Eine Adoptivtochter berichtet
"Meine Mutter ist mir fremd"
Als Säugling kam Anja in ihre Adoptivfamilie. Wie kommt sie mit diesem Status zurecht? Und wie ist es um ihre Gefühle für die leibliche Mutter bestellt?
Anja Meier liebt ihre Adoptivfamilie über alles
Als Säugling kam Anja in die Familie Schröder*. Ihre leibliche Mutter hat sie direkt nach der Entbindung zur Adoption freigegeben. Schröders haben außer ihrer Adoptivtochter zwei leibliche Söhne. Wie bewertet die junge Mutter ihren Status als Adoptivtochter? "Das war immer meine Familie, die Strukturen waren ja vollkommen klar. Meine Eltern haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie mich adoptiert haben. Schon als Kleinkind haben sie mir Bilderbücher vorgelesen, in dem die Adoption thematisiert wurde“, betont die Krankenschwester. Eltern sagt sie, nicht Adoptiveltern.
War sie denn nicht wütend auf ihre leibliche Mutter? "Nein, überhaupt nicht. Die Frau ist ein fremder Mensch für mich. Ihr gegenüber hatte ich eine Egal-Haltung. Ich bin ihr sogar eher dankbar. Wenn sie mich behalten hätte, wo wäre ich denn dann heute?! Ich bin froh, in so eine tolle Familie gekommen zu sein", antwortet die verheiratete Frau.
Kein Interesse an der "Suche nach den Wurzeln"
Ihre Adoptiveltern hätte das Thema viel mehr belastet als sie. Oft hätten sie die "Suche nach den Wurzeln" angesprochen. "Sie konnten gar nicht verstehen, dass ich gar kein Interesse daran hatte und glaubten, ich würde etwas verdrängen. Aber für mich gab es nichts zu verdrängen. Warum sollte ich meine leibliche Mutter vermissen, ich kenne sie ja gar nicht", erläutert Anja Meier. Auf Drängen ihrer Adoptiveltern hin hat sie, als sie 18 Jahre alt war, einmal mit ihrer leiblichen Mutter telefoniert: "Das war ganz gut, weil es mir meine Neugierde genommen hat. Es musste aber kein zweites Mal mehr sein." Kontakt zu ihrem leiblichen Vater hatte sie nie.
Heute tut es ihr Leid, dass sie ihren Adoptiveltern als Jugendliche viel Kummer (Abbruch der Ausbildung, plötzliches Verschwinden etc.) bereitet hat. "Ich weiß nicht, warum ich die Grenzen so sehr ausgetestet habe. Ich weiß auch nicht, ob ich so strapaziös war, weil ich adoptiert bin", meint sie und ergänzt: "Man weiß erst so richtig zu schätzen, was man an den Eltern hat, wenn man eigene Kinder hat."
*Namen von der Redaktion geändert







