Wer sind wir?

Ahnenforschung: Meiner Familie auf der Spur

Die Erfahrungen, Taten und Charaktere ihrer Vorfahren prägen jede Familie ganz individuell. Was wir von ihnen noch in uns tragen, was uns außer Genen mit den Verwandten verbindet und was wir vom Einfluss unserer Wurzeln vielleicht auch unseren Kindern mitgeben werden, bringt die Ahnenforschung ans Licht.

von Kathrin Wittwer
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Ahnenforschung Familienfoto
Foto: © iStockphoto.com/ pappamaart

Reise in die Vergangenheit

Der kleine, geheimnisvolle Koffer sah genau so aus, wie kleine, geheimnisvolle Koffer aussehen, die in Filmen unter Einspielung dramatischer Musik zufällig auf vergessenen Dachböden gefunden werden und bei denen man sofort weiß: In dem verbirgt sich etwas ungeheuer Wichtiges. Er war braun, abgeschubbert, die Schlösser klemmten. Drinnen lebten die Vorfahren meiner Mutter. In Form von Trauscheinen, Taufscheinen, Totenscheinen, Liebestelegrammen von der Front und nostalgischen Fotos in Sepia. Als meine Großeltern mir vor sieben Jahren diesen Schatz eröffneten, wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, dass Familie viel mehr ist als Vater, Mutter, Kind, Oma und Opa. Ich begann zu ahnen, was Familie wirklich bedeutet und dass eine lange Geschichte in mir lebt. Die wollte ich unbedingt erfahren.

Wurzeln geben Halt

Genealogie heißt die Wissenschaft, die biologische Zusammenhänge ergründet und erforscht, wie ein Lebewesen vom anderen abstammt. Mit dem Begriff wird auch die Ahnen- bzw. Familiengeschichtsforschung bezeichnet, wie sie weltweit Millionen Menschen in ihrer Freizeit betreiben, um ihren Vorfahren auf die Spur zu kommen, Verwandtschaften aufzudecken und daraus Stammbäume zu erstellen. Sie ist weit mehr als ein netter Zeitvertreib oder der sportliche Ehrgeiz, Legionen von Namen mit dem eigenen zu verknüpfen. Das Grundgerüst an Daten füllt sich im Idealfall mit Geschichten, die Historie lebendig werden lassen. Mit Gesichtern, in denen wir uns selbst wiedererkennen. Mit dem Gefühl dafür, was die Familie ausmacht. „An einem Stammbaum kann man erkennen, durch welche Rahmenbedingungen, also zum Beispiel durch welche Schulbildung und Berufe, eine Familie geprägt wurde, und das kann nicht selten auch einen gewissen Einfluss auf die Ausrichtung der Nachkommen haben, ob sie zum Beispiel der Handwerkertradition der väterlichen Linie oder den Lehrerberufen der mütterlichen Seite nahe stehen“, sagt Jens Th. Kaufmann. Der Diplom-Bibliothekar und Vorsitzender des Verbandes der deutschsprachigen Berufsgenealogen betreibt seit dem Teenageralter Ahnenforschung und kann seine Familie bereits über 20 Generationen bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Er weiß also, wovon er spricht, wenn er sagt: „Man empfindet sich als Glied einer langen Kette.“ Solche Verbindungen schaffen Zusammengehörigkeit, sind wie ein Anker. Nicht für umsonst heißt es auch: Wer seine Wurzeln nicht kennt, weiß nicht, wo er hingehört. Wurzeln sind prädestiniert dafür, Halt zu geben.