Glosse zum Saisonstart

Kleine Sozialstudie: Spielplatzmütter

Auf Spielplätzen ist es nicht nur spannend, das kindliche Treiben zu beobachten. Unsere Autorin betreibt gerne Verhaltensstudien am Sandkasten und hat fünf Typen von Spielplatz-Müttern ausgemacht.

Autor: Jumana Mattukat
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Beobachtungen zwischen Rutschbahn und Sandkasten

Kind Mutter Sandkasten iStock SaschaD
Foto: © iStockphoto.com/ SaschaD

Früher - als ich noch kinderlos war - fand ich es immer höchst spannend, beim Ausgehen das Balz- und Paarungsverhalten von Männern und Frauen in Bars oder Clubs zu beobachten. Heute, mit zwei kleinen Kindern, betreibe ich meine Sozialstudien an einem fast ebenso reizvollen Ort: auf dem Spielplatz.

Es ist erstaunlich, wie viel man über erwachsene Menschen lernen kann an einem Ort, der ursprünglich für Kinder gestaltet wurde. Während Spielplätze nachgewiesenermaßen zu den wichtigsten Orten für die motorische und soziale Entwicklung eines Kindes gehören, geben sie nebenbei auch wertvolle Hinweise auf das Sozialverhalten derer, von denen sie abstammen. Bei meinen (wohlgemerkt augenzwinkernden!) Beobachtungen katalogisiere ich Mütter nach dem Zeitpunkt des Auftauchens am Ort des Geschehens, nach dem Vokabular, das sie gebrauchen und nach der Quantität ihrer Interventionen ins Geschehen, außerdem nach dem Equipment, mit dem sie dabei ausgestattet sind und nach der Kleidung, die ihr Kind zu diesem Anlass trägt.

Modell: Ich überlasse nichts dem Zufall

Diese Mutter bereitet jeden Spielplatzbesuch generalstabsmäßig vor: Die Äpfelchen hat sie in Schiffchen geschnippelt und mit Zitronensaft beträufelt in der grünen Dose verstaut, die Birne befinden sich in der roten und das Vollkornbutterbrot in der gelben Dose. Für die „Mitnehmschwierigste“ aller Früchte (wenn sie einmal offen ist) hat sie sogar einen extra Behälter in Bananenform. Aus einer ordentlichen Wickeltasche zaubert sie – wenn nötig - Wechselkleidung für jedes ihrer Kinder, Feuchttücher, Sonnencreme, Lippenpflegestift, Taschentücher, Windeln, Pflaster und sogar eine kleine homöopathische Hausapotheke. Niemals würde sie Sandspielzeug, den Fahrradhelm oder ein Fahrzeug für ihre Kinder vergessen. So ist ihr Nachwuchs immer wettergerecht gekleidet. Hütchen im Sommer, Schneeanzug im Winter, Regenkleidung bei der ersten Wolke am Himmel.

Es versteht sich von selbst, dass sie immer die Erste vor Ort ist, denn so hat sie die „Spielplatz-Situation“ am Besten im Griff. Auch ihre Kinder möchte sie gerne unter Kontrolle habe. Deshalb dürfen diese weder alleine auf die Rutsche, noch alleine auf die Schaukel, geschweige denn aufs Klettergerüst. Das ist letztendlich auch besser so, denn mit der Übervorsicht der Mutter im Nacken würden die Kinder ohnehin nur stürzen. In Ausnahmefällen dürfen die Kinder zumindest alleine Sandkuchen backen, aber auch der sollte immer akkurat geformt sein und hinterher werden schnell die Hände gereinigt, vor allem falls das Kind einen der schönen Apfelschnitze haben möchte.

Diese Mutter wird im Normalfall mitleidig belächelt, bei kleinen „Unfällen“ der eigenen Kinder beneidet („Du hast in die Hose gemacht? ich hab nichts zum Wechseln dabei, wir müssen nach Hause.“) und in wirklichen Notfällen mit blutenden Wunden auch gerne aufgesucht.

Modell: Quality time mit den Kindern

Für gewöhnlich lässt diese Mutter das Kindermädchen mit dem Nachwuchs zum Spielplatz gehen. Ausnahmsweise aber verbringt sie heute ein wenig „Quality time“ mit ihren Kindern. Grundsätzlich hält sie sich ungern an solchen öffentlichen Plätzen auf, aber wenn der Nachwuchs es sich so wünscht, erträgt sie es zumindest ein Stündchen auf einem Spielplatz in München-Schwabing oder Hamburg-Eppendorf. An so einem Nachmittag lässt sie gerne mal Fünf gerade sein und sagt auch beim zehnten „Kann ich noch ein Eis?“ nicht Nein. Da man in den umliegenden Cafés alles bekommt, bringt sie nichts mit außer ihrer Handtasche, in der keinerlei Kinderkram zu finden ist.

Sie schlägt als Allerletzte auf, wenn die Ersten den Spielplatz schon wieder verlassen. Lässig lässt sie sich auf der Bank – ein wenig ab vom lauten (und schmutzigen) Treiben der Kinder – nieder. Niemals würde sie ohne Sonnenbrille oder ohne eine „double lowfat decaf flavoured latte to go“ auf dem Spielplatz erscheinen.

Mit anderen Müttern ein Wort zu wechseln, empfindet sie als Zumutung, denn Windelgespräche interessieren sie nicht im Geringsten. Sie ist so cool, dass es ihr auch nichts ausmacht, dass die Kinder ihr Pelzmäntelchen und die Ralf Lauren-Kinderjeans einsauen. Dass ihr Sohn gerade die anderen Kinder von der Rutsche schubst und ihre Tochter mit der Schaufel um sich schlägt, bemerkt sie gar nicht, weil sie sich mit geschlossenen Augen sonnt. Wird sie von anderen Müttern gebeten, einzugreifen, erklärt sie, die Kinder sollten das untereinander regeln. Diese Frauen sind das beliebteste Lästerobjekt für die anderen Damen.


Modell: Die rote Zora

Kein Klettergerüst ist ihr zu hoch, kein Spielhäuschen zu klein, bei dieser Mutter fragt man sich, ob sie wirklich ihrer Kinder wegen zum Spielplatz geht oder ob sie selbst als Kind vielleicht ein wenig zu kurz gekommen ist. Ihre Energie kennt keine Grenzen. Diese Frau sieht man immer mit ungefähr zehn Kindern herumturnen, wovon mindestens drei ihre eigenen sind.

Ihr einziges Equipment ist ein Taschenmesser. Wenn die Kinder hungrig sind, pflückt sie ein paar Beeren oder zeigt „ihrer Bande“, wo sich die besten Nüsse finden lassen. Und trinken kann man doch das Wasser aus dem Bach.

Obwohl ihre Kinder im Vergleich zum Durchschnitt immer einen Tick zu wenig anhaben und keine Mützen, Matschhosen oder Gummistiefel brauchen, scheinen sie nie ernsthaft krank zu sein. Diese Mutter wird offen von allen anderen bewundert, aber auch als ein bisschen „spinnert“ bezeichnet.

Was tun, wenn sich dein Kind im Sandkasten nicht durchsetzen kann?

Eingreifen oder nicht? Die Antwort des bekannten Erziehungsexperten Jan-Uwe Rogge hier im Video:

Modell: Stör mich nicht beim Rauchen

Wenn man von der Frequenz und der Ausdauer ausgeht, mit der sich diese Mutter auf Spielplatzbänken niederlässt, so scheint diese "Location" auf jeden Fall zu ihren bevorzugten Aufenthaltsorten zu gehören. Die Zeit vertreibt sie sich gerne bei hochemotional geführten Gesprächen über brennende Erziehungsfragen ("Warum will mich der Kevin bloß dauernd provozieren?") oder die aktuelle Entwicklung des Beziehungsgeflechts ihrer derzeit angesagtesten Daily Soap ("Der John geht ja jetzt mit der Sunny"), unterbrochen von Staccato-artigen Einwürfen in Richtung Sandkasten ("Ey, Chantale, gib dem Kevin jetzt auch mal die Schippe").

Lässt sich ihre Kinderschar in der Nähe ihrer Bank blicken, so geschieht dies leider oft im falschen Moment ("Ey, lass mich doch mal in Ruhe meine Zigarette rauchen!"). Allerdings hat sie auch ein ganzes Arsenal an Gegenmitteln dabei, um sich störender Belästigungen durch die Brut souverän zu erwehren ("Hier, nimm die Chips und Gummibächen und geh schön spielen"). Am Ende eines anregenden Spielplatznachmittags hört man von dieser Mutter vielleicht den Satz: "Ey, kommt wir gehen heim, ich will noch Explosiv gucken".

Diese Frauen werden bisweilen mit missbilligenden Blicken der anwesenden Mütter abgestraft. Sie wiederum finden die anderen Mütter voll spießig.

Modell: Alleinerziehende sucht Alleinerziehenden

Diese Mutter zeichnet sich dadurch aus, dass sie niemals ungestylt auftauchen würde. Auch ihr Kind sieht immer ordentlich zurechtgemacht aus und bekommt sofort die Rotznase weggewischt. Schließlich soll dem neuen potentiellen Papa ja das Gesamtpaket gefallen. Erst am späten Nachmittag (kurz vor Eintreffen des Modells Nummer zwei) kreuzt sie – wie zufällig- auf und scannt unauffällig den Platz.

Verheiratet, Vergeben, Verheiratet - ah DER ist heute zum ersten Mal hier. Und schon wird das eigene Kind in Richtung Kind des jungen Mannes geschoben. Der Vorteil beim Kennenlernen: Man muss nicht mit schnöden Sätzen wie „Bist Du öfter hier?“ aufwarten, nein über die Kinder ergeben sich unendlich viele unverbindliche Anknüpfungspunkte. „Ach, ihre Tochter mag gerne diese Sorte Früchteriegel. So ein Zufall, meine auch.“ Und schon nimmt das Gespräch seinen Lauf.

Allerdings haben es hier die Mütter auf ländlicheren Spielplätzen deutlich schwerer als die in Großstädten wie beispielsweise Berlin. Am Samstag Vormittag kann am Prenzlauer Berg geflirtet werden wie nachts im Szene Club, in kleineren Städten wie Schwäbisch Hall oder Paderborn werden Spielplätze allerdings zu 90 Prozent von Müttern aufgesucht - da ist nichts mit Flirten.

Wenn auch nicht überall der Flirtfaktor gleich hoch ist, so haben doch alle Spielplätze eines gemeinsam: Überall lassen sich interessante Verhaltensweisen beobachten. Probieren Sie's aus!

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