Selten ein Herz und eine Seele

Eifersucht unter Geschwistern

Wenn beim Nachwuchs die Fetzen fliegen, ist das oft ein Zeichen für Eifersucht. Können Eltern etwas gegen die Eifersucht und die Rivalität zwischen Geschwistern unternehmen? Wir zeigen, welche Strategien zu mehr Familienfrieden verhelfen können.

Autor: Gabriele Möller
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"Wir haben unsere Kinder doch gleich lieb!"

Mädchen Eifersucht Bruder
Foto: © panthermedia.net/ Tatiana Gladskikh

"Bei uns ist den lieben langen Nachmittag Geschrei im Kinderzimmer. Ich begreife nicht, warum Pascal (7) sich ständig mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Noel streitet. Schließlich behandeln wir die Jungs gerecht und haben sie auch gleich lieb!", klagt deren Mutter Martina. Wenn Geschwisterkinder lautstark zanken, sitzt aber auch sie fast immer mit im Boot: die Eifersucht. Denn bei den Scharmützeln im Kinderzimmer geht es nicht nur um den begehrten Bagger oder wer wen zuerst beim Versteckspiel suchen muss. Zugleich geht es auch um die Aufmerksamkeit der Eltern und um den eigenen Platz in der Familienhierarchie. Psychologen wundert der Dauerzank deshalb gar nicht: "Wenn wir vermuten, dass andere Menschen mit uns um unsere Beziehung konkurrieren, geraten wir in Alarmbereitschaft", erklärt dazu Prof. Manfred Schmitt, Psychologe an der Universität Koblenz Landau.

Geschwister: Eifersucht blüht oft im Verborgenen

Ist ein Baby angekommen, ist die Eifersucht des älteren Kindes anfangs oft noch nicht so offensichtlich. "Unser Anderthalbjähriger ist wirklich liebevoll zu seiner kleinen Schwester. Er freut sich immer, beim Wickeln zuzuschauen, er gibt ihr Küsschen, streichelt sie. Allerdings haben wir ziemlich Schlafprobleme mit ihm", erzählt eine Mutter in einem Onlineforum und fragt: "Könnte es sein, dass er doch eifersüchtig ist? Die Kleine schläft mit bei uns im Bett. Der Große wird immer nach kurzer Zeit wach und möchte auch zu uns ins Bett. Aber auch, wenn wir das erlauben, schlägt er manchmal plötzlich nach mir und schreit hysterisch."

Zwar kann ein Kind auch vom ersten Tag an offen eifersüchtig aufs Baby sein, es  kneifen oder abfällig reden ("Das Baby ist blöd! Wann gebt ihr es zurück ins Krankenhaus?"). Doch oft agiert es das nagende Gefühl auch auf einem Nebenkriegsschauplatz aus: Es vergewissert sich über "schwieriges" Verhalten, dass Mutter und Vater es noch lieb haben. Manchmal äußert sich die Verunsicherung noch versteckter: in Kopf- oder Bauchweh.

Was löst die Eifersucht aus?

Manchmal möchte ein Kind aber auch wieder so umsorgt sein wie das Baby. "Mein Sohn (2,5) ist seit fünf Monaten großer Bruder. Auf einmal will er auch Baby sein: kein  Töpfchen mehr, sondern die Windel, sich nicht allein anziehen, gefüttert werden, übertriebenes 'Aua'-Geschrei, wenn ich etwas verbiete", berichtet eine Userin.

Spätestens, wenn das Baby krabbelt oder läuft, es dem älteren Kind also im wahrsten Wortsinn in die Quere kommt, tritt die Eifersucht meist offener zutage: "Unser Sechsjähriger war auf seinen Babybruder nie eifersüchtig. Doch seit der läuft, wird es immer schlimmer. Er lässt den Kleinen nicht in sein Zimmer, er möchte nicht am Tisch neben ihm sitzen und ignoriert ihn, wenn er mit ihm spielen will. Das macht mich traurig, denn sein Bruder mag ihn total und freut sich über jede Kontaktaufnahme", berichtet eine andere Forumsmutter.

Eifersucht: Geschwister und der Altersabstand

Anfangs ist Eifersucht also überwiegend beim älteren Kind spürbar. Doch je älter die Kinder werden, desto mehr Rivalität fühlt auch das jüngere. Hat aber auch der Altersabstand Einfluss auf die Eifersucht? Zwar gilt: Ist der Altersunterschied gering, ist die Rivalität groß, weil beide sich in ihren Lebensbereichen (Fähigkeiten, Spielvorlieben) stark überschneiden. Doch ist der Abstand groß, hatte das ältere Kind die Eltern lange für sich allein. Hier ist der "Entthronungs-Effekt" stärker. Wie stark die Eifersucht ausfällt, hängt auch stark von der Persönlichkeit eines Kindes ab.

Gleichgeschlechtliche Geschwister: viel Zündstoff

"Pauline und Sophia (12 und 8) gönnen sich nicht das Schwarze unterm Nagel. Sie zanken erbittert um die kleinsten Dinge: wem der herumliegende Buntstift gehört, oder wer wie viele Minuten mit dem Nintendo spielen darf", klagt Mutter Dorothee. "Schwestern kennen wechselseitig ihre wunden Punkte so genau wie niemand anderes", erklärt Familienforscher Prof. Hartmut Kasten von der Ludwig-Maximilian-Universität. Doch auch zwischen Jungen geht es oft nicht friedlicher zu. Denn Jungen, weiß die Geschlechterforschung, agieren ihre Gefühle stärker über die Motorik aus: Sie gehen einander öfter körperlich an, und sie neigen zu Wettkampfverhalten, wollen wissen, wer stärker oder schneller ist.

Muss ich mich einmischen? Was soll ich tun, wenn meine Kinder ständig streiten? Diese Frage beantwortet Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge in diesem Video:

Konkurrenz macht erfinderisch

Der Dauerzoff auf dem Spielteppich hat aber auch gute Seiten: "Eifersucht ist ein Warnsignal wie Angst oder Schmerz, das uns wachrüttelt und Energie freisetzt, damit wir den Kampf aufnehmen und unsere Ziele doch noch erreichen", betont Prof. Schmitt. Eifersucht spornt an, sich Mühe zu geben, etwas zu schaffen, sich zu behaupten. Vor allem die Eifersucht auf ein jüngeres Geschwister aber hat eine weitere Funktion: "Es ist ja ein natürlicher Zustand, dass ältere Kinder sich ein Stück von der Mutter lösen müssen. Diese Loslösung bekommt durch ein weiteres Kind einen zusätzlichen Anstoß", erklärt Kinderarzt Dr. med. Rüdiger Posth in seinem Onlineforum. "Sicherlich gibt es Konflikte, wenn die Mutter durch das Baby etwas blockiert ist. Aber gerade diese Momente sind für das ältere Kind auch eine wichtige Erfahrung: dass die Bindung mit der Mutter in dieser Ausschließlichkeit kein Dauerzustand ist." 

Was die Eifersucht lindert

Wird ein Baby geboren, können Eltern das ältere Kind bei der Pflege mithelfen lassen. Weil Mutter oder Vater stark durch das Baby beansprucht sind, sollte der andere Elternteil sich immer wieder einmal Extrazeit für das größere Kind nehmen, damit es sich neben dem Baby noch gesehen fühlt. Möchte ein Kleinkind nochmal die Brust oder eine  Flasche probieren, raten Psychologen dazu, dies zu erlauben, weil der Wunsch dadurch rasch an Reiz verliert. Für einen Rückfall beim Sauberwerden darf ein Kind nicht getadelt werden, denn der passiert ihm ganz von selbst.

Wenn ihre Kinder streiten, müssen Eltern nicht immer aktiv werden. Weil Zank oft darauf abzielt, die Aufmerksamkeit der Erwachsenen zu gewinnen, darf man offensichtliche "Schaukämpfe" auch mal ignorieren. Auch aufs Petzen von Kleinigkeiten kann man betont desinteressiert reagieren. Eingreifen müssen Eltern, wenn einer der Streithähne die Unterlegenheit des anderen ausnutzt: um ihm sein Lieblingsspielzeug wegzunehmen oder ein mühsam errichtetes Bauwerk zu zerstören. Und natürlich immer, wenn die Kinder einander körperlich weh tun.

Neutralität sichert den Frieden

Dabei ist es verführerisch, das schwächere Kind in Schutz zu nehmen und mit dem älteren zu schimpfen. Doch Parteinahme heizt die Eifersucht an. "Mein Sohn (4) hat gestern seine kleine Schwester (4 Monate) mit ihrer Babyrassel auf den Kopf geschlagen, dass sie weinte. Ich stieß ihn weg, klapste ihm dabei auf die Schulter, und er weinte auch. Das tut mir jetzt leid, aber ich wollte ihn einfach nur rasch von ihr weg bekommen", erzählt eine Forumsmutter. "Dann sagte ich, dass er sich bei der Kleinen entschuldigen soll. Da holte er einen Schuh aus dem Flur und schlug damit nochmal nach ihr." Besser ist es in so einer Situation, neutral zu bleiben. Eltern können sich zum Kind hocken und sagen: "Bei uns wird nicht geschlagen!" Gleiches gilt natürlich, wenn sich beide gegenseitig weh getan haben. Gekapertes Spielzeug bekommt der Besitzer zurück, ein zerstörter Bauklotzturm wird mit dem Verursacher gemeinsam wieder aufgebaut.

Jedem Kind sein kleines Universum

Was Eifersucht auch lindert: jedem Kind eigene Bereiche zu verschaffen. "Kinder wollen als Individuen einen Platz und eine Bindung an die Eltern finden. Das gelingt, indem sie sich von ihren Geschwistern unterscheiden", erläutert Psychologe Jürg Frick von der Pädagogischen Hochschule Zürich. Geschwister müssen dafür nicht unbedingt ein eigenes Zimmer haben. Wichtiger ist, dass sie eigene Freunde haben und ihre ganz persönlichen Lieblingsbeschäftigungen finden: Das musikalische Kind kann ein  Instrument lernen, das Kind, das sich lieber körperlich ausagiert, einem Sportverein beitreten. Sind die Interessen ähnlich, sollte nicht unbedingt dasselbe Hobby gewählt werden. 

Vergleiche sind tabu

Fast alle Geschwister lieben sich trotz Eifersüchteleien: Sie halten auch mal gegen die Eltern zusammen oder trösten sich gegenseitig. Kommt dies jedoch nie vor oder wirken die Streitereien sehr erbittert, könnte es sein, dass sich ein Kind in Sachen Elternliebe dauerhaft zu kurz gekommen fühlt. "Eltern sollten versuchen, kein Kind zu bevorzugen und die Kinder nicht untereinander zu vergleichen, um die Rivalität nicht anzuheizen", betont Prof. Frick dazu. Sätze wie: "Wenn ich sehe, wie vernünftig deine Schwester schon ist - und du kriegst immer noch alles kaputt!", sollte man sich also verkneifen, und sein Kind auch nicht auffordern, das Brüderchen oder Schwesterchen lieb zu haben. Das macht Schuldgefühle, wenn man gerade gar keine Liebe empfinden kann. Und wenn ein Kind etwas Böses über das andere sagt, können die Altvorderen dies auch mal getrost überhören. 


Buchtipps

Bücher für Eltern:

  • Jürg Frick:
    "Ich mag dich - du nervst mich! - Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben",
    Hans Huber Verlag (2009), ISBN-13: 9783456847047.

  • Christine Kaniak-Urban, Andrea Lex-Kachel, Johanna Ruebel:
    "Wenn Geschwister streiten: Lösungswege, die funktionieren",
    Kösel Verlag (2005), ISBN-13: 978-3466306954.

Für Kinder:

  • Bärbel Spathelf, Susanne Szesny:
    "Die kleinen Streithammel",
    Verlag Albarello (2002), ISBN-13: 978-3930299621

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