Leben mit "Dünnhäutigkeit"

Hochsensible Kinder

Überdurchschnittlich empfindsame Kinder haben viele Stärken. Sie sind begeisterungsfähig, wissbegierig, verstehen vieles schnell und verhalten sich mitfühlend. Aber es gibt auch manches, was für hochsensible Kinder schwieriger ist als für dickfelligere Altersgenossen.

Autor: Gabriele Möller
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Hochsensible Kinder: Feinste Antennen auf Empfang

Junge nachdenklich hochsensibel
Foto: © fotolia.com/ Daddy Cool

Es gibt Kinder, die die sprichwörtlichen Flöhe husten hören. Ihre extrem feinen Antennen nehmen mehr wahr als die anderer Kinder, egal ob es um Sinneseindrücke oder die Stimmung der Menschen in ihrem Umfeld geht. Sie sind aber auch empfindlicher gegen ein Zuviel an Reizen. Typische Aussagen ihrer Eltern klingen so: "Unser Sohn weint schnell und ist äußerst schmerzempfindlich, manche Kleidungsstücke, wie Rollkragenpullis, gehen gar nicht." "Sie ist ungeheuer einfühlsam." "Mein Sohn sieht jeden noch so kleinen Regenwurm und spricht mit Blumen und Blättern." "Sie ist sehr empfindlich und kriegt alles in den falschen Hals." "Er ist verträumt und langsam, aber sehr genau in allem." "Er kann sich super allein beschäftigen und hat eine enorme Phantasie." "Wenn zu viel auf sie einstürmt, klinkt sie sich aus." "Sie hält sich die Ohren zu, wenn ein Auto vorbeifährt."

Was Hochsensibilität ausmacht

Besonders empfindsame Kinder (und Erwachsene) gab es schon immer. Doch ihr Umfeld ging meist wenig auf ihre Bedürfnisse ein, oft wurden sie als "Sensibelchen" abgestempelt. 1997 befasste sich die US-amerikanische Psychologin Elaine N. Aron genauer mit diesen Menschen. Sie prägte den Begriff "Highly Sensitive Person" (HSP), der im Deutschen uneinheitlich mit hochsensible/hochsensitive/hypersensible Person übersetzt wird. Jedes sechste Kind in Deutschland, so schätzen Experten, hat diese Veranlagung. Und so äußert sie sich:

  •  Reize werden intensiver wahrgenommen
  •  Fantasie und Gedanken sind detailreich und vielschichtig
  •  die Geräusch- und Schmerzempfindlichkeit ist erhöht ("Kratziges" wird nicht ertragen)
  •  die Begeisterungsfähigkeit ist hoch, die Interessen vielseitig
  •  das Langzeitgedächtnis ist früh ausgeprägt
  •  die Stimmung Anderer wird stark wahrgenommen 
  •  Gerechtigkeitssinn und Mitgefühl sind ausgeprägt
  •  es gibt früh einen Sinn für Humor 
  •  Erlebtes klingt lange nach 
  •  es besteht großes Harmoniebedürfnis
  •  Aufgaben werden gewissenhaft ausgeführt, auf Kosten der Schnelligkeit
  •  es besteht oft eine Hinwendung nach innen, doch gibt es auch extrovertierte HS-Kinder

Wenn Eltern die Vermutung haben, ihr Kind könne eine HSP sein, können sie einen Test machen.

Was Hochsensibilität nicht ist

Hochsensibilität wird oft mit Nervosität oder Überempfindlichkeit verwechselt. HS-Kinder aber sind nicht automatisch unruhig oder nehmen einzelne Dinge überstark wahr - sondern sie nehmen mehr Dinge wahr. Dass HS-Kinder sich in turbulenten Situationen ausklinken, im Kindergarten oft kaum sprechen oder sich viel allein beschäftigen, führt auch manchmal zum Verdacht einer autistischen Störung. Doch hier besteht kein Zusammenhang, denn hochsensible Kinder stellen enge emotionale Beziehungen her und haben ein normales Sozialverhalten. Hochsensibilität hat auch nichts mit Verhaltensauffälligkeiten wie ADHS zu tun. Sie ist keine Störung, sondern ein Persönlichkeitstyp.

Die kleine Schwester der Hochbegabung

Nicht so klar abgrenzbar ist die Hochsensibilität zur Hochbegabung. Denn HS-Kinder sind oft ihren Altersgenossen voraus. Sie können vielleicht früher zählen oder lesen, und weil ihre breite Wahrnehmung ihnen mehr Informationen verschafft, erkennen sie Zusammenhänge leichter. Sie kommen in der Schule auf Lösungswege, die nicht im Lehrplan stehen, oder können intuitiv schwierige Konflikte schlichten. Dies alles trifft aber nicht für jedes hochsensible Kind zu, weshalb Wissenschaftler den Zusammenhang zur Hochbegabung noch nicht abschließend klären konnten.

Die zwei Seiten der Empfindsamkeit

Wieso aber ist es nötig, für sehr sensible Kinder einen Begriff zu prägen? "Wird diese Eigenschaft nicht erkannt und wird dem Kind nicht mit einem angepassten Verhalten begegnet, kann das zu Entwicklungs- und Verhaltensstörungen führen", erläutert Diplom-Psychologin Maria Bosman. "Das Kind kann keine positiven Selbstwertgefühle aufbauen und nicht lernen, mit seiner Eigenschaft gut umzugehen", so die Entwicklungspsychologin, die Seminare für Erzieher und Eltern hält.

Die Veranlagung des Kindes zu verstehen, ist also wichtig. Denn trotz ihrer Stärken tun sich hochsensible Kinder mit den Idealen der Leistungsgesellschaft oft schwer: Ihr Hang zum Detail und ihr Bedürfnis nach Zeit beim Arbeiten gehen auf Kosten der Schnelligkeit. In der Gruppe oder Klasse können sie sich schlecht konzentrieren, weil zu viele Reize auf sie einströmen. Hinzu kommen starke emotionale Bedürfnisse: Sie haben hohe Ansprüche an Freundschaften, und sie messen auch beiläufigen Äußerungen Anderer große Bedeutung bei. Es enttäuscht sie, wenn andere Kinder diese Gefühle nicht nachvollziehen können.

Stärken in die Waagschale werfen

Viele Eltern fühlen sich hier entlastet, wenn sie wissen, dass ihr Kind hochsensibel ist. "Egal was wir machten, es schien bei unserer Tochter (5) ins Leere zu laufen. Das Wissen jetzt erleichtert ungemein - ich spüre kaum mehr den Druck, bei ihr etwas bewirken zu müssen. Jetzt weiß ich, dass ich schlichtweg damit umgehen muss", erzählt eine Mutter im urbia-Forum Kindergartenalter.

Hochsensibilität hat aber auch viele glücksfördernde Aspekte: Ein hochsensibel Kind fällt in Kiga und Schule positiv auf, weil es eine ausgeprägte Fantasie hat, begeisterungsfähig und wissbegierig ist, schnell versteht und sich mitfühlend verhält. Um diese schönen Seiten zu stärken, ist es ebenfalls wichtig, die besonderen Bedürfnisse dieser Kinder in unterschiedlichen Altersstufen zu kennen:

 

Schutzhülle für dünnhäutige Babys

"Schon als Baby mochte unsere Tochter weder Lärm ertragen noch allein sein. Ich habe sie stundenlang herum getragen, bis spät in die Nacht", erzählt eine Userin. Das vermehrte Schreien sensibler Säuglinge hat mit Problemen bei der Reizverarbeitung zu tun. Weil außerdem ihre emotionale Schutzhülle schwächer ist als die anderer Babys, wünschen sie sich oft auch nachts mehrere Male Zuspruch (deshalb ist das Familienbett ideal für sie). Sie mögen außerdem einen eher gleichförmigen Tagesablauf.

Kleinkind: Achtung Reizüberflutung!

Bereits ein Besuch auf der Kirmes oder eine Familienfeier kann die Reizverarbeitung im Gehirn eines hochsensiblen Kleinkindes an ihre Grenzen bringen. Ein typisches Zeichen dafür: Das Kind schreit scheinbar grundlos - meist erst abends. Hier können Eltern einfach trösten, das Weinen baut angestaute Überreizung ab.

HS-Kinder gewöhnen sich oft nur holprig in der Kita ein. Für sie ist das Konzept der "sanften Eingewöhnung" am besten, denn auf Hauruck-Abschiede können sie sehr empfindlich reagieren. Gibt sich das Kind in der Gruppe zurückgezogen oder weint schnell, sollten Eltern mit den Erzieherinnen über seine Veranlagung sprechen, um den Umgang und das Verstehen zu erleichtern.

In der Schule - robust gegen Frust

Auch in der Grundschule kann es hilfreich sein, mit dem Lehrer über die Veranlagung des Kindes zu sprechen. Am besten jedoch erst, wenn es wirklich ein Problem gibt. "Meine Tochter hatte sich unendlich auf die Einschulung gefreut. Doch schon in der ersten Woche kam die Ernüchterung: Die Lehrerin ist wohl zu hart mit ihr umgegangen, sie wollte nicht mehr hin. Ich sprach mit der Lehrerin und erzählte ein bisschen über unsere Tochter. Danach ist sie besser auf sie eingegangen, sie geht jetzt wieder gern zu Schule - und findet die Lehrerin total nett", erzählt eine Userin.

In der Freizeit sollten hochsensitive Schulkinder nicht zu viele Hobbys haben. Sie brauchen Zeit für sich, um alles Erlebte verarbeiten zu können. Das geht am besten im ungelenkten Spiel, beim Schmökern oder dem Hören von Musik und Hörbüchern.

Was hochsensible Kinder glücklich macht

Unabhängig vom Alter gilt: Eltern sollten die Stärken des Kindes betonen und es nicht mit anderen vergleichen. Sie müssen Erfahrungen sammeln, wie viel an Reizen ihm gut tut. In Watte packen aber brauchen sie es nicht. "Denn dann kommt es mit der Welt nicht mehr klar. Stattdessen sollte man die Wahrnehmung des Kindes respektieren, sich aber nicht davon beherrschen lassen", sagt Autor Rolf Sellin ("Wenn die Haut zu dünn ist"). Am besten sind Kompromisse: Statt kratzigem Wollpullover wärmt auch ein Baumwollpulli mit einem Shirt darunter. Hat das Kiga-Kind Scheu vor einer Geburtstagseinladung, bleiben Mama oder Papa noch eine Weile mit dabei.

Wichtig ist für sensible Kinder, dass sie sich viel in der Natur aufhalten. Das Grün, die verschiedenen Wetterlagen, die Tiere - all das wirkt auf sie entstressend. Sie haben außerdem Sinn für Kunst und Musik und lieben "live" Erlebtes wie Kindertheater, Kinderkonzerte oder Mal-Workshops. Sie beschäftigen sich früh mit Fragen rund um Leben und Tod und wünschen sich, dass die Großen dann kindgerecht mit ihnen philosophieren.

Tipp: Ihr könnt euch zum Thema auch in unserem Forum austauschen - gebt einfach den Suchbegriff "Hochsensibel" in die Suchmaske ein.

Service

Elaine N. Aron: "Das hochsensible Kind ", ISBN-13: 978-3636063564

Julie Leuze: "Empfindsam erziehen", ISBN-13: 978-3950176551

Originaltest für Eltern sensibler Kinder von Elaine Aron (in engl. Sprache): http://www.hsperson.com/pages/test_child.htm

Test für Eltern (in Deutsch), angelehnt an Elaine Aron: 


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