Gelassene Eltern, glückliche Kinder, zufriedene Familien
Achtsamkeit in der Erziehung
Erziehungstipps holen sich Eltern in der Regel von Pädagogen oder Psychologen. Doch auch aus unerwarteten Ecken kommen Inspirationen für einen liebevolleren Familienalltag: So kann die buddhistische Praxis der Achtsamkeit das Leben mit Kindern deutlich harmonischer gestalten und alle sehr bereichern.
Wann habe ich mich mit meinem Kind gefreut?
"Wenn Sie soweit sind“, sagt die angenehm ruhige Stimme von CD, „können Sie sich darauf einstellen, vor Ihrem inneren Auge oder Ihrem inneren Gefühl eine Situation auftauchen zu lassen, wo Sie sich entweder mit einem Kind gefreut haben, das heißt, gemeinsam eine freudige Situation erlebt haben, oder sich über etwas gefreut haben, was Sie bei einem Kind beobachtet haben.“ Die Anweisung, mich nicht anzustrengen, um dieses Bild herbei zu holen, sondern mir Zeit zu lassen, kommt zu spät: Mein Hirn ist längst in Aufruhr. Da fällt mir so schnell nichts sein, jammert es, und statt nachzudenken, bietet es mir panisch an, aufzulisten, wie oft ich mich in den letzten Tagen über mein Kind geärgert habe – das hätte es sofort parat. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so sehr über mich selbst erschrocken war.
Eine Frage der Stimmung
„So eine Reaktion ist ganz normal“, beschwichtigt Lienhard Valentin. Der Gestaltpädagoge, Elternberater und Gründer des Vereins „Mit Kindern wachsen“ ist Autor und Stimme der CD „Achtsame Eltern – glückliche Kinder“, die mir diesen Schreck verpasst hat. „Um zu überleben, mussten unsere Vorfahren ständig auf der Hut sein“ – und das ist noch heute tief in unseren Hirnwindungen eingegraben. „Von daher richten auch wir unsere Aufmerksamkeit vor allem auf das, was nicht stimmt, was bedrohlich sein könnte. Wie der Neuropsychologe Rick Hanson sagt, ist unser Gehirn für negative Erfahrungen wie Kreppband, an dem alles hängen bleibt, und für positive wie Teflon, an dem vieles abrutscht.“ Dass das moderne Leben unglaublich rasant verläuft, hilft nicht gerade, solche unguten Programmierungen auszugleichen: „Die Reaktion auf eine Situation hängt immer von unserer Stimmung ab“, erklärt Valentin. „Wenn es mir gut geht, ich ausgeschlafen bin, reagiere ich auf die gleiche Situation vollkommen anders, als wenn ich müde bin und schlechte Laune habe. Wenn die eigene Tasse ständig leer ist, haben wir auch nichts auszuschenken“. Deshalb reagieren wir im stressigen Alltag nicht selten aus Überforderung auf unsere Kinder. Für die kann das auf Dauer verheerend sein: Schließlich prägt die elterliche Reaktion auf sie ihr Selbstbild ganz entscheidend. Zum Glück lassen sich aber sowohl unser Umgang wie auch die negativen Gehirnstrukturen zum Guten wenden.
Die neue Wunderwaffe der Erziehung
Achtsamkeit heißt das Zauberwort, das diesbezüglich immer häufiger im pädagogischen Umfeld auftaucht. Achtsam sein bedeutet, innere und äußere Vorgänge mit ungeteilter, entspannter Aufmerksamkeit zu beobachten und "das ganze Bild" aufnehmen. Es ist die Fähigkeit, ganz im Hier und Jetzt präsent zu sein, den Augenblick wahrzunehmen – und zwar völlig wertfrei, ohne Analyse oder Urteil. Eine solche Haltung kennt man von Buddhisten, für die Achtsamkeit nicht nur Ziel von Meditationen, sondern Lebensstil ist. Was das mit Erziehung zu tun hat, erklärt die Autorin Sarah Naphtali in „Der kleine buddhistische Erziehungsratgeber“ so: „Wenn wir unseren Gemütszustand sehen, wie er ist, kann ein Moment der Klarheit entstehen. […] In dem Moment, in dem wir einsehen, dass eine negative Gefühlslage unsere Bemühungen, eine Situation zu verbessern, nur sabotieren kann, werden wir sofort auf die positive Alternative zurückgreifen. Du wachst auf und erkennst, was der Moment wirklich von dir verlangt.“ Wer achtsam ist, ist bei sich, und wer bei sich ist, reagiert nicht automatisch aus unguten Mustern oder Stress auf seine Kinder.
Individuelle Reaktionen statt Standarderziehung
Dass man sich durch Innehalten und Abstandnehmen Entscheidungsfreiräume für sinnvolleres Handeln verschafft, ist für Lienhard Valentin ein Hauptaspekt von achtsamer Erziehung. Nicht nur, weil sich dabei Situationen entschärfen und Beziehungen entspannen, sondern weil eine solche Haltung es ermöglicht, individuell aufs Kind einzugehen: „Jedes Kind ist ein Land für sich, das sich ständig ändert, in jedem Moment neu ist“, sagt er. „Standarderziehungstipps, die vorschreiben, was man in bestimmten Situationen tun soll, funktionieren da nur sehr bedingt. Angemessene Reaktionen findet man nur, wenn man immer wieder neu und unvoreingenommen in Kontakt tritt und genau spürt, was ein Kind gerade jetzt braucht, was wirklich wichtig ist.“
Achtsamer Familienalltag – geht das überhaupt?
Gerade Müttern wird ja nun aber eine im alltäglichen Familienwahnsinn unerlässliche Fähigkeit zugestanden, die sich mit Achtsamkeit wenig verträgt: das Multitasking. Wie soll man denn Kinder, Haushalt, Job, Sozialleben auch unter einen Hut kriegen, wenn man nicht in der Lage ist, Dinge gleichzeitig zu tun? Kann man es sich bei all den vielen Anforderungen überhaupt leisten, mit ganzem Herzen bei einer Sache zu bleiben, am Ende noch selbst bei den unliebsamsten Alltagsaufgaben? Gerade da ist das sogar besonders wichtig, plädiert die Religionspädagogin Vreni Merz in ihrem Buch „Wie gut der Apfel schmeckt…“ – weil unser Leben nun mal nicht außerhalb des Alltags stattfindet, nicht beginnt, wenn die Kinder im Bett liegen und die Küche sauber ist, sondern weil das „tägliche Einerlei“ den Großteil des Lebens ausmacht und deshalb nicht nur irgendwie erledigt werden sollte. Merz nennt den Alltag „die Lebensschule schlechthin, und keine Handlung ist zu trivial, um nicht mit Würde und Achtung, aber auch mit Lust und Spaß gemeinsam mit Kindern gestaltet zu werden“. Denn für Kinder ist Alltag (noch) keine Normalität und schon gar keine Last: Für sie ist erst einmal alles neu und faszinierend – und wert, es zu entdecken. Da kann, beschreibt es Merz, die kleinste Aufgabe zur Achtsamkeitsübung werden: Blumengießen, weil sich darin genau die liebevolle Zuwendung ausdrückt, die aus allen achtsamen Handlungen entsteht, Händewaschen, weil es eine sinnliche, wohltuende Erfahrung ist, und selbst das simple Lichtanknipsen, weil das („Es werde Licht“) schon fast biblische Bedeutung hat.
Glücklich nach dem eigenen inneren Bauplan
Die natürliche Forscher- und Entdeckerfreude von Kindern aufblühen zu lassen, hält Lienhard Valentin für ausschlaggebend, damit sie sich dem Leben mit Interesse zuwenden und, wie Maria Montessori es nannte, sich nach dem inneren, ureigensten Bauplan ihrer Seele entwickeln können – und glücklich werden. Auch deshalb ist Achtsamkeit für ihn im Umgang mit Kindern unverzichtbar. Ebenso wie Merz betont „Es ist weniger wichtig, wie oft wir uns die Zeit nehmen, mit den Kindern solche Erfahrungen zu machen. Das wache Interesse, das wir mittendrin zeigen, und die persönliche Präsenz sind entscheidender“, weiß auch der Elternberater nicht zuletzt aus eigener Erfahrung: „Man kann nicht rund um die Uhr achtsam sein. Chaos und Verrücktheiten gehören zum Elternsein dazu, wir leben ja nicht im Kloster.“ Dauergelassenheit sei nicht nötig: „Wenn ein Kind grundsätzlich spürt, dass es für seine Eltern eine Freude und keine Last ist, kommt es nicht darauf an, dass sie perfekt sind.“

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