Wie viel Spielzeug braucht das Glück?

Konsumfalle Kinderzimmer

Je mehr man sein Kind liebt, desto mehr Spielzeug kauft man ihm? Unterschreiben würde das kaum jemand, und doch scheinen viele Eltern danach zu handeln. Wie kommt man aus der Konsumfalle Kinderzimmer wieder heraus?

von Gabriele Möller
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Kind Spielzeug Konsum
Foto: © Fotolia.com/ Florian Villesèche

Spielzeughalden – eine recht neue Erscheinung

„Als ich ein Junge war, besaß ich einen Bagger aus Holz, eine Steinschleuder, ein paar Kuscheltiere, ein Schachspiel, für das ich das Brett selbst bemalt hatte, einen Metallbaukasten, auf den ich unheimlich stolz war, ein Taschenmesser, eine kleine Tasche mit echtem Werkzeug, ein Fahrrad und ein paar Kinderbücher“, erinnert sich Maries Opa Werner (72). „Echt? Nur so wenig?“, fragt die zehnjährige Enkelin fassungslos. Wer sich nämlich einen Weg durch Maries Kinderzimmer bahnen möchte, tut gut daran, einen Schneepflug mitzubringen. „Ich habe damals aber rein gar nichts vermisst. Ich bin immer gleich nach der Schule nach draußen gegangen, habe mit Freunden gebolzt, mit einfachen Haken geangelt, neue Ställe für meine Hasen gebaut. Oder auch mal den Nachbarn Streiche gespielt“, erzählt Werner weiter.

Die richtige Wahl: Haben oder Sein?

Durchschnittlich 550 EUR geben Eltern inzwischen monatlich für die Kinder aus, wie das Statistische Bundesamt errechnete. Und hier geht es nicht nur um Lebensnotwendiges wie Miete oder Möbel, Nahrung und Kleidung – auch Spielzeug,  Handys und Unterhaltungselektronik werden von Eltern freiwillig teuer bezahlt.

Mehr Spielzeug bedeutet aber – wir wissen es eigentlich längst – nicht auch ein zufriedeneres Kind. Viele Kinder sind so übersättigt, dass sie sich nur noch kurz über Neues freuen. Doch der Überfluss hat noch ernsthaftere Nebenwirkungen. Ein Mensch müsse sich entscheiden zwischen dem Haben und dem Sein, befand Erich Fromm schon vor drei Jahrzehnten in seinem gleichnamigen Werk. Das  „Haben“ definiert dabei den Menschen als Konsumenten: Es geht ihm nur um vorübergehende Befriedigung. Er identifiziert sich immer nur kurz mit modernen Gegenständen, deren Haupteigenschaft es ist, überholt und beseitigt zu werden. Doch auch Anderes wird so für ihn leicht austauschbar: Dinge, Einstellungen, Freunde, sogar Liebespartner. Auch der Mensch selbst wird auf diese Weise austauschbar. Er wird laut Fromm zur „Ware auf dem Persönlichkeitsmarkt“, die sich vorteilhaft präsentieren muss und glaubt: Ich bin nur, was ich habe.

Fromm warnt: Wem das Haben das Wichtigste ist, der stellt rasch auch die Erfordernisse der Wirtschaft über die Bedürfnisse der Menschen, beutet die Natur aus, sieht andere Menschen als Konkurrenten, und ist kaum fähig, Leid seiner Mitmenschen wahrzunehmen und zu lindern.

Teens finden Aussehen wichtiger als Charakter

Aber ist das nicht zu weit gedacht? Nur, weil man nicht möchte, dass das eigene Kind hinter anderen zurücksteht, wird es ja wohl nicht gleich ein oberflächlicher Mensch werden, oder? Aber schaut man sich die Realität an, so funktioniert die Selbstberuhigung nicht mehr: Heute muss schon der Gesetzgeber Teenies unter 18 daran hindern, sich überflüssigen und teuren  Schönheitsoperationen zu unterziehen. Und 70 Prozent aller Jugendlichen gaben in einer Studie des Marktforschungsinstituts icon kids and youth (2009) an, dass sie glauben, dass das Aussehen in Zukunft wichtiger werde als der Charakter. Dieselbe Studie ermittelte auch, dass Teenager zwischen 12 und 18 Jahren bereits durchschnittlich 130 Marken kennen.

Konsum wird zu einer wichtigen Quelle für den Selbstwert der Heranwachsenden, warnt deshalb der Soziologe und Pädagoge Prof. Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld. Doch dieses erkaufte Selbstwertgefühl ist auf Sand gebaut und trägt nicht. „Die Kindheit und noch mehr die Pubertät sind sehr kritische Phasen, in denen es wichtig ist, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln“, betont der Wissenschaftler und Buchautor. Besonders gefährlich wird ein nur aus dem „Haben“ abgeleitetes Selbstwertgefühl, wenn ein Jugendlicher Probleme hat: Die Fixierung auf den Konsum könne zum vermeintlichen Ausweg werden, „wenn Jugendliche in finanziell bedrängten Verhältnissen aufwachsen, Familiendramen erleben oder in der Schule schlecht sind“, so Hurrelmann.

Wer daddelt, stört nicht

Dass Kinder und Jugendliche sich zunehmend über das definieren, was sie haben, ist nicht verwunderlich. Denn die Industrie gibt jährlich mehrere hundert Millionen Euro für Werbung aus, die sich zielgerichtet an Kinder und Jugendliche richtet. Und das funktioniert prima, vom Schokoriegel bis zur Spielkonsole lassen sich die Wünsche der Kinder (die diese dann energisch an die Eltern weitergeben) fast beliebig steuern. So verdiente die Firma Nintendo allein an ihren weltweit 150 Millionen verkauften Nintendo DS-Geräten (Stand Juni 2011) Milliarden Dollar, denn spätestens im Schulalter ist eines der über 100 EUR teuren Geräte nicht nur hierzulande ein „must have“.

Ganz selbstlos ist der Kauf von Spielzeug und Elektronik durch die Eltern dabei nicht. Ein Kind, das mit neuem Spielzeug beschäftigt ist oder am Mini-Computer daddelt, ist oft über Stunden hinweg angenehm ruhig, kommt nicht ständig angelaufen, macht keinen Schmutz und keine Unordnung – kurz: Es stört nicht. Und wo Zeit chronisch knapp ist, soll Spielzeug das Kind oft auch über den Zeitmangel der Eltern hinweg trösten. „Die Motive für das Schenken und das Kaufen liegen oft im schlechten Gewissen der Eltern“, so auch die Publizistin Gerlinde Unverzagt (Konsum-Kinder – was fehlt, wenn es an gar nichts fehlt)  in einem Interview.