Interview mit Wolfgang Bergmann
Förder-Wut und Förder-Wahn
Die Aufforderung, Kinder optimal zu fördern, erlebt in der Werbung und in Elternratgebern einen ungeheuren Boom. urbia sprach mit dem renommierten Kinderpsychologen Wolfgang Bergmann über Sinn und Unsinn der aktuellen Förder-Begeisterung.
Ein ungeheurer Vergleichswettbewerb
Das Wörtchen "Fördern" hat in der Werbung für Spielzeug, private Bildungseinrichtungen und in der Ratgeberliteratur eine rasante Verbreitung gefunden. Sein Kind "optimal zu fördern", es "punktgenau" zu unterstützen, seine Begabungen zu entwickeln scheint heute besonders bedeutsam geworden zu sein. Schon sprechen Experten wie z.B. der Schweizer Professor für Kinderheilkunde und Bestsellerautor Remo Largo ("Babyjahre") kritisch von einer "Förderwut". Der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther nannte in einem Stern-Interview den Förderboom eine "gigantische Hysterie", die dazu führe, dass "ohne Sinn und Verstand" gefördert würde. Auch Wolfgang Bergmann äußert sich in seinem Buch "Die Kunst der Elternliebe" kritisch zum Beispiel zu zweckgebundenem Lernspielzeug. Wir haben den renommierten Kinderpsychologen aus Hannover über Sinn und Unsinn der aktuellen Förderbegeisterung befragt.
Der Begriff Fördern hat zum Beispiel in der Werbung für Spielzeug eine geradezu inflationäre Verbreitung gefunden. Woran liegt das?
Wolfgang Bergmann: Im Marketing wurde schon vor 10 bis 15 Jahren versucht, ein Produkt mit dem Hinweis, dies und das sei "lernfördernd" interessant zu machen, aber in letzter Zeit gibt es tatsächlich einen enormen "Förder-Boom", Eltern springen unvergleichlich stark darauf an. Das liegt daran, dass sich Kinder heute bereits im Kindergarten oder noch früher in einem ungeheuren Vergleichswettbewerb und in einem Zustand permanenter Rivalisierung befinden. Da heißt es dann zum Beispiel, "Marga kann schon das B schreiben, warum kannst Du das nicht?" Dies radikalisiert sich dann später und in der Grundschule können Sie schon neun bis zehnjährige Kinder beobachten, die im Gespräch ununterbrochen miteinander rivalisieren und von dauernden Vergleichsängsten getrieben sind. Wenn Eltern sich heute so stark vom Fördergedanken angesprochen fühlen, steckt dahinter natürlich die Abstiegsangst der Eltern, die Angst, die Kinder könnten in unserer Leistungsgesellschaft nicht mithalten.
Eltern haben ihr Kind schon immer gefördert, was ist an der heutigen Förderwut anders?
Bergmann: Eltern sind heute narzistischer auf ihre Kinder bezogen und gleichzeitig sind Partnerschaften und Familien heute häufiger vom Auseinanderbrechen bedroht. Da wollen Eltern sich oft selbst durch ihre Kinder beweisen. Ihre Kinder sollen also durch ihre beeindruckenden Begabungen und Leistungen Zeugnis dafür ablegen, dass es sich hier um eine tolle, heile Familie handelt. Daher überwachen Eltern auch jeden Schritt ihres Kindes peinlich genau und greifen massiver ein, weil das Funktionieren der Kinder geradezu ein Aushängeschild für die Richtigkeit der Eltern darstellt.
Sie äußern sich in Ihrem Buch "Die Kunst der Elternliebe" kritisch zu einem pädagogischen Zweck unterworfenen Spielzeug. Warum?
Bergmann: Kennen Sie folgendes Experiment? Man hat für eine Studie zwei Gruppen Ratten beobachtet. Die einen wurden durch bestimmte Signale sozusagen trainiert, die andere Gruppe durfte sich ohne besonders Eingriffe einfach frei entwickeln. Dann hat man diese Tiere getötet und ihre Gehirne untersucht. Es stellte sich heraus, dass die Gehirne der nicht "trainierten" Ratten besser entwickelt waren als die der Vergleichsgruppe. Auf das pädagogische Spielzeug bezogen heißt das: Es bringt nichts, Kinder durch Lernspielzeug programmieren zu wollen. Die Dinge kennenlernen, sie erfassen und lernen, wie sie genannt werden, bedeutet weit mehr, als die richtigen Laute zu formulieren. Kinder müssen Zeit und Raum haben, um auf ihre Weise einen Gegenstand empfinden zu lernen, eine emotionale Beziehung zu ihm aufzubauen, ein Körpergefühl zu entwickeln und dies eingebunden in den dazugehörigen Sprachlaut. Versuche ich aber einfach, einem Kind einen Gegenstand zu zeigen, nur um ihm beizubringen, wie er genannt wird oder ihn nur auf seine Funktion zu reduzieren, dann beschneide ich die komplexe Entfaltung des Kindes, anstatt sie zu "fördern". Ein Beispiel ist das Würzburger Programm zur Sprachförderung. Da wird versucht, Kindern Sprache durch bewusstes Lautieren einzuhämmern. Diese Kinder können dann eine hochbewusste Sprache sprechen, aber das ist keine Gefühlssprache. Vielleicht hierzu noch ein schönes Beispiel. Ein Tennisspieler bittet den anderen, ihm einmal zu erklären, wie ihm immer diese tollen Aufschläge gelingen. Der sagt zunächst, keine Ahnung, ich haue einfach so drauf. Dann aber versucht er sich bewusst zu werden, wie er das macht: "Also ich hebe den Arm genau bis dahin, dann gehe ich etwa 20 cm in die Knie usw.". Und plötzlich gelingen sie ihm nicht mehr. Der Spieler hat nun den körperlichen Ablauf verstanden, aber das Gefühl dafür verloren.




