Immer alles toll und super?

Kinder richtig loben

"Gut gemacht, Jonas!" und "Toll, Mathilda!" schallt es laut über den Spielplatz - Lob motiviert und wird von vielen Eltern deshalb ausgiebig verteilt. Doch plötzlich mahnen Experten zur Vorsicht: Falsches Lob kann Kinder auch demotivieren und sogar verunsichern. Aber wie lobt man "richtig"?

Autor: Nicola Schmidt
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Grundregel: Aufrichtig loben

Mutter Tochter loben
Foto: © iStockphoto.com/ vincethep

"Nicht gemeckert ist genug gelobt", so lautete noch das Erziehungsmotto meines Großvaters. Heutzutage hingegen gilt Lob weithin als starker Motivator und Eltern sind längst auf diesen Zug aufgesprungen. Egal wie schief Nico die Geige spielt, Mama wird begeistert klatschen, Anne hängt ängstlich im Klettergerüst, aber Papa jubelt: "Super, das machst Du gaaaanz toll!!"

Doch die Erziehungsratgeber sind sich längst nicht mehr einig darüber, ob Lob unseren Kindern wirklich guttut. Für die einen ist Lob eines der natürlichsten und wichtigsten Mittel, um Kinder zu motivieren. Für die anderen ist es Teufelszeug, das Kinder verunsichert, ihren eigenen Antrieb untergräbt und sie abhängig macht vom Wohlwollen anderer. Die gute Nachricht im Ratgeberchaos: Wissenschaftler unterstützen weder die eine noch die andere Ansicht. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Es kommt weniger darauf an, ob gelobt wird, sondern wie, wofür und wann. Und auch das Alter des Kindes spielt eine Rolle bei der Art, wie Eltern auf positives Verhalten reagieren sollten.

Die wichtigste Grundregel des Lobens: Lobe aufrichtig! Alles was zu allgemein, übertrieben oder offensichtlich manipulativ ist, ist nicht nur nutzlos sondern schädlich. Dies fanden die Psychologen Jennifer Henderlong und Mark Lepper vom Reed College in Oregon (USA) heraus, nachdem sie über 100 Studien zum Thema ausgewertet hatten. Doch gerade damit tun sich viele Eltern schwer. "Super! Ganz klasse!" rufen sie reflexartig über die Spielplätze, sobald ein Kind "Mama, guck mal!" ruft. Dabei wäre ein einfaches "Ich sehe, du bist auf der Schaukel!" ebenso wirksam, meinen die Forscher. Denn das Kind wolle mit seinem Ausruf die Aufmerksamkeit seiner Eltern, aber keine Bewertung.

Loben ist gut? Unbewiesen

"Dass positive Bewertungen gut für Kinder seien, das ist eine durch nichts bewiesene Annahme", weist auch der Mediziner und Buchautor Herbert Renz-Polster von der Universität Heidelberg die pauschale Aussage, jedes Lob sei gut, zurück. Selbstwertgefühl bauen Kinder seiner Meinung nach entgegen der landläufigen Meinung nicht in erster Linie aus dem Lob der Eltern auf, sondern aus ihren täglichen Erfahrungen. „So wenig es dem Kind hilft, wenn Eltern immer gleich in Lobeshymnen ausbrechen (...), wenn ihm einmal etwas gelingt, genauso wenig hilft es ihm, wenn die Eltern vor Mitleid zerfließen, wenn ihm einmal etwas misslingt. Kinder lernen im Kleinkindalter, diese Sachen selbst zu regeln", argumentiert er in seinem Buch "Kinder verstehen".

Manipulatives Lob schadet eher

Gerade bei Kleinkindern neigen wir jedoch dazu, Verhalten durch Lob gezielt lenken und verstärken zu wollen: "Sehr, sehr schön Leon, dass Du dem Jungen auch mal die Schaufel gegeben hast!", hören wir uns sagen. Möglicherweise verfehlen wir damit das eigentliche Ziel. Manche Entwicklungspsychologen raten dringend davon ab, an sich schon positives Verhalten noch einmal mit einem dicken Lob zu verstärken. "Die Kinder lernen dann nicht, dass sie sich richtig verhalten, sondern dass es eine Möglichkeit ist, Aufmerksamkeit zu bekommen", erklärt Professor Joan Grusec. Sie forscht an der Universität Toronto (Kanada) darüber, wie sich kleine Kinder zu sozialen Wesen entwickeln. Ein übermäßiges Loben, wenn Leon seine Schaufel auch mal dem kleinen Bruder leiht, wird ihrer Ansicht nach nicht dazu führen, dass er das von da ab öfter tut. Ein Lächeln kann in diesem Fall schon ausreichen. Grusecs Rat für Eltern: "Unterstellen Sie lieber, dass das Kind freigiebig ist, weil es eben so ein freigiebiger Mensch ist, das gibt ihm das Gefühl, die Motivation für das Verhalten kommt aus ihm selbst heraus." Wem das noch zu manipulativ ist, der kann auch einfach seine eigenen Gefühle ausdrücken: "Hey, ich freue mich, dass ihr gemeinsam mit dem Bagger spielt."

Aber wie bekomme ich dann meinen Sprößling dazu, einem anderen Kind auch mal sein Spielzeug zu leihen? Kinder lernen soziales Verhalten am ehesten, wenn ihre Eltern mit ihnen über die Bedürfnisse anderer Menschen sprechen, so die Forscherin. "Nicht predigen!", betont Grusec, sondern das Gespräch eher an den Fragen des Kindes orientieren und möglichst klar die Bedürfnisse der anderen und des Kindes benennen.

Zu viel Lob schadet der Motivation

Wie Kinder auf Lob reagieren, hängt auch vom Alter des Kindes ab. Der Ausruf "Was bist Du nur für ein Engel!" lässt besonders Kinder im Schulalter eher daran zweifeln, dass man es ernst mit ihnen meint. Schließlich gab es erst gestern Ärger fürs Zu-spät-Kommen. Carol Dweck, Psychologin an der Universität Stanford (USA), zeigt in ihren Arbeiten, dass übermäßig gelobte Kinder nicht selbstsicherer, sondern eher unsicherer werden. Je älter sie werden, desto mehr fragen sie sich, ob man sie bemitleidet und es deshalb für nötig hält, sie so übertrieben zu hätscheln.

Kinder beschreibend loben

Kinder haben zudem sehr feine Sensoren dafür, wofür sie gelobt werden: Für ihre Problemlösungsstrategien oder einfach für ihr Können. Wer nach einem Test zu hören bekam: "Wie gut du bist!" war später hilflos, wenn es nicht klappte wie gewünscht. Hatte man den Kindern hingegen gesagt "Du hast dir wirklich große Mühe gegeben!", zeigten sie mehr Ausdauer und größere Fortschritte. Besonders Mädchen im Grundschulalter fühlen sich von Lob für reines Talent oder Können so unter Druck gesetzt, dass sie Versagensängste entwickeln. Sie werden eher durch ein Lob motiviert, das auf ihre Anstrengung abzielt, während Jungs in Experimenten auch nach einem Lob für ihr Können keinerlei Motivationseinbrüche hatten.

Aber wer will seinem Kind schon sagen, dass es ... naja ... eben wie ein Achtjähriger auf dem Klavier herumhämmert? Psychologen empfehlen für solche Situationen schon seit längerem, Kinder vor allem beschreibend zu loben. Es dauert zwar länger zu sagen: "Es gefällt mir, dass Du diese schwierige Passage jetzt sehr langsam und konzentriert spielst und auch immer auf die Pausenzeichen achtest." Aber das Kind lernt dadurch, was den Eltern wichtig ist und wie sie etwas bewerten.

Die Anstrengung loben, statt das Können

Wenn Anna mittags ihren Brokkoli aufgegessen hat, dürfen die Eltern sich natürlich darüber freuen, aber sie sollten es nicht übertreiben. Experimente der Ess-Forscherin Leann Birch vom Zentrum für Kinder-Übergewicht an der Universität Pennsylvania zeigen, dass Kinder sehr sensibel sind, wenn es um die Frage geht, ob sie etwas aus eigenem Antrieb tun. In einem Experiment bekamen Kinder eine Belohnung, wenn sie vier Wochen lang Kefir tranken. Eine Kontrollgruppe trank ebenfalls den Kefir, aber ohne dass eine Belohnung direkt damit verknüpft war. Am Ende zeigte sich, dass die Belohungsgruppe das Getränk am Ende der Studie weniger mochte als zu Beginn, während die Kinder der Kontrollgruppe es sogar nach eigener Aussage mehr mochten. Birch folgert daraus: Bekommt ein Kind das Gefühl, dass es nur noch Gemüse isst, weil es jedes Mal dafür gelobt wird, wird es wieder zu Pommes wechseln.

Heikel: vergleichendes Lob

Bei Geschwisterkindern lauern noch einmal ganz eigene Fallen. Ein vergleichendes Lob wie "Du hast das Pferd viel schöner gemalt als deine Schwester!“ ist eine heikle Sache. Eltern können sich in dieser Situation mit dem beschreibenden Lob helfen - sicher gibt es in jedem Kinderbild etwas Interessantes hervorzuheben oder nachzufragen. Vergleichendes Lob kann sonst gleich zwei negative Effekte auslösen: Die Kinder werden zu schlechten Verlierern und sie lernen, dass es um Wettbewerb, nicht um die Sache an sich geht. "Es ist für das Selbstwertgefühl eines Kindes sehr nachteilig, wenn es von Eltern die Rückmeldung bekommt, dass das andere Kind besser ist", fasst Professor Herbert Scheithauer, Entwicklungspsychologe an der FU-Berlin, zusammen. Er ist Mitentwickler des Papilio-Programms zur Prävention von Verhaltensproblemen, bei dem Eltern unter anderem lernen, Kindern positives Feedback zu geben. Natürlich müssen Eltern nicht jedes Gekrakel toll finden. Gefällt ihnen etwas nicht, empfiehlt Scheithauer Sätze wie: "Beim letzten Mal hast Du Dir mehr Zeit genommen, da konnte ich besser erkennen, was Du malen wolltest."

Andere Länder, andere Sitten: Manche loben gar nicht

In asiatischen oder afrikanischen Kulturen wird nicht nur weniger, sondern teilweise gar nicht gelobt. Auch Forscherin Grusec kann sich eine Erziehung ganz ohne Lob vorstellen – allerdings wird in ihrem US-amerikanischen Kulturkreis das Loben auch geradezu inflationär gebraucht. Vor allem stark manipulatives Lob, das Kindern Misserfolge verschleiern und ihr Verhalten lenken soll, ist in den USA weit verbreitet. Po Bronson schreibt über US-amerikanische Eltern in seinem Buch „10 schockierende Wahrheiten über Erziehung“, dass zum Beispiel 85 Prozent von ihnen es für wichtig halten, ihre Kinder dafür zu loben wie „gescheit“ sie sind. Das Ziel: den Kindern „einen unerschütterlichen Glauben an ihre angeborenen Fähigkeiten mit auf den Weg zu geben“. Sogar Fehler der Kinder werden kommentiert mit „Ach, du kannst das, nächstes Mal klappt es wieder besser!“. Dies hat nach Bronson eher den Effekt, dass die Kinder davon ausgehen, sie müssten alles aus dem Handgelenk schütteln. Sich anzustrengen wird zum „Stigma“, zum Eingeständnis, dass man es doch nicht „einfach so“ kann. In einer Studie zeigten Eltern aus Hongkong eine andere Strategie: Sie erklärten ihren Kindern nach einem versiebten Test, wo ihre Schwächen lagen und wie sie daran arbeiten können. Mit dem Effekt, dass diese Kinder beim zweiten Test besser abschnitten als ihre Kameraden aus den USA. Unabhängig vom kulturellen Hintergrund sollten Kinder auf jeden Fall immer wissen, dass Lob nichts über ihren Wert als Mensch aussagt. "Loben Sie Ihr Kind für Dinge, die es selbst beeinflussen und ändern kann", meldet sich noch einmal Professor Scheithauer zu Wort, "und machen Sie immer deutlich, dass das Ihre persönliche Meinung ist."

Beispiele: So kann richtiges Loben klingen

  • Aufmerksamkeit statt Bewertung: Statt "Oh, super!!", einfach mal "Ah, Du kletterst!"
  • Aufrichtig loben: "Das Bild gefällt mir sehr gut!" nur sagen, wenn du das Bild wirklich schön findest.
  • Beschreibend loben: "Mir gefällt besonders gut, dass der Bär so große Augen hat".
  • Nicht manipulativ loben: Statt "Och, das machst Du doch schon super!", eher dem ängstlichen Kind auf dem Klettergerüst helfen.
  • Positives Verhalten nicht übertrieben herausheben: Statt "Das ist aber sehr, sehr brav, dass Du das jetzt so schön teilst", eher wenige Worte oder sogar einfach nur ein Lächeln.
  • Realistisch und konkret loben: Statt "Du bist Mamas Engel!", eher "Ich freue mich, dass  Du pünktlich zu Hause bist".
  • Eher Anstrengung als das Können loben: Statt "Du bist wirklich ein Mathe-Ass!", eher "Mensch, Du hast wirklich gut für die Arbeit gelernt".

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