Von den Tücken der Zeit
Eltern: Gefangen in der Zeitschleife
Mit Kind entdeckt man die Welt neu, sagt man so schön. Für urbia-Autorin Kathrin Wittwer heißt das konkret: Ihre Familie steckt in einem Paralleluniversum zwischen gestern und heute fest, in dem die Zeitmessung, wie die restliche Welt sie kennt, schlichtweg keine Rolle mehr spielt.
Das Zeitalter des Kindes
Wir befinden uns aktuell im Jahr 4 n.K., unserer familieneigenen Zeitrechnung „nach Kind“. Seit dem Ende meines Lebens v.K. bin ich nervlich um gefühlt zwei Jahrzehnte gealtert, habe mir ein wachsendes Polster an Schlafdefiziten sowie ein ansehnliches Paar Augenringe zugelegt und bin von Pickel- auf Anti-Faltencreme umgestiegen. Klar, mit Kind „geht das Leben andersrum“, bekommt man ja oft genug gesagt. Aber dass dadurch auch die Zeitmessung, die man brav verinnerlicht hat, von einem Tag auf den anderen bedeutungslos wird, davor hatte mich niemand gewarnt. Sekunden spielen für mich überhaupt keine Rolle mehr. Wer hat als Mutter schon Verwendung für so minimale Zeiteinheiten? Auch Minuten kommen mir höchstens in angehäuften Mengen zupasse. Von kostbaren Stunden hingegen kann ich kaum genug bekommen. Zeit totschlagen ist eine Kunst, die sich aus meinem Leben sang- und klanglos verabschiedet hat. Stattdessen renne ich ihr offenbar permanent hinterher, der Zeit, und krieg sie einfach nicht zu fassen, geschweige denn gebändigt.
Die Zeit: Ein unzuverlässiger Zeitgenosse
„Die Zeit kann fast überhaupt nichts, die Zeit kann nur vergehn“, singt mein Lieblingsliedermacher Funny van Dannen. Das tut sie in der Tat – und ist dabei selten gewillt, sich den besonderen Bedürfnissen einer Familie anzupassen. „Verweile doch, du bist so schön“, denkt man sich in Momenten, in denen das Baby ausnahmsweise mal nicht schreit. Doch die tückische Zeit bleibt lieber mitten im allabendlichen Brüllkonzert stehen. „Ewig“ bekommt da eine völlig neue Dimension im eigenen Zeitempfinden. Simple Aktivitäten wie Zähneputzen oder Schuhe anziehen dauern plötzlich unendlich lange. Verschnaufpausen wiederum erreichen nicht einmal mehr die Länge von Kurznachrichten. Die Schicht für Bügelwäsche verschiebt ihren Einsatz einfach immer nur in die nächste Woche. Wer wie die Zeit zwischen "vergeht wie im Fluge" und "reicht niemals aus“ (Haushalt, Arbeit, Freizeit, Schlafen) und „dehnt sich wie Kaugummi in die Länge“ (Papa macht Überstunden und kommt einfach nicht heim, um auch mal die Kinderbetreuung zu übernehmen) nach Lust und Laune hin und her springt, ist einer professionellen Familienmanagerin einfach keine Hilfe. „Nicht teamfähig“ würde solch unzuverlässiges Verhalten auf dem Arbeitsmarkt heißen und der Zeit jede Chance auf einen ordentlichen Job verbauen. Ziel- und Orientierungsgespräche haben in unserem Haushalt leider bisher wenig Erfolg gebracht – die Zeit macht, was sie will und lässt mir nur die trostlose Grundeinsicht: Während Erwachsene am liebsten den Turbo einschalten wollen, richten sich Kinder bequem im Schneckentempo ein.
Meine Tochter ist zum Beispiel Meisterin in der Disziplin „Frühstückszeit verbummeln.“ Mir ist vollkommen unklar, wie sie eine halbe Stunde lang vor einem Schüsselchen Haferflocken sitzen und den Anschein geben kann, eifrig zu löffeln, ohne dass besagtes Schüsselchen am Ende wirklich leerer wäre. Der Antwort auf die Frage: ‚Was macht das Kind nur mit all der Zeit?!‘ bin ich trotz pflichtmäßigen Beiwohnens aller Mahlzeiten noch nicht auf die Schliche gekommen. Mit den verbalen Beschleunigern aus dem klassischen Dränglerrepertoire – „mach schneller“, „jetzt beeil dich mal“, „wir müssen gleich los“ – geht mein Kind ähnlich entspannt um wie ein Südländer mit roten Ampeln: Sie haben lediglich einen empfehlenden Charakter und gelten mitnichten als ernstzunehmende Vorschrift. Wochentagsfrühstücke enden deshalb mit Blick auf nahende Kita- und Arbeitsstarts oft mit einem Abbruch der simulierten Schaufelaktivitäten, während Wochenendfrühstücke gern dazu tendieren, relativ nahtlos ins Mittagessen überzugehen. Und damit nach Ansicht meiner Tochter im Prinzip schon in den nächsten Tag.

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