Wenn Kinder exzessiv reden

Mein Kind ist eine Quasselstrippe

Sie quatschen, bis Eltern die Ohren klingeln: kleine Quasselstrippen. Auch unsere Autorin hat so einen Exemplar zu Hause und weiß: Was manche süß finden, kann für Eltern fast körperlich schmerzhaft sein. Für mehr Ruhe hilft zum Beispiel: bewusstes Zuhören.

Autor: Anne Winter
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Leben mit Live-Kommentator

Kind quasselstrippe
Foto: © fotolia.com/ Ermolaev Alexandr

Mein Kind redet. Ausgesprochen artikuliert, grammatikalisch korrekt, extrem gern und vor allem: ständig. Sie erzählt, fragt, singt, spricht mit, murmelt, schreit. Von früh bis spät. Beim Zähneputzen, beim Essen, beim Malen, beim CD hören, beim Laufen, Radfahren, im Auto, im Bett, während ich mir die Haare föne, der Staubsauger dröhnt oder der Rasenmäher brummt. Auch Fluchtversuche ins Bad bringen nichts, sofern man keine Lärmschutztür besitzt: Sie bleibt einfach davor stehen und redet weiter. Würde ich nicht abschließen, würde sie ungerührt neben mir am Klo stehen und live meine Verdauungsprozesse kommentieren. Kurzum: Mein Kind ist ein Fleisch gewordener Twitter, und nichts ist ihr zu unbedeutend, um nicht ausführlich, wiederholt und in aller Breite besprochen zu werden.

Ein kommunikationsfreudiges Kind: Segen und Fluch zugleich

Während ich mir da sehnsüchtig einen Mute-Knopf wünsche, mit dem ich mein Kind bei Bedarf lautlos stellen kann, sind Außenstehende fast unweigerlich entzückt von dem launig plaudernden Persönchen, das obendrein so gar kein Problem damit hat, im Mittelpunkt zu stehen. „Da haben Sie aber ein pfiffiges Kind“, zollen erstaunte Fremde in Bussen und Restaurants Anerkennung. „Es ist sehr beeindruckend, wie gut sie sich ausdrücken kann, da ist sie anderen Kindern weit voraus“, loben Pädagogen. „Sei doch stolz, ist doch schön, wenn sie so toll redet“, habe ich unzählige Male gehört, von der Familie, von Freunden.

Ja, natürlich bin ich stolz. Wenn ich nicht zu erschöpft dafür bin. Denn was niemand weiß, der nicht alltäglich ein solch überaus kommunikatives Wesen um sich hat: Die damit verbundene unablässige Redseligkeit ist der reinste Aufmerksamkeitsterrorismus. Und wahnsinnig anstrengend.

Quasselstrippen lassen Eltern verstummen

„Mich frisst das auf“, bringt eine andere Quasselstrippen-Mutter auf den Punkt, was es bedeutet, kaum Zeit für eigene Gedanken zu haben. „Diese ewige Rederei und Fragerei […] treibt mich zum Wahnsinn. Meine Konzentrationsfähigkeit ist zum Teufel.“ Eine weitere ergänzt: „Bei mir hat die Dauerbeschallung dazu geführt, dass ich mich selbst ziemlich isoliere – einfach aus Zermürbung und Erschöpfung. […] Ich mag einfach nicht mehr reden, habe keine Lust mehr, ans Telefon zu gehen oder mich zum Quatschen zu verabreden.“

Diese Tendenz kenne ich nur zu gut: Je mehr mein Kind redet, desto stummer werde ich. Jedes ihrer Worte entzieht mir ein Quäntchen Energie. Bis ich komplett überfordert und auslaugt bin, manchmal so sehr, dass mir Tränen in den Augen stehen vor regelrechter körperlicher Qual, dass ich das Zimmer verlassen muss, um mir nicht aus purer Verzweiflung die sprichwörtlich blutenden Ohren zuzuhalten und „Halt doch einfach mal für ein paar Minuten die Klappe!“ zu schreien.

Klingt niedlicher als es ist: Sprechdurchfall

In einer besonders schlimmen Phase suchte ich Hilfe bei unserer Heilpraktikerin. Ihre offizielle Diagnose lautete: klarer Fall von „Sprechdurchfall“. Was nach einem Versuch klingt, den Nervfaktor kleiner Plappermäuler mit Humor zu nehmen, kann ernste Hintergründe haben, erklärte sie mir: Kinder, die unaufhörlich reden, fühlen sich oft nicht gehört, haben Angst, übersehen zu werden. Das mag auch im Freundeskreis, in der Schule vorkommen, oft eben daheim. Ausdrücklich bedeute das nicht, dass Eltern ihre Kinder vernachlässigen, aber dass sie dem Aufmerksamkeitsbedarf des Kindes offenbar doch nicht gerecht werden können. Gründe kann es vielerlei geben: grundsätzliche, zum Beispiel wenn es mit der Bindung hapert, oder temporäre, wenn Eltern gerade besonders im Stress sind. Manche Kinder reden dann nicht nur dauernd, sondern zusätzlich in Höhenlagen, die ernsthaft weh tun im Ohr, bis man sie wirklich nicht mehr überhören kann.

Schweigefüchse haben gegen Wortschwälle wenig Chancen

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass Eindämmungsversuche durch Regeln, Sprechverbote und „Schweigefüchse“ gegen die geballte Wortflut kaum Chancen haben. Und auch so verlockende Hilfsmittel wie Ohrstöpsel sind keine Lösung, erstickte unsere Heilpraktikerin diesen Fluchtversuch im Keim. Zwar könne man Kind und Eltern nach individuellen Symptomen homöopathisch unterstützen. Doch vor allem müssen Eltern reflektieren, worin das Kind gehört werden, was es ausdrücken will und zu verarbeiten hat – und ihm zuhören, sich zuwenden, klar signalisieren, dass sie es wahrnehmen.

Herkulische Herausforderung: Ohren und Herz öffnen

Für jemanden wie mich, der mit Geduld und Gelassenheit nicht gerade von Natur aus gesegnet ist, eine herkulische Aufgabe, an der ich immer noch in schöner Regelmäßigkeit scheitere und nur zäh Fortschritte mache. Aber jede Erfahrung bestätigt doch wieder aufs Neue: Ausreißen hilft nichts. Verweigere ich mich, landen wir in einem Teufelskreis, in dem wir uns gegenseitig in unseren kontraproduktiven Verhalten bestärken. Es liegt an mir, der Erwachsenen, die Weichen dafür zu stellen, wieder mehr Ruhe in unser Leben zu bringen, in den sauren Apfel zu beißen, zumindest solange zurückzustecken und bewusst mehr zuzuhören, bis sich die Redseligkeit meines Kindes wieder auf Normalniveau eingepegelt hat.

Das kostet enorme Überwindung (zumal auch pfiffige Kinder nicht immer nur Themen auf den Tisch bringen, die Erwachsene brennend interessieren) und braucht wohldosierte Ruhepausen durch Spielstunden bei Freunden oder Ausflügen mit Papa, in denen ich Kraft schöpfen kann. Und abends auch mal ein Glas Wein, um das Ohrenklingeln runterzuspülen, und eine Entspannungsübung, um davon nicht noch im Traum verfolgt zu werden.

Trotz allem bin ich aber auch überzeugt: Nicht nur ich habe zu lernen. Denn selbst das Normalredeniveau meines Kindes liegt weit über dem Durchschnitt – und ergießt sich nicht selten in höchst unpassenden Situationen. Sich angemessene Zeiten und Kanäle für ihr Mitteilungsbedürfnis suchen, wird ihre eigene Aufgabe und Herausforderung sein.

Ein Hinweis zum Schluss: Logorrhoe – was Sprechdurchfall auch bedeuten kann

Die Bezeichnung „Sprechdurchfall“ wird im Volksmund allgemein als Charakteristikum für Menschen mit einem auffällig hohen Redebedürfnis verwendet. Oft sind dies besonders lebhafte, bewegungsfreudige Personen, geistig wach und mit schnellen Assoziationen verblüffend, auch zur Ideenflucht (schnelle Themenwechsel) neigend.

„Sprechdurchfall“ hat aber auch einen Platz im Gebiet „Störungen des Sprechens und der Sprache“ des Diagnosekatalogs der Psychologie. „Logorrhoe“ (aus dem Griechischen, in etwa „Redefluss“) heißt es da, „ungehemmte Geschwätzigkeit“. Hierbei handelt es sich nicht um ein Persönlichkeitsmerkmal, sondern um eine krankhafte Ausprägung. Dann haben die Betroffenen das übermäßig schnelle, praktisch ununterbrochene und oft auch nicht mehr verständliche Reden kaum noch oder gar nicht mehr unter Kontrolle.

Bei Kindern gilt Logorrhoe (wenn sie mit anderen Kriterien wie einem schlechten Konzentrationsvermögen, großer Ablenkbarkeit etc. einhergeht) als ein mögliches Symptom von ADHS. Aufmerksam werden und genau hinhören sollten Eltern auch, wenn „Sprechdurchfall“ plötzlich Kinder befällt, die sonst nicht zum Dauerquasseln neigen, oder wenn auch aus Kita, Schule oder von Freunden entsprechende Rückmeldungen kommen.

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