Agenturen vermitteln Leih-Großmütter
Familien-Oma auf Zeit
Wenn die echten Großeltern häufig ausfallen, ist guter Rat teuer. „Omas auf Zeit“ können diesen Mangel ein wenig beheben: Sie sind da, wenn sie gebraucht werden, geben Geborgenheit, kennen tolle Spiele und können auch mal den Kochlöffel schwingen.
Kinderliebe Senioren helfen jungen Familien, den Alltag zu meistern
Die schwere Haustür öffnet sich langsam und ein Blondschopf luschert vorsichtig um die Ecke. Grinsen legt sich auf das Gesicht des Dreijährigen. Er zieht die Tür nun ganz auf, lässt Irmgard Poggensee eintreten und hängt sich an ihr Bein. Die Rentnerin beugt sich nach unten und streicht ihrem Quasi-Enkel übers Haar. Ganz aufgeregt wendet Eric sich nun an seine Mama, die sich bislang im Hintergrund gehalten hat: „Ich möchte der Oma was zeigen“, sagt er und rennt ins Wohnzimmer. In der einen Hand ein ferngesteuertes Auto und in der anderen eine Fernbedienung hastet er zurück in den Flur, wo Oma Poggensee gerade in ihre Hausschuhe schlüpft.
Quer durch Hamburg ist die Seniorin gereist, um ihren unechten Enkel zu besuchen. Oma Poggensee ist nämlich eine Leih-Oma, eine Oma auf Bestellung. Seit vier Jahren steht die 72-Jährige für den Oma-Hilfsdienst von „Jung & Alt e. V.“ Gewehr bei Fuß und brandet von einem Einsatz zum nächsten. Die Idee des Vermittlungsdienstes: Seniorinnen und Senioren helfen ehrenamtlich jungen Familien. Sie versorgen die Kinder, wenn der Kindergarten geschlossen, die Tagesmutter im Urlaub oder das Kind krank ist. So können die Eltern ihren beruflichen Verpflichtungen nachkommen und wissen ihre Kinder trotzdem gut betreut. Auch wenn die Eltern mal ein wenig Zeit füreinander haben wollen, stehen die Ersatzgroßeltern bereit. Über 170 aktive Helfer sind bei „Jung & Alt“ momentan im Dienst. Einige von ihnen, wie auch Irmgard Poggensee, schieben bis zu 100 Einsätze pro Jahr. „Jung & Alt“ war in Deutschland der Pionier in Sachen Oma-Vermittlung. Vor gut dreißig Jahren startete der Dienst. Inzwischen gibt es bundesweit etliche Vereine, die Leih-Omas und Leih-Opas vermitteln.
Das ferngesteuerte Auto kracht gegen Oma Poggensees Füße. Eric übt noch. Ein paar Runden hin und her, dann hat der Flitzer vorerst ausgedient. Nun ist Lesezeit. Eric greift zu einem Buch mit Zahlen. „Was ist das?“, fragt Irmgard Poggensee den Jungen und zeigt auf eine Zahl. „2?“, rät Eric. „Nee“, raunt Oma. „3?“, versucht es Eric erneut. „Nee, eine 1“, flüstert sie ihm ins Ohr. Eric kuschelt sich an Omas weiche Seite und weiter geht es mit dem Zahlenraten sowie dem Zählen von Chamäleons und Ameisen.
Wenn Not am Mann ist, wird Oma Poggensee zur Feuerwehr
Irmgard Poggensee liebt diesen Job. Wenn um 7.00 Uhr morgens bei ihr das Telefon klingelt, weiß sie, was Sache ist: Eine Familie ist in Not, und sie – Irmgard Poggensee – kann helfen. „Als Oma-Feuerwehr habe ich endlich wieder etwas zu tun. Ich bekomme Anerkennung und Bestätigung. Das ist sehr wichtig“, sagt sie. Lange Zeit pflegte die Rentnerin ihre Mutter. Als diese starb, fiel ihr die Decke auf den Kopf, sie hatte keine Aufgabe mehr. Eine Freundin schlug ihr die Mitarbeit bei „Jung & Alt“ vor. Ein Volltreffer, wie sich bald zeigte. „Das Tolle ist, dass die Arbeit mit Kindern einen am Altwerden hindert. Man bleibt am Ball. Und wenn man am Abend nach Hause kommt, dann weiß man, was man getan hat. Ich bin müde und kann gut schlafen.“ Und wenn Eric aus heiterem Himmel beim Lesen sagt „Oma, ich mag dich so gern“, ist Irmgard Poggensee glücklich.
Ebenfalls glücklich ist Elmira Schütte, Erics Mutter. Sie weiß, was sie an der kinderlieben Seniorin und den anderen Leih-Omas und –Opas hat, die im Hause Schütte ein- und ausgehen. Als Logistikerin ist sie in ihrem Job sehr gefordert. Fehlen, weil das Kind krank ist, steht nicht zur Debatte. „Wirklich gut ist die zeitliche Flexibilität der Leih-Omas. Notfalls von jetzt auf gleich bekommen wir durch „Jung & Alt“ die Hilfe, die wir brauchen“, sagt Elmira Schütte. Außerdem weiß sie die Erfahrung der Senioren-Babysitter zu schätzen. „Auf Frau Poggensee beispielsweise kann man sich einfach verlassen: Sie sorgt zuverlässig dafür, dass Eric seine Medikamente bekommt und kann dem Jungen auch das Essen schmackhaft machen, wenn der nicht so recht mag.“ Was junge Babysitter betrifft, die vormittags wegen der Schule ohnehin keine Zeit hätten, ist die junge Mutter skeptisch. „Die verwalten die Kinder doch höchstens, machen im Zweifel den Fernseher an und haben weder Interesse noch Spaß an der Sache. Sie machen den Job einfach des Geldes wegen“, mutmaßt sie.
Beate Schmidt: die Oma-Vermittlerin von Hamburg
Freude an Kindern hält „Jung & Alt e. V.“-Gründerin Beate Schmidt für einen der wichtigsten Gründe, warum sich Senioren für das Projekt engagieren. „Unsere Helfer haben einfach ein Herz für Kinder. Und wenn die eigenen Enkel nicht in derselben Stadt leben, dann ist unser Verein ein toller Ersatz. Viele wünschen sich, in der Neuorientierungsphase ab fünfzig eine sinnvolle Aufgabe und suchen neue Kontaktmöglichkeiten“, erzählt Beate Schmidt. Wer als Leih-Oma oder Leih-Opa unterwegs sein möchte, muss bei „Jung & Alt“ ein erweitertes Führungszeugnis abliefern. Zudem wird eine ärztliche Bescheinigung darüber verlangt, dass nach ärztlicher Sicht einer Kinderbetreuung nichts im Wege steht. Anschließend wird ein Helferprofil erstellt, so dass der Verein die Interessen der Omas und Opas mit den jeweiligen Interessen der Familien abgleichen kann.
Die Idee für einen Oma-Vermittlungsdienst hatte Beate Schmidt 1979, als sie in Paris von so einem Projekt hörte. „Es gab von Anfang an viel positive Resonanz, gleich 50 Ehrenamtliche gingen mit an den Start“, sagt sie. Viele Eltern seien damals sehr froh und sehr dankbar über diese zusätzliche Möglichkeit der Kinderbetreuung gewesen. „Heute gibt es eine andere Anspruchshaltung in der Gesellschaft. Die Dankbarkeit hat nachgelassen, heute wird viel mehr einfach ausgeschöpft, was möglich ist. Nach dem Motto: Da gibt es was, das nutzen wir jetzt mal“, meint Beate Schmidt. Etliche Auszeichnungen hat sie für ihre Arbeit schon entgegengenommen, 2008 bekam sie sogar von Bundespräsident Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Beate Schmidt ist sehr zufrieden mit ihrem Projekt, genau wie die ganzen Omas und Opas und Enkel, die sie „gemacht“ hat.

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