Großer Bruder, Sandwichkind, Nesthäkchen

Geschwister: Welche Rolle spielt die Reihenfolge?

Haben Erstgeborene wirklich typische Eigenschaften? Hat der Altersabstand zwischen Geschwistern Einfluss auf deren Beziehung? Und wovon hängt eigentlich die Harmonie in Geschwisterbeziehungen ab?

Autor: Nicole Borrasch
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Man kann sich seine Familie nicht aussuchen

Bruder Baby Schwester
Foto: © fotolia.com/ famveldman

„Sie haben etwas schicksalhaftes, beinahe mystisches. Man wird hinein geboren in eine Familie und hat keinerlei Wahlfreiheit – weder im Hinblick auf die Eltern, noch auf die Geschwister. Das bringt mit sich, dass man sich zwangsläufig arrangieren muss“, beschreibt Entwicklungspsychologe, Frühpädagoge und Familienforscher Professor Dr. Hartmut Kasten Geschwisterbeziehungen im Allgemeinen.

Auch wenn Eltern sich sicher sind, jedes ihrer Kinder gleich zu behandeln, so gibt es doch unbewusste Unterschiede in der Erziehung und dem Verhalten den Kindern gegenüber. Das liegt nicht zuletzt an der jeweiligen Geschwisterposition. Denn letztlich verlangt man zum Beispiel von einem älteren Kind mehr als von einem Jüngeren. In genau diesen Unterschieden wachsen die Kinder auf und entwickeln je nach ihrer Familienposition auch spezielle Charakterzüge. Wissenschaftler wie die amerikanischen Psychologen Kevin Leman und Frank J. Sulloway fanden heraus, dass die jeweiligen Geschwisterpositionen auffallende Übereinstimmungen in ihren Charaktereigenschaften besitzen. Nach Leman könnte man die jeweiligen Positionen mit einem Augenzwinkern vereinfacht zusammenfassen: Erstgeborene sind kleine Führer, Mittelkinder sind unabhängige Denker und Nesthäkchen haben den Hang zum Entertainer.

Erstgeborenes, Sandwichkind und Nesthäkchen

Das Erstgeborene Kind erhält zunächst die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern. Das fördert zum einen die Lernbereitschaft, birgt aber auch die Gefahr des Leistungsdrucks, da die Eltern auf jeden Fortschritt achten und warten. So entwickeln sich oft kleine Perfektionisten. Wenn sie Geschwister bekommen, werden sie schnell zu den „Großen“, die verantwortungsbewusst, vernünftig und fürsorglich sind. Erstgeborene sind aufgrund ihrer Position oft dominant und leiten den „Geschwisterclan“ an.

Das jüngste Kind
ist oft ein kleiner Entertainer, Charmebolzen oder Witzbold, das seine Rolle als  Nesthäkchen gerne nutzt, um zu bekommen, was es möchte. Das jüngste Kind ist gerne risikofreudig, weil es mit den Großen mithalten will und akzeptiert ungern ein „Nein“ – wer will schon früher ins Bett als die Geschwister? Oft erhält das „Kleinste“ eher Beachtung für seine niedliche Art, als für seine Leistung, da die ja von den Großen schon bekannt ist.

Das mittlere (Sandwich-) Kind hat nach Sulloway vor allem einen Nachteil: Es hat zu keinem Zeitpunkt die Eltern für sich alleine, wodurch es auch nie wirklich im Mittelpunkt steht. Zum einen kann das am Selbstwertgefühl kratzen, zum anderen besteht aber auch die Chance, sich freier als die anderen Geschwister zu entfalten. Das Sandwichkind hat weder die Privilegien des Erstgeborenen, noch die Sonderfreiheiten des Nesthäkchens. Es ist meist kontaktfreudig und hat einen großen Freundeskreis, um sein eventuelles Defizit an Aufmerksamkeit außerhalb der Familie auszugleichen.

Früher waren die Positionen eindeutiger

Professor Kasten gibt jedoch bei diesen Verallgemeinerungen der Persönlichkeitseigenschaften zu bedenken: „Früher wurde noch anders erzogen, es gab den Stammhalter, den Hoferben und andere Standardisierungen in Bezug auf die Geschwisterpositionen. Zu dieser Zeit entwickelten sich tatsächlich sehr klassische Rollen unter den Geschwistern. Heutzutage zählt besonders, was innerhalb einer Familie passiert, ob Eltern die unterschiedlichen Charaktere wahrnehmen und deren Bedürfnisse erkennen. Und vor allem: Heutzutage leben in der Bundesrepublik in nur unter 40 Prozent der Haushalte Kinder. Davon sind 53 Prozent Einzelkinder und 37 Prozent haben einen Bruder oder eine Schwester. In weniger als 10 Prozent der Familien gibt es drei oder mehr Kinder. Das alles zeigt, dass es immer weniger Kinder gibt, die in Geschwisterkonstellationen aufwachsen.“

Gibt es die perfekte Konstellation?

Statistisch gesehen weiß die internationale Geschwisterforschung die „optimale“ Situation für Eltern und Kinder: „Die scheidungsresistenteste Familienkonstellation, also eine solche, die die Eltern am wenigsten stresst und für die Kinder die wenigsten Konflikte mit sich bringt, ist die Kombination aus Junge und Mädchen. Der Junge als Erstgeborener und das Mädchen im mittleren Abstand von zwei bis vier Jahren als Zweitgeborene“, sagt Kasten. Dabei geht es vorrangig um Harmonie, um wenig Rivalität und Konkurrenz unter den Geschwistern. Sucht man nach der Geschwisterkonstellation, die das größte Potential tiefer Nähe und Verbindung in sich trägt, ist diese nicht unbedingt in der gemischt geschlechtlichen Beziehung zu finden. „Ein französischer Philosoph sagte mal so schön: Altersmäßig eng benachbarte Schwestern sind seelisch füreinander nackt, das geht bis in die tiefsten Tiefen ihrer Seelenregungen“, erklärt Kasten. Und da ist viel dran. Kinder gleichen Geschlechts mit geringem Altersabstand können sich unendlich nah stehen und beste Freunde sein. Andersrum birgt diese Konstellation auch ein großes Risiko an Rivalität, Konkurrenz und Vergleichskampf.
Insgesamt gilt auch, dass kleine Abstände bis zu zwei Jahren und mittlere von zwei bis vier Jahren eine nähere Beziehung zulassen, Altersabständen über sechs Jahre meist nicht. „Häufig sind solche Geschwisterbeziehungen eher distanziert. Ist ein Mädchen die Ältere in dieser Konstellation, ist sie für das Jüngere sogar oft eine Art Elternersatz, also weniger Schwester“, so Kasten.

Letztendich muss man wissen, dass Geschwisterforschung auf empirischen Daten beruht, es also jede Menge Ausnahmen der Erkenntnisse gibt. Und schließlich ist da noch ein sehr großer Faktor, der die Harmonie zwischen den Geschwistern beeinflusst – egal welche Konstellation vorliegt: die Eltern. 

Tipps für eine harmonische Geschwisterbeziehung

Wie die Eltern mit den Kindern und den jeweiligen unterschiedlichen Charakteren umgehen, ist eine zentrale Einflussgröße, ob zwischen Geschwistern eher eine positive oder eine negative Tendenz überwiegt. „Als oberste Regel sollte für alle Eltern die Beachtung und Akzeptanz der Individualität eines jeden Kindes stehen. Kinder nicht miteinander vergleichen, die Schwäche des einen nicht gegen die Stärke des anderen aufwiegen und jedes Kind in seiner eigenen Natur annehmen und behandeln,“ betont Kasten.  

Je unterschiedlicher Geschwister sind, desto besser verstehen sie sich oft, da sie nicht in ewige Konkurrenz treten müssen, sondern jeweils in ihren eigenen Feldern stark sind. Zwei Mädchen beispielsweise, die beide in den Ballettunterricht geschickt werden, werden in diesem gemeinsamen  Hobby schnell zu Rivalinnen. Zum einen durch die eigene Wahrnehmung, zum anderen aber auch durch die Eltern, die dazu neigen, die Leistungen zu vergleichen. Optimal wäre es, jedem Kind seine eigene Nische zu schaffen, damit es gar nicht erst zum direkten Vergleich kommt. Schließlich fördert es die Geschwisterharmonie auch positiv, wenn Eltern die jeweilige Geschwisterposition bei der Behandlung und Erziehung ihrer Kinder berücksichtigen.

  • Tipps für das Erstgeborene
    Geben Sie dem Ersten nicht zu viel Verantwortung und lassen sie es nicht die anderen Geschwister erziehen. Das drückt es in eine Rolle, die Kindern nicht gut tut. Zeigen Sie ihrem Kind, dass es wegen seiner selbst und nicht wegen seiner Leistungen geliebt wird. Ermöglichen Sie Rückzug und Privatsphäre, damit die Ältesten die Chance haben, sich gegen die Bedürfnisse der jüngeren Geschwister abzugrenzen.
  • Tipps für das mittlere Kind
    Unternehmen Sie ab und an ganz alleine etwas mit Ihrem Sandwichkind, damit es bei den Eltern auch mal im Mittelpunkt steht und zeigen Sie ihm, dass es etwas ganz Besonderes ist.
  • Tipps für das jüngste Kind
    Halten Sie auch für das Nesthäkchen die gleichen Regeln ein, wie sie für die anderen Kinder in diesem Alter galten und lassen Sie die Kleinsten altersgerechte Aufgaben übernehmen. Nehmen Sie die Leistungen des jüngsten Kindes wahr und loben sie diese – auch wenn Sie das alles schon von den Geschwistern kennen und es nicht mehr besonders scheint.
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