Normaler als man denkt

Mamakinder – Papakinder

„Mamakind“ oder „Papakind“: Schnell werden Kinder, die ausschließlich an einem Elternteil hängen, mit so einem Label belegt, mal scherzhaft, meist jedoch abschätzig: Ist das noch normal, wenn ein Kind so klammert? Ist es! Und wir erklären dir warum.

Autor: Kathrin Wittwer
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Mamakinder, Papakinder = Sorgenkinder?

Vater und Sohn
Foto: © PantherMedia / goodluz

Der Sohn klebt ständig an Mama und Papa darf gar nichts? Ein Mamakind! Und bestimmt ist die Mutter schuld, weil sie nicht loslassen kann. Die Tochter himmelt Papa an und Mama bleibt unbeachtet? Ein Papakind! Und bestimmt ist der Vater schuld, weil er sie zu sehr verwöhnt.

Binden Kinder sich vehement an nur einen Elternteil, sind solche Einschätzungen schnell getroffen. Doch mit der Realität haben diese Hobbypsychologen-Diagnosen wenig zu tun: „In normalen Eltern-Kind-Beziehungen gibt es, bedingt durch viele verschiedene, meist ganz natürliche Faktoren, bei Kindern eben Phasen, wo sie Mama- oder Papakinder sind“, meint Inge Beyersmann, Psychologin und Entwicklungspsychologische Beraterin aus Bremen.

Faktor Nähe: Wer ist im Alltag für das Kind da?

So ist es kaum zu vermeiden, dass kleine Kinder „Mamakinder“ sind: „Bindung ist selbstverständlich sehr stark vom Austausch von Gefühlen im Alltag und der Anwesenheit der jeweiligen erwachsenen Person abhängig“, sagt der Sozialwissenschaftler Prof. Jörg Maywald von der Fachhochschule Potsdam und Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind. „Es spielt also schlicht eine Rolle, wer für das Kind da, wer Zeit mit ihm verbringt, wer eine gewisse Kontinuität dabei aufbringen kann, wer es versorgt.“ Und die Alltagsorganisation, ergänzt Inge Beyersmann, obliegt eben meistens den Müttern, mit der logischen Konsequenz: „Sie sind dann häufig die primären Bezugs- und Bindungspersonen.“

Anders gesagt: Sie sind für das Kind stets das Nonplusultra, wann immer es Sicherheit, Trost, Verlässlichkeit braucht. „Es ist also nicht untypisch, dass ein Kleinkind sich partout nicht vom Vater ins Bett bringen lassen will, sondern es unbedingt Mama sein muss“, meint Prof. Maywald. „Das ist ein ganz normaler Aspekt von Bindungsentwicklung. Man nennt das auch rigide Bindungsorientierung, wenn Kinder fast zwanghafte Bezüge aufbauen.“ Und dann mit anderen fremdeln, selbst innerhalb der Familie. 

Faktor Entwicklungspsychologie: natürliche Phasen wechselnder Aufmerksamkeit

Eine engere Hinwendung zu Papa zeigt sich hingegen oft, wenn das Kind agiler wird, erklärt Inge Beyersmann: „Mit dem Robben, dem Laufenlernen, der Zunahme an Kraft fängt ein Kind an, seine Umwelt deutlicher wahrzunehmen, auch den Vater. Er erweckt jetzt auch Neugier und Tatendrang. Beobachtungen zeigen, dass viele Väter mit ihren Kindern spielerisch anders in Aktion treten als Mütter, wie über sportliche Aktivitäten draußen oder Tobespiele. Ihre Stärken liegen dabei vielmals in dem, was die Autonomieentwicklung fördert.“ Papas Umgang und Impulse entsprechen also nun mehr den Entwicklungsbedürfnissen des Kindes – kein Wunder, wenn Mama abgemeldet ist.

Faktor Geschlecht: Identifikation und Bestätigung

Die Geschlechterfrage ist ebenfalls nicht unerheblich, wenn es um die Rollenentwicklung eines Mama- oder Papakindes geht, „allerdings ist das ein hochkomplexer Aspekt und auch sehr vom Alter des Kindes abhängig“, betont Prof. Maywald. „Es gibt zum Beispiel Phasen in der psychosexuellen Entwicklung, wenn es darum geht, was ist Mannsein und Frausein, in denen Zuwendung und Bestätigung des gegengeschlechtlichen Elternteils ein besonderes Gewicht bekommen.“ Buhlen Mädchen plötzlich extrem um Papas Aufmerksamkeit, hat das also gute Gründe. Ebenso kann aber, wie Inge Beyersmann erklärt, „der Elternteil mit demselben Geschlecht als Identifikationsperson besonders wichtig werden.“

Faktor Geschwister: Erstgeborene sind Mama-, jüngere Geschwister Papakinder?

Auch mit scheinbaren „Gesetzmäßigkeiten“ von Geschwisterpositionen wird gern versucht, Bevorzugungen zu erklären. Wie beim Geschlecht gibt es aber auch hier völlig gegensätzliche Ausprägungen: „Wenn ein Geschwisterchen kommt, kann es sein, dass ein Kind, weil die Mutter nun in gewissem Maße besetzt ist, überwechselt in Richtung Papa, also schaut, wo kann ich jetzt landen, wo finde ich einen besonders gesicherten Platz“, erklärt Prof. Maywald. „Es kann sich aber genauso gut ein großer Konkurrenzkampf um die Mutter entwickeln und den Eindruck eines ‚Mamakindes’ erwecken.“ Später spielt die Dynamik in den Beziehungen eine entscheidende Rolle, sagt Inge Beyersmann: „Da wird geschaut, wie Mama oder Papa reagieren, wie man sich beliebt oder unbeliebt macht.“ Das wiederum beeinflusst, wie ein Kind sich einem Elternteil mehr zuwendet.

Kletten am Einen ist nicht automatisch Ablehnung des Anderen

„An sich ist die Tatsache, dass es in einer Familie Nähen und Fernen den Eltern gegenüber gibt, also eigentlich kein Problem“, fasst Prof. Maywald zusammen. „Ein Problem wird es aber, wenn einer der Beteiligten drunter leidet.“ Zum Beispiel, wenn der weniger in Beschlag genommene Elternteil sich vom Desinteresse des Kindes verletzt fühlt. „In Phasen, in denen Kinder sehr auf Mama fixiert sind, denken viele Väter, ihr Kind liebt sie nicht mehr“, weiß der Fachmann und empfiehlt sich klarzumachen, dass dies ein Trugschluss ist, gewöhnlich gespeist aus eigenen Erwartungen darüber, wie ein Kind seine Zuneigung zu zeigen hat: „Äußerliche Nähe muss nicht unbedingt mit der inneren Bedeutung eines Elternteils in Eins gehen. Nur weil ein Kind an Mutters Rockzipfel hängt, bedeutet das nicht, dass es vom Vater nichts hält.“ Sondern dass seine Bedürfnisse in dieser Phase eher die Mutter benötigen. Das ist für den „Außenseiter“ nicht sonderlich schön. „Aber deshalb gleich zu denken, das Kind ist nun ein Mamakind, kann zu einem negativen Kreislauf führen“, rät Maywald zu einem bedachten Umgang mit solchen Stempeln.

Wie exklusiv hängt das Kind wirklich an einem Elternteil?

Stattdessen kann es entspannend wirken, die Sachlage mit etwas Abstand und möglichst objektiv zu betrachten: „Es gibt Situationen, wo es weniger dramatisch ist als es zunächst aussieht. Kinder haben ihr bevorzugtes Gegenüber und verbinden bestimmte Verrichtungen eine bestimmte Zeit lang mit einer bestimmten Person. In der Regel verteilen sie dabei Nähen und Distanzen. Eine Beobachtung, dass das Kind sich immer nur von Mama ins Bett bringen und nachts beruhigen lässt, muss nicht automatisch heißen, dass es sich tatsächlich nur an Mama orientiert. Wenn Eltern sich mal eine Woche lang anschauen, in welchen Situationen das Kind wen bevorzugt, werden sie wahrscheinlich feststellen, dass es sehr wohl auf beide zugeht. Es tut gut zu merken, dass es auch Momente gibt, in denen der andere Elternteil beim Kind einen Stein im Brett hat.“ Und zwar sowohl für den, der sich ausgeschlossen fühlt wie auch für den, den die Ansprüche des Kindes überanstrengen.

Vom Zweier zum Dreier: Vorbild gute Elternbeziehung und ernsthafte Angebote

Die unterschiedlichen Rollen bewusst wahrzunehmen und positiv zu nutzen bietet letztlich auch die Chance, wieder mehr Balance in die Familie zu bringen – denn bei aller Natürlichkeit von kindlichen Bedürfnissen ist niemand dazu verdammt, sich diesen jederzeit zu opfern. „Es liegt dann bei den Eltern, Angebote und Absprachen zu finden, die dem einen Freiräume verschaffen und dem anderen gleichzeitig ermöglichen, stärker in Beziehung zum Kind zu treten“, sagt Inge Beyersmann. „Wie genau man das macht, hängt auch von der Rolle und den Bedürfnissen des Kindes in der jeweiligen Entwicklungsphase ab.“ Es gilt also zu schauen: Was habe ich zu geben, was gerade beim Kind einen Nerv trifft? „Macht ein Elternteil seinem Kind liebevoll und mit echtem Interesse Angebote, versteht er die Signale des Kindes und beantwortet sie angemessen, hilft das, die Bindung und eine positive Beziehung zu stärken“, so die Psychologin. Prima Ausgangspunkte dafür sind gemeinsame Familienaktivitäten, Spiele, Mahlzeiten: „Wenn das Kind erlebt, dass die Eltern interagieren, feinfühlig miteinander kommunizieren, eine gute Beziehung im Alltag vorleben, wird es ermutigt, auch selbst mehr in Kontakt zu treten.“ 

Auch möglich: Loyalitätskonflikt aufgrund eines Elternstreits

Nun gibt es abgesehen von natürlichen, zeitlich wechselnden Vorlieben durchaus Kinder, die tatsächlich permanent offenkundige Mama- oder Papakinder sind. Vielleicht fühlen sie sich aus genetischer Ähnlichkeit näher, vielleicht haben sie gemeinsam sehr prägende Erfahrungen gemacht, vielleicht ergibt es sich aus nicht zu ändernden Umständen wie der chronischen Krankheit eines Elternteils oder Abwesenheiten durch Trennungen. „Solange die Kinder glücklich sind, nicht eingeschränkt darin, ihre Potentiale zu entwickeln, ist ein Mama- oder Papakind kein Grund zur Sorge“, beruhigt Prof. Maywald. „Aber ich stelle mal eine Hypothese auf, die nicht jedem Elternteil genehm sein wird. Es kann nämlich auch gut sein, dass die Gründe für die verstärkte Zuneigung zu einem Elternteil eigentlich gar nicht beim Kind liegen, sondern in einem Elternkonflikt. Und das Kind, das merkt, die Eltern arbeiten gegeneinander und es kann nicht beiden gerecht werden, versucht das in seiner Not zu lösen, indem es sich auf eine Seite schlägt. Dann hängt es an Mamas Bein und Papa wird rausgeschoben.“ 

Klammernde Mütter sind nicht die Wurzel allen Übels

Dass, wie gern angeführt, grundsätzlich klammernde Mütter ein ungesundes Mamakind heranzüchten, hält Prof. Maywald dagegen für eine unsinnige Generalisierung: „Es gibt sicher Einzelfälle, wo das Nicht-Loslassen-Können eine Rolle spielen kann. Das gilt übrigens genauso für Väter. Aber es wäre Blödsinn, dies im Sinne einer 1:1-Verursachung zu sehen, man muss sich immer die gesamte Situation anschauen.“


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