Kolumne „Fröhliches Familienleben"

Chillen oder: Die hohe Kunst des Faulenzens

Von Kindern kann man einiges lernen, zum Beispiel das „Chillen". So sagt man ja heute, wenn jemand mal einfach rumhängt und nichts tut. Aber gibt es überhaupt ein Recht auf Faulheit – und dann auch noch für Mütter?

Autor: Felicitas Römer
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Was Eltern sich von Cicero und Teenagern abgucken können

chillen
Foto: © Fotolia

Von Kindern kann man ja vieles lernen. Von den Kleineren zum Beispiel, dass es problemlos möglich ist, sich die Zähne zu putzen und gleichzeitig fröhlich Seemannslieder zu schmettern und nackt auf dem Bett herumzutanzen. Mein älterer Sohn berichtet mir regelmäßig von den neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen einer schlauen Kinderzeitschrift. Und Töchterchen hält mich über modische Trends auf dem Laufenden. Naja, oder zumindest darüber, was an meinem Outfit echt out ist.

Am dankbarsten bin ich meinen Kindern aber dafür, dass sie mir kürzlich das Chillen beigebracht haben. Oder besser gesagt: wieder beigebracht. Denn ich konnte das ja schon mal. Damals hieß es allerdings noch „faul rumhängen“. Ich war etwa 14, lag stundenlang auf meinem Bett herum und starrte an die Decke. Kurzum: Ich tat nichts. Meine Eltern ließen mich. Und das war gut so.

Felicitas Roemer

Felicitas Römer

Als mein Sohn letztens einige Stunden nahezu reglos auf dem Sofa herumlümmelte, rutschte mir zu meinem Entsetzen die oberspießige Frage heraus: „Musst du nicht mal langsam etwas tun?“ Die lässige Antwort kam prompt: „Ich tue was, Mama, ich chille!“ Je länger der Kerl allerdings relaxte, desto nervöser wurde ich. Schließlich war noch das Zimmer aufzuräumen, Vokabeln zu lernen, der Ranzen zu packen… Söhnchen blieb gelassen: „Das schaffe ich noch locker.“ Gestresst war hier offensichtlich mal wieder nur eine, nämlich ich.

Umgekehrt gehe ich wohl manchmal meinen Kindern mit meiner Geschäftigkeit gehörig auf den Keks: „Nie kannst du stillsitzen! Immer musst du irgendwas wegräumen!“ Meine Tochter schüttelte ungläubig den Kopf. „Mama, nu’ chill doch ma’n bisschen!“ Sie hatte Recht. Wann hatte ich das letzte Mal einfach nur dagesessen und gar nichts getan? Ich konnte mich nicht erinnern.

Gibt es ein Recht auf Faulheit?

Mein mütterliches Selbstverständnis geriet für einen Moment aus dem Gleichgewicht: Wie, alles stehen lassen und selber wie ein Teeni gammeln? Kann ich mir das leisten? Verkommt nicht innerhalb von drei Stunden mein Haushalt bis zur Unkenntlichkeit? Kann ich dann im Job überhaupt noch bestehen? Und überhaupt: Wenn ich erst mal mit dem Chillen anfange, höre ich vielleicht damit nie wieder auf und bleibe bis zum Ende meiner Tage auf der Ledersitzgarnitur hängen? Was dann?

„Na gut“, dachte ich trotzig, „ein bisschen ausruhen kann ja nicht schaden.“ Und ließ das Staubsaugerrohr auf den Boden und mich in meinen Oma-Sessel fallen. Nach zweieinhalb endlosen Minuten wollte ich wieder aufspringen, meine Kinder fanden das aber voll uncool und so zwang ich mich, noch ein wenig auszuharren. Mein Blick streifte das Bücherregal, das geradezu verzweifelt nach einem Staublappen zu rufen schien. Ich widerstand dieser Versuchung und schloss die Augen.

Ich seufzte. Gar nicht so einfach, mal nichts zu tun, wenn man sich an den hektischen alltäglichen Multitasking-Aktionismus so gewöhnt hat wie ich. Urplötzlich beschlichen mich revolutionäre Fragen geradezu philosophischen Ausmaßes: Gibt es ein Recht auf Faulheit? Gilt das etwa auch für Mütter? Und Selbstständige? Darf ich den Kaffeefleck auf dem Tisch eintrocknen und die Drecksocken warten lassen, bis ich gründlich ausgechillt habe?

Doch nicht nur meine Kinder hängen gerne ab, auch beruflich erfolgreiche und gestandene Menschen wie die Psychoanalytikerin Ursula Kreuzer-Haustein schätzen die hohe Kunst des Müßiggangs. Warum so viele Menschen nicht stillsitzen können? Ganz einfach: „Rastlose Tätigkeit dient nicht selten dazu, unterschwellige seelische Konflikte zu überdecken. Viele überaktive Menschen sind von ihrer Grundstruktur her ängstlich. Sie fürchten unbewusst, dass sie bei mehr Ruhe diese Angst oder gar eine depressive Struktur in sich entdecken könnten.“

Als ich diese Sätze in der „Zeit“ las, wurde ich neugierig. Nun übe ich das Nichtstun regelmäßig. Mindestens einmal täglich pflanze ich mich in meinen ultragemütlichen Ikea-Drehstuhl, schaue aus dem Fenster und warte, was geschieht. Innendrin. Manchmal denke ich über wichtige Dinge nach, z. B. wann der Mülleimer geleert werden muss und dass ich den Zahnarzttermin noch umlegen muss. Gelegentlich hauchen mich auch belanglosere Themen an, wie: „Wie geht es mir eigentlich?“, „Ist das das Leben, das ich immer wollte?“ oder „Fehlt mir etwas zum Glück?“. Einmal wagte ich sogar den Gedankengang, wie mein Leben wohl aussähe, wenn ich mich damals gegen Kinder entschieden hätte.

Depressionen sind mir in meinem Sesselchen glücklicherweise nicht begegnet. Ein paar kleinere Ängste allerdings schon. Müdigkeit macht sich manchmal breit, und oft auch Erschöpfung. Gelegentlich stellt sich ein fettes Zufriedenheitsgefühl ein. Und ab und zu finde ich auch ein Quäntchen innere Ruhe.

„Der ist kein freier Mensch, der sich nicht auch einmal dem Nichtstun hingeben kann“, sagte schon Cicero. Die Kunst des Nichtstuns besteht wahrscheinlich darin, es auszuhalten, sich selbst zu begegnen. Meine Kinder können das offensichtlich ziemlich perfekt. Lebte der römische Philosoph heute noch, riefe er uns Eltern wohl zu: „Nu’ bleibt ma’ chillig, ey!“ Lieber Cicero, ich arbeite daran.

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