Von den Tücken der Zeit

Eltern: Gefangen in der Zeitschleife

Mit Kind entdeckt man die Welt neu, sagt man so schön. Für urbia-Autorin Kathrin Wittwer heißt das konkret: Ihre Familie steckt in einem Paralleluniversum zwischen gestern und heute fest, in dem die Zeitmessung, wie die restliche Welt sie kennt, schlichtweg keine Rolle mehr spielt.

Autor: Kathrin Wittwer
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Das Zeitalter des Kindes

Mutter Tochter sprechen
Foto: © iStockphoto.com, track5

Wir befinden uns aktuell im Jahr 4 n.K., unserer familieneigenen Zeitrechnung „nach Kind“. Seit dem Ende meines Lebens v.K. bin ich nervlich um gefühlt zwei Jahrzehnte gealtert, habe mir ein wachsendes Polster an Schlafdefiziten sowie ein ansehnliches Paar Augenringe zugelegt und bin von Pickel- auf Anti-Faltencreme umgestiegen. Klar, mit Kind „geht das Leben andersrum“, bekommt man ja oft genug gesagt. Aber dass dadurch auch die Zeitmessung, die man brav verinnerlicht hat, von einem Tag auf den anderen bedeutungslos wird, davor hatte mich niemand gewarnt. Sekunden spielen für mich überhaupt keine Rolle mehr. Wer hat als Mutter schon Verwendung für so minimale Zeiteinheiten? Auch Minuten kommen mir höchstens in angehäuften Mengen zupasse. Von kostbaren Stunden hingegen kann ich kaum genug bekommen. Zeit totschlagen ist eine Kunst, die sich aus meinem Leben sang- und klanglos verabschiedet hat. Stattdessen renne ich ihr offenbar permanent hinterher, der Zeit, und krieg sie einfach nicht zu fassen, geschweige denn gebändigt.

Die Zeit: Ein unzuverlässiger Zeitgenosse

„Die Zeit kann fast überhaupt nichts, die Zeit kann nur vergehn“, singt mein Lieblingsliedermacher Funny van Dannen. Das tut sie in der Tat – und ist dabei selten gewillt, sich den besonderen Bedürfnissen einer Familie anzupassen. „Verweile doch, du bist so schön“, denkt man sich in Momenten, in denen das Baby ausnahmsweise mal nicht schreit. Doch die tückische Zeit bleibt lieber mitten im allabendlichen Brüllkonzert stehen. „Ewig“ bekommt da eine völlig neue Dimension im eigenen Zeitempfinden. Simple Aktivitäten wie Zähneputzen oder Schuhe anziehen dauern plötzlich unendlich lange. Verschnaufpausen wiederum erreichen nicht einmal mehr die Länge von Kurznachrichten. Die Schicht für Bügelwäsche verschiebt ihren Einsatz einfach immer nur in die nächste Woche. Wer wie die Zeit zwischen "vergeht wie im Fluge" und "reicht niemals aus“ (Haushalt, Arbeit, Freizeit, Schlafen) und „dehnt sich wie Kaugummi in die Länge“ (Papa macht Überstunden und kommt einfach nicht heim, um auch mal die Kinderbetreuung zu übernehmen) nach Lust und Laune hin und her springt, ist einer professionellen Familienmanagerin einfach keine Hilfe. „Nicht teamfähig“ würde solch unzuverlässiges Verhalten auf dem Arbeitsmarkt heißen und der Zeit jede Chance auf einen ordentlichen Job verbauen. Ziel- und Orientierungsgespräche haben in unserem Haushalt leider bisher wenig Erfolg gebracht – die Zeit macht, was sie will und lässt mir nur die trostlose Grundeinsicht: Während Erwachsene am liebsten den Turbo einschalten wollen, richten sich Kinder bequem im Schneckentempo ein.

Meine Tochter ist zum Beispiel Meisterin in der Disziplin „Frühstückszeit verbummeln.“ Mir ist vollkommen unklar, wie sie eine halbe Stunde lang vor einem Schüsselchen Haferflocken sitzen und den Anschein geben kann, eifrig zu löffeln, ohne dass besagtes Schüsselchen am Ende wirklich leerer wäre. Der Antwort auf die Frage: ‚Was macht das Kind nur mit all der Zeit?!‘ bin ich trotz pflichtmäßigen Beiwohnens aller Mahlzeiten noch nicht auf die Schliche gekommen. Mit den verbalen Beschleunigern aus dem klassischen Dränglerrepertoire – „mach schneller“, „jetzt beeil dich mal“, „wir müssen gleich los“ – geht mein Kind ähnlich entspannt um wie ein Südländer mit roten Ampeln: Sie haben lediglich einen empfehlenden Charakter und gelten mitnichten als ernstzunehmende Vorschrift. Wochentagsfrühstücke enden deshalb mit Blick auf nahende Kita- und Arbeitsstarts oft mit einem Abbruch der simulierten Schaufelaktivitäten, während Wochenendfrühstücke gern dazu tendieren, relativ nahtlos ins Mittagessen überzugehen. Und damit nach Ansicht meiner Tochter im Prinzip schon in den nächsten Tag.

Wenn morgen immer heute ist

Seit einigen Wochen spielt unser Leben immer zwischen gestern und heute Ping Pong. Das sind aktuell die drei einzigen Zeitbegriffe, mit denen mein Kind etwas anfangen kann – nach ihrer individuellen Definition.

Immer

Alles, was einmal passiert, passiert nach dem Verständnis meiner Tochter immer. „Das ist immer mein Lieblingsessen“, behauptet das Kind nach dem ersten Bissen eines für sie neuen Gerichts, um nach dem zweiten sofort zu verkünden: „Das schmeckt mir immer gar nicht.“ Die zwingende Logik des „Einmal ist immer“-Konzepts umfasst leider auch die Vorstellung, wer einmal Geburtstag hatte, hat immer Geburtstag. Seit das Kind diese Entdeckung gemacht hat, fühle ich mich wie Alice im Wunderland, die mit dem verrückten Hutmacher immer Nicht-Geburtstag feiern muss. Und zwar immer heute.

Heute

Wer immer Geburtstag hat, hat natürlich auch heute Geburtstag. Deshalb hat bei uns jeden Tag irgendwer Geburtstag, vorzugsweise mein Kind. Das Fatale an der Sache: In unserem Leben gibt es kein morgen, denn alles, was irgendwann zukünftig mal passieren soll, hat mein Kind praktischerweise auf heute gelegt. Dahinter steht eine sicher durchaus beneidenswerte Philosophie, ein Leben stets ganz im Hier und Jetzt. Aber so sehr ich solche Lebensfreude bewundere – gefangen in der Zeitschleife stehe ich kurz vorm Orientierungsverlust. Vor allem, wenn auch noch das Gestern ins Spiel kommt.

Gestern

Gestern bezeichnet bei uns alles, was jemals in der Vergangenheit stattgefunden hat. Deshalb war mein Kind, nach ihrem Alter befragt, immer gestern noch zwei und ist erst heute drei, obwohl ihr wahrer Geburtstag, dessen Datum in den Wirren der Zeit langsam verblasst, mittlerweile schon Monate zurückliegt. Die Zäsur zwischen gestern und heute bildet dabei nicht die langweilige Nacht, sondern der Mittagschlaf. So fängt heute nämlich immer noch früher an und wir können auch am Nachmittag immer wieder ganz neu heute Geburtstag feiern.

Während mein Kind durch ihre innovative Tagesteilung per Mittagschlaf quasi zwei Tage an einem erlebt, macht es mir diese radikale Einsparkur an Tageszeit auch nicht leichter, mein Pensum zu bewältigen. Außerdem verlangt diese eigenwillige Zeitrechnung enorme Konzentration beim Abgeben von Versprechen, denn einmal versprochen gilt quasi bis in alle Ewigkeit: Weil ja jeder in der Vergangenheit liegende Tag immer gestern war und morgen immer heute ist, haben wir auch jedes mit den Worten „Morgen machen wir“ beginnende Versprechen immer gestern abgegeben und müssen es immer heute einlösen. Habe ich also vor Wochen mal gesagt: „Morgen gehen wir in den Zoo“, kann mich das Kind jederzeit darauf festnageln, dass ich gestern gesagt hab, wir würden heute Tiere schauen gehen. Inzwischen ist das Kind das einzige Familienmitglied, das da noch den Überblick behält und dies, wie ich misstrauisch vermute, ausschließlich zu ihrem Vorteil ausnutzt.

Alles zu seiner Zeit

Von der Einführung von „Woche“, „Monat“ oder gar „Jahr“ sind wir angesichts dieser Konstellationen noch Lichtjahre entfernt. Das bedeutende Thema „Gutes Timing ist alles“ beherrscht mein Kind hingegen aus dem Effeff: Sie hat das treffsichere Gespür für den besten Moment, um mich komplett aus der Fassung zu bringen. So lässt sie sich geduldig in alle Zwiebelschichten warmer Winterkleidung einmummeln, um dann beim Anziehen des zweiten Handschuhs und meiner „Dann können wir ja los“-Ansage ein gewichtiges Veto einzulegen: „Ich muss aber mal pullern.“ Warum konnte sie das nicht früher sagen? „Du hast nicht gefragt.“ Ich zähle beim Wiederauspellen langsam bis zehn, um meinen rasenden Puls runterzuregeln. Was weiß die Maus denn auch schon davon, dass mir die Zeit im Nacken sitzt, weil ich mal wieder zu spät aufgebrochen bin und nun unruhig auf die Uhr schiele, weil der Berufsverkehr in der Stadt ein pünktliches Erscheinen beim Zahnarzt schon fast unmöglich macht? Heimlich beneide ich sie ja um ihren unbekümmerten Umgang mit der Zeit. Noch hat sie zu ihrem Glück kein Gefühl für fragwürdige Zivilisationstugenden wie Pünktlichkeit, Schnelligkeit und Effizienz, die aus dem modernen Alltag eine ungesunde Hetzerei gemacht haben. Deren Antreiber sind überall präsent und haben leider auch mich voll im Griff: Obwohl ich Hektik eigentlich nicht mag, schalte ich automatisch einen Gang höher, wenn der Wecker klingelt, die Mails plingen oder das Telefon zur Arbeit ruft. „Mama“, ermahnt das Kind mich dann oft in einem „Du wirst schon wieder nervig“-Ton zur Ruhe. Und jedes Mal nehme ich mir fest vor, zukünftig nicht gleich jeden Entschleunigungsversuch im Keim zu ersticken. Stattdessen möchte ich viel lieber in den angenehm zeitlosen Kosmos meiner Tochter eintauchen und entspannt in ihrem Orbit kreisen. Gleich morgen fange ich bestimmt damit an!

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