubehör verloren. Der nächstbesten Mitarbeiterin teilte ich dann mit, dass der schleichende Schwund echter Spielsachen und dafür die Anreicherung mit blinkendem und Lärm produzierenden Elektronik-Zeugs doch wohl nicht im Sinne von Familien sein könne. Zumal wir doch alle wüssten, wie wichtig sinnliche Materialien in den Kinderzimmern seien. Entgeisterten Blickes hob die Dame zur – na, eben genau zur bereits erwähnten - Antwort an: „Aber die Kinder lieben das!“ Aha, na dann...!

Gameboy und Pommes mit Würstchen

Dieser Satz geht mir seither nicht mehr aus dem Kopf. Variationen davon sind mir auch in anderen Situationen begegnet. In einem Restaurant zum Beispiel, wo sich Kinderfreundlichkeit wie so oft darin erschöpfte, auf der Speisekarte die immer gleichen (fettigen und garantiert vitaminfreien) Kindergerichte anzubieten: Würstchen mit Pommes, Schnitzel mit Pommes und Chicken Wings mit Pommes. Sie ahnen sicher schon, welche Antwort ich auf meinen freundlich dargebrachten Hinweis erhielt, wie sehr meinen Kindern diese so genannten Kindergerichte längst zum Halse heraus hängen und dass sie zweitens ja auch ernährungsphysiologisch nicht unbedingt beispielhaft zu nennen seien: „Die meisten Kinder lieben das“. Aber nicht nur in Einkaufswelt und Gastronomie, auch im ganz privaten Gespräch mit anderen Müttern und Vätern ist mir dieser entwaffnende Satz immer wieder begegnet. „Aber er liebt das nun mal so sehr“, ließ sich zum Beispiel eine Mutter hören, die ich dezent mit der Frage konfrontierte, ob zwischen der beklagten Lese-Unlust ihres Grundschulkindes und seiner sehr bildschirmlastigen Nachmittagsbeschäftigung ein Zusammenhang bestehen könnte. Oder der Vater kürzlich, dessen Sohn auf dem Weg in den Kindergarten so in sein Gameboy-Spiel vertieft war, dass nicht einmal das rote Männchen der Fußgängerampel seine Beachtung fand. Ohne mich in fremde Erziehungsmethoden einmischen zu wollen, war mir die ketzerische Frage einfach so herausgerutscht: „Könntest Du ihm unterwegs das Gameboy-Spiel nicht einfach verbieten? Es ist doch ohnehin besser, ein wenig wahrzunehmen, was um einen herum so los ist, oder?“ Na, und? Wie lautete seine Antwort? „Aber er liebt das einfach so!“

Lenken, anregen, Vorbild sein - Fehlanzeige?

Nun will sicher niemand die Verkaufsinteressen der Spielwaren- und Bekleidungsindustrie mit der liebevollen Fürsorge von Eltern für ihren Nachwuchs vermengen. Trotzdem kann einen manchmal das Gefühl beschleichen, dass dieser scheinbar harmlose und gutmütige Satz in beiden Fällen nichts Geringeres darstellt als die gesamtgesellschaftliche Kapitulation vor der Erziehungsverantwortung – im Großen (bei der Industrie) und im Kleinen (bei den Eltern).

Nehmen wir mal das Totenköpfe-auf-Kinder-T-Shirts-Beispiel. Wen auch immer die Marktforscher da gefragt haben, meine Kinder waren jedenfalls nicht dabei. Sie bevorzugen sportliche Motive oder T-Shirts ganz ohne den gängigen Aufdruck-Schnick-Schnack. Und da sie damit sicher nicht ganz alleine stehen, dürfte es höchstens heißen: „Einige Kinder lieben das.“ Viel wichtiger aber mag doch die Frage erscheinen, wie es eigentlich kommt, dass (einige) acht- bis zehnjährige Kinder Totenköpfe auf ihrem T-Shirt zur Schau tragen wollen. Und damit verbunden, ob wir Erwachsenen, bzw. ob unsere Gesellschaft den Totenkopf-Trend mit allem, was er über die Lebenswelt unserer Kinder aussagen mag, auch noch durch eifrige Produktion und den Verkauf derart designter Kinder-Oberbekleidung unterstützen will. Oder nehmen wir Pommes mit Würstchen. Lieben wirklich alle Kinder Pommes mit Würstchen? Und wenn ja (was ich in Zweifel ziehe), woran kann das liegen und wollen wir sie eigentlich damit bis in alle Ewigkeit abspeisen? Oder es doch wagen, gegenzusteuern, zu lenken, Vorbild zu sein und ihnen als Erwachsene einen Einblick in die große Vielfalt kulinarischer Freuden jenseits fettiger Kartoffelchips ermöglichen? Ich meine, stellen Sie sich einmal vor, angeregt durch mediale Vorbilder würden unsere Kinder eine Vorliebe dafür entwickeln, sich gegenseitig lange Speere in den Bauch zu rammen, während Eltern zwar Kopf schüttelnd, aber doch entzückt das Treiben beobachten, ohne einzugreifen. Und in den Warenhäusern lägen Speere mit besonders spitzer Klinge im Regal und stünden ganz oben auf den Weihnachtswunschlisten unserer Kinder. Was hielten Sie dann von dem Argument: „Aber die Kinder lieben das“?


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