Meine Grenzen und ich

Burn-out: Mütter in der Erschöpfungsfalle

Irgendwann geht es einfach nicht mehr weiter. Wenn die Anforderungen von Haushalt, Job und Kindern zu groß und Mütter kraftlos und krank werden, leiden sie am Burn-out-Syndrom. Hier das Protokoll einer Mutter, die lernen musste, ihre Grenzen zu akzeptieren.

Autor: Maja Roedenbeck
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Burnout: Bis hierher und nicht weiter

ausgebrannte Mutter panther T Tracht
Foto: © panthermedia, T. Tracht

Vor allem berufstätige Mütter burn-out-gefährdet

Erst hieß es, Burn-out sei eine reine Manager-Krankheit, doch inzwischen ist unter Experten die Erkenntnis durchgedrungen: Auch berufstätige Mütter sind besonders gefährdet, in diesen Zustand des Ausgebranntseins zu geraten. Manchmal geht das schleichend vor sich, doch gerade bei engagierten, perfektionistischen Frauen gibt der Körper oft auch mit aus heiterem Himmel auftretenden Beschwerden das Signal: Bis hierher und nicht weiter! Nicht umsonst hat sich der moderne Begriff „Familienmanagerin“ etabliert, denn die Aufgaben einer (berufstätigen) Mutter sind genauso komplex und der Zeitdruck, unter dem sie steht, ist genauso hoch wie in einer Führungsposition.

Protokoll einer Krise

Kein Wunder, dass verschiedene Studien zeigen: Über zehn Prozent aller Krankheitsstände bei Frauen haben psychische Ursachen. Jede fünfte Mutter ist von Burn-out betroffen. Sich Hilfe zu holen, kann in keinem Fall schaden. Doch spätestens, wenn körperliche Symptome wie Herzrasen, andauernde Kopfschmerzen und Schlafstörungen ins Spiel kommen, ist es Zeit, seinen Lebensstil zu ändern. urbia-Autorin Maja Roedenbeck hat das Protokoll einer Mutter aufgezeichnet, die an diesem Punkt in ihrem Leben angekommen war:

Ich glaubte nicht an Panikattacken

Erst 32 Jahre alt und schon am Ziel ihrer Träume, so hätte sich Sonja Homberg* bis vor gar nicht allzu langer Zeit noch gut gelaunt beschrieben. Mutter von zwei Töchtern im Kindergartenalter, intakte Ehe, selbständige Grafikerin, tolle Altbauwohnung in ihrer Wahlheimat und bis auf Kleinigkeiten zufrieden mit ihrem Leben. „Fünf Jahre nach der ersten Geburt war mir die Mutterrolle längst auf den Leib gewachsen und ich fühlte mich wohl damit. Ein Jahr nach der Existenzgründung hatte ich schon die ersten großen Aufträge bearbeitet“, erzählt die Hamburgerin. Über Frauen, die sich wegen Alltagsstress, Kopfschmerzen oder seelischer Unausgeglichenheit beklagten, lächelte sie. „Ich war der Typ Mensch, der nicht an Diagnosen wie Panikattacke, Burn-out oder psychosomatische Beschwerden glaubt. Jeder hat Stress, dachte ich, und ganz sicher jede berufstätige Mutter. Aber wo kommen wir denn da hin, wenn plötzlich jede von uns meint, sie bräuchte dringend eine Kur und Zeit für den Yogakurs, nur weil die Kinder sich ständig streiten und Chef oder Kunden kein Verständnis für das Kind-Karriere-Dilemma haben?“, erklärt Sonja ihre damalige Lebenseinstellung.

Herzrasen und ein tauber Arm

Dementsprechend überraschend kam eines Nachts das „Bis hierher und nicht weiter!“-Kommando ihres Körpers: Todmüde wie immer um 23 Uhr lag Sonja im Bett, nur dass sie diesmal nicht umgehend in den dringend nötigen Tiefschlaf fiel. Ihr Herz klopfte so komisch. Rasend schnell und im ganzen Körper. Es brannte irgendwie innerlich und verkrampfte sich ein ums andere Mal. Sonjas Oberschenkelmuskeln begannen, unkontrolliert zu zucken. Ihr wurde schwindelig, übel und kalt. „Mein einziger Gedanke war: Ich muss morgen früh unbedingt wieder fit sein, unbedingt! Die Kinder müssen in den Kindergarten und danach zum Ballett und die Flyer für das Musiktheater müssen fertig werden!“, erinnert sich Sonja. Ausgerechnet heute waren ihre Eltern nach einem zweiwöchigen Babysitting-Besuch in Hamburg wieder abgereist. In solchen Momenten fühlte sie sich oft einsam und überfordert und fragte sich: "Wie soll ich das alles jetzt wieder alleine schaffen?“, erzählt die 32jährige, „Aber normalerweise verging dieses Gefühl nach ein paar Stunden, ich riss mich zusammen und übernahm wieder die Regie in meinem perfekt durchorganisierten Alltag.“ Diesmal nicht. In dieser Nacht lag Sonja noch lange wach und lauschte verängstigt auf das seltsame, unbekannte Theater, das ihr Körper aufführte, um ihr zu zeigen, dass sein Akku leer war. Am nächsten Morgen waren Herzrasen und -krämpfe sowie Muskelzucken, Schwindel und Schüttelfrost immer noch da. Und dazu ein tauber, nicht mehr einsatzfähiger linker Arm sowie eine taube linke Wange.

„Das ist der Stress. Sie können nach Hause gehen."

Keine Einbildung

„Das waren doch ganz deutliche Symptome, das bildete ich mir doch nicht ein!“, war sich Sonja sicher. Und sagt man nicht, wenn was mit Herz und linkem Arm gleichzeitig nicht in Ordnung ist, soll man sofort handeln? Oder waren das Schlaganfälle? Es musste etwas Schlimmes sein, schließlich waren Sonja gesundheitliche Probleme bisher völlig unbekannt gewesen. Sie fuhr mit dem Taxi ins Krankenhaus. Ihr Mann würde die Kinder in den Kindergarten bringen müssen – zum allerersten Mal. Die Kinder würden in die Frühbetreuung gehen müssen und heulen. Ihr Mann würde zu spät zum Morgenmeeting kommen und schlechte Laune haben. Was war bloß aus Sonjas perfekt organisiertem Tag geworden?

In der Notaufnahme wurde sie an den anderen wartenden Patienten vorbei direkt zum Arzt geführt. Er ließ ein EKG schreiben, er hörte Sonja ab, er machte Übungen mit ihrem linken Arm. Dann sagte er: „Alles in Ordnung. Das ist der Stress. Sie können nach Hause gehen.“ Sonja konnte es nicht fassen. Stress? Sie hatte doch keinen Stress! Jedenfalls keinen Stress, den sie nicht schon seit fünf Jahren gehabt hätte, seit der Geburt ihrer Großen. Warum sollte der ganz normale Stress einer ganz normalen berufstätigen Mutter, mit dem sie immer gut klar gekommen war, sie jetzt plötzlich krank machen? Und wie konnte der Stress den Muskeln und Nerven ihres linken Armes befehlen, sich totzustellen – das war doch absurd! Sonja ging zum Hausarzt. Er ordnete Blutlabor, 24-Std-Blutdruckmessung, 24-Stunden-EKG, Belastungs-EKG sowie neurologische Untersuchungen an. Es fielen die Begriffe Panikattacke, Burnout und psychosomatische Beschwerden. Genau die Begriffe, an die sie nicht glaubte. Wenigstens eine Sache sagte am Ende der Hausarzt, die Sonja beruhigte: „Sie bilden sich das nicht nur ein. Dass Sie Herzrasen und einen Druck auf der Brust spüren, ist kein Wunder. Sie haben am Tag über lange Strecken hinweg einen Puls von 140. Aber das hat eben keine organische Ursache, sondern es ist eine Reaktion Ihres Körpers auf Ihre Lebensweise.“ Dann hatte er vier Vorschläge: Beta-Blocker (also starke Medikamente, die die Erregbarkeit des Herzens hemmen), Beruhigungsmittel, Psychotherapie oder Yoga.

Mich endlich trauen, Schwäche zu zeigen

„Nun stand ich da mit dieser Diagnose“, resümiert Sonja, „und konnte mich entweder weiterhin weigern, mir einzugestehen, dass ich eben doch nicht so perfekt war wie ich geglaubt hatte und dass ich etwas an meinem Leben ändern musste, oder ich konnte mich endlich mal trauen, Schwäche zu zeigen, mir selbst, aber auch meinem Mann und meinen Kindern gegenüber.“ Und das tat sie. Sie ließ Revue passieren, was sich in letzter Zeit so alles ereignet hatte und sah, dass rückblickend ganz schön viel zusammengekommen war: Krankenhausaufenthalte ihres Ehemanns und der kleineren Tochter, der Tod ihrer Oma und dieser Grafikjob, den sie stolz und engagiert durchgezogen hatte, bis das Projekt nach etlichen Nachtschichten im Home Office einfach abgeblasen wurde. Der Stressfaktor in ihrem Leben als berufstätige Mutter schwankte offensichtlich doch mehr als sie gedacht hatte. Sie nahm sich vor, in solchen besonders anstrengenden Phasen in Zukunft besonders auf sich zu achten. Das Tempo ein wenig drosseln heißt ja nicht gleich aufgeben, hat sie eingesehen. Eine Krise zu haben, heißt ja nicht gleich komplett unfähig zu sein.

Nach anfänglichem Zögern erzählte Sonja dann auch ihren Freundinnen von ihren körperlichen Problemen und war überrascht über die vielen positiven Reaktionen. „Zuerst habe ich geradezu eine Comedy-Show aus meinem Bericht über meine Tour in die Notaufnahme gemacht, um zu zeigen, wie locker ich selbst mit solchen Dingen umgehe“, gibt die Hamburgerin zu, „Aber dann merkte ich, dass das gar nicht nötig ist. Meine Freundinnen waren im Gegenteil sehr froh zu hören, dass ich auch nicht immer alles im Griff habe.“ Sonja ist nicht in die Kur gefahren und nicht zum Psychotherapeuten gegangen. Auch die Beta-Blocker und die Beruhigungsmittel hat sie dankend abgelehnt, denn sie glaubt weiterhin daran, dass sie die Kraft hat, sich selbst aus ihrer Krise herauszumanövrieren. Aber sie hat sich zum Yogakurs angemeldet und ist total überrascht, wie sehr sie sich schon auf die Probestunde freut.

Tipps bei Burn-out

Ob echtes Burn-out oder „einfach nur“ temporäre Überforderungsgefühle, die sich in körperlichen Symptomen äußern – die Tipps für die Betroffenen sind die gleichen:

  • Holen Sie sich Hilfe!
  • Der Hausarzt ist der erste Ansprechpartner, viele Krankenkassen bieten Kurse zur Burn-out-Prävention oder Mutter-Kind-Kuren an und selbständige Coaches oder Berater vom Jugendamt untersuchen Ihre Alltagsorganisation auf Stressfallen und Verbesserungsmöglichkeiten.

  • Probieren Sie verschiedene Methoden der Stressbewältigung!
  • Das kann ein fest eingeplantes wöchentliches Entspannungsritual wie ungestört baden, alleine spazieren gehen oder ein Maniküretermin sein, aber auch eine erlernbare Entspannungsmethode wie Yoga, autogenes Training oder Tai Chi.

  • Lernen Sie, Schwäche zu zeigen!
  • Der Partner, die Eltern oder die Freundinnen werden sich vielleicht anfangs über Ihr neues „Ich“ wundern, aber sie werden bereit sein, es kennen zu lernen und Ihnen unter die Arme zu greifen. Selbst kleinen Kindern kann man mit etwas Geduld beibringen, dass die Mama für zwanzig Minuten mit ihrem Kaffee und ihrer Frauenzeitschrift in Ruhe gelassen werden möchte und dass sie danach wieder zum Vorlesen, Legobauen oder zu anderen Schandtaten bereit ist.

    (*Name von der Redaktion geändert)

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