Geschwister

Geschwister – ein besonderer Bund fürs Leben

Die Zahl von Einzelkindern nimmt zu: Aktuellen Statistiken zufolge liegt der Anteil an Familien mit nur einem Kind bei rund 50 Prozent. Dabei ist das Aufwachsen mit Geschwistern häufig eine bereichernde Erfahrung und hilft Kindern dabei, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

Allerdings ist der Alltag von Geschwistern auch geprägt von Gegensätzen: Einerseits hat man immer einen Spielkameraden und bildet eine Allianz gegen die manchmal als unfair empfundenen Regeln der Eltern, andererseits entwickelt sich gerade bei Geschwistern mit geringem Altersunterschied und gleichem Geschlecht häufig eine Rivalität: Sie buhlen um die Aufmerksamkeit der Eltern und können nur schwer akzeptieren, dass sie diese teilen müssen. Die Beziehung von Geschwistern ist die längste Beziehung im Leben eines Menschen. Durch das gemeinsame Aufwachsen und das Teilen gemeinsamer Erinnerungen und Erfahrungen kann zwischen Geschwistern eine ganz besonderes Intimität entstehen.

Geschwister Infografik

Quelle: Statista

Geschwister fördern die soziale Kompetenz

Geschwisterkinder sind oft Konkurrenten, Verbündete und Vorbilder in einem – sie streiten sich, lernen voneinander, sind sich mal Freund, mal Feind. Dabei hat das Heranwachsen mit einem Geschwisterkind viele Vorteile. Es stärkt die Persönlichkeit, denn die soziale Interaktion im Kleinen bereitet ein Kind auf das Leben in der Gesellschaft vor. Die Grundlagen für den späteren Umgang mit dem Partner oder den Arbeitskollegen werden nicht selten im Miteinander unter Geschwistern eingeübt. Anders als eine Freundschaft ist die Geschwisterbeziehung eine Art Schicksalsgemeinschaft – man muss sich miteinander auseinandersetzen, auch wenn man unter anderen Umständen vielleicht überhaupt keinen Kontakt zueinander hätte. Auf diese Weise lernt eine Person, dass man Menschen auch schätzen und sogar mögen kann, wenn diese sich völlig von ihr unterscheiden. Das Wechselspiel zwischen „sich Durchsetzen“ und „Nachgeben“ wird täglich neu eingeübt und so die Toleranzgrenze erhöht. Menschen, die in ihrer Kindheit gut mit Bruder oder Schwester auskommen, haben oft auch als Erwachsene eine hohe Sozialkompetenz.

Zu diesem Schluss kam auch der Psychologe Daniel Shaw von der University of Pittsburgh im Zuge einer Studie. Er zeigte Geschwisterpaaren im Kindergartenalter drei Spielzeuge, von denen sie aber nur jeweils eines benutzen durften. Damit sie es gegen eines der anderen beiden tauschen konnten, mussten sie sich über zwei Dinge miteinander einigen: Sie sollten einhellig entscheiden, dass sie mit dem einen Spielzeug nicht mehr weiterspielen wollen und sich stattdessen auf ein anderes einigen. Dabei gab es große Unterschiede zwischen den Geschwisterpaaren. Während einige nur ein paar Worte benötigten, um einen Konsens zu finden, kam es bei anderen zu regelrechten Prügeleien. Um einen Mehrwert aus diesem Ergebnis ziehen zu können, erkundigte Shaw sich in der Schule dieser Kinder nach ihrer sozialen Kompetenz und erhielt ein eindeutiges Ergebnis: Die Kinder, die sich mit ihrem Geschwister schnell einigen konnten, konnten auch innerschulische Konflikte schneller lösen.

Rivalität unter Geschwistern

Solange ein Kind noch keine Geschwister hat, genießt es die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Eltern. Wird aus einer dreiköpfigen Familie dann aber eine vierköpfige, erlebt der Erstgeborene, wie die Eltern sich dem schreienden Baby zuwenden. Der  Neuzugang wird häufig als Eindringling empfunden und der Wettstreit um die Liebe der Eltern beginnt. Was das ältere Kind jetzt erfährt, wird in der Psychologie als Entthronisierung bezeichnet – das ehemalige Einzelkind muss eine große Anpassungsleistung erbringen und akzeptieren, dass es nicht mehr der Alleinherrscher ist. Die Familienkonstellation verändert sich und das Kind nimmt eine neue Rolle innerhalb des Gefüges ein. Manchmal entwickelt sich dem Neugeborenen gegenüber auch eine regelrechte Abneigung und der Ältere verhält sich offen ablehnend. Ein geringer  Altersunterschied und das gleiche Geschlecht begünstigen die Rivalität: Je ähnlicher man sich ist, desto mehr Vergleiche werden untereinander gezogen. Kleinkinder konkurrieren vorrangig um die Aufmerksamkeit der Eltern: Wer kriegt die längere Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen? Wer darf länger auf Mamas Schoß sitzen? Ist die Verteilung der Geschenke wirklich gerecht? Im Teenageralter kommen Vergleiche der Eigenschaften und Fähigkeiten hinzu: Wer schreibt die besseren Noten, wer ist sportlicher oder beliebter?

Erstgeborene kaum intelligenter

Übrigens: An dem Gerücht und sich hartnäckig haltenden Vorurteil, Erstgeborene seien intelligenter als ihre Geschwister, ist nicht viel dran. Das hat auch eine im Sommer 2015 veröffentlichte Studie der University of Illinois gezeigt, die Daten von rund 400.000 amerikanischen High-School-Schülern auswertete. Demnach lagen die gemessenen Unterschiede zwischen Erst- und Nachgeborenen bei allenfalls einem IQ-Punkt. Allgemein fielen dagegen die Ältesten durch eine größere Gewissenhaftigkeit sowie Kompromiss- und Führungsbereitschaft auf.

Wie gelingt eine harmonische Geschwisterbeziehung?

Da Geschwister, anders als Freunde, zusammen aufwachsen, können sie sich oft nicht ausreichend voneinander distanzieren und so finden sich ständig neue Anlässe für Auseinandersetzungen. Herrscht hingegen ein Altersunterschied von mindestens zwei bis drei Jahren und handelt es sich um Bruder und Schwester, bietet der Alltag weniger Berührungs- und Vergleichspunkte, die zum Streit führen könnten. Ideal für eine funktionierende Beziehung von Geschwistern ist neben dem Altersunterschied die Konstellation Bruder und Schwester, da diese sich seltener untereinander vergleichen als gleichgeschlechtliche Geschwister. Je besser Eltern es schaffen, dem älteren Kind zu zeigen, dass es trotz des kleinen Bruders oder der kleinen Schwester nicht weniger geliebt wird, desto weniger wird es Gefühle der Eifersuchtentwickeln. Geschwister zu erziehen ist dennoch ein Balanceakt und erfordert viel Einfühlungsvermögen, damit sich niemand benachteiligt fühlt. Experten raten dazu, Geschwister nicht miteinander zu vergleichen, sondern die individuellen Eigenschaften zu erkennen und sie zu fördern. Auch Stereotype wie „die Vernünftige“ oder „der Sensible“ werden Kindern häufig nicht gerecht und drängen sie in eine vorgegebene Rolle. Es ist nicht nötig, dass Eltern bei Streitigkeiten von Geschwistern die Rolle des Schiedsrichters einnehmen. Eine neutrale Position fördert das Selbstbewusstsein der Kinder, denn sie macht deutlich, dass Eltern darauf vertrauen, dass ihre Kinder die Situation von alleine meistern und niemand bevorzugt wird.

Zwillinge – eine ganz besondere Beziehung?

Zwillinge sind nicht nur optisch außergewöhnlich, ihnen wird auch nachgesagt, eine ganz besonders enge Bindung zueinander zu haben. Statistisch gesehen nimmt ihre Häufigkeit zu: bekamen 1977 noch 9 von 1.000 Frauen in Deutschland zwei Kinder auf einmal, waren es 2010 bereits doppelt so viele. Grund dafür sind die vermehrten Hormontherapien, denen Frauen sich bei einem unerfüllten Kinderwunsch unterziehen. Um die besonderen Mechanismen einer Geschwisterbeziehung zu entschlüsseln, haben Entwicklungspsychologen der Technischen Universität Braunschweig in einer umfangreichen Studie die Beziehung von Geschwistern in unterschiedlichen Konstellationen drei Jahre lang untersucht, wobei der Fokus auf  eineiigen Zwillingen lag. Zu Beginn der Studie waren die Kinder zwischen zehn und fünfzehn Jahren alt. Fünf verschiedene Gruppen wurden untersucht: „normale“ Geschwister gleichen Geschlechts, zweieiige Zwillinge gleichen Geschlechts, eineiige Zwillinge, Zwillingspaare sowie die Kombination Schwester und Bruder.

Die Eltern bekamen ausführliche Fragebögen, die Kinder wurden getrennt voneinander interviewt, jedoch erfuhr niemand innerhalb der Familie, wer was angekreuzt oder gesagt hatte. Das Ziel war es, herauszufinden, ob Zwillinge tatsächlich besser miteinander harmonieren als „gewöhnliche“ Geschwister. Fast alle Geschwister, unabhängig davon, ob es sich um Zwillinge handelte oder nicht, sagten aus, dass ihnen der Rückhalt untereinander besonders wichtig sei. Um die unbewusste Dynamik der Geschwisterbeziehung zu beobachten, bekamen die Kinder die Aufgabe, mit Bauklötzen einen möglichst hohen Turm zu bauen – dabei wurden sie mit einer Videokamera aufgezeichnet. Wer kooperiert miteinander? Wer streitet sich? Wer versteht sich nonverbal? Auch bei diesem Ergebnis spielte es keine Rolle, ob die Geschwister Zwillinge waren oder nicht. Vielmehr machte das Geschlecht einen Unterschied: Mädchen verstanden sich mit wenigen Worten. Sie tauschen mehr Blicke, Berührungen oder Lächeln aus als zwei Jungen untereinander.

Den Mythos, dass eineiige Zwillinge durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden seien, konnten die Braunschweiger Forscher nicht bestätigen. Sie würden zwar insgesamt etwas mehr Zeit miteinander verbringen, sich während der Pubertät aber genau wie andere Geschwister voneinander abnabeln. Was jedoch einen Unterschied macht, ist der Prozess der Identifikationsbildung. Zwillinge haben es als Kleinkinder deutlich schwerer, sich auf Fotos oder sogar im Spiegel zu erkennen. Das Bild vom eigenen Ich entwickelt sich ein paar Monate später als bei anderen Kindern. Im Doppelpack wahrgenommen zu werden kann das Selbstbewusstsein stärken, doch die Abgrenzung kann in dieser Konstellation ziemlich mühselig sein.

Sicher ist, dass Geschwister bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung einen starken Einfluss aufeinander ausüben – ganz gleich, ob es sich um Zwillinge handelt oder nicht. Gemeinsam erkunden sie die gesamte Bandbreite an menschlichen Gefühlen. In einem Moment sind sie die besten Freunde und im nächsten bereits die größten Feinde. Auf der Suche nach der persönlichen Identität besetzen sie verschiedene Nischen innerhalb der Familie und finden so auch im Leben oft leichter ihren Platz.


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